In diesem Essay werden die Theorien und Vorstellungen zweier Autoren und Religionswissenschaftler zum Thema der Entstehung der Häresien in der christlichen Religion im späten Mittelalter vorgestellt und sowohl auf Unterschiede als auch auf Gemeinsamkeiten hin untersucht. Dazu werden zunächst die Vorstellungen von Christoph Auffarth zu diesem Thema zusammenfassend erläutert und anschließend mit denen von Daniel Boyarin verglichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Theorie von Christoph Auffarth
2.1 Thesen zum Verschwinden der Katharer
2.2 Konstruktion von Feindbildern zur Identitätsstiftung
2.3 Professionalisierung des Priesterstandes
3. Die Theorie von Daniel Boyarin
3.1 Grenzziehung zwischen Christentum und Judentum
3.2 Angst vor Hybridität und das Apartheid-Prinzip
3.3 Soziale Theorie des westlichen Neo-Marxismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht vergleichend die Entstehungstheorien von Häresie in der christlichen Religion bei Christoph Auffarth und Daniel Boyarin, mit dem Ziel, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der wissenschaftlichen Konzeptualisierung von Häresie sowie deren strategische Funktion zur Identitäts- und Machtstiftung durch Institutionen aufzuzeigen.
- Konstruktion von Häresie als künstliches Feindbild
- Die Rolle der Kirche bei der Monopolisierung des Seelenheils
- Verhältnis zwischen Orthodoxie und Häresie
- Grenzziehungen als Machtinstrument der Religionsausübung
- Soziologische und neo-marxistische Perspektiven auf religiöse Ideologien
Auszug aus dem Buch
Die Konstruktion von Feindbildern zur Identitätsstiftung
In seinem, in der Festschrift für Hans G. Kippenberg zu dessen 65. Geburtstag erschienenen, Aufsatz mit dem Titel „Das Ende der Katharer im Konzept einer Europäischen Religionsgeschichte“ wirft Christoph Auffarth die Frage auf, ob die katholische Kirche bewusst Häresien als Gegenbeispiele zum von ihr proklamierten und vertretenen richtigen und wahren Glauben konstruiert hat, um sich damit selbst überhaupt erst als eine Einheit wahrnehmen zu können und eine gemeinsame Identität in Abgrenzung zu einer differenzierten Ausübung des Glaubens und von Religion zu erhalten. Diesbezüglich hebt er auch das besondere Anspruchsdenken der Kirche als Institution des Glaubens hervor, also den Zwang zur Glaubensmonopolisierung, da nur eine religiöse Institution den wahren Glauben für sich beanspruchen kann und anderen religiösen Institutionen dementsprechend die Legitimität ihres jeweiligen Glaubens absprechen muss.
Daraus zieht er den Schluss, dass die Kirche aus den Katharern, deren Mönche und Wanderasketen beispielsweise sich ja eigentlich nur dadurch von ihren kirchlichen Pendants unterschieden indem sie nicht von einem Bischof in ihr Amt eingesetzt und in diesem bestätigt wurden, vorsätzlich ein Feindbild konstruiert hat, um sich als Institution Kirche auf der einen Seite von diesem abzugrenzen und einen künstlichen Unterschied, welcher reell betrachtet gar nicht so groß war, zwischen beiden zu schaffen. Auf der anderen Seite lag dieser Schritt, nach Auffarths Auffassung, aber auch in dem Versuch der Kirche begründet, ein Monopol auf das Seelenheil, dass sie durch das spenden von Sakramenten an religiöse Laien zu schenken vermochten, zu erlangen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung und das methodische Vorgehen für den Vergleich der Theorien von Auffarth und Boyarin dar.
2. Die Theorie von Christoph Auffarth: Dieses Kapitel erläutert Auffarths These, dass die Kirche Häresien wie die der Katharer strategisch konstruierte, um ihre eigene Identität zu festigen und das Monopol auf das Seelenheil zu sichern.
3. Die Theorie von Daniel Boyarin: Dieses Kapitel analysiert Boyarins Ansatz, der die Entstehung von Häresie durch Grenzziehungen zwischen Religionen und die soziale Kontrolle mittels des "Western neo-Marxism" erklärt.
Schlüsselwörter
Häresie, Christentum, Judentum, Katharer, Orthodoxie, Identitätsstiftung, Religionswissenschaft, Christoph Auffarth, Daniel Boyarin, Machtanspruch, Sakramente, Seelenheil, Hybridität, Neo-Marxismus, Grenzziehung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und vergleicht die religionswissenschaftlichen Theorien von Christoph Auffarth und Daniel Boyarin zur Entstehung von Häresien im Christentum.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Konstruktion von Feindbildern, die Monopolisierung des religiösen Heils sowie die soziale und machtpolitische Funktion von Grenzziehungen zwischen Religionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Argumentation der beiden Autoren aufzuzeigen, insbesondere hinsichtlich der Frage, wie Häresie als künstliches Konstrukt zur Identitätsstiftung genutzt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende, analytische Literaturarbeit, die existierende wissenschaftliche Texte und Ansätze gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Thesen von Auffarth zur Verfolgung der Katharer detailliert erläutert und anschließend die Theorie von Boyarin dargestellt, die das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum sowie soziologische Aspekte betont.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Häresie, Orthodoxie, Identitätsstiftung, Machtanspruch, institutionelle Kontrolle und religiöse Grenzziehung.
Wie unterscheidet sich Boyarins Ansatz von dem von Auffarth?
Während Auffarth den Fokus auf die interne Abgrenzung der Kirche gegenüber Bewegungen wie den Katharern legt, erweitert Boyarin die Perspektive auf das grundlegende Verhältnis zwischen verschiedenen Weltreligionen, insbesondere dem Judentum und dem Christentum.
Welche Rolle spielt der "Western neo-Marxism" in der Analyse?
Boyarin nutzt dieses Modell, um zu erklären, dass religiöse Ideologien von bestimmten sozialen Gruppen genutzt werden, um Hegemonieansprüche durchzusetzen und die kognitive Kontrolle über die Anhängerschaft zu erlangen.
- Arbeit zitieren
- Philipp-Michael Hebel (Autor:in), 2009, Vergleichende Analyse der Entstehungstheorien von Häresie in der christlichen Religion im späten Mittelalter von Christoph Auffarth und Daniel Boyarin, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172229