In den letzten zehn bis zwanzig Jahren kommt es weltweit vermehrt zu Schulamokläufen und gewaltbasierender Kriminalität von Kindern und Jugendlichen. Das Medienspektakel von Amokläufen und sonstigen Gewalttaten wird übertrieben inszeniert, da die Sensation hierbei am Größten ist. Dagegen kommen solche Gewalttaten, insbesondere Schulamokläufe, faktisch eher selten vor, werden in den Medien dennoch überrepräsentiert, so dass es scheint, es bedürfe besonderer Erklärungen der Taten. Freilich sind School Shootings ein eher seltenes Phänomen und die meisten Schüler überleben ihre Schulzeit ohne Zeuge eines Amoklaufes zu werden, dennoch besitzen diese Taten eine erhebliche mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Erklärungsbedürfnisse sowie Bedürfnisse nach Präventionsmaßnahmen. Medienwirkungsforschungen beschäftigen sich seit den 1960er Jahren vermehrt mit dem Phänomen der Medienwirkungen, insbesondere mit Thesen zur Klärung der Wirkung auf die Rezipienten.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BEGRIFFSKLÄRUNG
2.1. ABWEICHENDES VERHALTEN UND KRIMINALITÄT
2.2. JUGENDLICHKEIT, MEDIENSOZIALISATION UND JUGENDDELINQUENZ
2.2.1. JUGENDLICHKEIT
2.2.2. MEDIENSOZIALISATION
2.2.3. JUGENDDELINQUENZ
2.3. GRÜNDE FÜR JUGENDDELINQUENZ
2.4. MASSENMEDIEN
3. MEDIALE WIRKLICHKEITSKONSTRUKTIONEN
3.1. DER GEWALTBEGRIFF IM KONTEXT MEDIALER DARSTELLUNGEN
4. MOTIVE FÜR DIE NUTZUNG MEDIALER GEWALTDARSTELLUNGEN
4.1. DIE ATTRAKTIVITÄT DER MEDIENGEWALT
5. THEORIEANSÄTZE ZUR WIRKUNG MEDIALER GEWALTDARSTELLUNGEN
5.1. KATHARSISTHESE/ INHIBITIONSTHESE
5.2. HABITUALISIERUNGSTHESE
5.3. KULTIVIERUNGSTHESE
5.4. SUGGESTIONSTHESE
5.5. STIMULATIONSTHESE
5.6. PRIMING- KONZEPTE UND SKRIPT- THEORIE
5.7. LERNTHEORETISCHE ANNAHMEN
5.7.1. GENERAL AGGRESSION MODEL
5.7.2. KOGNITIV- PHYSIOLOGISCHER ANSATZ
6. THEORIEANWENDUNGEN AM BEISPIEL VON SCHOOL SHOOTINGS
7. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss von Massenmedien auf das Kriminalitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen, wobei insbesondere die Frage im Mittelpunkt steht, inwieweit mediale Gewaltdarstellungen zur Entstehung von Delinquenz beitragen können. Dabei wird kritisch hinterfragt, ob und wie Theorien der Medienwirkungsforschung Erklärungen für reale Gewalttaten liefern können.
- Grundlagen der Begriffe Abweichendes Verhalten, Kriminalität und Jugenddelinquenz
- Konstruktion von Wirklichkeit durch mediale Darstellungen
- Motive für die Nutzung gewalthaltiger Medieninhalte durch junge Rezipienten
- Darstellung und kritische Reflexion diverser medienpsychologischer Theorieansätze
- Praktische Theorieanwendung am Beispiel des Schulamoklaufs in Winnenden 2009
Auszug aus dem Buch
3.1. Der Gewaltbegriff im Kontext medialer Darstellungen
Rezipienten jeglicher Gewaltdarstellungen oder auch Opfer von Gewalthandlungen nehmen diese unterschiedlich wahr. Wichtig ist eine Berücksichtigung der Altersstufen. Kinder nehmen Gewalt anders wahr als Erwachsene, und somit kann eine Pauschalisierung des Gewaltverständnisses nicht vorgenommen werden.
Um nun einen genauen und eindeutigen Gewaltbegriff zu erhalten, sollte man den Begriff restriktiv betrachten. Gewalt kann ein physischer Zwang, eine Art nötiger Gewalt, aber auch Gewalttätigkeiten gegen Personen oder Sachen sein (vgl. Kunczik/ Zipfel 2006: 22). Gewalt kann einerseits als eine absichtliche Folge oder andererseits „als Folge absichtlichen Handelns entstandene Verletzung der physischen und/ oder psychischen Integrität anderer verstanden werden“ (Keppler 2006: 144). Offen bleibt, in welchem Umfang Gewalt den Opfern zugefügt wird und was im Einzelnen unter einer Verletzung der Integrität gemeint ist. Denn dies ist je nach normativen Vorgaben differenziert zu betrachten und vom sozialen Kontext ausgehend.
Heinrich Popitz versteht unter Gewalt „(…) eine Machtaktion, die zur absichtlichen körperlichen Verletzung anderer führt, gleichgültig, ob sie für den Agierenden ihren Sinn im Vollzug selbst hat (…) oder, in Drohung umgesetzt, zu einer dauerhaften Unterwerfung (…) führen soll“ (zit. nach Keppler 2006: 145). Popitz lässt allerdings die psychische Gewalteinwirkung außer Acht, zumal physische Gewalt oftmals psychische Folgen haben kann und Gewalt auch als massive Beleidigung oder Demütigung vollzogen werden kann. Da sich die Folgen von psychischer Gewalt in körperlichen Symptomen äußern können, ist prinzipiell von einem Kontinuum zwischen physischer und psychischer Gewalt auszugehen. „Gewalt ist demnach als ein von menschlichem Handeln ausgelöster Vorgang zu verstehen, der eine beabsichtigte oder zugelassene Störung oder Zerstörung der physischen und psychischen Integrität ihrer Opfer zur Folge hat“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik von Amokläufen und Jugendkriminalität ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, Medienwirkungen in diesem Kontext zu untersuchen.
2. BEGRIFFSKLÄRUNG: In diesem Kapitel werden zentrale Termini wie abweichendes Verhalten, Kriminalität, Jugendlichkeit, Mediensozialisation und Jugenddelinquenz definiert und in den Kontext der Arbeit gesetzt.
3. MEDIALE WIRKLICHKEITSKONSTRUKTIONEN: Es wird analysiert, wie Medien Wirklichkeit konstruieren und welcher Gewaltbegriff für die Untersuchung medialer Darstellungen als sinnvoll erachtet wird.
4. MOTIVE FÜR DIE NUTZUNG MEDIALER GEWALTDARSTELLUNGEN: Dieses Kapitel beleuchtet psychologische und soziale Gründe, warum Kinder und Jugendliche gewalthaltige Medieninhalte konsumieren.
5. THEORIEANSÄTZE ZUR WIRKUNG MEDIALER GEWALTDARSTELLUNGEN: Hier werden wissenschaftliche Haupttheorien (u.a. Katharsisthese, Habitualisierung, Kultivierung, Priming, Lerntheorie) zur Medienwirkung kritisch vorgestellt und bewertet.
6. THEORIEANWENDUNGEN AM BEISPIEL VON SCHOOL SHOOTINGS: Die vorgestellten Theorieansätze werden exemplarisch auf den Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009 angewandt, um deren Erklärungspotenzial zu diskutieren.
7. FAZIT: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Komplexität des Zusammenhangs zwischen Mediengewalt und Kriminalität, der nicht monokausal zu erklären ist.
Schlüsselwörter
Medienwirkung, Jugendkriminalität, Mediengewalt, Jugenddelinquenz, Sozialisation, School Shootings, Gewaltbegriff, Theorieansätze, Katharsisthese, Habitualisierung, Kultivierung, Priming, Skript-Theorie, Lerntheorie, Medienkompetenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen dem Konsum medialer Gewaltdarstellungen und dem Kriminalitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die Definition von Jugenddelinquenz, die Rolle der Massenmedien als Sozialisationsinstanz, verschiedene Theorien der Medienwirkung sowie die Analyse von Schulamokläufen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, ob und wie mediale Einflüsse jugendliches Kriminalitätsverhalten erklären können und inwieweit diese Erklärungsversuche wissenschaftlich haltbar sind.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse verschiedener medienpsychologischer und soziologischer Theorien sowie deren Anwendung auf eine konkrete Fallstudie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die Analyse von Medienwirkungen (Theorieansätze) und die praktische Anwendung dieser Theorien auf den Fall des Amoklaufs von Tim K. in Winnenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Medienwirkung, Jugendkriminalität, Mediengewalt, Sozialisation und theoretische Wirkungsmodelle wie Priming oder die Kultivierungsthese charakterisiert.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Medien bei Amokläufen?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Medien nicht monokausal für Amokläufe verantwortlich gemacht werden können, aber bei ohnehin labilen Jugendlichen einen Einflussfaktor darstellen können.
Welche Rolle spielt die Fallstudie "Winnenden"?
Der Amoklauf von Winnenden dient als praktisches Fallbeispiel, um die theoretischen Erklärungsmodelle auf ihre Anwendbarkeit und Spekulativität hin zu prüfen.
- Quote paper
- Olga Gillich (Author), 2010, Die Wirkung der Massenmedien auf das Kriminalitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/170767