Gegenstand der vorliegenden Arbeit soll eine kritische Analyse des Incurred-Loss-Model und des Expected-Loss-Model sowie dessen praktische Implikationen sein. Phase I Classification and Measurement sowie Phase III Hedge Accounting des Replacement-Projektes werden zwar eingangs kurz beleuchtet, allerdings nicht im Detail beschrieben, da sich die Arbeit voll umfänglich der Phase II Amortised Cost and Impairment widmet.
Während die Untersuchung des aktuellen Incurred-Loss-Model gemäß IAS 39 sowie die angeführten Unzulänglichkeiten dieses gegenwärtig vorherrschenden Modells nur als Einführung und als Basis für weitere Abhandlungen gedacht sind, wird der Fokus der Arbeit auf dem Expected-Loss-Model liegen. Hauptziel ist es, die Entwicklungsschritte des Expected-Loss-Model von der Veröffentlichung des ED/2009/12 „Financial Instruments: Amortised Cost and Impairment“ im November 2009 bis hin zum Diskussionstand des IASB im Dezember 2010 aufzuzeigen und einen strukturierten Überblick über die damit einhergehenden Varianten und Modifikationen eines Expected-Loss-Model zu geben. Ein Teilziel der Arbeit ist somit auch die Erläuterung der Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden des Expected-Loss-Model gemäß ED/2009/12 sowie des Expected-Loss-Model mit Stand Dezember 2010. Praktische Beispiele sollen die Unterschiede veranschaulichen und klar exemplifizieren.
Als weiteres Teilziel kann die Darlegung alternativer Modelle zur Bewertung von Kreditrisiken gesehen werden, deren Vor- und Nachteile sowie Implikationen aufgegriffen und mit Hilfe von aktueller wissenschaftlicher Literatur diskutiert werden.
Obwohl der Fokus der Arbeit auf der Behandlung von Wertberichtigungen im Rahmen der internationalen Rechnungslegung liegt, werden einige Aspekte im Hinblick auf die Thematik der Wertminderung gemäß österreichischem sowie US-amerikanischem Recht geschildert werden. Nicht behandelt wird diese Materie in Bezug auf das deutsche Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz.
Die vorliegende Arbeit bezieht sämtliche Änderungen der Rechtslage bis zum 01. Dezember 2010 ein. Falls nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet, ist mit Expected-Loss-Model das Modell des Standardsetter IASB gemeint.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Zielsetzung
1.3. Methodik
1.4. Aufbau der Arbeit
2. Einführung von IFRS 9 – Ersetzung von IAS 39
2.1. Phase I – Classification and Measurement
2.2. Phase II – Amortised Cost and Impairment
2.3. Phase III – Hedge Accounting
3. Aktuelles Incurred-Loss-Model des IAS 39
3.1. Zugangsbewertung
3.2. Folgebewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten
3.2.2. Wertminderung und Uneinbringlichkeit
3.2.2.2. Unwinding
3.2.2.3. Ermittlung der Wertberichtigung
3.3. Ausweis
3.4. Anhangangaben
3.5. Kritik am Incurred-Loss-Model
4. Entwicklung des Expected-Loss-Model
4.1. An der Entwicklung des Expected-Loss-Model beteiligte Gremien
4.2. Fortschritte in der Entwicklung des Expected-Loss-Model
4.2.1. Exposure Draft: Amortised Cost and Impairment
4.2.2. Diskussionen des IASB
4.2.2.1. Outlook period for expected losses
4.2.2.2. Conditions to consider when calculating expected losses
4.2.2.3. Allocation of the initial expected loss estimate
4.2.2.4. Allocation of subsequent changes to the expected loss estimate
4.2.2.5. Exkurs: „good book-bad book-approach“
4.2.2.6. Floor for the measurement of the expected loss
4.3. Das Expected-Loss-Model des IASB mit Stand Dezember 2010
4.3.1. Zugangsbewertung
4.3.2. Folgebewertung
4.3.2.1. Schätzung der erwarteten Cashflows
4.3.2.2. Effektivzinsmethode
4.3.2.3. Vereinfachte Methoden
4.3.3. Ausweis
4.3.4. Anhangangaben
4.3.4.1. Wertberichtigungskonto (allowance account)
4.3.4.2. Schätzungen und Schätzungsänderungen
4.3.4.3. Stresstests
4.3.4.4. Kreditqualität
4.3.4.5. Jahrgangs- und Fälligkeitsangaben
5. Alternative Modelle
5.1. Das Expected-Loss-Model des FASB
5.2. Das Expected-Loss-over-the-Life-of-the-Portfolio-Model der EBF
5.3. Fair-Value-Model
5.4. Dynamic Provisioning
5.5. Das Modell der spanischen Bankenaufsicht
6. Praktische Implikationen des Expected-Loss-Model
6.1. Konvergenz IAS 39/IFRS 9 und UGB
6.2. Konvergenz IAS 39/IFRS 9 und US-GAAP
6.3. Allgemeine Herausforderungen des Expected-Loss-Model
6.4. Spezifische Herausforderungen des Expected-Loss-Model für nicht-finanzielle Institutionen
7. Vergleich und kritische Würdigung der Modelle
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Diplomarbeit verfolgt das Hauptziel, das aktuelle, auf dem Incurred-Loss-Prinzip basierende Wertminderungsmodell nach IAS 39 kritisch zu analysieren und dem neu vorgeschlagenen Expected-Loss-Model gegenüberzustellen. Dabei steht die Untersuchung der praktischen Implikationen sowie die Erörterung der methodischen Entwicklungen und Herausforderungen im Fokus, um die Eignung der Modelle für eine zukunftsorientierte Rechnungslegung zu bewerten.
- Kritische Analyse des Incurred-Loss-Model nach IAS 39
- Detaillierte Darstellung der Entwicklung des Expected-Loss-Model des IASB
- Diskussion alternativer Ansätze zur Bewertung von Kreditrisiken
- Untersuchung der praktischen Auswirkungen und Anwendungsschwierigkeiten
- Vergleich der Modelle vor dem Hintergrund internationaler Konvergenz
Auszug aus dem Buch
1.1. Problemstellung
Ungeachtet der allmählichen wirtschaftlichen Erholung nach der Krise sitzt der Schock und der Vertrauensverlust aus der Krise nach wie vor noch tief. Während die theoretischen Lehren aus der Krise längst gezogen wurden, ist es an der Zeit, diese nun umzusetzen.
Der Grundstein der US-Subprime-Krise wurde lange vor ihrem Ausbruch durch makroökonomische Faktoren wie die dauerhaft niedrige Zinspolitik sowie die zusätzlichen Liquiditätsspritzen der amerikanischen Notenbank, welche die Wirtschaft ankurbeln sollten, gelegt. Dies führte zu steigenden Preisen am US-Immobilienmarkt sowie zu günstigen Konditionen bei Konsumentenkrediten, welche leichtfertig und ohne zusätzliche Sicherheiten vergeben wurden, da es neuartige Finanzinnovationen ermöglichten, diese sogenannten NINJA-loans (No Income, No Job, No Asset) zu verpacken, zu verbriefen und weiterzuverkaufen. Dieses Originate-to-Distribute-Model führte nicht nur dazu, dass Anreize für angemessene Eigenkapitalunterlegung fehlten, sondern ließ auch den Risikoappetit sowie die Gier nach höheren Renditen der Kapitalmarktteilnehmer immens steigen.
Begünstigt wurde dies auch durch das nach wie vor vorherrschende Issuer-pays-Model, nach dem Rating-Agenturen Finanzinstrumente von teilweise schlechtester Qualität mit einem AAA-Rating ausstatteten, um die Emittenten dieser Papiere nicht als Klientel zu verlieren. Krisenverstärkend wirkten ebenso die internen Risikomanagementsysteme und Stresstests der Finanzinstitute, welche das Risiko von seltenen Extremverlusten unterschätzten, während Finanzmarktaufsichten weltweit die Fähigkeit der Institute, die Risiken komplexer Finanzprodukte adäquat und zeitgerecht abzubilden und dafür regulatorische Vorsorge zu treffen, überschätzten.
Das anfänglich so gewinnbringend und risikoarm erscheinende System von „borrowing short and lending long“ funktionierte solange, bis im Jahr 2006 die Leitzinsen aufgrund von geldpolitischen Maßnahmen wieder stiegen und dies enorme Kreditausfälle zur Folge hatte. Unsicherheit über das Ausmaß der faulen Kredite verbreitete sich wie ein Lauffeuer und führte zu einer weltweiten Vertrauenskrise innerhalb der Finanzinstitute, welche in der Insolvenz der US-Investment Bank Lehman Brothers und in weiterer Folge im Austrocknen des Interbankenmarktes gipfelte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die Problemstellung der Finanzkrise, die Zielsetzung der Arbeit sowie die verwendete deduktive Methodik und den Aufbau der gesamten Arbeit.
2. Einführung von IFRS 9 – Ersetzung von IAS 39: Der Abschnitt bietet einen Überblick über die drei Phasen des Replacement-Projekts zur Ablösung von IAS 39 durch IFRS 9 mit Fokus auf Klassifizierung und Bewertung.
3. Aktuelles Incurred-Loss-Model des IAS 39: Hier werden die Grundlagen des derzeit geltenden Incurred-Loss-Model analysiert, einschließlich der Bewertungsmethodik, der Ausweisvorschriften und der Kritik am bestehenden Modell.
4. Entwicklung des Expected-Loss-Model: Dieses Kernkapitel beleuchtet die Entwicklungsschritte des Expected-Loss-Model von den ersten Entwürfen bis zum Diskussionsstand Dezember 2010 und analysiert die verschiedenen methodischen Diskussionen.
5. Alternative Modelle: Dieser Teil gibt einen strukturierten Überblick über alternative Kreditrisikomodelle wie das Modell des FASB, das Fair-Value-Model und Dynamic Provisioning.
6. Praktische Implikationen des Expected-Loss-Model: Das Kapitel behandelt die Auswirkungen des Modells auf die Konvergenz mit UGB und US-GAAP sowie die spezifischen Herausforderungen für Finanz- und Nicht-Finanzinstitute.
7. Vergleich und kritische Würdigung der Modelle: Abschließend erfolgt ein Vergleich des Incurred-Loss-Model mit dem Expected-Loss-Model, abgerundet durch eine kritische Würdigung der Vor- und Nachteile.
Schlüsselwörter
IAS 39, IFRS 9, Expected-Loss-Model, Incurred-Loss-Model, Wertminderung, Finanzinstrumente, Kreditrisiko, Finanzkrise, Effektivzinsmethode, Fair-Value, Impairment, Risikovorsorge, Rechnungslegung, Allowance Account, Portfoliowertberichtigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das bestehende Incurred-Loss-Model nach IAS 39 im Vergleich zum neu entwickelten Expected-Loss-Model im Rahmen der internationalen Rechnungslegung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Bewertung und Wertminderung von Finanzinstrumenten, die operative Implementierung von Rechnungslegungsmodellen und die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Standardsetzung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erläuterung der Entwicklungsschritte des Expected-Loss-Model, die Analyse seiner methodischen Varianten und die Diskussion seiner Eignung als künftiger Standard zur Abbildung von Kreditrisiken.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer deduktiven Erörterung unter Heranziehung wissenschaftlicher Fachliteratur, IASB-Veröffentlichungen, Protokollen, Staff Papers und eingereichter Stellungnahmen (comment letters).
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil widmet sich intensiv der Entwicklung des Expected-Loss-Model, der Analyse von alternativen Modellen und den praktischen Implikationen für verschiedene Institutionstypen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind IAS 39, IFRS 9, Expected-Loss-Model, Wertminderung, Finanzinstrumente, Impairment und Kreditrisiko.
Warum wird das Incurred-Loss-Model als prozyklisch kritisiert?
Das Modell wird kritisiert, weil Verluste erst nach Eintreten eines Schadensereignisses erfasst werden, was im konjunkturellen Aufschwung zu hohen Ergebnissen und im Abschwung zu plötzlichen, starken Belastungen führt.
Welche Bedeutung hat der "day-1-loss" im Kontext des Expected-Loss-Modells?
Der "day-1-loss" beschreibt das Problem, dass bei sofortiger Erfassung der gesamten erwarteten Verluste bei Zugang eines Finanzinstruments ein ökonomisch nicht existenter Verlust ausgewiesen würde, was das IASB durch Allokationsmethoden über die Laufzeit zu vermeiden sucht.
- Arbeit zitieren
- Angela Pernsteiner (Autor:in), 2010, Incurred-Loss-Model und Expected-Loss-Model im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/171101