Ein umfangreiches und historiographisch ausserordentlich interessantes Kapitel der Zeitgeschichte stellt die Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus in Deutschland dar. Unter Bewegung darf kein aufeinander abgestimmtes, einheitliches Gefüge verstanden werden, sondern ein Kampf einzelner Gruppen, die untereinander – wenn überhaupt – nur lose verbunden waren. Die Organisationen oder Personen des Widerstandes kamen aus den verschiedensten Schichten: Katholiken, Protestanten, Sozialdemokraten, Reaktionäre, Konservative, Liberale, Kommunisten, Arbeiter und andere.
Eine Gruppe vereinte viele dieser Richtungen und versuchte, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Konzepte für die Zeit nach Hitler zu erarbeiten: der Kreisauer Kreis. Diese Interessengemeinschaft galt in der Geschichtsschreibung lange Zeit als theoretischer Debattierklub (siehe dazu Kapitel 4), welchem der Sinn für das Praktische fehlte. Diese Einschätzung ist mittlerweile widerlegt.
Benannt wurde der Kreis nach dem schlesischen Gut des eigentlichen Initianten der Idee, Helmuth James Graf von Moltke. Er stellte zusammen mit Graf Peter Yorck von Wartenburg den aktivsten Teil der Interessengemeinschaft dar. Moltke, ein Urgrossneffe des Feldmarschalls von Moltke, wurde vor dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 verhaftet, nämlich im Januar desselben Jahres. Durch die Verwicklung einiger "Kreisauer" in die Attentatspläne Stauffenbergs entdeckte die Gestapo das Wirken der Männer um Helmuth James von Moltke. Acht von ihnen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet – Moltke im Januar 1945.
Neben seiner Tätigkeit im Kreisauer Kreis nutzte Moltke seine Position als Kriegsverwaltungsrat im Oberkommando der Wehrmacht, um gegen das Regime zu agieren. Dieser Aspekt aus Moltkes Leben ist weniger bekannt und wurde in der Literatur zu Unrecht vernachlässigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Ausgangslage
1.2. Gliederung der Arbeit und Fragestellung
1.3. Quellenlage
1. Teil: Begriffsklärung und Grundlagen
2. Begriffsklärung: "Widerstand"
2.1. Martin Broszats Begriff der "Resistenz"
2.2. Klaus-Michael Mallmann und Gerhard Paul: "loyale Widerwilligkeit"
2.3. Ian Kershaw: das kreisförmige Modell
2.4. Klaus Gotto und Konrad Repgen: das "Vier-Stufen-Modell"
2.5. Detlev Peukert: ein weiteres "Vier-Stufen-Modell"
2.6. Richard Löwenthal: "weltanschauliche Dissidenz"
2.7. Heinz Hürten: Die partielle Anpassung
2.8. Begriffsklärung für die vorliegende Arbeit
3. Kurzbiographie von Helmuth James von Moltke
3.1. Von 1907 bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten
3.2. Die Löwenberger Arbeitslager
3.3. Im nationalsozialistischen Deutschland
4. Moltke als Mitglied des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW)
4.1. Die verschiedenen Aufgabenbereiche im Umfeld des OKW
4.2. Das konkrete Wirken von Moltke im OKW
a) Die Kombattantenfrage
b) Behandlung der Kriegsgefangenen
c) Menschenrechtsverstösse gegen Juden
d) Hilfe für die Menschen in den besetzten Gebieten
5. Der Kreisauer Kreis
5.1. Allgemeines
5.2. Die Rolle Moltkes im Kreis
6. Der Volksgerichtshof und sein Präsident Roland Freisler
6.1. Gründung, Entwicklung und Organisation des Volksgerichtshofs
6.2. Freisler als Präsident des Volksgerichtshofes
2. Teil: Prozess, Urteil und Einordnung in das Widerstandsmodell
7. Vorgeschichte des Todesurteils
7.1. Verhaftung und Haft
7.2. Anklage
7.3. Der Prozess – Verlauf und Urteil
8. Einordnung des Widerstandes im vordefinierten Modell anhand des Urteils
8.1. Der Kreisauer Kreis als Basis
8.2. Kirchliche Gebundenheit als Momentum?
8.3. Einordnung in das Widerstandsmodell
8.4. Bewertung
8.5. Die Kaltenbrunner-Berichte als Quelle für den VGH
9. Einordnung des von Moltke geleisteten Widerstands
9.1. Die Haltung zum Attentat gegen Hitler
9.2. Moltkes letzte Briefe – kritische Quellenprüfung
9.3. Einordnung in das Widerstandsmodell
10. Urteil und Tat – Gründe für die fehlende Kongruenz der Widerstandseinordnung
11. Zwischen Prozess und Hinrichtung
11.1. Letzte Briefe
a) Christentum
b) Prozessanalyse
11.2. Gnadengesuch
12. Schlusswort
12.1. Ergebnisse
12.2. Schwierigkeiten
12.3. Weiterführendes
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert das Handeln von Helmuth James von Moltke gegen das nationalsozialistische Regime, indem sie dieses Verhalten in ein selbst entwickeltes, dreistufiges Widerstandsmodell einordnet. Dabei wird untersucht, warum die offizielle Urteilsbegründung des Volksgerichtshofs in erheblichem Widerspruch zur tatsächlichen Widerstandstätigkeit Moltkes stand.
- Entwicklung eines dreistufigen Widerstandsmodells (Resistenz, Protest, aktiver Widerstand)
- Analyse von Moltkes Tätigkeit als Kriegsverwaltungsrat im OKW sowie sein Engagement im Kreisauer Kreis
- Untersuchung des Prozesses vor dem Volksgerichtshof unter Roland Freisler und dessen Urteilsbegründung
- Kritische Quellenprüfung, insbesondere von Moltkes "Letzten Briefen" und den "Kaltenbrunner-Berichten"
- Erörterung der Diskrepanz zwischen realem Widerstand und der nationalsozialistischen Darstellung im Prozess
Auszug aus dem Buch
4.2. Das konkrete Wirken von Moltke im OKW
Die Quellenlage zu diesem Themenkreis ist recht umfangreich, obwohl viele Akten den alliierten Bombenangriffen zum Opfer gefallen sind. Einige Aktenreste wurden aufgefunden, Aufzeichnungen von Mitarbeitern von Moltke existieren ebenfalls. Zudem besitzen wir die reichhaltige Auslese an Briefen, welche er seiner Frau von 1939 bis 1945 geschrieben hat – eine für jeden Historiker äusserst ergiebige und spannende Quellensammlung. Diese enthält jedoch die implizite Problematik, dass häufig unklar ist, wie erfolgreich die Interventionen von Moltke waren. Denn die Briefe vermitteln meist das aktuelle (Tages-) Geschehen, retrospektive Analysen sind selten. Zudem sind Quellen dieser Art naturgemäß sehr kritisch zu behandeln.
Eine Eigenschaft, die für die Arbeit im OKW unerlässlich war und vielen Menschen in seinem Umkreis fehlte, zeichnete Moltke aus: die Geduld.
Moltkes tägliche Arbeit bestand darin, aus den anfallenden Unterlagen – phasenweise waren das sehr viele – völkerrechtliche Gutachten zu erstellen. Sein spezieller Aufgabenbereich umfasste die Wirtschaftskriegführung und später Kriegsgefangenenprobleme. Die Arbeit kostete viel Kraft, Aufwand und Ertrag standen in einem krassen Missverhältnis zueinander. Mehr als einmal beklagte sich Moltke über die Beschränktheit seiner Möglichkeiten: "Dem Ziel bin ich heute mehrere Schritte näher gekommen. Da ich aber nicht selbst handeln kann, sondern mich darauf beschränken muss, anderen Argumente zu liefern, die diese zum Handeln treiben, so ist jeder Schritt mit einer unsäglichen Anstrengung verbunden."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, erläutert die Ausgangslage, definiert die Fragestellung und gibt einen Überblick über die quellenkritische Basis der Arbeit.
2. Begriffsklärung: "Widerstand": Dieses Kapitel diskutiert verschiedene wissenschaftliche Widerstandsmodelle, um daraus ein eigenes, pyramidales Drei-Stufen-Modell für die Arbeit zu entwickeln.
3. Kurzbiographie von Helmuth James von Moltke: Das Kapitel zeichnet den Lebensweg Moltkes von seiner Jugend über seine Ausbildung bis zum Eintritt in den Staatsdienst und sein soziales Engagement nach.
4. Moltke als Mitglied des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW): Der Hauptteil beschreibt Moltkes völkerrechtliche Tätigkeit innerhalb des OKW, wo er versuchte, den Krieg zu humanisieren und gegen das Regime zu agieren.
5. Der Kreisauer Kreis: Hier wird die historische Entwicklung, die Organisationsstruktur und die führende Rolle Moltkes innerhalb des Kreisauer Kreises analysiert.
6. Der Volksgerichtshof und sein Präsident Roland Freisler: Das Kapitel beschreibt Entstehung, Organisation und Ideologie des VGH sowie die charakteristische Prozessführung durch seinen Präsidenten Roland Freisler.
7. Vorgeschichte des Todesurteils: Es wird der zeitliche Ablauf von Moltkes Verhaftung, der Anklageerhebung und dem Prozessverlauf sowie dem Urteil detailliert dargelegt.
8. Einordnung des Widerstandes im vordefinierten Modell anhand des Urteils: Das Kapitel untersucht, wie der Widerstand auf Basis der Anklage und der schriftlichen Urteilsbegründung in das entwickelte Modell einzuordnen ist.
9. Einordnung des von Moltke geleisteten Widerstands: Hier wird der tatsächliche Widerstand Moltkes unter kritischer Prüfung der Quellen (Letzte Briefe, Haltung zum Attentat) dem Modell gegenübergestellt.
10. Urteil und Tat – Gründe für die fehlende Kongruenz der Widerstandseinordnung: Der Autor erörtert, warum die offiziellen nationalsozialistischen Einordnungen Moltkes so stark von der historischen Realität abweichen.
11. Zwischen Prozess und Hinrichtung: Das Kapitel thematisiert Moltkes religiöse Auseinandersetzung in den letzten Tagen sowie die vergeblichen Bemühungen um ein Gnadengesuch.
12. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Ergebnisse der Untersuchung, beleuchtet methodische Schwierigkeiten und gibt einen Ausblick auf weiterführende Forschungsaspekte.
Schlüsselwörter
Helmuth James von Moltke, Kreisauer Kreis, Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Volksgerichtshof, Roland Freisler, Oberkommando der Wehrmacht, Völkerrecht, Protest, Aktiver Widerstand, Letzte Briefe, Christentum, Urteilsbegründung, Kaltenbrunner-Berichte, Historische Quellenkritik, Zeitgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Wirken von Helmuth James von Moltke im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Zentral ist dabei die Diskrepanz zwischen Moltkes tatsächlichen Aktivitäten und deren Darstellung im Prozess vor dem Volksgerichtshof.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der theoretischen Begriffsbestimmung von Widerstand, der Analyse von Moltkes Doppelleben als Kriegsverwaltungsrat im OKW und Mitglied des Kreisauer Kreises sowie der Untersuchung nationalsozialistischer Justizpraxis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, Moltkes Handlungen in ein entwickeltes Drei-Stufen-Widerstandsmodell einzuordnen und zu erklären, warum die schriftliche Urteilsbegründung des VGH mit seinem tatsächlichen Widerstand kaum kongruent war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Kombination aus theoretischer Modellbildung und intensiver Quelleninterpretation, wobei insbesondere persönliche Briefe, Prozessdokumente und Berichte des Sicherheitsdienstes kritisch ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet Moltkes Tätigkeit im OKW, seine Rolle im Kreisauer Kreis, die Funktionsweise des VGH unter Freisler sowie die anschliessende Einordnung dieser Handlungen in das theoretische Modell der Arbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Widerstand, Kreisauer Kreis, Völkerrecht, Volksgerichtshof, Prozessanalyse und Quellenkritik.
Wie bewertet der Autor Moltkes Haltung zum Attentat vom 20. Juli 1944?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Moltke im Laufe des Krieges eine ambivalente Haltung entwickelte. Während er die Notwendigkeit von Hitlers Beseitigung sah, lehnte er Gewalt aus moralisch-religiösen Gründen sowie taktischen Überlegungen ab, hätte sich aber im Falle einer direkten Verantwortung nicht entzogen.
Warum wurde das Gnadengesuch für Moltke nicht rechtzeitig bearbeitet?
Das Gnadengesuch wurde durch bürokratische Verzögerungen und den unglücklichen Umstand, dass die für die Zustellung an Himmler zuständige Kontaktperson infolge eines Unfalls handlungsunfähig war, erst zu spät weitergeleitet.
- Quote paper
- Andreas Bonifazi (Author), 1998, Der Volksgerichtshofprozess gegen Helmuth James von Moltke, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/170563