Fremde aufnehmen – im eigenen Haus, im eigenen Land, „bei sich“ – darin mag eine allgemeine Vorstellung von Gastfreundschaft liegen. Unklar bleibt, wer „fremd“ ist, was „bei sich“ ist und wer Gast sein kann. Der Philosoph und Begründer des Dekonstruktivismus Jaques Derrida geht diesen Fragen der Gastfreundschaft in mehreren Seminarreihen nach, die in seinem Buch „Von der Gastfreundschaft“ verschriftlicht worden sind. Darin stellt er fest: „Es ist, als wäre Gastfreundschaft unmöglich“.
In Derridas Gang der Reflexion führen immer wieder paradoxale Momente in einen „Bruch“ innerhalb der Gastfreundschaft: zwischen einer unbedingten wie scheinbar unmöglichen Gastfreundschaft, die fordert, alle Ankommenden bedingungslos willkommen zu heißen, und einer bedingten. (Wie) also kann Gastfreundschaft möglich sein?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Die Fragen des Fremden
2.2 Die Paradoxa des Chez-Soi
2.3 Die Unmöglichkeit
2.4 Unmöglichkeit der Möglichkeit
3. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht auf Basis von Jacques Derridas Werk „Von der Gastfreundschaft“ das fundamentale Paradoxon zwischen einer unbedingten Forderung nach Gastfreundschaft und der realen, bedingten Praxis. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, wie Gastfreundschaft unter Berücksichtigung dieser inhärenten Unmöglichkeit und der notwendigen Subjektkonstitution von Gast und Gastgeber überhaupt möglich sein kann.
- Die dekonstruktive Analyse der Begriffe „Gast“ und „Gastgeber“.
- Die Untersuchung der Spannung zwischen dem Gesetz (unbedingt) und den Gesetzen (bedingt).
- Die Auseinandersetzung mit den Konzepten des Chez-Soi und der Perversion der Gastfreundschaft.
- Die kritische Reflexion des aktuellen politischen Umgangs mit Asylrecht und dem Fremden.
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Paradoxa des Chez-Soi
Betrachtet man die Gastfreundschaft in ihrem Verhältnis von der „anderen Seite“ des Gastfreundschaftspakts, der Seite des Gastgebers, kommen erneut ihre aporetischen Züge zum Ausdruck. Derrida entwickelt für diese Betrachtung den zentralen Begriff des „chez-soi“, das als „bei sich“ oder „Zuhause“ übersetzt werden kann, doch in seiner Bedeutung noch darüber hinauszugehen scheint. Es impliziert im Besonderen eine Unverletzlichkeit oder „Innerlichkeit“ des eigenen Zuhauses, die mit einem Machtanspruch über das eigene Zuhause einhergeht und eine essenzielle Bedingung für Gastfreundschaft sei. Die Relation zwischen chez-soi und Gastfreundschaft ist von einer mehrfachen Bedingtheit gezeichnet. Darin manifestiert sich eine „Perversion“, ein weiterer zentraler Begriff Derridas für die Paradoxa der Gastfreundschaft.
Zunächst wird in dem Ausdruck „wen ich möchte“ der Anspruch des Gastgebers deutlich, die Ankömmlinge selbständig und ohne externe Vorgaben zu selektieren, d.h. seine Macht ausüben zu können und notwendigerweise auch Personen zu exkludieren. Der Bruch mit der bedingungslosen Gastfreundschaft kommt wiederholt zum Ausdruck: „eine bestimmte Ungerechtigkeit, ja ein bestimmter Eidbruch beginnt augenblicklich, bereits auf der Schwelle des Rechts auf Gastfreundschaft“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Gastfreundschaft und Darstellung der zentralen Problemstellung anhand von Jacques Derridas Dekonstruktion.
2. Hauptteil: Detaillierte philosophische Untersuchung der Machtverhältnisse, der paradoxen Struktur des Fremden und des Spannungsfeldes zwischen unbedingtem Gesetz und bedingten Gesetzen.
2.1 Die Fragen des Fremden: Analyse der Sprachbarriere und der rechtlichen Anforderungen an den Fremden als Bedingungen der Gastfreundschaft.
2.2 Die Paradoxa des Chez-Soi: Untersuchung des Konzepts des Zuhauses (chez-soi) und der damit verbundenen Machtausübung und Fremdenfeindlichkeit des Gastgebers.
2.3 Die Unmöglichkeit: Formalisierung der Kollision zwischen dem kategorischen Gesetz der Gastfreundschaft und den praktischen Gesetzen der Jurisdiktion.
2.4 Unmöglichkeit der Möglichkeit: Reflexion über die Realität der Gastfreundschaft und das Scheitern einer klaren Trennung zwischen unbedingter und bedingter Gastfreundschaft.
3. Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der Unmöglichkeit von Gastfreundschaft als kritischer Impuls für das reale Handeln und das Nachdenken über Utopien.
Schlüsselwörter
Gastfreundschaft, Dekonstruktion, Jacques Derrida, Chez-Soi, Fremder, Unmöglichkeit, Paradoxon, Gastgeber, Machtausübung, Gesetz, Asylrecht, Aporie, Perversion, Bedingtheit, Souveränität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Problematik der Gastfreundschaft auf Basis von Derridas Werken und zeigt auf, dass Gastfreundschaft in einem paradoxen Raum zwischen unbedingten Idealen und bedingten rechtlichen Anforderungen steht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Struktur von Gast und Gastgeber, die Bedeutung von Sprache und Identität (Namen), das Konzept des Zuhauses (Chez-Soi) sowie die Differenz zwischen einem absoluten Gesetz und konkreten Gesetzen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die interne Logik der „Unmöglichkeit“ von Gastfreundschaft nachzuvollziehen und zu prüfen, inwiefern diese dekonstruktive Sichtweise relevant für die heutige politische Realität ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Diskursanalyse bzw. dekonstruktivistische Untersuchung, die Begriffe kritisch hinterfragt und Widersprüche in ihrer Struktur freilegt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Fragen an den Fremden, die Paradoxien des häuslichen Bereichs (Chez-Soi), die theoretische Formalisierung der Unmöglichkeit durch das Gesetz und die Anwendung dieser Erkenntnisse auf die aktuelle Asylrechtspraxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gastfreundschaft, Dekonstruktion, Souveränität, Paradoxon, Chez-Soi und die Unterscheidung von Gesetz und Gesetzen bestimmt.
Welche Rolle spielt Sokrates als Beispiel in der Arbeit?
Sokrates dient als Metapher für den Fremden, der trotz seiner Zugehörigkeit als Bürger aufgrund seiner nicht-juristischen Sprache und seiner Lebensweise als Philosoph marginalisiert und wie ein Fremder behandelt wird.
Wie verhält sich die Gastfreundschaft zur Utopie?
Die Arbeit schlägt eine Brücke zur Utopie, indem sie das „Gesetz“ der Gastfreundschaft als einen Nicht-Ort oder ein Ideal versteht, das zwar in der Realität nicht vollständig realisierbar ist, aber dennoch als kritischer Hintergrund für Entscheidungen dient.
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- Yi Ling Pan (Autor:in), 2023, Die Unmöglichkeiten der Gastfreundschaft bei Jaques Derrida, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1722973