‚Sich erinnern’ – das ist eine Gedächtnisleistung, die täglich von Menschen in Anspruch genommen wird. Hinterfragt wird dieser Vorgang jedoch nicht. Er wird ganz selbstverständlich vollzogen und geschieht meist unbewusst. Unsere Erinnerungen resultieren aus unseren eigenen individuellen Erfahrungen. Wir können aber auch andere Menschen daran teilhaben lassen, indem wir ihnen davon berichten.
Diesen Punkt greifen ‚Medien’ auf. Mit ihrem Aufkommen veränderten sie die Erinnerungskultur, denn sie brachten eine neue Möglichkeit hervor, an Vergangenes zu erinnern, Erinnerungen zu speichern und weiter zu vermitteln.
Mit einer besonderen medialen Möglichkeit beschäftige ich mich in der folgenden Hausarbeit: Erinnerungsvermittlung durch den Film. Es gibt viele Beispiele für Filme, die diese Funktion übernehmen. Vergangene Ereignisse bieten oft gerade wegen ihrer Bekanntheit besonders viel Anreiz, sie filmisch zu verarbeiten und dar zu stellen.
Die Zeit, in der die heutige Bundesrepublik Deutschland zweigeteilt war, war eine besondere Phase der deutschen Geschichte.
Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) war aus der sowjetischen Besatzungszone Berlins hervorgegangen. Dieses Gebiet grenzte sich als „Ost-Berlin“ von dem amerikanischen, französischen und auch britischen Sektor, die zusammen „West-Berlin“ ausmachten, ab. 1961 wurde hierfür die Berliner Mauer gebaut.
Auch heute ist diese Zeit der Teilung noch jedem geläufig und die Erinnerungen sind noch stark vorhanden. Zumindest bei denen, die vor dem Mauerfall 1989 Bürger der DDR waren. Für Andere ist es oft kaum vorstellbar, in welchen einfachen Verhältnissen die Menschen hinter der Mauer gelebt haben.
Die Phase der Teilung bietet genügend Stoff für filmische Verarbeitungen. Unter anderem hat sich der Theaterregisseur Leander Haußmann an die Thematik gewagt. Zusammen mit Co-Autor Thomas Brussig hat er den Film „Sonnenallee“ geschaffen und damit sein Kinodebüt gefeiert.
In meiner Hausarbeit setze ich mich mit Haußmanns Film auseinander. Er stellt das Leben zur Zeit der Teilung im östlichen Teil Berlins humoristisch dar und erzählt die Geschichte des jugendlichen Michaels.
Ich werde ihn hinsichtlich seiner Erinnerungsfunktion untersuchen und möchte herausstellen, welche Bedeutung er für diese einnimmt. Hierfür untersuche ich, was der Film für Erinnerungen visualisiert und in welcher Art und Weise er da macht. Anhand dieser Analyse werde ich die Bedeutung des Films bewerten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Materialbasis und methodische Vorgehensweise
3. Das Gedächtnis
3.1 Die DDR in der Erinnerung der Deutschen
3.2 Medien und Gedächtnis
4. „Sonnenallee“
4.1 Inhalt
4.2 Transport von Erinnerungen
4.3 Szenenauswahl – Visualisierung von Erinnerungen
5. Das Medium Film und das kollektive Gedächtnis
5.1 Die Bedeutung von „Sonnenallee“
5.2 „Sonnenallee“ im Vergleich
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung des Films „Sonnenallee“ für die deutsche Erinnerungskultur, insbesondere im Hinblick darauf, wie der Film als Medium Alltagsgeschichte und Erinnerungen an die DDR-Zeit für nachfolgende Generationen vermittelt und visualisiert.
- Grundlagen des menschlichen und kollektiven Gedächtnisses
- Die Rolle der Medien bei der Konstruktion und Übermittlung von Erinnerungen
- Analyse des Spielfilms „Sonnenallee“ als humoristische Auseinandersetzung mit dem DDR-Alltag
- Filmische Visualisierung von Erinnerungen anhand konkreter Szenenbeispiele
- Vergleichende Betrachtung mit anderen DDR-Filmen und dem Genre der „Ostalgie“
Auszug aus dem Buch
1. Szene: Die Grenzkontrolle
In einer Szene zu Beginn des Films wird Onkel Heinz vorgestellt. Er wird am Grenzübergang gezeigt, denn er kommt aus dem Westen und schmuggelt bei seinen Besuchen immer Sachen über die Grenze, die absolut legal sind. Um über die Grenze zu gelangen, muss man sich einer Grenzkontrolle unterziehen. In dieser Szene steh Onkel Heinz an einem grauen Kontrollhäuschen. Hinter ihm befindet sich noch eine Reihe weiterer Menschen, die in den Osten wollen. Hier werden der Pass, Taschen und Koffer kontrolliert; so auch der Koffer von Onkel Heinz. Der Grenzbeamte öffnet ein Fenster von dem etwas höher gelegenen Büro des Kontrollhäuschens, zu dem Onkel Heinz hinaufguckt. Das Öffnen des Fensters wird aus der Froschperspektive gezeigt, um den Zuschauer die Sicht von Onkel Heinz und damit die Macht der Behörden zu verdeutlichen. Der Grenzbeamte findet eine Litschi in seinem Koffer, die in der DDR verboten ist. Die Unterhaltung zwischen Onkel Heinz und dem Beamten wird von einem etwas erhöhten Standpunkt aus gefilmt, was den Eindruck vermittelt, dass die normalen Bürger unterlegen sind.
Der Beamte beißt in die Litschi und erzählt Onkel Heinz, dass der Verkauf von Litschis ein Betrug ist, da sie viel zu teuer sind. Er holt einen Apfel hervor und erklärt ihm, dass das Ost-Obst viel besser und größer ist. Genüsslich beißt er hinein. Ein Schnitt auf Onkel Heinz zeigt ihn aus der Vogelperspektive. Nach der Kontrolle bekommt er seinen Koffer wieder. Er wurde nicht zu gemacht, fällt und öffnet sich dabei. In einer Totalen wird Onkel Heinz am Boden gezeigt, wie er die Sachen aufräumt. Dabei sieht man nur die Beine der Grenzbeamten, die ihn auffordern, für den Nächsten Platz zu machen, ohne ihm zu helfen.
Insgesamt zeigt die Szenerie, wie sehr die Regierung darauf geachtet hat, dass keine Produkte aus dem konsumorientierten Westen in die DDR gelangten. Außerdem wird deutlich, dass die Grenzbeamten eine höhere Macht waren und die Kontrollen sehr streng und ohne Respekt vor Privatsphäre durchgeführt wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Erinnerungskultur und die Rolle von Medien bei der Vermittlung von Geschichte ein und benennt den Film „Sonnenallee“ als Analyseobjekt.
2. Materialbasis und methodische Vorgehensweise: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Aufbau der Arbeit sowie die Quellen und methodischen Schritte zur Untersuchung des Erinnerungsgehalts des Films.
3. Das Gedächtnis: Hier werden neurophysiologische und soziologische Grundlagen des Gedächtnisses sowie die besondere Bedeutung der DDR-Teilung für das kollektive Gedächtnis der Deutschen dargelegt.
4. „Sonnenallee“: Das Kapitel stellt den Film inhaltlich vor, analysiert den Transport von Erinnerungen und untersucht beispielhafte Szenen hinsichtlich ihrer filmischen Gestaltung.
5. Das Medium Film und das kollektive Gedächtnis: Dieser Abschnitt bewertet die Bedeutung des Kinos für die Erinnerungskultur und vergleicht „Sonnenallee“ mit anderen filmischen Auseinandersetzungen über die DDR.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Relevanz des Films als Medium zur Veranschaulichung des DDR-Alltags für nachfolgende Generationen.
Schlüsselwörter
Sonnenallee, DDR, Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, Medien, Film, Ostalgie, Leander Haußmann, Grenzerfahrung, Identitätsbewusstsein, Alltagsgeschichte, Generationsgedächtnis, Kommunikation, Visualisierung, Teilung Deutschlands.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie der Film „Sonnenallee“ von Leander Haußmann dazu beiträgt, Erinnerungen an den DDR-Alltag zu vermitteln und welche Bedeutung dem Medium Film innerhalb der deutschen Erinnerungskultur zukommt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen des Gedächtnisses, die mediale Konstruktion von Vergangenheit, die filmische Aufarbeitung der deutschen Teilung und die Bedeutung von „Ostalgie“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, welche Funktion der Film „Sonnenallee“ als Erinnerungsträger einnimmt und wie er das Bild des DDR-Alltags für heutige und zukünftige Generationen prägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine filmwissenschaftliche und kulturtheoretische Analyse, wobei sie Fachtexte zum Thema Gedächtnis mit der inhaltlichen und szenischen Auswertung des Films sowie dessen Vergleich zu anderen DDR-Filmen kombiniert.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Konzepte von Aleida Assmann zum Gedächtnis, die inhaltliche Zusammenfassung von „Sonnenallee“ und die detaillierte Analyse spezifischer Szenen, wie etwa die Grenzkontrolle oder die Anschaffung eines Telefons.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie DDR-Alltag, Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, Filmmedialität und Ostalgie zusammenfassen.
Warum wird im Film die Szene mit der Grenzkontrolle als besonders signifikant dargestellt?
Die Szene verdeutlicht durch filmische Mittel wie Perspektivwechsel (Frosch- und Vogelperspektive) die Machtasymmetrie zwischen Staatsorganen und Bürgern sowie die Absurdität der staatlichen Restriktionen bei Konsumgütern.
Wie unterscheidet die Autorin „Sonnenallee“ von Filmen wie „Das Leben der Anderen“?
Während „Sonnenallee“ eine komödiantische, jugendzentrierte Perspektive auf das Leben in der DDR einnimmt, wird „Das Leben der Anderen“ als ein ernster Film über die Mechanismen des Überwachungsstaates und der Stasi-Repression eingeordnet.
- Arbeit zitieren
- Sandra Garthaus (Autor:in), 2007, Sonnenallee - Die Bedeutung des Films für die Erinnerungskultur, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/171315