„Der Text ruht in der Sprache“ , heißt es in Roland Barthes Aufsatz Vom Werk zum Text. Die folgenden Ausführungen werden diese Aussage in Zweifel ziehen, sodass der Text an einen ganz eigenen Ort verlegt werden kann. Die Frage, mit der sich diese Abhandlung beschäftigt, lautet: Was bezeichnet den Text wirklich?
Barthes würde vermutlich bereits den Gedanken an diese Fragestellung einen Rückschritt zum Signifikat nennen. Jedoch sollen bei der folgenden Analyse gerade Vorüberlegungen, wie die des Strukturalismus, zunächst außer Acht gelassen werden, um sich dem Textbegriff aus einer anderen Perspektive annähern zu können. Der zu entwickelnde Textbegriff soll sich der Naivität eines hermeneutischen Textbegriffs entziehen, sich aber nicht der Dekonstruktion verschreiben wie poststrukturalistische Theorien.
Als Ausgangspunkt sind die theoretischen Aufsätze Die Redevielfalt im Roman und Das Problem des Textes von Michail Bachtin von Nutze, da er der Hermeneutik zwar durchaus kritisch gegenüber steht, aber traditionelle Begrifflichkeiten dennoch nicht verwirft. Allerdings richtet sich das Hauptaugenmerk hier weniger auf das Verständnis von Text als auf das Wesen des Textes. Die folgenden Erörterungen sollen vor allem darüber Aufschluss geben, was ein Text ist. Während sich bei Bachtin, je nach Blickwinkel, ein engerer oder weiterer Begriff von Text ausmachen lässt , soll in der folgenden Argumentation eine möglichst prägnante Vorstellung davon erarbeitet werden, was einen Text ausmacht. Nachdem in den ersten Kapiteln die nötigen Voraussetzungen für die Entwicklung eines Textbegriffs geschaffen werden, wird im Folgeteil der Arbeit versucht, diese Erkenntnisse in einen literatur-theoretischen Ansatz einzubinden, welcher zu einer Art Vereinigung verschiedener Elemente hermeneutischer und poststrukturalistischer Thesen gelangt.
Zu diesem Zweck werden Bezüge zu verschiedenen Theorien der Textualität hergestellt, andere Ansätze integriert sowie kritisch beleuchtet. Besonders in den Blick-punkt rücken die Positionen von Roland Barthes, Karlheinz Stierle, Julia Kristeva und natürlich Michail M. Bachtin. Nach einer Begriffseinführung in den ersten Kapiteln dient Bachtins Begriff der Dialogizität als Grundlage im Hinblick auf das Konzept der Intertextualität von Julia Kristeva, um im letzten Schritt, konträr zu Roland Barthes Aufsatz Der Tod des Autors, die Wiedergeburt des Autors zu feiern [...]
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG – ÜBER DIE ENTWICKLUNG EINES TEXTBEGRIFFS
2. WAS IST EIN TEXT?
2.1. Über das Wesen des Textes
2.2. Der Text in Rede und Schrift
3. ABGRENZUNG DES TEXTBEGRIFFS
3.1. Der Textbegriff in Abgrenzung vom Handlungsbegriff
3.2. Der Textbegriff in Abgrenzung vom Werkbegriff
4. VON MICHAIL BACHTIN ZU JULIA KRISTEVA – DIALOGIZITÄT, INTERTEXTUALITÄT UND AUTORSCHAFT
5. DIE WIEDERGEBURT DES AUTORS
6. SCHLUSSWORT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, einen eigenständigen Textbegriff zu entwickeln, der sich von den dekonstruktiven Ansätzen der Poststrukturalisten abhebt und die Instanz des Autors als notwendiges Element für die literaturwissenschaftliche Hermeneutik neu legitimiert.
- Analyse des Wesens von Texten unter Einbeziehung von Sprache und Bewusstsein.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Abgrenzung von Text zu Handlung und Werk.
- Untersuchung von Dialogizität (Bachtin) und Intertextualität (Kristeva) als theoretische Grundlagen.
- Widerlegung der radikalen Depersonalisierung des Autors bei Roland Barthes.
- Begründung der Wiedergeburt des Autors durch das Prinzip der Einzigartigkeit des Textes.
Auszug aus dem Buch
2.1. ÜBER DAS WESEN DES TEXTES
Im Folgenden sollen die grundlegenden Sachverhalte dargestellt werden, die notwendig sind, um die Theorie des Textbegriffs zu entfalten. Die Theorie soll sich dem Textbegriff so allgemein wie möglich nähern. Es werden keine Beschränkungen vorgenommen, sodass sich das Modell sowohl auf schriftliche Texte, als auch auf Redetexte, genauso wie auf literarische Texte und Gebrauchstexte, anwenden lässt. Zunächst ist festzuhalten, dass der Text nicht materiell ist. Der Text ist kein Stoff mit lesbaren Zeichen und besteht auch nicht aus Formen oder Funktionen solcher Zeichen. Damit ist eine Menge von gedruckten Buchstaben auf Papier genauso wenig als Text zu bezeichnen, wie eine Folge von Wortlauten. Der Leser sieht zwar Zeichen und der Zuhörer nimmt Laute wahr, aber die Verarbeitung eines Texts unterliegt nicht den Sinnesorganen, sondern geschieht mithilfe des Verstandes. Dass Schreiben und Lesen als Verstandesprozesse anzusehen sind und sich von bloßer Wahrnehmung deutlich abgrenzen, sollte Beweis genug dafür sein, dass Texte unmöglich nur aus sprachlichen Zeichen bestehen.
Die Textproduktion respektive Textrezeption kann als Prozess symbolischer Übersetzung verstanden werden. Kompetente Sprecher einer Sprache erkennen Schriftzeichen oder Laute als Symbole und sind in der Lage diese in Beziehung zu einander zu setzen. Die Sprache bietet zwar die Möglichkeit zum Ausdruck des Texts, ist aber dennoch als objektivierendes Hilfsmittel zu begreifen, welches zwar alle Elemente eines jeden Texts enthält, aber ohne das Subjekt bedeutungslos bleibt. Der Inhalt des Textes besteht demnach aus dem, was der Text bedeuten kann. Jedoch kann ein und derselbe Wortlaut mannigfaltige Bedeutungen tragen. Der Text an sich hat keine bestimmte Bedeutung, sondern er beinhaltet alle Möglichkeiten von Bedeutung eines Wortlautes oder einer Satzfolge.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG – ÜBER DIE ENTWICKLUNG EINES TEXTBEGRIFFS: Einführung in die Problematik des modernen Textverständnisses und Darlegung des Vorhabens, einen Textbegriff zu entwickeln, der Hermeneutik und poststrukturalistische Ansätze verbindet.
2. WAS IST EIN TEXT?: Untersuchung der nicht-materiellen Beschaffenheit von Texten als mentale Prozesse und Abgrenzung gegenüber rein linguistischen Definitionen.
3. ABGRENZUNG DES TEXTBEGRIFFS: Differenzierung des Textbegriffs von Handlungs- und Werkbegriffen, um die Spezifik von Textualität gegenüber Sprechhandlungen und materiellen Artefakten herauszuarbeiten.
4. VON MICHAIL BACHTIN ZU JULIA KRISTEVA – DIALOGIZITÄT, INTERTEXTUALITÄT UND AUTORSCHAFT: Theoretische Herleitung der Textualität durch Bachtins Dialogizität und Kristevas Intertextualität, unter kritischer Beleuchtung derer Auswirkungen auf das Autorsubjekt.
5. DIE WIEDERGEBURT DES AUTORS: Kernkapitel der Arbeit, in dem die Einzigartigkeit des Textes genutzt wird, um die poststrukturalistische Autor-Elimination zu überwinden und den Autor neu zu legitimieren.
6. SCHLUSSWORT: Fazit der theoretischen Untersuchung, welches die Vorteile des entwickelten Textbegriffs gegenüber radikal dekonstruktiven Theorien zusammenfasst.
Schlüsselwörter
Textbegriff, Hermeneutik, Poststrukturalismus, Autorschaft, Wiedergeburt des Autors, Dialogizität, Intertextualität, Sprachlichkeit, Werkbegriff, Handlungstheorie, Sinnkonstitution, Textrezeption, Einzigartigkeit, Bedeutungsvielfalt, Subjektivität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wesen von Texten und versucht, einen Textbegriff zu definieren, der eine Brücke zwischen hermeneutischer Methodik und poststrukturalistischen Theorien schlägt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Abgrenzung von Texten gegenüber Handlungen und materiellen Werken sowie die Auseinandersetzung mit der Autorfunktion im literarischen Diskurs.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist die Legitimation des Autors in der Textanalyse, um so der vollständigen Depersonalisierung durch den Poststrukturalismus entgegenzuwirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie verschiedene literaturtheoretische Ansätze (Barthes, Bachtin, Kristeva, Stierle) kritisch vergleicht und synthetisiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Textbegriff definiert, von anderen Konzepten abgegrenzt und die Theorien zur Dialogizität und Intertextualität auf ihre Konsequenzen für die Autorschaft hin überprüft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Textbegriff, Wiedergeburt des Autors, Intertextualität, Dialogizität, Hermeneutik und Poststrukturalismus.
Wie verhält sich der Text zum Werkbegriff?
Der Autor unterscheidet strikt zwischen der materiellen Dimension des Werks (das physische Objekt) und dem Text, der als immaterielle, einzigartige Struktur begriffen wird.
Inwiefern unterscheidet sich dieser Ansatz von Roland Barthes?
Während Barthes den "Tod des Autors" postuliert, um den Text von Intentionalität zu befreien, argumentiert diese Arbeit, dass die Einzigartigkeit des Textes eine Rückbindung an das schreibende Subjekt zwingend erforderlich macht.
- Arbeit zitieren
- Tim Schulze (Autor:in), 2010, Versuch der Entwicklung eines Textbegriffs, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/171651