Der Aufsatz entwickelt im Anschluss an Roland Posner eine semiotische Theorie des Erinnerns. Er wendet sich gegen ein archivisches Gedächtnismodell und schlägt vor, Erinnerungen nicht als gespeicherte Inhalte, sondern als Zeichenprozesse zu verstehen. Die leitende These lautet, dass Erinnerungen semiotisch wie Gerüchte über die eigene Vergangenheit funktionieren. Sie werden nicht einfach reproduziert, sondern in zeitlich gestreckten Selbstkommunikationsketten transformiert, verdichtet und stabilisiert. Auf dieser Grundlage zeigt der Beitrag, dass Erinnerungen durch Mechanismen wie Reduktion, Akzentuierung und Assimilation geprägt sind und ihre relative Stabilität gerade durch wiederholte Umformung gewinnen. So erscheint Erinnerung als kulturell kodierter Zeichenprozess, in dem Vergangenheit, Identität und Selbstdeutung ineinandergreifen.
This paper develops a semiotic theory of memory in dialogue with Roland Posner. It rejects an archival model of memory and argues that memories should be understood not as stored contents but as sign processes. Its central thesis is that memories function semiotically like rumors about one’s own past: they are not simply reproduced, but transformed, condensed, and stabilized within temporally extended chains of self-communication. On this basis, the paper shows that memories are shaped by mechanisms such as reduction, accentuation, and assimilation, and that their relative stability emerges precisely through repeated transformation. Memory thus appears as a culturally coded sign process in which past, identity, and self-interpretation become intertwined.
Dieser Aufsatz versteht sich zugleich als Würdigung des Werkes von Roland Posner. Seine Arbeiten haben die moderne Semiotik in herausragender Weise geprägt und bilden die entscheidende theoretische Grundlage der vorliegenden Überlegungen. Roland Posner war und ist nach wie vor einer der bedeutendsten Semiotiker weltweit. Mit dem vorliegenden Beitrag soll daher nicht zuletzt die anhaltende Aktualität, Reichweite und Produktivität seines Denkens geehrt werden.
- Arbeit zitieren
- Christian Trautsch (Autor:in), 2026, Erinnerungen als Gerüchte über die eigene Vergangenheit. Eine semiotische Rekonstruktion des Erinnerns im Anschluss an Roland Posner, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1716206