Elisabeth I. war unter den Herrscherinnen und Herrschern Englands zweifellos die bedeutendste. Ihre politische Leistung ist um so bemerkenswerter, als ihr der Herrschaftsanspruch während ihrer gesamten Regierungszeit streitig gemacht wurde, weil sie nicht nur ein "Bastard", sondern obendrein noch eine Frau war.
„Ein weiblicher Monarch stellte im England des 16. Jahrhunderts eine Erscheinung dar, die von weiten Teilen der Gesellschaft als Anomalie aufgefasst wurde. Da sowohl der Kult und Mythos des Königtums als auch der dazugehörige Hof und Regierungsapparat männlich dominiert waren, hatte eine in diese Sphäre einbrechende Frau mit verschiedenen geschlechtsspezifischen Problemen zu kämpfen, nicht nur in der Machtausübung, sondern auch bei der Repräsentation und Inszenierung ihrer Autorität und Herrschaft.“
Außerdem bestärkte Marys I. schlechte, von Gewalt und religiösen Wirren durchdrungene Regierung die zeitgenössischen Vorurteile gegen eine weibliche Herrscherin.
Hinzu kam, dass die Herrschaftslegitimation Elisabeths bereits vor ihrer Thronbesteigung von ihren Gegnern in Zweifel gezogen wurde und ihre Thronfolge auch nach englischem Recht nicht eindeutig legal war. Zwar hatte Heinrich Elisabeth 1543 endlich in seinem Thronfolgegesetz nach Eduard und Mary als Nachfolgerin bestimmt, doch existierten immer noch zwei Gesetze, die Elisabeth zum Bastard erklärten und sie somit von der Thronfolge ausschlossen.
Bereits in den ersten Tagen ihrer Regierung sah sich Elisabeth einer Fülle von Problemen gegenüber. Von besonderer Dringlichkeit war die Beschäftigung mit der außenpolitischen Situation, die Mary hinterlassen hatte. Denn zum Zeitpunkt ihres Todes stand England noch an
der Seite Spaniens im Krieg gegen Frankreich. In den beginnenden Friedensverhandlungen musste Elisabeth zum ersten Mal die englischen Interessen vertreten und das möglichst Beste für ihr Land erzielen. Auch die dauerhafte Regelung der Religionsfrage war bei Elisabeths Herrschaftsantritt von enormer Wichtigkeit, da durch Heinrichs VIII. Bruch mit Rom, Eduards VI. Reformierungsversuchen und Marys I. Rekatholisierungspolitik zum Katholizismus die englische Nation in Glaubensfragen gespalten war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Elisabeths problematischer Weg zum Thron und ihr schweres Erbe bei Regierungsantritt
2.1. Legitimationsfrage
2.2. Vorurteile gegen weibliche Herrschaft
2.3. England, der religiöse Unruheherd
2.4. Innen- und außenpolitisch problematische Lage bei Regierungsantritt
3. Entwicklung des Mythos um Elisabeth I.
3.1. Geschickte Selbstinszenierung
3.2. Die Royal Entry als erste Propagandamaßnahme
3.3. Darstellung als Sternenkönigin Astraea
3.4. Elisabeth, die von Gott erwählte Ausnahme
3.5. Gloriana, die Feenkönigin
3.6. Englands `Virgin Queen´
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, wie Elisabeth I. trotz widriger Startbedingungen, dynastischer Unsicherheiten und des damals vorherrschenden Frauenbildes ihre Macht stabilisieren und legitimieren konnte. Der Fokus liegt dabei auf der Analyse der gezielten Selbstinszenierung der Königin und der strategischen Entwicklung eines herrschaftsstabilisierenden Mythos.
- Legitimation weiblicher Herrschaft in einer männlich dominierten Gesellschaft
- Umgang mit religiösen Spannungen und der Nationsbildung
- Die Bedeutung von Propaganda, Symbolik und öffentlicher Repräsentation
- Strategien zur Machtbehauptung und Ehelosigkeit (Virgin Queen)
- Die Instrumentalisierung von Kunst und Literatur zur Festigung des Herrscherkults
Auszug aus dem Buch
3.1. Geschickte Selbstinszenierung
Die englische Geschichte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gilt gemeinhin als das „Goldene Zeitalter“, in dem die Künste in einer Zeit des Friedens und wirtschaftlichen Aufschwungs blühten. Der Glanz dieser Epoche verdichtet sich in einem Namen: Elisabeth I. Möglicherweise lässt sich die Strahlkraft der Person Elisabeths unter anderem damit erklären, dass sie sich als Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft zu behaupten wusste. Die Regentin verstand es, trotz religiöser und sozialer Spannungen ihre Herrschaft nachhaltig zu stabilisieren und der anglikanischen Kirche Gestalt zu verleihen. Sie hat durch ihre am Wohl des Volkes orientierte Politik des Ausgleichs und der Konsolidierung die Einheit ihres Staates und ihres Volkes gestärkt.
Zunächst musste Elisabeth jedoch die souveräne Macht erhalten wie sie auch einem männlichen Monarchen zugestanden hätte. Um dies in die Tat umzusetzen „mussten sie und ihr Regierungsapparat den Status des Königtums soweit verändern, dass er sich ohne große Widersprüche auch mit dem weiblichen Geschlecht vereinen ließ oder sie mussten den `Königsmythos’ hinsichtlich seiner Fixiertheit auf den männlichen Herrscher (...) umformen und in eine Sphäre transformieren, in der die Dominanz einer Frau über Männer akzeptabler oder sogar natürlich erschien. Im Falle Elisabeths geschah dies durch die auf wechselseitiger Rezeption der erwünschten, propagierten und `gelebten´ Inszenierung von Herrschaft beruhende Ausformung eines Kultes der `jungfräulichen Königin´.(...) Elisabeth präsentierte sich den Untertanen in ihren Herrschaftsinszenierungen als Mann und Frau zugleich, als Königin und König und als `Mutter der Nation´ ebenso wie als erstgeborener Sohn.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die schwierige Ausgangslage der Regentin, die aufgrund ihres Geschlechts und der Legitimationsprobleme mit Vorurteilen und religiösen Wirren zu kämpfen hatte.
2. Elisabeths problematischer Weg zum Thron und ihr schweres Erbe bei Regierungsantritt: Dieses Kapitel analysiert die innen- und außenpolitischen Herausforderungen, wie die Legitimationsfrage, wirtschaftliche Krisen und das religiös gespaltene England, die Elisabeth beim Amtsantritt vorfand.
3. Entwicklung des Mythos um Elisabeth I.: Hier wird untersucht, wie Elisabeth durch geschickte Selbstinszenierung, den Aufbau von Symbolfiguren wie Astraea oder Gloriana und die Kontrolle der öffentlichen Darstellung ihre Herrschaft festigte.
4. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass die bewusste Mythologisierung ein essentielles Mittel der Selbsterhaltung und Legitimierung einer weiblichen Monarchin in einer patriarchalischen Gesellschaftsstruktur war.
Schlüsselwörter
Elisabeth I., England, Tudor, Mythos, Herrschaft, Selbstinszenierung, Virgin Queen, Legitimation, Reformation, Symbolik, Propaganda, Gynäkokratie, Astraea, Gloriana, Monarchie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Regierungszeit von Elisabeth I. und untersucht, wie sie ihre Position als Frau in einem von Männern dominierten System durch strategische Selbststilisierung erfolgreich behaupten konnte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Legitimation weiblicher Herrschaft, der Umgang mit religiösen Konflikten in der Reformationszeit sowie die Entwicklung eines königlichen Mythos als Mittel der politischen Propaganda.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Elisabeth I. durch eine geschickte Inszenierung als "Virgin Queen" und "Gloriana" die gesellschaftlichen Vorurteile überwand und die notwendige Akzeptanz bei ihrem Volk sowie den politischen Eliten erreichte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf der Auswertung zeitgenössischer Quellen und der fachwissenschaftlichen Forschungsliteratur zur Ära der Tudors basiert.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Darstellung der problematischen Thronfolge, die religiösen Herausforderungen durch den Protestantismus und die detaillierte Analyse der Inszenierungsmethoden der Königin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Elisabeth I., Mythos, Selbstinszenierung, Legitimation, Virgin Queen und Herrschaftspraxis.
Welche Rolle spielte die "Royal Entry" für das Image der Königin?
Sie diente als erste große Propagandamaßnahme, um die Legitimität ihrer Thronbesteigung durch allegorische Darstellungen und die Betonung ihrer familiären Wurzeln öffentlich zu untermauern.
Warum war die Selbstinszenierung als "Virgin Queen" politisch so effektiv?
Diese Inszenierung ermöglichte es ihr, sich den Rollenerwartungen einer Ehefrau zu entziehen, die volle Macht in ihrer Hand zu behalten und die Nation symbolisch als ihren "Ehemann" zu verehren.
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- Alexandra Orth (Author), 2006, Elisabeth I. - Mythos einer Herrscherin, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/171580