Was kann man denn damit später mal machen? – Diese Frage begleitet Studierende der Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft von der Immatrikulation bis zum Berufseinstieg. Anders als angehende Mediziner:innen, Jurist:innen oder Lehramtsstudierende verfügen Kulturwissenschaftler:innen in der Regel nicht über ein klar definiertes Berufsziel, sondern über ein breites, aber diffuses Kompetenzprofil. Das vorliegende Portfolio geht dieser Unschärfe nach und fragt, welche Berufsfelder sich tatsächlich erschließen lassen, welche Kompetenzen dafür zentral sind und wie sich kulturwissenschaftliche Ausbildung in der Praxis bewährt.
Für den Verfasser dieses Portfolios stellt sich die berufliche Frage in einer spezifischen biografischen Konstellation: Als pensionierter Lehrer dient die Beschäftigung mit Europäischer Ethnologie ausschließlich dem persönlichen Erkenntnisinteresse an kulturwissenschaftlichen Fragestellungen. Die Auseinandersetzung mit Berufsfeldern erfolgt daher nicht aus einer individuellen beruflichen Notwendigkeit heraus, sondern vielmehr aus einer analytisch-reflektierenden Position, die es ermöglicht, die Herausforderungen und Chancen des Faches aus einer distanzierten und zugleich erfahrungsgeprägten Perspektive zu betrachten.
Das Portfolio entfaltet sich in fünf Schritten: Zunächst reflektiere ich in einer Reading Note (Kapitel 2) den Text „Berufsorientierung für Kulturwissenschaftler“1, der die Vielfalt kulturwissenschaftlicher Berufsfelder, aber auch die strukturellen Unsicherheiten des Arbeitsmarktes thematisiert. Die Lektüre verdeutlicht mir die Unterschiede zwischen meinem eigenen, struktursicheren Berufsweg und den flexibilisierten, zum Teil prekären Karrieren der heutigen Akademiker:innengeneration – ohne in Pessimismus zu verfallen, sondern mit Respekt vor den Leistungen, die heute von Berufseinsteiger:innen erwartet werden.
In Kapitel 3 untersuche ich die Berufswünsche der Teilnehmenden des DGEKW-Berufsfeldkolloquiums im Wintersemester 2025/26. Ihre Antworten offenbaren eine charakteristische Spannung: den Wunsch nach Sicherheit (unbefristete Stellen, Gehalt, Perspektiven) und den Wunsch nach kreativer Selbstverwirklichung (Kulturvermittlung, Journalismus, Museum). [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Reading Note zu Beer et al.: Berufsorientierung für Kulturwissenschaftler
3. Vorstellungen der Kolloquiums-Teilnehmenden über ihre zukünftige Berufstätigkeit
4. Berufsfelder der Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft
5. Das Berufsfeld Sozialpolitik und Menschenrechte – ein aktuelles Beispiel
5.1 Ramona Lenz – Referentin für Armut und Eingliederungshilfe
5.2 Reflexionen vor dem Hintergrund eigener beruflicher Erfahrungen
5.3 Resümee und Empfehlungen für Studierende
6. Fazit
Zielsetzung und Themen
Das Portfolio untersucht aus einer analytisch-reflektierenden Perspektive die Diskrepanz zwischen der akademischen Ausbildung in der Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft und den realen Anforderungen des modernen Arbeitsmarktes. Ziel ist es, zentrale Kompetenzprofile zu identifizieren, die beruflichen Wege von Studierenden sowie Praktiker:innen kritisch zu beleuchten und den Wert kulturwissenschaftlicher Expertise für diverse Berufsfelder zu bestimmen.
- Analyse kulturwissenschaftlicher Berufsfelder und Kompetenzprofile
- Spannungsfeld zwischen beruflicher Sicherheit und kreativer Selbstverwirklichung
- Fallstudien zur nicht-linearen Karriereentwicklung in der Praxis
- Reflexion institutioneller Strukturen und individueller Bildungsbiografien
- Methoden und Strategien für den Übergang vom Studium in den Beruf
Auszug aus dem Buch
Das Berufsfeld Sozialpolitik und Menschenrechte – ein aktuelles Beispiel
Im November 2025 sprach Ramona Lenz in der Vortragsreihe Kultur als Beruf der DGEKW darüber, wie sich globale Ideale in der sozialpolitischen Arbeit auf kommunaler Ebene gestalten lassen. Ihr beruflicher Werdegang illustriert die Nicht-Linearität kulturwissenschaftlicher Berufswege. Als Arbeiterkind absolvierte sie zunächst eine dreijährige Buchhändlerinnenlehre, bevor sie sich traute, Kulturanthropologie zu studieren – ein Fach, bei dem „man am Anfang überhaupt nicht weiß, was am Ende rauskommt“.
Während ihres Studiums in Frankfurt bei Gisela Welz spezialisierte sie sich auf Flucht und Migration, nahm an Lehrforschungsprojekten (u.a. auf Zypern) teil und absolvierte zahlreiche Praktika bei Verlagen (Suhrkamp) und Zeitungen (Oberhessische Presse, Gießener Anzeiger). Dabei sah sie die ethnographischen Methoden (Interviews, teilnehmende Beobachtung) als Brücke zum journalistischen Handwerk.
Anmerkung aus meiner Lehrerperspektive: Diese strategische Studienwahl ist bemerkenswert, denn sie zeigt, dass Kulturwissenschaft nicht als Verlegenheitsstudium, sondern als bewusste Grundlagenbildung für Querschnittskompetenzen verstanden werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Der Autor erläutert seine Motivation, als pensionierter Lehrer das Studium der Europäischen Ethnologie zu nutzen, um die Berufsfelder des Fachs aus einer distanzierten Perspektive zu analysieren.
2. Reading Note zu Beer et al.: Berufsorientierung für Kulturwissenschaftler: Die theoretische Grundlage des Portfolios hinterfragt das diffuse Berufsbild der Kulturwissenschaften und thematisiert die strukturellen Unsicherheiten des modernen Arbeitsmarktes.
3. Vorstellungen der Kolloquiums-Teilnehmenden über ihre zukünftige Berufstätigkeit: Die Auswertung von Studierenden-Feedback zeigt das grundlegende Spannungsfeld zwischen dem Streben nach finanzieller Sicherheit und dem Wunsch nach kreativer Selbstentfaltung.
4. Berufsfelder der Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft: Dieses Kapitel systematisiert notwendige Kompetenzen, wie etwa analytisches Denken, Vermittlungskompetenz und Selbstmanagement, die für verschiedene berufliche Kontexte transferierbar sind.
5. Das Berufsfeld Sozialpolitik und Menschenrechte – ein aktuelles Beispiel: Anhand des Werdegangs von Ramona Lenz wird die Praxis der kulturwissenschaftlichen Arbeit kritisch reflektiert und auf Aspekte wie Prekarität, Netzwerke und politische Positionierung untersucht.
6. Fazit: Der Autor zieht Bilanz und betont die gesellschaftliche Relevanz kulturwissenschaftlicher Ausbildung, um komplexe soziale Gefüge sichtbar und verhandelbar zu machen.
Schlüsselwörter
Europäische Ethnologie, Empirische Kulturwissenschaft, Berufsfelder, Kompetenzprofil, Arbeitsmarkt, Studium, Praxis, Sozialpolitik, Menschenrechte, Berufsorientierung, Karriere, Reflexivität, Kulturvermittlung, Bildungsbiografie, Interkulturalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit reflektiert die Verbindung zwischen dem Studium der Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft und der tatsächlichen Berufspraxis unter Berücksichtigung unterschiedlicher biografischer Perspektiven.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen Berufsorientierung, die Analyse von Kompetenzprofilen, der Übergang vom Studium in den Beruf sowie die Spannungsfelder zwischen Sicherheit und Kreativität im Arbeitsleben.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Transferierbarkeit kulturwissenschaftlicher Kompetenzen in verschiedene Berufsfelder zu untersuchen und Studierenden Orientierung sowie Strategien für die eigene berufliche Planung zu bieten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Das Portfolio nutzt eine Kombination aus Literaturanalyse, der Auswertung empirischer Daten eines Kolloquiums sowie biographischer Reflexion, um ein fundiertes Bild der Berufspraxis zu zeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einordnung, eine Untersuchung von studentischen Berufswünschen, eine Systematisierung von Kernkompetenzen und eine detaillierte Fallstudie zur Arbeit im Bereich Sozialpolitik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Berufsfelder, Kulturwissenschaft, Kompetenzprofil, Arbeitsmarktlogik, Karrierewege und reflexive Lebensführung.
Welche Rolle spielt der berufliche Hintergrund des Autors für die Reflexion?
Als pensionierter Lehrer bringt der Autor eine Perspektive ein, die geprägt ist durch Erfahrungen in einem strukturierten, verbeamteten System, was den Kontrast zu den oft unsicheren, projektförmigen Wegen heutiger Absolventen schärft.
Welches Fazit zieht der Autor zur Relevanz des Studiums?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die gesellschaftliche Relevanz des Fachs weniger in einer Ausbildung für spezifische Berufsbezeichnungen liegt, sondern in der Fähigkeit, soziale Strukturen und Machtverhältnisse durch analytische Reflexion bearbeitbar zu machen.
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- Markus Lüske (Author), 2026, Zwischen Studium und Berufspraxis. Reflexionen zur Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft und ihren Berufsfeldern im Spiegel eigener beruflicher Erfahrungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1723309