Aus der Einleitung: "Verliert […] ein Volk mit seiner Sprache seine Volksart, so begreifen wir, dass es um seine Sprache als um sein Heiligstes, sein selbst ringt, in ihr ist es in seinem innersten Wesen bedroht." (Baege, M.: Deutsche Sprache ein Spiegel deutscher Volksart.)
Diese Aussage Max Baeges aus dem Jahr 1900 beinhaltet eine Auffassung von Sprache, die ebenso allgemein verbreitet wie problematisch ist. Sie impliziert, dass die jeweilige Sprache eines Volkes ein, wenn nicht sogar das zentrale Kriterium seiner Gegebenheit ist. Auch wenn Baeges Zitat durchaus Raum für verschiedene Auslegungen offen lässt, so muss man dennoch einwerfen, dass es mit der Glorifizierung der Sprache als innerstes Wesensmerkmal eines Volkes wenig Platz für andere Faktoren der Herausbildung und Etablierung von Gesellschaften lässt. Solcherlei Anschauungen bezüglich des Zusammenhangs zwischen Sprache und gesellschaftlicher Identität sind im allgemeinen Bewusstsein der Menschen nahezu selbstverständlich. Aus wissenschaftlicher Sicht muss dieser Sachverhalt jedoch äußerst kritisch betrachtet werden. Für die Wissenschaft wird dieser Sachverhalt spätestens da ein Problem, wo wissenschaftliche Erkenntnisse mit politischen, ideologischen oder patriotischen Überzeugungen korrelieren.
Die vorliegende Arbeit soll am Beispiel der sprachwissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) während der deutsch-deutschen Teilung zwischen 1949 und 1989 zeigen, worin die Probleme des Zusammenhangs zwischen Sprache und Politik bzw. der Gleichsetzung von Sprache und gesellschaftlicher Identität eines politischen Gebildes wie einer Nation liegen. Für ein allgemeines Vorverständnis soll zunächst auf einige theoretische und sprachgeschichtliche Aspekte hingewiesen werden, welche Aufschluss über die besondere Rolle der Sprache in Deutschland geben sollen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Nation und Sprache – Allgemeine Problematik
2.1 Grundlegendes
2.2 Sprache als Politikum
3. Nation und Sprachwissenschaft im Kontext der deutschen Teilung
3.1 Phase 1
3.2 Phase 2
3.3 Phase 3
3.4 Phase 4
4. Resümee zu den Defiziten der Forschungslage
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das forschungsgeschichtliche Problem der Gleichsetzung von Sprache und nationaler Identität am Beispiel der sprachwissenschaftlichen Forschung in der BRD und der DDR während der deutschen Teilung von 1949 bis 1989. Dabei soll aufgezeigt werden, wie politische und ideologische Einflussnahmen die Objektivität der linguistischen Analyse beeinträchtigten und zu mangelhaften Forschungsergebnissen führten.
- Historische Bedingtheit der Vereinnahmung von Sprache durch politische Gebilde
- Die Rolle der Sprachwissenschaft im deutsch-deutschen Spannungsfeld
- Phasenmodell der linguistischen Forschung im geteilten Deutschland
- Methodische Defizite und ideologische Diskursvermittlung
- Entwicklung hin zu einem plurizentrischen Sprachverständnis
Auszug aus dem Buch
3.1 Phase 1
Die erste Phase in der forschungsgeschichtlichen Auseinandersetzung mit der sprachlichen Situation im Kontext der deutschen Teilung bildet der Zeitraum während der ersten zwei Jahrzehnte nach Ende des zweiten Weltkrieges. Es sind v.a. westdeutsche Stimmen, welche sich dem Thema der Sprachentwicklung unter den neuen Umständen auf sehr politische Weise nähern.
In einer ersten Phase nach der politischen Spaltung Deutschlands […] dominiert eine Konstellation von Meinungen und Urteilen, die vor allem von westdeutscher Seite aus – speziell im tagespolitisch-journalistischen Diskurs und meist mit extrem politisch polemischer Tendenz in Äußerungsformen, deren Aggressivität und nachgerade rüder Ton von keiner Seite später je übertroffen wird – eine Sprachspaltung durch SED bzw. „Sowjetzone“ entweder für bereits vollzogen hält oder doch mindestens als unmittelbare Gefahr erkennt […].
In ähnlicher Weise, jedoch in weniger aggressiver Form, so führt Lerchner weiter aus, gehen auch die Sprachwissenschaftler dieser Zeit von der Möglichkeit einer sprachlichen Auseinanderentwicklung aus. Die starke Politisierung des Themas und der polemische Ton stehen laut Bauer in unmittelbarem Zusammenhang mit den damaligen politischen Umständen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Identifikation von Sprache mit einer Nation und Zielsetzung der Arbeit.
2. Nation und Sprache – Allgemeine Problematik: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Konstrukt der Nationalsprache und Sprache als politisches Instrument.
3. Nation und Sprachwissenschaft im Kontext der deutschen Teilung: Analyse der linguistischen Forschungsgeschichte in vier Phasen, unterteilt nach zeitlichen und ideologischen Zäsuren.
4. Resümee zu den Defiziten der Forschungslage: Zusammenfassende Betrachtung der methodischen Mängel, fehlender Begriffsdefinitionen und ideologischer Beeinflussung der Forschung.
5. Fazit: Abschließende Einschätzung, dass die Frage nach einer Trennung zwischen ost- und westdeutscher Sprache angesichts der Heterogenität der deutschen Sprache wissenschaftlich nicht haltbar ist.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Sprache, Nation, DDR, BRD, Sprachwissenschaft, Deutsche Teilung, Identität, Ideologie, Sprachpolitik, Forschungslage, Diskurs, Sprachwandel, Plurizentrik, Politik, Linguistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Verhältnis zwischen Sprache und nationaler Identität die sprachwissenschaftliche Forschung während der deutschen Teilung beeinflusst und ideologisch geprägt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen der Zusammenhang von Sprache und Macht, die Instrumentalisierung von Sprache für politische Zwecke sowie die Entwicklung der linguistischen Forschung zwischen 1949 und 1989.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die forschungsgeschichtlichen Defizite und die ideologische Überlagerung linguistischer Erkenntnisse in der BRD und der DDR kritisch aufzuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine forschungsgeschichtliche Analyse, um die linguistischen Diskursformen anhand von vier chronologischen Phasen kritisch zu reflektieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung, eine detaillierte Analyse der vier Forschungsphasen sowie eine kritische Zusammenfassung der methodischen Schwächen der damaligen Forschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Sprache, Nation, Identität, Ideologie, Sprachpolitik sowie der fachspezifische Diskurs im Kontext der deutsch-deutschen Teilung.
Warum wird die Phase 1 als besonders polemisch beschrieben?
Aufgrund des Kalten Krieges war die frühe Forschung stark von gegenseitiger Diffamierung und einer medizinischen Metaphorik zur Beschreibung der "kranken" Sprache der jeweils anderen Seite geprägt.
Was bedeutet das Konzept der „plurizentrischen Sprachkultur“ im Fazit?
Es besagt, dass eine Sprache aufgrund sozialer und politischer Unterschiede innerhalb einer Gesellschaft immer heterogen ist, was eine künstliche Trennung zwischen "Ostdeutsch" und "Westdeutsch" hinfällig macht.
- Arbeit zitieren
- Robert Bachmann (Autor:in), 2007, Gesellschaftliche Identität und Sprache als forschungsgeschichtliches Problem im sprachwissenschaftlichen Diskurs um die deutsch-deutsche Teilung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172713