Die Arbeit will einen knappen Abriss zur Geschichte von Orientverarbeitungen im Schlager bieten. Dann wird untersucht, was eine Produktion zu einem Orientschlager macht, aus welcher Perspektive der Orient betrachtet wird und auf welche Weise er dargestellt wird. Es soll untersucht werden, welche Funktion der Orient in den Schlagern einnimmt und was die Lieder ihren Hörern über ihre Orienthematisierungen vermitteln wollen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aus maurischer Wüste nach Antalya Beach - Geschichte des Orients im Schlager
2.1. Skandal im Harem - Orientschlager vor 1960
2.2. Nordafrika ist dran - Die Orientwellen von 1960 und 1967
2.3. Mit der 18 nach Istanbul - Von 1970 bis heute
3. Sieben Wochen nur Sand - Orientkennzeichen
3.1. Im Café Oriental - Wie viel Orient im Orientschlager steckt
3.2. Abessinien am Meer - Die geografischen Bezüge
3.3. Durch das Opernglas - Kulturelle und erzähltechnische Perspektiven
4. Legionäre mit hungrigen Augen - Menschen- und Gesellschaftsbilder
4.1. Nichts zu küssen - Erotik und Exotik
4.2. Heldenmut und Mais - Geschlechterrollen
4.3. Mustafa nimm dich in acht - Der koloniale Aspekt
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht deutsche Schlagerproduktionen der 1960er Jahre mit Orientbezug, um deren kulturelle Darstellung, die Funktion des Orient-Motivs sowie vermittelte Gesellschafts- und Menschenbilder zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie der Orient als Raum für eskapistische Fantasien, Machtprojektionen und sexuelle Narrative genutzt wird.
- Historische Entwicklung der Orientwellen im deutschen Schlager
- Analyse der geografischen und musikalischen Orient-Klischees
- Untersuchung von Geschlechterrollen und Sexualitätskonzepten
- Kritische Betrachtung kolonialistischer Symbolik und eurozentrischer Perspektiven
- Funktion des Schlagers als Medium zur Identitätsstiftung und Flucht in das Private
Auszug aus dem Buch
4.1. Nichts zu küssen - Erotik und Exotik
Im Schlager tritt Exotik zumeist gleichbedeutend mit Erotik auf. "Erotische Sehnsucht war prinzipiell exotisch eingefärbt."
Im Gegensatz zu einer heutigen Wahrnehmung, bei der der Orient oft mit Islam und Islam mit rigider Sexualmoral gleichgesetzt wird, bedient sich der Orientschlager der Neunzehnhundertundsechzigerjahre eher romantisch geprägten Vorstellungen vom Orient als einem Ort sinnlicher Verfeinerung, in dem - so die logische Folgerung - die alltäglichen Schranken, innerhalb derer die Möglichkeiten zum Umgang mit Sexualität eingegrenzt sind, mühelos überschritten werden können, nach Belieben auch mit Gewalt. Der Orient wird zu einem Traumland eskapistischer Sexphantasien. So kann auch der Gesichtsschleier, der heute in unserem Kulturkreis als Mittel für eine repressive Entsexualisierung von Frauen angesehen wird, bei Zuckerpuppe als "Tüllgardine vor dem Babydollgesicht", als ein Fetisch auftauchen, der die Frau anonymisiert, gleichzeitig aber ihren Körper zur Betrachtung und zum umso bedenkenloseren Konsumieren darbietet. Während sich die verschleierte Tänzerin auf den Schoß des Zuschauers setzt, bleibt sie ein sexuell benutzbarer Körper ohne Persönlichkeit. Erst mit Lüften des Schleiers wird die gesichtslose Suleika zu der kompletten Frau Elfriede, die deshalb nicht zufällig eine Deutsche ist. Zu bedenken ist, dass auch bei Stripteasetänzerinnen zu dieser Zeit eine Kostümierung als Haremsdame verbreitet war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Untersuchungsgegenstand des Orientschlagers in den 1960er Jahren und legt dar, dass der Fokus auf einer Analyse von Texten und musikalischen Merkmalen fernab rein chart-orientierter Erfolgsmessung liegt.
2. Aus maurischer Wüste nach Antalya Beach - Geschichte des Orients im Schlager: Dieses Kapitel zeichnet die Tradition der Orientexotik in der deutschsprachigen Musik von der Oper bis zum modernen Schlager nach und identifiziert zwei spezifische Orientwellen in den 1960er Jahren.
3. Sieben Wochen nur Sand - Orientkennzeichen: Hier werden die musikalischen und textlichen Merkmale analysiert, die einen Schlager als „Orientschlager“ definieren, wobei die oft vage geografische Verortung und die Nutzung stereotyper Symbole im Vordergrund stehen.
4. Legionäre mit hungrigen Augen - Menschen- und Gesellschaftsbilder: Das Kapitel untersucht die tiefere, oft verschlüsselte Ebene der Schlager, insbesondere die Darstellung von Sexualität, Geschlechterrollen und kolonialistischen Machtansprüchen durch das Bild des europäischen Legionärs.
Schlüsselwörter
Orientschlager, 1960er Jahre, Schlager, Exotik, Erotik, Orientwelle, Geschlechterrollen, Kolonialismus, Fremdenlegionär, Identität, Klischees, Popkultur, Fernweh, Musikgeschichte, Gesellschaftsbilder
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die thematische und kulturelle Verarbeitung des Orients in der deutschen Schlagerproduktion der 1960er Jahre.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Darstellung von Sexualität, die Konstruktion von Geschlechterrollen und die Verwendung kolonialistischer Symbolik innerhalb des Schlagergenres.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, welche Funktionen der Orient als Projektionsfläche für das deutsche Publikum einnahm und welche gesellschaftlichen Vorstellungen durch diese Musik vermittelt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird eine inhaltsanalytische Betrachtung der Schlagertexte durchgeführt, die in Einzelfällen durch die Analyse musikalischer Merkmale und den historischen Kontext ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der Orientwellen, die Untersuchung der typischen Orient-Kennzeichen und eine tiefgehende Analyse der Menschen- und Gesellschaftsbilder.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Orientschlager, Exotik, kolonialistischer Blick, Geschlechterklischees und Erotik prägen die Analyse.
Warum wird im Kapitel 2.2 explizit auf die Regento Stars und Laila eingegangen?
Diese Interpreten und ihr Lied Laila dienen als Beispiel für die erste Orientwelle und veranschaulichen die damalige Vermarktungsstrategie und die problematische Quellenrekonstruktion der Schlager.
Welche Rolle spielt die „Wüste“ als Metapher in den untersuchten Schlagern?
Die Wüste fungiert oft als ein kontrollfreier Raum, der zur Projektion von ungezügelten Fantasien, insbesondere bezüglich Macht und sexueller Verfügbarkeit, dient.
Wie unterscheidet sich die heutige Wahrnehmung des Orients von der im Schlager der 1960er Jahre?
Während der Orient heute häufig mit religiös geprägter Sexualmoral assoziiert wird, war er im Schlager der 60er Jahre ein Ort „sinnlicher Verfeinerung“ und enthemmter, eskapistischer Wunschträume.
- Arbeit zitieren
- Dirk Kranz (Autor:in), 2010, Orientbilder in Texten deutscher Schlagerproduktionen zwischen 1960 und 1967, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172166