Der Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Johann Wolfgang Goethe ist ein um 1795/96 entstandenes umfangreiches Werk, das auf dem zuvor verfassten Fragment „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ aufbaut und mit dem Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ 1821/29 fortgesetzt wird.
Der Protagonist Wilhelm Meister ist Kaufmannssohn und soll den Erwartungen seines Vaters entsprechend ebenso als Kaufmann tätig werden. Wilhelm jedoch fühlt sich zur Kunst berufen, nicht zuletzt durch die Liebe zur Schauspielerin Mariane. Als er herausfindet, dass sie untreu zu sein scheint, widmet er sich zunächst dem Kaufmannsberuf. Als er aus geschäftlichen Gründen eine Reise unternimmt, trifft er auf eine Schauspieltruppe, die ihn weiter dazu anregt sich der Kunst, dem Theater zu widmen. Hier lernt er Mignon kennen, ein geheimnisvolles, rätselhaftes Mädchen, die im Laufe des Romans eine wichtige Funktion im Hinblick auf Wilhelms Entwicklung hat und Thema meiner Untersuchung ist.
Die Forschung in Bezug auf den Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ ist relativ umfangreich. Allerdings beschäftigt sich die Forschung größtenteils mit bestimmten zentralen Einzelaspekten des Romans wie der Turmgesellschaft, dem Kunstbegriff, der Figur Wilhelms. Nahezu alle Untersuchungen gehen auch auf autobiografische Elemente und die Einbettung in die Epoche ein.
Die Figur Mignon wird meist in Zusammenhang mit dem Harfner und in Bezug auf Wilhelm untersucht. Wie im Folgenden beschrieben, kommt dieser Figur eine tragende Rolle im Gesamtkonzept des Romans zu. Meiner Arbeit liegen einige allgemeinere Beiträge und detailliertere Untersuchungen über spezielle Textstellen zur Figur Mignon zugrunde.
Ausgehend vom Thema „Mignon als Inbegriff der Genieästhetik“ gehe ich zunächst auf die Kunstfigur ein. Hier beschäftige ich mich mit dem Italienlied, dem wohl zentralsten von insgesamt vier Liedern Mignons. Anschließend gehe ich auf den Eiertanz ein, den sie nur Wilhelm vorführt. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit der besonderen Beziehung zwischen ihr und dem Protagonisten anhand des Motivs der Spiegelung, der Abkehr vom Theater sowie der Bedeutung von Mignons Tod. Abschließend werde ich resümierende Schlüsse ziehen und einen Ausblick auf mögliche weitere interessante Themengebiete und Teilaspekte in Bezug auf die Figur Mignons geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mignon als Inbegriff der Genie-Ästhetik
2.1 Das Italienlied
2.2 Der Eiertanz
3. Mignon und Wilhelm
3.1 Das Motiv der Spiegelung
3.2 Abkehr vom Theater
3.3 Krankheit und Tod
4. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung und Funktion der Figur Mignon im Bildungsroman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe, wobei insbesondere ihre symbolische Rolle als Spiegelbild für die innere Entwicklung des Protagonisten Wilhelm Meister analysiert wird.
- Die ästhetische Einordnung Mignons als Inbegriff der Genie-Ästhetik.
- Die Analyse spezifischer künstlerischer Ausdrucksformen wie das Italienlied und der Eiertanz.
- Das Beziehungsgeflecht zwischen Mignon und Wilhelm Meister unter dem Aspekt der Spiegelung.
- Der Einfluss von Mignons Entfremdung vom Theater und ihr tragischer Tod auf den weiteren Lebensweg Wilhelms.
- Die Darstellung von Mignon als Verkörperung von Kunst, Leidenschaft und Natur im Kontext einer sich wandelnden Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Motiv der Spiegelung
Die Verbundenheit von Wilhelm und Mignon beruht zunächst auf seinem Interesse am Theater und ihrer Zugehörigkeit zu diesem. Mignon ist eine Kunstfigur und weckt daher Wilhelms Interesse. Im Werk gibt es mehrere Textstellen, die belegen, dass Mignon als Spiegelung Wilhelms fungiert. Darum soll es im Folgenden gehen.
Mignons Androgynie wurde schon mehrfach thematisiert, in diesem Zusammenhang ist wiederum zentral, dass sie nicht nur ein Knabe sein will, sondern auch Wilhelms Farbe tragen möchte. Nach Mignons Vorführung des Eiertanzes verspricht er ihr ein neues Kleid. „Deine Farbe!“ (117). Am darauf folgenden Tag erklärt sie dem Schneider, dass sie „ein neues Westchen und Schifferhosen, wie sie solche an den Knaben in der Stadt gesehen, mit blauen Aufschlägen und Bändern haben wolle. Mignon, begierig seine Farbe zu tragen, trieb den Schneider“ (118). Sie versucht, Wilhelm bis auf die Kleiderfarbe nahe zu sein. Ebenso lässt sich hier eine Verbindung zu den mignons ziehen, da diese „für gewöhnlich die Farben ihres Gebieters“ tragen (Schößler, 66).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Figur Mignon in Goethes Bildungsroman ein und umreißt die methodische Herangehensweise der Untersuchung.
2. Mignon als Inbegriff der Genie-Ästhetik: Dieses Kapitel beleuchtet Mignon als künstlerische Individualität und analysiert ihre zentralen Ausdrucksformen, das Italienlied und den Eiertanz.
3. Mignon und Wilhelm: Dieser Hauptteil untersucht die komplexe Beziehung zwischen den beiden Figuren, die als Spiegelung von Wilhelms inneren Konflikten und seiner Abkehr vom Theater fungiert.
4. Zusammenfassung und Ausblick: Dieses Kapitel resümiert die tragende Rolle Mignons für das Gesamtkonzept des Romans und weist auf mögliche weiterführende Forschungsaspekte hin.
Schlüsselwörter
Mignon, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Johann Wolfgang Goethe, Genie-Ästhetik, Italienlied, Eiertanz, Spiegelung, Kunstfigur, Androgynie, Identität, Turmgesellschaft, Bildungsroman, Seelenzustand, Kunst, Schicksal
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung und die zentrale Funktion der Figur Mignon in Johann Wolfgang Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Genie-Ästhetik, das Verhältnis von Kunst und Leben, die psychologische Spiegelung des Protagonisten Wilhelm Meister in Mignon sowie die symbolische Bedeutung von Mignons Krankheit und Tod.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Mignon als "Kunstfigur" Wilhelms innere Entwicklung und seine Abkehr von der Theaterwelt bis hin zum Eintritt in die pragmatische Turmgesellschaft maßgeblich beeinflusst und spiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext unter Einbeziehung verschiedener Forschungspositionen und Textstellen interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird Mignons Bedeutung als Künstlerin (Italienlied, Eiertanz) sowie ihre Rolle als Spiegelbild Wilhelms, ihre Entwicklung hin zur "Nebenbuhlerin" und schließlich ihr Tod als Ende der "Kunst-Ära" für den Protagonisten erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Schlüsselwörter sind Mignon, Spiegelung, Genie-Ästhetik, Kunstfigur, Wilhelm Meister und Bildungsroman.
Warum spielt der "Eiertanz" eine so entscheidende Rolle für Mignons Charakterisierung?
Der Eiertanz veranschaulicht Mignons künstliches, fast mechanisches Wesen und symbolisiert ihre Unterordnung unter ein "außervernünftiges Gesetz", was sie deutlich von der bürgerlichen Welt Wilhelms abhebt.
Welche Bedeutung hat Mignons Tod für Wilhelm Meister?
Mignons Tod markiert den endgültigen Verlust der für Wilhelm einst so faszinierenden Kunstwelt; durch das Bekenntnis zur Vernunftheirat verleugnet Wilhelm sein Gefühl, was zum Sterben der in Mignon verkörperten Kunst führt.
- Quote paper
- Kathrin Schweizer (Author), 2006, Darstellung und Funktion der Figur Mignon in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172177