Vielfältigste Ursachenforschungen von Verbrechen und über Verbrecher macht die Kriminologie zu einer interessanten und offenen Wissenschaft. Sie hat nicht nur die Pflicht, auf diese Ursachen hinzuweisen, sondern auch die Verantwortung, nach alternativen Reaktionen, d. h. nach Kontroll-Maßnahmen zu fahnden und diese zu unterstützen. Strafe dient der General- und Spezialprävention, wobei gefragt werden muss, ob die angestrebten Ziele – Festigung der Normtreue, Besserung der Straftäter, Abschreckung – durch Strafe erreicht werden kann, da die Strafgesetzgebung weder Verhaltens-änderungen beachtet noch den Umgang mit Alternativen lehrt.
Der Empowerment-Ressourcenansatz ist ein grundlegend neues Konzept im Bereich alternativer kriminologischer Reaktionen. Für den Ansatz gibt es zahlreiche Betätigungsfelder: Im Strafrecht im Rahmen von spezial-präventiven Trainingsmaßnahmen oder als gerichtliche Auflage im Rahmen von Diversionsmaßnahmen. Auf der Mikro- und Makroebene eines Gesellschaftssystems eignet er sich für mannigfache Maßnahmen zur Förderung von Demokratie, Toleranz und Vielfalt im Bereich von Er-ziehung und Bildung. Er eignet sich aber auch für Bürgerinitiativen, um z. B. Elterninteressen durch-zusetzen, die sich vom Staat mit ihren Erziehungsproblemen im Stich gelassen fühlen. Dieser Ansatz kann dazu beitragen, das Gruppendenken, das uns trennt, zu überwinden und uns veranlassen, neue Wege zu gehen. Er fördert Hoffnung: die elementare personale Ressource gegen Gewalt, Hass und Vorurteile. Verbrechen – und das ist meine Hoffnung – sollte nicht dämonisiert, sondern geduldig nach Ressourcen und Fähigkeiten zur Konfliktbearbeitung gesucht werden. Rückschläge, die es zweifellos zu bewältigen gilt, werden im Wissen, dass all das schwierig und ungewiss ist, mit zunehmender Gelassen-heit und Geduld gemeistert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Allgemeines
1.1 Warum sind alternative Kontroll-Maßnahmen notwendig?
1.2 Zum Begriff „Alternative“
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Konstruktivismus
3. Der Empowerment-Ressourcenansatz für Konfliktbearbeitung
3.1 Eine Reise zu den Ressourcen
3.2 ... mit Empowerment
4. Dem Neuen eine Chance geben
4.1 Skizze eines Trainingskonzepts
5. Chancen und Risiken
Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit setzt sich kritisch mit den bestehenden Kontrollmechanismen im Jugendstrafvollzug auseinander und hinterfragt deren Effektivität. Das primäre Ziel ist es, den Empowerment-Ressourcenansatz als eine konstruktive, alternative Methode zur Konfliktbearbeitung vorzustellen, die den Fokus weg von Defiziten hin zur Aktivierung persönlicher Potenziale lenkt, um jungen Straftätern neue Perspektiven für ein straffreies Leben zu eröffnen.
- Kritik an repressiven Kontroll-Maßnahmen und Stigmatisierung im Strafvollzug
- Konstruktivismus als theoretische Basis für ressourcenorientiertes Lernen
- Der Empowerment-Prozess zur Förderung von Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit
- Praktische Implementierung eines Trainingskonzepts im Jugendstrafvollzug
- Diskussion der gesellschaftlichen Chancen und Risiken dieses Ansatzes
Auszug aus dem Buch
1.1 Warum sind alternative Kontroll-Maßnahmen notwendig?
Menschen sind zu vielem fähig – je nachdem, in welche Situationen sie geraten. Ich verwies auf die Allegorie von Kain und Abel, die Herr Berger den verdutzten Teilnehmern kurz erklärte. Welche Konflikte in problematischen Situationen entstehen können, erfahren wir durch Massenmedien: Wir erfahren von Schlägereien, Mord und Totschlag – wie im Fall Dominik Brunner, der in einer Auseinandersetzung mit zwei männlichen Jugendlichen an einer Münchner S-Bahn-Haltestellte und bei der Verteidigung von vier Kindern zu Tode gekommen ist. Schnell wurde „das Böse“ identifiziert, und die Täter wurden öffentlich angeprangert – noch bevor weitere Details über die Tat und den Tathergang bekannt waren.
Im massenmedialen Prozess werden Moral- und Wertemaßstäbe geschaffen, gesellschaftliche Unterhaltungsprozesse initiiert, die weniger der sachlichen strafprozessualen Auseinandersetzung des einzelnen Falles dienen. Der Kriminologe Stehr spricht von gesellschaftlichen Moral-Ressourcen, deren sich Massenmedien bedienen, wodurch ein Moral-Markt geschaffen wird (vgl. Stehr 1998: 9 f.) und sich „[...] eine Vielzahl moralischer Genres entwickeln, mittels derer von ihnen Normen & Werte angeboten werden“ (Stehr 1998: 11). Die so zustande kommenden Verzerrungen in der Kriminalitätswahrnehmung – also die Wahrnehmung, dass seltene und spektakuläre Fälle dominieren und unser aller Leben bedrohen – trägt dazu bei, dass bei Tätern wie im Fall Brunner hart und repressiv gehandelt wird, womöglich unter Androhung von Sicherungsverwahrung. Nun stellt sich im Verlauf des Prozesses und durch zahlreiche Vernehmungen heraus, dass offensichtlich Bezüge zum Tathergang weggelassen oder hinzugefügt wurden, dass Dominik Brunner an einem Herzstillstand starb und dass er als Erster zuschlug. Für die Staatsanwaltschaft ändert sich wenig: Der Mordvorwurf gegen die jugendlichen Schläger wird aufrechterhalten – damit die Prangeridee und die Zuschreibung des Merkmals „Mörder“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Autorin führt in die Thematik ein und erläutert ihre Motivation, den Empowerment-Ressourcenansatz als Alternative zu herkömmlichen Strafvollzugsmaßnahmen vorzustellen.
1. Allgemeines: Dieses Kapitel hinterfragt die Notwendigkeit und Wirkung repressiver Kontrollmaßnahmen im Strafrecht und definiert den Begriff der Alternative im kriminologischen Kontext.
2. Theoretische Grundlagen: Hier wird der Konstruktivismus als erkenntnistheoretisches Fundament eingeführt, das den Menschen als aktiven Gestalter seiner eigenen Wirklichkeit begreift.
3. Der Empowerment-Ressourcenansatz für Konfliktbearbeitung: Das Kapitel erläutert die Aktivierung persönlicher Kraftquellen und den Prozess der Selbstbemächtigung als wirksame Mittel zur Bewältigung von Stress und Konflikten.
4. Dem Neuen eine Chance geben: Hier wird ein konkretes Trainingskonzept skizziert, das auf Empowerment basiert und auf die Förderung sozialer Kompetenzen im Jugendstrafvollzug abzielt.
5. Chancen und Risiken: Dieses Kapitel beleuchtet kritisch das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Machtstrukturen, Ressourcenallokation und dem Potenzial sowie den Gefahren eines Empowerment-Ansatzes.
Resümee und Ausblick: Das Fazit bekräftigt die Bedeutung ressourcenorientierter Arbeit in der Kriminologie und plädiert für eine Abkehr von rein defizitorientierten Systemen.
Schlüsselwörter
Empowerment, Ressourcenansatz, Jugendstrafvollzug, Konstruktivismus, Konfliktbearbeitung, Resozialisierung, Kriminologie, Selbstbestimmung, alternative Strafen, gesellschaftliche Intervention, pädagogische Ansätze, soziale Kompetenzen, Stressbewältigung, Prävention, Strafrechtskritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die kritische Auseinandersetzung mit dem Jugendstrafvollzug und schlägt den Empowerment-Ressourcenansatz als alternatives pädagogisches Modell vor.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Kriminalsoziologie, konstruktivistische Theorien des Lernens, Empowerment-Konzepte in der Sozialarbeit und die Reform des Umgangs mit jugendlichen Straftätern.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Vorstellung eines ressourcenorientierten Trainingsansatzes, der Straftäter befähigen soll, ihre Lebenssituation aktiv und eigenverantwortlich zu gestalten, anstatt nur passiv Sanktionen zu unterliegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen diskursiven Ansatz, kombiniert mit kriminologischen und pädagogischen Theorien, und verknüpft diese mit praktischen Erfahrungen aus der Trainingsarbeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Grundlagen (Konstruktivismus) dargelegt, der Empowerment-Ansatz definiert und ein konkretes, freiwilliges Trainingskonzept für den Jugendstrafvollzug detailliert entworfen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Empowerment, Ressourcenansatz, Jugendstrafvollzug, Konstruktivismus und Resozialisierung geprägt.
Warum hält die Autorin das aktuelle Strafrecht für wenig geeignet?
Sie argumentiert, dass das Strafrecht auf defizitorientierten Sanktionen beruht, die die individuellen Fähigkeiten der Täter verkennen und somit keine tiefgreifende, nachhaltige Konfliktlösung fördern können.
Was ist das Besondere an dem vorgeschlagenen Trainingskonzept?
Es ist freiwillig, lösungs- und ressourcenorientiert und zielt darauf ab, durch einen heterogenen Austausch zwischen Insassen und Externen stigmatisierende Machtstrukturen aufzubrechen.
- Arbeit zitieren
- Dipl. Soz.Päd. Ellen M. Zitzmann (Autor:in), 2010, Warum der Empowerment-Ressourcenansatz eine Alternative ist!, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172118