Einleitung
Ein kleiner, filigraner, fast schon zerbrechlich wirkender Mann trotzt mit List und Wendigkeit einem körperlich überlegenen, dickbäuchigen und grimmig dreinschauenden Polizisten. Größer könnte der Kontrast zwischen zwei Menschen wohl nicht sein. Hier der Tramp, ein Tagelöhner, ein gesellschaftlicher Außenseiter. Dort der fest in der Gesellschaft verankerte Arm des Gesetzes, ein Würdenträger und natürlicher Feind des Landstreichers. Diese Szene findet sich in unzähligen Filmen Charles Chaplins. Immer wieder muss sich der David in einer Welt voller Goliaths behaupten.
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Darstellung dieser beiden Pole menschlichen Daseins. Welche Charaktereigenschaften lassen sich dem Tramp, welche dem Polizisten zuordnen? Worin liegt das besondere Konfliktpotential begründet, das beide Seiten immer wieder aneinander geraten lässt und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?
Aufschlussreich bei der Bearbeitung dieser Fragestellungen war neben diversen Chaplin Biographien1 und seinen frühen Kurzfilmen vor allem die Aufsatzsammlung „Über Chaplin“, in der berühmte und weniger berühmte Zeitgenossen Chaplins zu Wort kommen. Winston Churchill etwa liefert einen interessanten Beitrag, indem er den Tramp Charlie in eine Reihe stellt mit dem amerikanischen Hobo dieser Zeit (Wanderhandwerker). Doch dazu später mehr. Thomas Koebners „Verlierer und Gewinner der Moderne“ betrachtet Chaplins Figur vor allem im Kontext einer sich im Wandel befindenden Gesellschaft, in der für den nonkonformen Romantiker und Träumer Charlie kein Platz zu sein scheint.
Um das Schwerpunktthema des Seminars, Buster Keaton, zumindest anzuschneiden, werden einige besonders signifikante Unterschiede zwischen Charlie und Buster herausgearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Als David unter Goliaths – Charlies Kampf gegen Polizei und Gesellschaft
2.1 Die Entwicklung der Tramp Figur
2.2 Darstellung der Polizei
2.3 Konfliktpotential
3. Zweck der Darstellung
4. Fazit
5. Film- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung der Figur des Tramps in den Filmen von Charles Chaplin im Kontext ihrer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen und der Polizei als Repräsentant von Macht und Ordnung. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie die gegensätzlichen Charaktereigenschaften des Tramps und des Polizisten das Konfliktpotential definieren und welche sozialkritische Funktion diese Darstellung einnimmt.
- Entwicklung und soziokulturelle Einordnung der Tramp-Figur
- Darstellung der Polizei als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse
- Analyse des Konfliktpotentials zwischen Außenseiter und Staatsmacht
- Sozialkritische Dimension des Slapsticks und der Posse
- Vergleich der Identifikationspotenziale von Chaplin und Keaton
Auszug aus dem Buch
2.2 Darstellung der Polizei
Die augenzwinkernde Verulkung des vertrottelt dargestellten Gesetzeshüters hat Tradition in den frühen Stummfilmen. Bereits Mack Senett und Chaplins erster Regisseur Henry Lehrmann erzeugen Komik, indem sie die Erwartung, des respektvollen Umgangs mit Würdenträgern, enttäuschen. Auch bei vielen anderen Komikern findet sich dieses komische, aber harmlose Stilmittel.
Der Regisseur Charles Chaplin geht bei seiner Darstellung der Polizei einen Schritt weiter. Polizisten werden in seinen Filmen zumeist als körperlich überlegene, mitunter dickbäuchige Repräsentanten der Staatsmacht dargestellt. Zu einem grimmigen Gesichtsausdruck gesellt sich häufig ein markanter Bart, der an Wilhelm II. erinnert. Als deutscher Kaiser und König Preußens steht dieser als ein Sinnbild, als Inkarnation von Autorität. Jener Wilhelm wird in Shoulder Arms (1918) gar als Witzfigur dargestellt, oder treffender gesagt entlarvt, als er wie eine Ratte in Charlies Falle tappt.
Polizisten werden in Chaplins Filmen als „sture Hunde“ dargestellt, die in ihrer „gedankenlosen Verfolgungsgier“ keinerlei Sinn für die Nöte anderer haben, wie das Beispiel aus The Kid zeigt. Der gemeine Polizist neigt zur Selbstgefälligkeit. Er thront wie ein König auf seinem Einsatzfahrzeug (Police 1916): dick, bräsig und Zigarre rauchend. Der Nimbus scheinbarer Erhabenheit, wird dem Gesetzeshüter jedoch schnell durch Charlies souveränen Umgang mit ihm genommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Problemstellung ein, den Kontrast zwischen dem gesellschaftlichen Außenseiter Tramp und der etablierten Staatsmacht in Chaplins Filmen.
2. Als David unter Goliaths – Charlies Kampf gegen Polizei und Gesellschaft: Dieses Hauptkapitel analysiert die Entstehung der Tramp-Figur, die spezifische Darstellung der Polizei und die Gründe für das ständige Konfliktpotential zwischen beiden Polen.
3. Zweck der Darstellung: Es wird untersucht, inwiefern die negative Darstellung der Polizei als Ausdruck gesellschaftlicher Kritik und als Mittel der Entlarvung autoritärer Strukturen dient.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der Tramp trotz seiner anarchischen Züge als sozialkritisches Instrument fungiert, das die Unmenschlichkeit einer starren Gesellschaft aufzeigt.
5. Film- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Kurzfilme Chaplins sowie der herangezogenen wissenschaftlichen Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Charles Chaplin, Tramp, Stummfilm, Polizei, Gesellschaftskritik, Slapstick, Identifikation, Sozialkritik, Außenseiter, Autorität, Filmgeschichte, Buster Keaton, Konflikt, Anarchie, Moderne
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Spannungsverhältnis zwischen der Figur des Tramps und dem Repräsentanten der Staatsmacht, der Polizei, in den frühen Stummfilmen von Charles Chaplin.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit deckt Themen wie die Entwicklung der Tramp-Figur, die Darstellung von Autorität, die soziologische Einordnung des Außenseiters und die Funktion von Slapstick als Gesellschaftskritik ab.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, welche Charaktereigenschaften dem Tramp und dem Polizisten zugeordnet werden und worin das spezifische Konfliktpotential begründet liegt, das beide Seiten in wiederkehrenden Interaktionen definiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt eine filmwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung von Biografien, zeitgenössischen Aufsätzen und existierender Filmtheorie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Genese der Tramp-Figur, die detaillierte Untersuchung der Darstellung von Ordnungshütern und die Analyse des tieferen, meist sozialkritischen Zwecks dieser filmischen Darstellung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Tramp, Chaplin, Gesellschaftskritik, Polizei, Autorität und Stummfilm definiert.
Inwiefern unterscheidet sich Chaplins Tramp von Buster Keatons Figuren?
Im Gegensatz zu Buster, der mechanisch an sozialen Erwartungen scheitert, begreift Charlie die gesellschaftlichen Mechanismen bewusst und behält sein Selbstwertgefühl unabhängig von diesen Vorgaben bei.
Warum wird die Polizei in Chaplins Filmen häufig als „Witzfigur“ dargestellt?
Die Darstellung dient nicht nur der reinen Komik, sondern entlarvt die Polizei als „sture Hunde“ oder Repräsentanten einer unbarmherzigen Gesellschaft, die blind für die Nöte der Armen ist.
Welche Rolle spielt die „Stechuhrmentalität“ in der Arbeit?
Sie dient als Metapher für die entfremdete moderne Gesellschaft, der sich der Tramp durch seine ungebundene und anarchische Lebensweise entzieht.
- Arbeit zitieren
- Philipp Aissen (Autor:in), 2010, Als David unter Goliaths - Charlie Chaplins Kampf gegen Polizei und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/170670