Gegenstand dieser Hausarbeit ist es, die Gattungsbezeichnung Komödie, welche für das Hofmeisterdrama gewählt wurde, zu durchleuchten. Hierbei wird die viel diskutierte Frage in den Fokus der Betrachtung gestellt, ob es im Hinblick auf den besonderen Formtypus des Werks rechtens ist, ihr allein die Bezeichnung Komödie zuteilwerden zu lassen. Könnte man dem Hofmeisterdrama nicht auch die Gattung der Tragikomödie oder des bürgerlichen Trauerspiels zuschreiben?
„Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Eine Komödie“ ist das erste große Drama des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz.
Aufgrund der Besonderheit seiner inhaltlichen Merkmale wie der mehrsträngigen, durch Zeit- und Raumsprünge zerrissenen Handlung, der gebrochenen Charaktere sowie des vielschichtigen Problemgehalts übt dieses Drama bis heute eine ungeheure Faszination und Diskussionsfreude aus.
Bereits die Gattungsbezeichnung Komödie im Untertitel erweckt gravierende Meinungsverschiedenheiten im Kreise der Interpreten sowie eine Distanz zur Sichtweise von Lenz.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Gattungstypen Komödie, Tragödie, bürgerliches Trauerspiel
2.1 Definition und Merkmale der Gattung Komödie
2.1.1 Definition der Komödie
2.1.2 Merkmale bzw. Besonderheiten der Komödie bei Lenz
2.2 Definition und Merkmale der Gattung Tragikomödie
2.2.1 Definition der Tragikomödie
2.2.2 Merkmale bzw. Besonderheiten der Tragikomödie bei Lenz
2.3 Definition und Merkmale der Gattung bürgerliches Trauerspiel
2.3.1 Definition des bürgerlichen Trauerspiels
2.3.2 Merkmale bzw. Besonderheiten des bürgerlichen Trauerspiels bei Lenz
3. Analyse des Textinhalts im Hinblick auf die gattungsmäßige Bestimmtheit
3.1 Gattungsmäßige Bestimmtheit des Textinhalts unter Berücksichtigung der drei Typen Komödie, Tragikomödie und bürgerliches Trauerspiel
4. Fazit
5. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattungsbezeichnung des Dramas "Der Hofmeister" von Jakob Michael Reinhold Lenz und analysiert, inwiefern die Selbstbezeichnung als Komödie vor dem Hintergrund der komplexen inhaltlichen Struktur und der vermischten dramatischen Formtypen als gerechtfertigt betrachtet werden kann.
- Analyse der gattungstheoretischen Merkmale von Komödie, Tragikomödie und bürgerlichem Trauerspiel.
- Untersuchung der spezifischen Ausprägung dieser Gattungstypen im Werk von J.M.R. Lenz.
- Kritische Auseinandersetzung mit der literaturwissenschaftlichen Debatte zur Gattungszuordnung des Hofmeisterdramas.
- Analyse der wechselseitigen Durchdringung von komischen und tragischen Elementen in der Handlung und Charakterzeichnung.
- Reflexion über die historische Einordnung der dramatischen Form im 18. Jahrhundert.
Auszug aus dem Buch
3.1 Gattungsmäßige Bestimmtheit des Textinhalts unter Berücksichtigung der drei Typen Komödie, Tragikomödie und bürgerliches Trauerspiel
Zunächst ist es unumgänglich, die Handlung des Stückes selber in Betracht zu ziehen. Hierbei wird schnell deutlich, dass der zentrale Aspekt in diesem Drama die Situation des Hofmeisters Läuffer ist. Dieser verkörpert die Hauptperson. Er stellt zwar in dem Drama eine handelnde, aktive Figur dar, gerät allerdings im Laufe seines Werdegangs von einer tragischen Lage in die nächste.
Zunächst verführt er Gustchen, die Tochter des Majors, welche daraufhin ein Kind von ihm erwartet. Folglich verliert er seine Arbeitsstelle als Hofmeister und sucht Zuflucht beim Schulmeister, durch dessen Einfluss sich Läuffers Lage bessert. Ein erneuter Wendepunkt hinsichtlich der Situation Läuffers ergibt sich, als er einige Zeit später zufällig Gustchens Kind sieht, in ihm seine Gesichtszüge erkennt und sich daraufhin seiner Vaterschaft bewusst wird. Diese Erkenntnis stürzt ihn sogleich wieder in tiefe Verzweiflung. Er verliert erneut wichtige Aspekte seiner Selbstständigkeit und will Teile seines Selbst loswerden, was in eine Kastration resultiert. Alle Akte des Dramas sind durch die Begebenheiten des Läuffers motiviert: Dessen demütigende Lage gleich zu Beginn des Stücks, gegen die er nichts unternehmen kann, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk und führt zu den Hauptereignissen im Drama. Die tragische Gesamtsituation Läuffers wird uns von Lenz in anschaulicher Weise dargestellt und kann ohne Zweifel der Gattung des bürgerlichen Trauerspiels zugeordnet werden.
Mit der Hauptfigur Läuffer hat Lenz eine Person geschaffen, mit welcher sich der Leser bzw. das Publikum ohne weiteres identifizieren kann. Durch seine Schicksalsschläge, welche er als Hofmeister in diesem Stück erleiden muss, kommt beim Leser das Mitleidkonzept zum Tragen. Man fühlt mit dem Protagonisten und setzt sich aufgrund der aufgezeigten Konsequenzen zum Ziel, niemals in eine derartige Lage zu geraten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Dramas "Der Hofmeister" und Problemstellung hinsichtlich der umstrittenen Gattungsbezeichnung durch den Autor und die Rezeption.
2. Die Gattungstypen Komödie, Tragödie, bürgerliches Trauerspiel: Theoretische Herleitung und Definition der relevanten Dramengattungen unter besonderer Berücksichtigung der spezifischen Merkmale bei Lenz.
3. Analyse des Textinhalts im Hinblick auf die gattungsmäßige Bestimmtheit: Untersuchung der Textstruktur des Hofmeisters auf komische, tragische und bürgerlich-trauerspieltypische Elemente zur Überprüfung der Gattungszuordnung.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, die das Drama als intermediären Dramentypus einstuft und die Bezeichnung als Komödie als historisch bedingte, aber inhaltlich nur teilweise zutreffende Titulierung identifiziert.
5. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der für die Arbeit herangezogenen wissenschaftlichen Literatur und Quellen.
Schlüsselwörter
Der Hofmeister, J.M.R. Lenz, Gattungstheorie, Komödie, Tragikomödie, bürgerliches Trauerspiel, Sturm und Drang, Dramenanalyse, Gattungsbezeichnung, Läuffer, Mitleidkonzept, Literaturwissenschaft, 18. Jahrhundert, Formtypus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Gattungsfrage des Dramas "Der Hofmeister" von Jakob Michael Reinhold Lenz, das vom Autor selbst als Komödie bezeichnet wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition der Gattungen Komödie, Tragikomödie und bürgerliches Trauerspiel sowie deren Anwendung auf das konkrete Werk.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob die Gattungsbezeichnung "Komödie" für das Hofmeisterdrama angesichts der komplexen inhaltlichen Mischform wissenschaftlich haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, bei der theoretische Gattungsdefinitionen auf den tatsächlichen Textinhalt und die Handlungsstruktur des Stückes angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Gattungsbegriffe und eine anschließende detaillierte Inhaltsanalyse des Dramas unter diesen Gesichtspunkten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Gattungstypus, synthetische Züge, tragikomischer Gesamteindruck und die historische Einordnung in den Sturm und Drang.
Warum wird der Protagonist Läuffer als tragische Figur eingestuft?
Läuffer durchlebt eine stetige Abwärtsspirale aus sozialen Erniedrigungen und persönlichem Versagen, die in einer tiefen inneren Zerrissenheit und einer extremen Verzweiflungstat gipfelt.
Welche Rolle spielen die komischen Elemente in diesem Stück?
Die komischen Elemente, oft durch karikaturhafte Figuren dargestellt, dienen bei Lenz dazu, den Gesamtzustand einer verkehrten Gesellschaft aufzuzeigen und das Tragische des Protagonisten zu konturieren.
- Arbeit zitieren
- Katrin Bogner (Autor:in), 2007, "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Lenz. Komödie, Tragödie oder bürgerliches Trauerspiel?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/171493