Cogito ergo sum, ubi cogito, ibi sum. Ich denke, also bin ich und ich bin dort, wo ich denke (Jaques Lacan: Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud). Die Rolle des Bewusstseins der eigenen Identität als Beleg für die eigene Existenz führt zu Überlegungen über die Lokalisierung des Selbst in der Welt. Denn während die physische Verortung aufgrund der Körperlichkeit des Menschen noch einfach zu bewerkstelligen ist, so bleibt die Frage, an welchem Ort der Geist des Menschen, eben jener Teil, durch den wir uns überhaupt gedanklich selbst wahrnehmen können, beheimatet ist. Wo ich denke, dort bin ich. Diese philosophischen Überlegungen stellen die Rolle des Denkens als Anker und Verbindung zur Welt in den Vordergrund. Während die Möglichkeit der physischen Einflussnahme auf die Welt aufgrund der Körperlichkeit einfach und eindeutig zu benennen ist, so bedarf der intellektuelle Austausch mit einem anderen, denkenden Bewusstsein eines Mediums, das diesen kommunikativen Austausch erlaubt: das Medium der Sprache. Genau an diesem Punkt setzen Jacques Lacans Überlegungen und Theorien ein, welche er in seinem Text „Das Drängen des Buchstaben im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud“ - wieder über das Medium der Sprache – zu erklären versucht: Wenn sowohl der Austausch mit anderen Menschen als auch die eigene Wahrnehmung - denn zur Formulierung des Gedankens „Ich denke, also bin ich.“ ist auch bereits die Verwendung von Spracheunumgänglich - nur durch den Einsatz von Sprache überhaupt möglich ist, welche Rolle spielt dann die Sprache in unserem Denken? Wie nimmt sie Einfluss auf die Entwicklung des Geistes und damit auch auf die Persönlichkeit des Menschen? Zur Beantwortung dieser Fragen sind zunächst Überlegungen zur Struktur der Sprache erforderlich, um ihre Rolle in Bezug auf das menschliche Denken näher untersuchen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Ich spreche, also bin ich
2. Die Natur der Sprache
3. Die Entdeckung des Ichs
4. Die Rolle des Subjekts
4.1 Das Subjekt als Sprachwesen
4.2 Struktur des Subjekts
4.3 Das Subjekt als begehrendes Subjekt
5. Die Rhetorik des Begehrens
5.1. Die Metonymie
5.2. Die Metapher
5.3. Ein Vergleich zu Freud
Zielsetzung und thematische Ausrichtung
Die vorliegende Arbeit untersucht die sprachpsychologischen Theorien von Jaques Lacan und beleuchtet dabei, wie Sprache als Medium fungiert, das sowohl die Entwicklung des menschlichen Geistes als auch das Verständnis der eigenen Identität maßgeblich beeinflusst und strukturiert.
- Analyse der konstitutiven Rolle von Sprache für das menschliche Denken.
- Untersuchung der Entstehung des "Ichs" im Lacanschen Spiegelstadium.
- Erörterung der symbolischen Ordnung und des "großen Anderen" in der Entwicklung des Subjekts.
- Vergleich der lacanschen Metonymie und Metapher mit den freudschen Konzepten der Verschiebung und Verdichtung.
Auszug aus dem Buch
3. Die Entdeckung des Ichs
Für die Entwicklung des Ichs ist laut Lacan ein Schlüsselereignis von zentraler Wichtigkeit: Die Entdeckung des eigenen Seins als Bestandteil der selbst wahrnehmbaren Realität. Diese Erkenntnis vollzieht sich laut Lacan im sogenannten Spiegelstadium, welches er auf der Grundlage von Baldwins Entdeckungen über die starken Reaktionen von Kleinkindern auf ihr eigenes Spiegelbild und in Bezug auf Freuds Überlegungen zur Natur des Ichs entwickelte.
Die von Baldwin entdeckten starken Reaktionen von Kindern zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat werden von Lacan als starke Freude über die Erkenntnis der Gleichheit von dem auf der gläsernen Spiegeloberfläche betrachteten Kind und dem eigenen Selbst interpretiert und gedeutet. Das Kind ist in der Lage, sich selbst direkt und als Ganzes wahrzunehmen, also weder durch die Augen eines Anderen noch aus der eingeschränkten Perspektive des eigenen Wahrnehmungsbereiches heraus. In früheren Stadien reagieren Kleinkinder oft ablehnend auf den Anblick des eigenen Spiegelbildes auf dem Arm der Mutter. Diese Reaktion erklärt sich aus der noch fehlenden Erkenntnis, dass nicht ein fremdes Kind von der Mutter auf dem Arm gehalten wird, sondern man selbst eben dieses Kind ist. Genau diese Erkenntnis ist es, welche den Ausbruch der Freude auslöst.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ich spreche, also bin ich: Dieses Kapitel führt in die philosophische Fragestellung ein, welche Rolle das Medium Sprache bei der Identitätsbildung und Wahrnehmung der Welt spielt.
2. Die Natur der Sprache: Es wird die linguistische Basis nach Lacan erörtert, wobei der Fokus auf der saussureschen Terminologie des Signifikanten und Signifikats liegt.
3. Die Entdeckung des Ichs: Das Kapitel behandelt das Spiegelstadium und die psychologische Entwicklung des Subjekts durch die Identifikation mit dem eigenen Spiegelbild.
4. Die Rolle des Subjekts: Hier wird das Subjekt als in die symbolische Ordnung eingebundenes Wesen definiert und die Struktur des psychischen Apparats näher beleuchtet.
4.1 Das Subjekt als Sprachwesen: Erläuterung, wie das Individuum durch Sprache in gesellschaftliche Strukturen integriert und geformt wird.
4.2 Struktur des Subjekts: Analyse der Trias aus Imaginärem, Realem und Symbolischem sowie deren Verwobenheit.
4.3 Das Subjekt als begehrendes Subjekt: Untersuchung des "Objekts a" als Zentrum des Begehrens und der permanenten Erfahrung eines Mangels.
5. Die Rhetorik des Begehrens: Darstellung der sprachlichen Mechanismen, durch die Begehren artikuliert wird.
5.1. Die Metonymie: Definition der Metonymie als Verschiebungsmechanismus innerhalb der Sprache.
5.2. Die Metapher: Analyse der Metapher als substitutiven Ersetzungsprozess.
5.3. Ein Vergleich zu Freud: Gegenüberstellung der lacanschen Rhetorik mit den freudschen Konzepten der Verdichtung und Verschiebung in der Traumdeutung.
Schlüsselwörter
Jaques Lacan, Sprache, Ich, Spiegelstadium, Signifikant, Signifikat, Subjekt, Symbolische Ordnung, Begehren, Metonymie, Metapher, Sigmund Freud, Verdichtung, Verschiebung, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sprachpsychologischen Theorien von Jaques Lacan und deren Bedeutung für das Verständnis der menschlichen Subjektivität.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Sprache und Denken, die Entstehung der Identität durch das Spiegelstadium und die rhetorische Struktur des menschlichen Begehrens.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die lacansche Theorie dahingehend zu durchleuchten, wie Sprache das menschliche Sein konstituiert und wie sich dies strukturell in psychischen Mechanismen widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und psychoanalytische Analysemethode angewandt, die auf der kritischen Interpretation von Primär- und Sekundärquellen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden das Spiegelstadium, die symbolische Ordnung, die Trias aus Realem, Imaginärem und Symbolischem sowie rhetorische Figuren wie Metonymie und Metapher behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Spiegelstadium, Signifikant, Subjekt, Begehren und die rhetorischen Mittel der Metapher und Metonymie charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Metonymie von der Metapher bei Lacan?
Während die Metonymie eine Verschiebung der Signifikanten entlang einer Kette darstellt, fungiert die Metapher als eine substanzielle Ersetzung, die neuen Sinn erzeugt.
Inwiefern beeinflusst das "große Andere" das Subjekt?
Das "große Andere" symbolisiert die Sprache und die soziale Ordnung, in die das Kind hineinwächst und die seine Wahrnehmung der Realität sowie sein Handeln prägt.
Warum spielt das Spiegelstadium eine so wichtige Rolle für Lacan?
Es markiert den entscheidenden Moment, in dem das Kind durch die Identifikation mit seinem Spiegelbild eine erste Form von Kohärenz und Ich-Identität gewinnt.
- Arbeit zitieren
- Johannes Bellebaum (Autor:in), 2009, Eine Analyse der Sprachpsychologie von Jaques Lacan, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/170095