Kaum eine andere Frage kann sich durch so viele unterschiedliche Definitionen beantworten lassen, wie die Frage: Was ist Kunst? Können beispielsweise Schüttbilder von Hermann Nitsch oder dessen Orgien-Mysterien-Theater, Kunst genannt werden? Darf der Fotograf Helmut Newton als Künstler bezeichnet werden, gleichwohl ihm mehrmals vorgeworfen wurde, dass seine Bilder sexistisch und rassistisch seien. Am Werk Nitschs als auch an Newtons Werk scheiden sich die Geister. Zumindest ein Teil ist der Meinung, dass dies Kunst sei. Andernfalls wären beide wohl nicht bereits mit renommierten Preisen ausgezeichnet worden.
Ebenfalls einen Preis gewann Dominique Aury, die 1955 unter dem Pseudonym Pauline Réage für ihren Roman, Die Geschichte der O mit dem französischen Literaturpreis Prix des Deux Magots ausgezeichnet wurde. Doch noch im selben Jahr wurde das Buch für mehrere Jahre wegen seinen brutalen Darstellungen indiziert. Andere lobten den literarischen Wert des Buches und zogen es als Beispiel heran, dass auch pornographische Literatur Kunst sein könne.
Auch als Die Geschichte der O 1967 erstmals in Deutschland erschien, dauerte es nur wenige Wochen, bis das Buch in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen wurde. Dabei hatte Richard Wagner verkündet „Die Kunst ist frei“ , und auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es:
„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“
Darf Kunst also wirklich alles und wenn Kunst alles darf, kann dann alles Kunst sein? Wenn dem nicht so ist, wo verlaufen die Grenzen zwischen Kunst und Nichtkunst?
Anhand des Buches von Pauline Réage will die Arbeit diese Fragen untersuchen.
Um zunächst zu klären, was Kunst war und ist, soll im 2. Abschnitt aufgezeigt werden, inwiefern sich der Kunstbegriff im Verlauf der Geschichte verändert hat und was alles als Kunst bezeichnet wurde und wird.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff der „Kunst“ im Wandel der Zeit
2.1. Die Definition der Kunst im Verlauf der Geschichte
2.2. Pornographische Literatur als Teilbereich der Kunst
3. Die „Geschichte der O“. Ein Kunstwerk?
3.1. Inhalt und allgemeine Analyse
3.2. Reaktionen
3.3. Grenzen der Kunst
4. Schlusswort
5. Literatur
5.1 Primärtexte
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internetquellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Spannungsfelder zwischen Kunstfreiheit, gesetzlicher Indizierung und gesellschaftlicher Akzeptanz am Beispiel des Romans „Die Geschichte der O“ von Pauline Réage, um zu ergründen, wo die Grenzen zwischen ästhetischem Anspruch und pornographischer Darstellung verlaufen.
- Wandel des Kunstbegriffs im historischen Kontext
- Einordnung pornographischer Literatur in den Kunstkanon
- Inhaltliche Analyse und Motivik von „Die Geschichte der O“
- Rezeptionsgeschichte und gesellschaftliche Debatten
- Rechtliche Rahmenbedingungen und Grenzen der Kunstfreiheit
Auszug aus dem Buch
3.1. Inhalt und allgemeine Analyse
Das Buch lässt sich in vier Abschnitte gliedern. Dabei steht eine junge Fotografin mit dem Namen „O“ im Mittelpunkt des Geschehens.
Zu Beginn des ersten Kapitels befindet sich O schon in einer unterwürfigen Rolle gegenüber ihrem Geliebten René, der sie nach einem kurzen Spaziergang durch einen Park ins Schloss Roissy bringt. Durch einen alternativen Anfang scheint sich Réage bewusst von der Darstellungsweise anderer Skandalromane, wie Clelands Briefroman Fanny Hill oder Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wienerischen Dirne. Von ihr selbst erzählt abzugrenzen, die ausdrücklich vorgeben, eine authentische Geschichte wiederzugeben und sich bemühen, eine Identitätsebene zwischen Leser und Figur aufzubauen. Réage jedoch verzichtet darauf, ihre Protagonistin genauer zu charakterisieren. Im Grunde weiß der Leser von ihr nur, dass sie eine Fotografin aus Paris ist, die einen Freund hat, der René heißt. Überdies liest sich das ganze Buch wie ein Fragment. Réage scheint uns dadurch zeigen zu wollen, dass es sich bei dem Buch ausdrücklich um eine fiktive Geschichte handelt.
Im Schloss Roissy angekommen wird O von einigen anderen Frauen gebadet und geschminkt, danach wird ihr erklärt, dass sie jederzeit für jeden Mann bereit stehen müsse und den Männern weder in die Augen schauen noch mit ihnen sprechen dürfe. Während ihrer vierwöchigen Aufenthaltszeit auf dem Schloss wird O dabei von wechselnden Männern ausgepeitscht und vergewaltigt, wogegen sie sich nicht wehrt. Ihr Geliebter René wendet zwar selbst keine Gewalt gegen sie an, ist aber häufig anwesend, wenn O gezüchtigt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, ob und wie Kunst definiert werden kann und welche Rolle pornographische Literatur, insbesondere „Die Geschichte der O“, in diesem Diskurs einnimmt.
2. Der Begriff der „Kunst“ im Wandel der Zeit: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung des Kunstverständnisses nach, von der handwerklichen Fertigkeit in der Antike bis hin zur modernen, freien Kunstauffassung.
2.1. Die Definition der Kunst im Verlauf der Geschichte: Hier wird detailliert auf die antiken Wurzeln der Kunstauffassung eingegangen, bei denen Kunst als praktisches Wissen und Nachahmung der Natur verstanden wurde.
2.2. Pornographische Literatur als Teilbereich der Kunst: Dieser Abschnitt erörtert die Frage, inwieweit pornographische Werke, trotz inhaltlicher Kontroversen, den Status von Kunst beanspruchen können.
3. Die „Geschichte der O“. Ein Kunstwerk?: Dieser Teil bildet das Kernstück der Arbeit und analysiert das Werk von Pauline Réage unter Berücksichtigung seines umstrittenen Inhalts.
3.1. Inhalt und allgemeine Analyse: Das Kapitel bietet einen strukturellen Einblick in den Roman und die zentralen Motive der Hauptfigur O.
3.2. Reaktionen: Hier werden die gesellschaftlichen, rechtlichen und feministischen Reaktionen auf das Erscheinen des Romans sowie dessen Verfilmung dargestellt.
3.3. Grenzen der Kunst: Der abschließende analytische Teil beleuchtet die rechtlichen Schranken der Kunstfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland.
4. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert, dass eine allgemeingültige Definition von Kunst kaum möglich ist und diese dynamisch von gesellschaftlichen Werten abhängt.
5. Literatur: Dieser Bereich listet sämtliche herangezogenen Primärtexte, Sekundärliteratur und Internetquellen auf.
5.1 Primärtexte: Auflistung der verwendeten Ausgaben des Romans und grundlegender ästhetischer Schriften.
5.2 Sekundärliteratur: Verzeichnis der wissenschaftlichen Aufsätze und Bücher zur Untermauerung der Argumentation.
5.3 Internetquellen: Zusammenstellung relevanter Online-Ressourcen zur rechtlichen und medialen Rezeption des Werks.
Schlüsselwörter
Kunstfreiheit, Pornographie, Die Geschichte der O, Pauline Réage, Zensur, Indizierung, Literaturwissenschaft, Ästhetik, Masochismus, Kunstbegriff, Rezeptionsgeschichte, Grundgesetz, Erotische Literatur, Gewalt, Moral
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der Freiheit der Kunst und den moralischen sowie rechtlichen Grenzen, die pornographische Literatur in der Gesellschaft erfährt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die historische Entwicklung des Kunstbegriffs, die Einstufung pornographischer Inhalte als Literatur sowie die Analyse der Rezeptionsgeschichte von „Die Geschichte der O“.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, anhand des polarisierenden Werks von Pauline Réage aufzuzeigen, wie fließend die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst verlaufen und dass eine universelle Definition von Kunst kaum möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse sowie die Auswertung von Rezeptions- und Rechtsdokumenten, um den künstlerischen Status des Buches im Kontext seiner Zeit zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung des Kunstbegriffs und eine detaillierte, inhaltliche wie rezeptionsgeschichtliche Untersuchung des Romans „Die Geschichte der O“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Kunstfreiheit, Pornographie-Debatte, Indizierung, gesellschaftliche Moral, ästhetischer Wert und die Interpretation von Unterwerfung und Macht.
Wie unterscheidet sich die „Geschichte der O“ von anderen erotischen Romanen wie „Josefine Mutzenbacher“?
Der Autor arbeitet heraus, dass „Die Geschichte der O“ primär durch ihre fiktive Fragmentierung und die bewusste Aussparung authentischer Identität zum Objekt degradiert wird, während andere Werke durch den Anspruch auf Authentizität oder extreme moralische Provokation auffallen.
Welche Rolle spielt der Regisseur Just Jaeckin für das Werk?
Seine Verfilmung von 1975 brachte das Thema erneut in die öffentliche Debatte und löste massive Proteste von feministischen Gruppen aus, die zu einer vorübergehenden Indizierung des Films führten.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Rechts in Bezug auf Kunst?
Der Autor stellt fest, dass das Rechtssystem lediglich einen Rahmen vorgibt, die Anerkennung als Kunst jedoch primär durch die Gesellschaft und nicht allein durch richterliche Beschlüsse erfolgt.
- Quote paper
- Fabian Wilhelmi (Author), 2010, Was darf Kunst? Die Erörterung einer schweren Frage anhand Pauline Réages "Die Geschichte der O", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/170664