Aus der Einleitung: „Was weiss jemand oder hat jemand im Kopf, der eine Sprache, z.B. die deutsche Sprache, beherrscht?“ (Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 5., erweiterte Auflage. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2004. S. 103.)
Seit nahezu über einem halben Jahrhundert steht diese Frage im Zentrum einer der prominentesten Richtungen moderner grammatiktheoretischer Ansätze. Mit der Veröffentlichung der syntactic structures begründet Noam Chomsky 1957 die Generative Grammatik. Mit seiner Betrachtung der Grammatik, sowie der Sprache überhaupt, geht eine radikale Neuorientierung in der Linguistik einher. Insbesondere die Abwendung vom bis dato vorherrschenden Strukturalismus hin zur Erforschung der Spracherzeugung im Kopf des Menschen, als Ausgangspunkt syntaktischer Untersuchungen an sich, sind wesentliche Eckpunkte des generativen Theoriegerüsts. So revolutionär diese Idee ist, so schwierig stellt sich das Unterfangen auch dar. Günther Grewendorf bezeichnet es in seiner Abhandlung über das linguistische Gesamtwerk Chomskys nicht ohne Hintergrund als Das generative Unternehmen. Der universalistische Anspruch der Generativen Grammatik und das Ziel, eine Grammatik zu modellieren, die der kognitiven Realität – d.h. dem tatsächlichen menschlichen Sprachverarbeitungssystem – entspricht, sind sehr hoch gesteckt und stellen den Linguisten vor enorm komplexe Probleme. Jeder Entwurf gab immer auch Anlass zur Kritik. Es ist daher nicht nur der lange Zeitraum, den die Forschung nun schon andauert, sondern vor allem auch die zahlreichen Verwürfe und Neukonzipierungen innerhalb der generativen Theoriebildung, welche die Entwicklungsgeschichte der Generativen Grammatik ungemein prägen.
Im Folgenden soll diese Entwicklungsgeschichte von den Anfängen bis zu den neueren Ansätzen skizziert werden. Das Ziel dabei ist nicht, eine umfassende Übersicht jeder einzelnen Phase zu bieten. Vielmehr soll herausgestellt werden, welchen Weg die Generative Grammatik verfolgt und worin sich die Triebkraft der ständigen Weiter- und Neuentwicklungen begründet. Auf die genaue Erläuterung jedes einzelnen Details der verschiedenen Modelle muss aus diesem Grund verzichtet werden. Im Fokus der Darstellung sollen eher die wesentlichen Grundgedanken und Zielsetzungen der jeweiligen Konzeptionen stehen, unter der Fragestellung, welche generelle Programmatik sich daraus ableiten lässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Phase 1 – Harris, Chomsky und die Transformation
3. Phase 2 – Adäquate Grammatik im Standardmodell
4. Grundgedanken weiterer Entwicklungen
4.1 UG – Grammatik und Genetik
4.2 X’ und move α – einfache Syntax (?)
5. Operation am grammatischen Blinddarm – Das minimalistische Programm
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklungsgeschichte der Generativen Grammatik über einen Zeitraum von 50 Jahren. Dabei wird analysiert, wie sich die theoretischen Modelle von den Anfängen unter Harris und Chomsky bis hin zum Minimalistischen Programm gewandelt haben, um die menschliche Sprachkompetenz kognitiv zu fundieren und zu erklären.
- Transformationelle Beziehungen und Kernsätze der frühen Phase
- Übergang zum Standardmodell mit Tiefen- und Oberflächenstruktur
- Die Universalgrammatik (UG) und das Problem des Spracherwerbs
- Methoden der Merkmalsüberprüfung und das Minimalistische Programm
- Kritische Reflexion der psychologischen Hypothesenbildung
Auszug aus dem Buch
4.1 UG – Grammatik und Genetik
Aus den Überlegungen zur Generativen Grammatik resultierte eine völlige neue Perspektive auf den menschlichen Spracherwerb. Theorien, denen zufolge eine Sprache durch bloße Imitation des sprachlich Wahrgenommenen erworben wird, wurden längst verworfen. Dagegen spricht u.a. die Beobachtung, dass Kinder auf der Grundlage eines begrenzten Inputs in der Lage sind, einen nahezu unbegrenzten Output zu erzeugen. Man musste also davon ausgehen, dass der Spracherwerb im Erlernen eines gewissen Regelsystems zur Erzeugung von Sprache umfasst. Hier tritt nun das logische Problem des Spracherwerbs auf.
Können die induktiven Prozeduren (im empiristischen Fall) oder die Mechanismen der Herausarbeitung und Verwirklichung angeborener Schemata (im rationalistischen Fall) mit Erfolg Grammatiken produzieren innerhalb der gegebenen Grenzen von Zeit und Zugänglichkeit, und innerhalb des Spielraums der beobachtbaren Gleichartigkeit des Resultats?
Der sprachliche Input, den ein Kind wahrnimmt, ist oft ungrammatisch. Er bietet keine negative oder positive Evidenz für den Spracherwerb, d.h. er gibt keinerlei Auskunft darüber, ob eine Äußerung grammatisch korrekt ist und die Ableitung einer Regel zulässt oder nicht. Es ist jedoch zu beobachten, dass nahezu alle Mitglieder einer Sprachgemeinschaft irgendwann ein und die selbe Grammatikkompetenz erwerben. Der Fehler in der Überlegung besteht für Chomsky darin, anzunehmen, dass ein Mensch bei seiner Geburt über keinerlei grammatisches Wissen verfüge. Er geht davon aus, dass jeder Mensch über eine Art angeborene Universalgrammatik verfügt. Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, muss darauf verwiesen werden, dass man unter der Grammatikkompetenz des Menschen von unbewusstem Wissen ausgeht. Die Fähigkeit des Muttersprachlers, grammatisch wohlgeformte Sätze zu erzeugen und zu verstehen, darf nicht gleichgesetzt werden mit dem Können, dies auch zu beschreiben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Fragestellung der Generativen Grammatik ein und erläutert den Anspruch, die menschliche Sprachkompetenz kognitiv zu modellieren.
2. Phase 1 – Harris, Chomsky und die Transformation: Das Kapitel behandelt die Anfänge der Transformationsgrammatik und die Abkehr vom Strukturalismus zugunsten der Erzeugung von Sätzen.
3. Phase 2 – Adäquate Grammatik im Standardmodell: Hier wird die Systematisierung der Theorie durch die Einführung der Unterscheidung zwischen Tiefen- und Oberflächenstruktur erläutert.
4. Grundgedanken weiterer Entwicklungen: Dieses Kapitel diskutiert die Probleme der Komplexität sowie die Konzepte der Universalgrammatik und der einfachen Syntax mittels X’-Schema.
5. Operation am grammatischen Blinddarm – Das minimalistische Programm: Die Darstellung konzentriert sich auf die radikale Vereinfachung der Theorie durch Ökonomieprinzipien und die Derivation durch die Operationen Merge und Move.
6. Fazit: Das Fazit resümiert die Entwicklung der Generativen Grammatik von einer Grammatiktheorie hin zu einem umfassenden Modell der kognitiven Sprachverarbeitung.
Schlüsselwörter
Generative Grammatik, Noam Chomsky, Transformationsgrammatik, Standardmodell, Tiefenstruktur, Oberflächenstruktur, Universalgrammatik, Spracherwerb, Minimalistisches Programm, Syntax, Kognition, Derivation, Merge, Move, Sprachkompetenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der 50-jährigen Entwicklungsgeschichte der Generativen Grammatik, beginnend bei Noam Chomskys ersten Ansätzen bis hin zum modernen Minimalistischen Programm.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern zählen die Transformationsanalyse, das Konzept der Universalgrammatik, die Struktur des Spracherwerbs sowie die methodische Suche nach kognitiver Ökonomie in grammatischen Modellen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Weg und die Triebkraft der ständigen Neukonzipierungen innerhalb der Generativen Grammatik aufzuzeigen und die generelle Programmatik hinter diesen Modellen zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Untersuchung, die den Fokus auf die wesentlichen Grundgedanken und Zielsetzungen der jeweiligen Konzeptionen legt, anstatt jedes Detail der Modelle zu erläutern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die verschiedenen Phasen: von Harris' Transformationen über Chomskys Standardtheorie bis hin zur radikalen Vereinfachung im Minimalistischen Programm.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Generative Grammatik, Transformation, Tiefenstruktur, Universalgrammatik und Minimalistisches Programm geprägt.
Warum wird das Minimalistische Programm als „Operation am grammatischen Blinddarm“ bezeichnet?
Der Titel spielt auf das Ziel der radikalen Vereinfachung an, bei der alles Überflüssige aus dem Modell entfernt werden soll, um eine größere kognitive Plausibilität zu erreichen.
Welche Bedeutung hat das logische Problem des Spracherwerbs?
Es adressiert die Frage, wie Kinder auf Basis eines begrenzten und oft fehlerhaften sprachlichen Inputs in der Lage sind, ein unbegrenztes und regelbasiertes Sprachsystem zu erwerben.
- Arbeit zitieren
- Robert Bachmann (Autor:in), 2007, Die Grammatik im Kopf - 50 Jahre Revolution und Revision in der Generativen Grammatik , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172723