Nach dem Versagen der Diokletianischen Verfolgung und dem damit einhergehenden Versuch, das
römische Imperium als Kultgenossenschaft zu einen, trat eine für die antiken Voraussetzungen
ungewöhnliche Phase ein. Mit dem Toleranzedikt von Nikomedia des Kaisers Galerius von 311
wurde, neben den zahlreichen heidnischen Kulten, auch dem Christentum religiöse Freiheit und
Betätigung gewährt, mit der Bedingung, für das Heil des Kaisers und des Staates zu beten2. In die
Nachfolge dieses Edikts trat Konstantin, der im Laufe seiner langen Regierungszeit (306-337) einen
persönlichen religiösen Wandel vollzog, welcher sich in seiner Politik dieser Jahre widerspiegeln
sollte. Konstantin wandte sich von den heidnischen Göttern, wie Jupiter und Apollo, ab, begeisterte
sich anschließend für den monotheistischen Glauben an den Sol Invictus und bekannte sich
schließlich zum Christentum. Dieser Glaubensweg des Kaisers ist auch in den einzelnen Perioden
seiner Herrschaft wiederzufinden, die sich anhand von zwei weiteren Toleranzedikten gliedern lässt.
Mit dem „Edikt von Mailand“ im Jahre 313 beginnt Konstantins Bemühen für die Gleichstellung
des Christentums mit der Jahrhunderte alten heidnischen Religion. Das Gleichgewicht dieses
Nebeneinanders der Religionen auf Augenhöhe sollte sich in den folgenden Jahren jedoch zu
Gunsten der Christen verschieben. Mit dem „Lehrschreiben über die Toleranz“ aus dem Jahr 324
sollte dieser Weg im Bekenntnis des Kaisers zum „Christengott“ enden. Die Christen erlangten den
Status der Reichsreligion, wobei zu beachten gilt, dass Konstantin das Heidentum in seiner
Amtszeit nicht verbot oder verfolgte. Es gab somit immer noch ein Nebeneinander der Religionen,
nur nicht mehr „auf Augenhöhe“. In den folgenden Betrachtungen soll der Weg des Christentums
von einer verfolgten Religion hin zur Reichsreligion anhand der drei oben genannten Toleranzedikte
nachgezeichnet werden. Weiter stehen die Verfügungen dieser Schreiben im Vordergrund, um die
Frage zu beleuchten, wie die Christen nach Erlangen der staatlichen Macht mit dem Heidentum
umgingen, welches zuvor versuchte hatte, sie durch Verfolgungen auszurotten. Diese Arbeit soll
hier lediglich den Zeitraum der Herrschaft Kaisers Konstantin I. umfassen.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Toleranzedikt von Nikomedia
3 Das „Mailänder Edikt“
4 Das Lehrschreiben über die Toleranz
5 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Prozess der Konstantinischen Wende, durch den sich das Christentum von einer verfolgten Religion zur staatlich privilegierten Glaubensgemeinschaft wandelte. Dabei wird analysiert, wie Kaiser Konstantin I. durch verschiedene ediktartige Erlasse das Spannungsfeld zwischen der Integration des Christentums und dem Umgang mit dem heidnischen Erbe steuerte.
- Analyse des Toleranzedikts von Nikomedia (311) als Ausgangspunkt staatlicher Duldung.
- Untersuchung des Mailänder Edikts (313) zur Gleichstellung der Religionen.
- Betrachtung des Lehrschreibens über die Toleranz (324) als Instrument kaiserlicher Religionspolitik.
- Reflexion über das Verhältnis von staatlicher Macht, religiöser Freiheit und Machtkalkül.
Auszug aus dem Buch
3 Das „Mailänder Edikt“
Die Bestimmungen des sogenannten „Mailänder Edikts“ gehen auf ein Treffen zwischen Konstantin und Licinius im Frühjahr des Jahres 313 in Mailand zurück. Ziel dieser Unterredung war es, eine einheitliche Regelung für die zukünftige Religionspolitik im Reich zu finden. Im Hintergrund dieser Besprechung stand Konstantins Sieg über Maxentius im Oktober 312 und seine daraus resultierende Alleinherrschaft im Westen. Im Osten kam es zu immer stärkeren Spannungen zwischen Licinius und Maximinius Daia, die sich seit 311 um die Nachfolge des Galerius stritten. Der Text des Edikts ist von Laktanz in einem Brief des Licinius an den Statthalter von Bithynien überliefert und stammt aus der Zeit nach dem Sieg über Daia. Allgemein ist die Bezeichnung als Edikt für den vorliegenden Text nicht anerkannt, weshalb man eher von der „Mailänder Vereinbarung“ oder dem „Mailänder Protokoll“ spricht. Es hat nach Otto Seeck niemals ein reichsweites Edikt gegeben, das Regelungen zum Umgang mit den Christen beinhaltete. Eher handelt es sich bei den Dokumenten um kaiserliche Mandate, welche zur Veröffentlichung durch die Statthalter verfasst wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung skizziert den historischen Wandel unter Kaiser Konstantin I. und definiert den Untersuchungszeitraum von der konstantinischen Wende bis zur Etablierung des Christentums als Reichsreligion.
2 Das Toleranzedikt von Nikomedia: Dieses Kapitel analysiert das Edikt des Galerius von 311 und beleuchtet die politischen Hintergründe sowie die Bedingungen, unter denen den Christen erstmals die Ausübung ihres Glaubens gewährt wurde.
3 Das „Mailänder Edikt“: Hier wird die Vereinbarung von 313 untersucht, die eine Gleichstellung des Christentums mit anderen Religionen anstrebte und eine neue Ära der Religionspolitik im Römischen Reich einleitete.
4 Das Lehrschreiben über die Toleranz: Das Kapitel befasst sich mit Konstantins Erlass aus dem Jahr 324 und arbeitet heraus, wie dieser die Rolle des Kaisers als Förderer des Christentums weiter zementierte und das Heidentum zunehmend in den Hintergrund drängte.
5 Schluss: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Konstantinische Wende als Prozess der Transformation, der das Christentum von einer geduldeten zur prägenden Kraft des Staates erhob.
Schlüsselwörter
Konstantin der Große, Mailänder Edikt, Toleranzedikt von Nikomedia, Religionspolitik, Konstantinische Wende, Christentum, Heidentum, Laktanz, Euseb, Religionsfreiheit, Kaiser Licinius, Galerius, Spätantike, Religionsgeschichte, Reichskirche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die religiöse Transformation des Römischen Reiches unter Kaiser Konstantin I. und die rechtlichen Dokumente, die diesen Übergang begleiteten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die religiöse Toleranz, das Verhältnis von Staat und Religion, die christliche Kirchenpolitik und die Verdrängung der heidnischen Kulte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Weg des Christentums von der verfolgten Glaubensgemeinschaft zur dominierenden Reichsreligion anhand der drei wichtigsten Toleranzerlasse nachzuvollziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die primär auf zeitgenössischen Quellen wie Laktanz und Euseb sowie auf wissenschaftlicher Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die drei Erlasse (311, 313, 324) und setzt diese in den Kontext der jeweiligen politischen Situation Konstantins und seiner Mitregenten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Konstantinische Wende, Religionsfreiheit, Mailänder Edikt und die Transformation der Staatsreligion definieren.
Wie unterscheidet sich die Toleranz im Mailänder Edikt von der im Edikt von Nikomedia?
Während das Toleranzedikt von Nikomedia (311) eine erzwungene Duldung aufgrund politischer Notwendigkeit darstellte, strebte das Mailänder Edikt (313) eine aktivere Gleichstellung und einen rechtlichen Ausgleich für die christlichen Gemeinden an.
Warum wird das "Mailänder Edikt" von Historikern oft als "Vereinbarung" bezeichnet?
Die Forschung geht davon aus, dass es kein einzelnes, einheitliches Gesetz für das gesamte Reich gab, sondern mehrere kaiserliche Mandate, die von Statthaltern regional umgesetzt wurden.
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- Hans Martin Golz (Author), 2009, Die Konstantinische Wende - Eine Betrachtung zu drei Toleranzedikten, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/169922