Der Timaios, die Schöpfungsgeschichte Platons, nimmt in mehrerlei Hinsicht eine Sonderstellung in seinem philosophischen Gesamtwerk ein: Sokrates, der im Gros der platonischen Dialoge die Rolle des „Geburtshelfers“ im philosophischen Zwiegespräch übernimmt, tritt im
Timaios zugunsten eines längeren Monologs des namensgebenden Protagonisten zurück; seine sporadischen Einwürfe bilden nur mehr den erzählerischen Rahmen für den kosmologischen Entwurf des Timaios.
Neben der eigentümlichen Struktur des Textes – dem Monolog des Timaios geht ein Exkurs über den Atlantis-Mythos voraus, dessen erzählerische oder kompositionelle Funktion prima facie diffus erscheint – ist vor allem die diskontinuierliche Rezeptionsgeschichte des Timaios erwähnenswert: Über Jahrhunderte galt er als jenes Werk, welches die platonische Philosophie in Vollendung zum Ausdruck bringe. Die Vorrangstellung des Timaios vor den anderen Dialogen offenbart sich in der erstaunlichen Tatsache, dass er als einziger Text Platons im Mittelalter in lateinischer Übersetzung vorlag. Mitte des 20. Jahrhunderts war das
Interesse an der Kosmologie Platons vor allem im angelsächsischen Raum nahezu vollständig erloschen, was nicht zuletzt dem Einfluss des logischen Positivismus mit seiner dezidiert antimetaphysischen Haltung geschuldet ist. Die „Rehabilitation“ der Metaphysik Ende des 20. Jahrhunderts, unter anderem vorangetrieben von in der analytischen Tradition stehenden Philosophen wie Peter Strawson, förderte das wiederaufkeimende Forschungsinteresse. Auch
wenn Alfred N. Whiteheads Charakterisierung der europäischen Philosophie als „eine Reihe von Fußnoten zu Platon“ sicherlich zu pessimistisch ist, bleiben die platonischen Ideen mehr
als nur philosophiehistorisch relevant. Das Wiederentdecken alter Wahrheiten, „die Mühe [ihres] Neu-Denkens […] in eigenen, zeitgebundenen Begriffen“ lohnt sich.
Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den Passagen 48a bis 53c des zweiten Logos. Im Gegensatz zum ersten Logos, der die Entstehung des lebendigen Kosmos im Wesentlichen teleologisch erklärt, widmet sich der zweite
Teil von Timaios’ Rede der grundlegenden Physik der Welt. Im Zentrum des zweiten Logos steht die Frage nach der arché, dem Urgrund und Prinzip allen Seienden. Im Versuch, das Wesen der „Grundbausteine“ des Kosmos zu ergründen, wird die traditionelle platonische
Dichotomie von Seiendem und Werdendem aufgehoben; die Notwendigkeit einer dritten, „schwierige[n] und dunkle[n] Gattung“, der chóra, postuliert.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Der Prolog zum ersten λόγος – Metaphysische und epistemologische Präliminarien
1.1 Der Status der Welt
1.2 Der Status des kosmologischen Entwurfs
2. Der zweite λόγος
2.1 Die Natur von Feuer, Wasser, Erde und Luft
2.2 Die dritte Gattung – Urstoff oder Raum?
2.3 Vernunft und Notwendigkeit
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht zentrale Begriffe des zweiten Teils von Platons Timaios, insbesondere die Postulierung einer "dritten Gattung" (chóra) als Vermittlerin zwischen dem Seienden und dem Werdenden, um deren Rolle in der platonischen Physik und Ontologie zu ergründen.
- Metaphysische Unterscheidung von Sein und Werden
- Epistemologische Differenzierung von Wissen und Meinen
- Natur der vier Elemente (Feuer, Wasser, Erde, Luft)
- Die dritte Gattung (chóra) als Trägersubstanz und Raum
- Das Verhältnis von Vernunft und Notwendigkeit
Auszug aus dem Buch
Die dritte Gattung – Urstoff oder Raum?
Im vorhergehenden Kapitel haben wir festgestellt, dass auf Feuer, Wasser, Erde und Luft streng genommen nicht mit dem Wort „dieses“ referiert werden darf, da die indexikalische Bezugnahme eine permanente Natur suggeriert, wo sich doch tatsächlich ein steter Prozess qualitativer Transformation an einem Substrat vollzieht. Doch welche Entität dürfen wir mit Recht als ein „Dieses“ bezeichnen? „Dasjenige aber, worin jeweils entstehend jedes von ihnen [den Elementen, I.B.] erscheint und woraus es wieder entschwindet, allein jenes müssen wir dagegen bezeichnen, indem wir uns der Ausdrücke ‚dieses’ und ‚das’ dabei bedienen. [Hervorhebung von mir]“54
Neben Seiendem und Werdendem scheint es eine dritte Gattung zu geben, eine Wesenheit, „die die Gesamtheit der Körper in sich aufnimmt“55 und – so, wie das Gold das Arbeitsmaterial für den Bildhauer darstellt – den Ausprägungsstoff für die nach den ewigen Formen geschaffenen Abbilder bereitstellt. Als Amme des Werdens entbehrt die dritte Gattung aller Formen, sie „nimmt niemals irgendwie und irgendwo eine Gestalt an.“56 Wie die Trägersubstanz einer duftenden Salbe oder eines Parfümöls ihrerseits möglichst frei von Eigengerüchen sein soll, ist die aufnehmende Wesenheit „frei von allen Bestimmungen.“57
Erst durch die Aufnahme der Formen nimmt das Worin des Werdens Gestalt an, es wird von den Formen des Feuers, Wassers, der Erde und der Luft bewegt und geprägt und „zeigt sich in Abhängigkeit von jenem bald so, bald anders.“58 Die dritte Gattung für sich genommen ist bar aller wahrnehmbaren Eigenschaften und entzieht sich der menschlichen Erkenntnis. Nur indem sie den Ausprägungsstoff für die Abbilder des Seienden bereitstellt, wird sie als Substrat der wahrnehmbaren Qualia fassbar – sie ist „eine schwierige und dunkle Gattung“59, weil sie weder der menschlichen Vernunft noch der Wahrnehmung direkt zugänglich ist, sondern über den Umweg der Erfahrung erschlossen werden muss.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung verortet den Timaios im platonischen Gesamtwerk und skizziert die methodische sowie historische Relevanz der Schöpfungsgeschichte.
1. Der Prolog zum ersten λόγος – Metaphysische und epistemologische Präliminarien: Dieses Kapitel erläutert die platonische Dichotomie von Seiendem und Werdendem sowie die damit korrelierende Unterscheidung von Wissen und Meinen.
1.1 Der Status der Welt: Hier werden die metaphysischen Grundfragen zur Weltentstehung, zum ontologischen Status des Kosmos und zum Vorbild der Schöpfung analysiert.
1.2 Der Status des kosmologischen Entwurfs: Dieses Kapitel untersucht die erkenntnistheoretische Einordnung von Timaios' Rede als "wahrscheinliche Rede" und die Bedingtheit wissenschaftlicher Aussagen.
2. Der zweite λόγος: Der Übergang von teleologischen Erklärungen zur grundlegenden Physik der Welt wird hier vollzogen, wobei die dritte Seinsgattung eingeführt wird.
2.1 Die Natur von Feuer, Wasser, Erde und Luft: Die platonische Kritik an einer substanziellen Deutung der Elemente und ihr Charakter als flüchtige Qualitäten stehen hier im Fokus.
2.2 Die dritte Gattung – Urstoff oder Raum? Dieses Kapitel diskutiert die Natur der chóra als vermittelndes Medium und Trägersubstanz zwischen Ideen und Sinneswelt.
2.3 Vernunft und Notwendigkeit: Das Zusammenspiel und das hierarchische Verhältnis der zwei Prinzipien, die das Werden der Welt bestimmen, werden hier detailliert.
3. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und bekräftigt die Aktualität der platonischen Fragestellungen zur Natur der Materie und zur Fehlbarkeit des menschlichen Wissens.
Schlüsselwörter
Timaios, Platon, Metaphysik, Ontologie, chóra, dritte Gattung, Demiurg, Seiendes, Werdendes, Epistemologie, wahrscheinliche Rede, Notwendigkeit, Vernunft, Kosmologie, Materie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert zentrale Begriffe aus dem zweiten Teil von Platons Dialog "Timaios", insbesondere die ontologische Einordnung der Welt und die Rolle der sogenannten "dritten Gattung".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die platonische Metaphysik (Sein vs. Werden), die Epistemologie (Wissen vs. Meinen), die Naturphilosophie der Elemente sowie das Verhältnis von Vernunft und Notwendigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die philosophische Bedeutung der "dritten Gattung" (chóra) als Vermittlerin zwischen den idealen Formen und der wahrnehmbaren Welt im Kontext des Schöpfungsmythos zu erläutern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Textanalyse der relevanten Passagen des Timaios unter Einbeziehung philosophischer Sekundärliteratur zur analytischen Platon-Forschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die metaphysischen Vorbedingungen aus dem Prolog untersucht, bevor die Physik der Elemente, die chóra und das Wirken von Vernunft und Notwendigkeit diskutiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie chóra, Demiurg, Seinsgattungen, wahrscheinliche Rede, Ontologie und Kosmologie charakterisiert.
Warum spielt die Unterscheidung von "Seiendem" und "Werdendem" eine so große Rolle?
Diese Dichotomie ist fundamental, da sie bei Platon festlegt, welche Erkenntnisweise (Wissen oder Meinen) für welchen Gegenstandsbereich (Ideen oder wahrnehmbare Welt) angemessen ist.
Wie definiert die Autorin die "dritte Gattung"?
Sie interpretiert die dritte Gattung als ein "Mischmedium" oder eine "Amme des Werdens", das sowohl räumliche als auch stoffliche Funktionen erfüllt, um als Trägersubstanz für die Manifestation der Ideen in der physikalischen Welt zu fungieren.
In welchem Verhältnis stehen Vernunft und Notwendigkeit?
Platon ordnet die Notwendigkeit der Vernunft unter; die Notwendigkeit fungiert als ein widerspenstiges, chaotisches Prinzip, das durch die Vernunft (den Demiurgen) geordnet werden muss, um das bestmögliche Ergebnis der Weltordnung zu erreichen.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts (B.A.) Inga Bones (Autor:in), 2011, Die dritte Gattung als Vermittlerin zwischen Seiendem und Werdendem, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/169528