„Das Pferd frißt keinen Gurkensalat.“- Dieser groteske Satz markierte den Auftakt einer globalen Kommunikationsrevolution. Ausgesprochen hat ihn 1861 der deutsche Lehrer Philipp Reis (vgl. Maschke 1989: 97), als es ihm zum ersten Mal gelang, Stimme mit Hilfe elektronischen Stroms zu übermitteln. Damit legte er den Grundstein des Siegeszug der Telefonie als neue interaktive Kommunikationsinfrastruktur, die sich im Laufe ihrer internationalen Entwicklung häufig gegen Widerstände verschiedenster Art behaupten musste, bis sie schließlich Einzug fand in die Privaträume und Arbeitsstellen vieler Millionen Menschen. Heute ist das Telefon fest in unseren kommunikativen Alltag integriert und ist aus unserer modernen Welt auch nicht mehr wegdenkbar.
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit möchte über das reine Rezitieren wissenschaftlicher Daten hinausgehen und sowohl techno-, als auch soziokulturelle Aspekte der Telefonie von seiner Erfindung bis in die Gegenwart in den Vordergrund rücken. Um dies zu ermöglichen, wurde die Entwicklung der Telefonie als interaktive Kommunikationsstruktur in zwei exemplarisch ausgewählten Ländern gegenübergestellt: Deutschland und Amerika. Beide zeigen spezifische Charakteristika in diesem Forschungsbereich auf, die sich für einen Vergleich hervorragend eignen.
Zu Beginn soll jedoch kurz auf die Geschichte des Telefons eingegangen werden, die Ausgangssituation und den legendären Erfinderwettstreit. Anschließend widmet sich die Arbeit der komplexen Thematik differenzierender kultureller Konzepte von Telefonie und zeigt auf, welches sich letztendlich durchgesetzt hat. Weiterführend soll mit Hilfe eines Ländervergleichs Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der jeweiligen Ausgangssituation, der technischen Entwicklung und der Diffusionsgeschwindigkeit, den forcierenden und hemmenden Faktoren und den frühen Nutzungsformen und Nutzungsgruppen der Telefonie herausgearbeitet werden.
Die zu Beginn formulierten Forschungsfragen sollen abschließend mittels der Ergebnisse des Vergleichs beantwortet werden. Die wissenschaftliche Grundlage bildet eine umfassende Berücksichtigung einschlägiger Fachliteratur aus verschiedenen Kulturkreisen und Epochen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Forschungsfragen
3. Kurze Geschichte der Telefonie
3.1. Ausgangspunkt: Die Zeit vor 1876
3.2. Eine Idee- viele Erfinder
3.2.1 Philipp Reis
3.2.2. Alexander Graham Bell
3.2.3. Schlussfolgerung: Zwei Forscher- differente Motive
4. Drei kulturelle Konzepte von Telefonie
4.1. Das Transportkonzept
4.2. Das Radiokonzept
4.3. Das Verständigungskonzept
5. Der globale Siegeszug der Telefonie: Ein Zwei-Länder-Vergleich
5.1. Die Ausgangssituation
5.1.1. In Deutschland
5.1.2. In Amerika
5.2. Die technische Entwicklung
5.2.1. In Deutschland
5.2.2. In Amerika
5.3. Forcierende und hemmende Faktoren
5.3.1. Hemmende Faktoren in Deutschland
5.3.2. Forcierende Faktoren in Deutschland
5.3.3. Hemmende Faktoren in Amerika
5.3.3. Forcierende Faktoren in Amerika
5.4. Erste Nutzungsformen und –gruppen
5.4.1. In Deutschland
5.4.2. In Amerika
6. Schlusszusammenfassung und Zukunftsausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die technokulturellen Entwicklungslinien des Telefons vom Zeitpunkt seiner Erfindung bis in die 1980er Jahre anhand eines Vergleichs zwischen Deutschland und den USA, um die soziokulturellen und ökonomischen Faktoren für die unterschiedlichen Diffusionsgeschwindigkeiten zu identifizieren.
- Historische Genese der Telefonie und der Erfinderwettstreit
- Analyse kultureller Nutzungskonzepte (Transport-, Radio- und Verständigungskonzept)
- Vergleich der technokulturellen Rahmenbedingungen in Deutschland und Amerika
- Identifikation forcierender und hemmender Einflussfaktoren
- Entwicklung früher Nutzungsformen und spezifischer Anwendergruppen
Auszug aus dem Buch
3.2. Eine Idee- viele Erfinder
Beim genaueren Durchsehen der wissenschaftlichen Primärliteratur fällt dem/r aufmerk samen LeserIn sofort ein nationaler Dualismus auf: Deutsche Wissenschaftler stützten sich primär auf den, in Gelnhausen geborenen, Lehrer Philipp Reis als Erfinder der Te lefonie, im anglo-amerikanischen Raum jedoch findet Reis so gut wie keine Erwäh nung. Dort ist der in die USA emigrierte Schotte Alexander Graham Bell in die Annalen eingegangen. Obwohl beide als Pioniere des Telefons gelten, scheinen hier Motive wie Patriotismus oder Nationalstolz die Oberhand zu gewinnen. Schon Klaus Beyrer stellte folgerichtig fest: „An der Frage, wem das Anrecht des Ersten gebühre, scheiden sich die Geister seit den Kindertagen der Telefonie.“ (2000: 57). Genau wie bei der Telegrafie, ist die Erfindung des Telefons nicht das Machwerk eines einzelnen Mannes, sondern das Ergebnis verschiedener Wissenschaftler. Lässt man den nationalen Konkurrenz kampf außen vor, wird bei tieferem Eindringen in die Materie klar, dass die Frage nicht so leicht beantwortet werden kann. Daher soll zum Einstieg kurz das Leben und Wirken beider Wissenschaftler beleuchtet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die historische Bedeutung des Telefons als Kommunikationsrevolution und Darstellung der wissenschaftlichen Fragestellung.
2. Die Forschungsfragen: Formulierung der zentralen Untersuchungspunkte hinsichtlich der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Telefonentwicklung in Deutschland und Amerika.
3. Kurze Geschichte der Telefonie: Überblick über die Erfindung des Telefons und Gegenüberstellung der Biografien von Philipp Reis und Alexander Graham Bell.
4. Drei kulturelle Konzepte von Telefonie: Definition und Erläuterung der Konzepte Transport, Radio und Verständigung als Phasen der soziokulturellen Aneignung.
5. Der globale Siegeszug der Telefonie: Ein Zwei-Länder-Vergleich: Detaillierte komparative Analyse der Ausgangssituationen, technischen Entwicklungen, Einflussfaktoren und frühen Nutzungsformen in beiden Ländern.
6. Schlusszusammenfassung und Zukunftsausblick: Synthese der Ergebnisse und Einordnung der Bedeutung soziokultureller Kontexte für die Evolution von Medientechnologien.
Schlüsselwörter
Telefonie, Philipp Reis, Alexander Graham Bell, Deutschland, Amerika, Ländervergleich, Kommunikationswissenschaft, Technikgeschichte, Transportkonzept, Radiokonzept, Verständigungskonzept, Diffusion, Soziokulturelle Faktoren, Innovation, Netzwerkausbau
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bakkalaureatsarbeit untersucht die technokulturelle Entwicklung des Telefons als interaktive Kommunikationsinfrastruktur und analysiert die Gründe für die unterschiedliche Verbreitungsgeschwindigkeit in Deutschland und den USA.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf die Geschichte der Erfindung, die Einordnung in kulturelle Nutzungskonzepte sowie einen Ländervergleich basierend auf staatlich-ökonomischen und soziokulturellen Einflussfaktoren.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet, welche Faktoren dafür verantwortlich waren, dass sich das Telefon in den USA wesentlich schneller verbreitet hat als in Deutschland.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine komparative Analyse angewandt, die einschlägige Fachliteratur aus verschiedenen Kulturkreisen auswertet, um technokulturelle Entwicklungsströme zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der Erfinder, die Analyse der Nutzungskonzepte (Transport-, Radio- und Verständigungskonzept) und den systematischen Ländervergleich anhand von Kategorien wie Ausgangssituation und forcierende/hemmende Faktoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Telefonie, Ländervergleich, Diffusionsgeschwindigkeit, soziokulturelle Aneignung und das Wirken von Pionieren wie Reis und Bell.
Warum spielt die Person Philipp Reis eine so zentrale Rolle im ersten Teil der Arbeit?
Reis dient als Beispiel für eine technologische Erfindung, die zwar funktionsfähig war, aber mangels eines erkanntes kulturellen Nutzens und aufgrund ungünstigerer Rahmenbedingungen nicht den kommerziellen Erfolg wie bei Bell erzielen konnte.
Welche Bedeutung kommt der "Do-it-yourself"-Bewegung der amerikanischen Farmer zu?
Sie gilt als international einzigartiges Phänomen, durch das in den USA eigenständig Telefonnetze erschlossen wurden, was die Akzeptanz und Verbreitung der Technologie massiv beschleunigte.
Warum war die deutsche Post als hemmender Faktor einzustufen?
Aufgrund des staatlichen Monopols und der restriktiven Strategie, das Telefon als Konkurrenz zur Briefpost zu sehen, wurde der Ausbau der Netze in Deutschland lange Zeit bewusst gebremst.
- Arbeit zitieren
- Anna Dobler (Autor:in), 2010, "Please Hold The Line" - Technokulturelle Entwicklungslinien der Telefonie, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172402