Mit der Arbeit sollen die Rolle und Bedeutung des „kritischen Denkens“ und die damit versuchte Erfassung sozialer Praxis im Institutsprogramm des frühen Horkheimer dargestellt werden. Zugleich soll anhand der „Dialektik der Aufklärung“, die gemeinsam mit Adorno unter dem Eindruck der Entwick-lung des Faschismus geschrieben wurde, der eingesetzte Paradigmenwechsel im Verständnis des Problemzusammenhangs zwischen Denken und sozialer Praxis in der früher kT beschrieben werden.
Die Entwicklung der Menschheitsgeschichte wird alleinig auf den Entfaltungsprozess der Umarbeitung und Beherrschung der Natur zurückgeführt. Die kT weiß allerdings im Gegensatz zur tT um die Logik der gesellschaftlichen Entwicklung. Dieses „kritische Verhalten“ des Subjekts steht dabei in bewusster Opposition zur Gesellschaft mit ihrer gemeinschaftlichen Organisation der Produktivkräfte, aber auch der daraus resultierenden und darauf aufbauenden Kultur. Träger dieses Verhaltens ist dabei nicht die gesellschaftliche Klasse des Proletariats an sich, sondern der „oppositionelle Intellektuelle und Theoretiker“. In der gemeinsam mit Adorno 1947 veröffentlichten „Dialektik der Aufklärung“ (DA) wurde die kritischen Theorie als Kritik an der Moderne und vor dem Hintergrund der Schrecken des Faschismus und des Krieges weiterentwickelt. Dabei stehen das „Projekt der Aufklärung“, ihre bewirkte Zerstörung des Mythos und die „Pathologien der modernen Gesellschaften … [als Ergebnis] der Verfallsgeschichte der abendländischen Rationalität“ (Hetzel 2001: 150) im Mittelpunkt der Betrachtungen. Dabei entzaubert die Aufklärung die Welt durch Dekonstruktion religiöser Vorstellungen und Institutionen. Soziale Praxis wird hierbei durch Horkheimer/Adorno vor dem Hintergrund der damaligen geschichtlichen Erfahrungen negativ in Bezug auf die Vernunft, die eine instrumentelle Vernunft darstellt, interpretiert und daraus dementsprechend die Fähigkeit zur Entwicklung normativer Kriterien für die gesellschaftliche Entwicklung sowie positive Inhalte der Aufklärung abgesprochen. Sah Horkheimer in „Traditionelle und kritische Theorie“ noch das positive gesellschaftsverändernde Potenzial eines „kritischen Denkens“ und „kritischen Verhaltens“, so ist dies in der „Dialektik der Aufklärung“ einem völlig negativistischen Verständnis sozialer Praxis gewichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kritisches Denken und kritisches Verhalten in Horkheimers frühem Institutsprogramm
2.1. Traditionelle Theorie und Horkheimers Entwurf einer kritischen Theorie
2.2. Kritisches Denken und kritisches Verhalten
2.3 Der Intellektuelle und das Proletariat
2.4 Das soziale Defizit des frühen Institutsprogramms
3. Denken und Naturbeherrschung in der „Dialektik der Aufklärung“
3.1 Mythos und Aufklärung
3.2 Vernunft und Denken
3.3 Die soziale Praxis in der „Dialektik der Aufklärung“
4. Kritische Würdigung und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Entwicklung des Konzepts von Denken und sozialer Praxis in der frühen Kritischen Theorie, indem sie den Übergang von Horkheimers Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“ hin zur gemeinsamen Arbeit mit Adorno, der „Dialektik der Aufklärung“, analysiert.
- Rolle und Bedeutung des „kritischen Denkens“ im frühen Institutsprogramm
- Geschichtsphilosophischer Deutungsrahmen und das Paradigma der Naturbeherrschung
- Wandel von einer positiven gesellschaftsverändernden Perspektive zu einem negativen Verständnis von Aufklärung
- Untersuchung der Trägerschaft gesellschaftlicher Veränderung (Intellektuelle vs. Proletariat)
- Reflexion über die Grenzen und das soziale Defizit der frühen Kritischen Theorie
Auszug aus dem Buch
2.1 Traditionelle Theorie und Horkheimers Entwurf einer kritischen Theorie
Im Aufsatz „Traditionelle und Kritische Theorie“, welcher 1937 im 6. Jahrgang der Zeitschrift für Sozialforschung erschienen ist, begründet Horkheimer den Anspruch einer kritischen Gesellschaftstheorie. Zugleich skizziert er das Selbstverständnis des Frankfurter Instituts für Sozialforschung der 1930er Jahre (vgl. Honneth 1994: 12), welches im selben Jahr durch Veröffentlichungen Marcuses in derselben Zeitschrift vervollständigt wird (Marcuse 1937/1980). Beide Arbeiten stützen sich auf die Vorarbeiten des Instituts, das mit Beginn des Faschismus nach mehreren Zwischenetappen in die USA emigrierte.
Horkheimer beschreibt im Aufsatz sowohl die theoretische Basis als auch den gesellschaftspolitischen Stellenwert der kritischen Theorie. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist „Die Frage, was Theorie sei“ (Horkheimer 2005: 205). Diese Frage sieht Horkheimer als beantwortet an: „Theorie ist das aufgestapelte Wissen in einer Form, die es zur möglichst eingehenden Kennzeichnung von Tatsachen brauchbar macht“ (ebd.: 205) und beschreibt im Folgenden das neuzeitliche – cartesianische - Wissenschaftsmodell. Als dessen Ziel, auf dem die traditionelle Theorie (tT) aufbaut, „[…] erscheint überhaupt das universale System der Wissenschaften […welches] umfasst alle möglichen Gegenstände“ (ebd.: 205f). Die wissenschaftliche Theorie sammelt dazu deduktiv gewonne Aussagen, die in Form von Hypothesen auf die empirisch beschreibbare Wirklichkeit appliziert wird (vgl. Honneth 1994: 12, Horkheimer 2005: 207f). Die einzelnen wissenschaftlichen Schulen und ihre unterschiedlichen Theoriegebäude sind dabei bedeutungslos („Aber das bedeutet keinen Unterschied im Denken“ (Horkheimer 2005: 208)); Horkheimer konzentriert sich weniger auf ihre Unterschiede, als auf ihr gedachtes Verhältnis zwischen „[…] wissenschaftlicher Theorie und Realität“ (Honneth 1994: 13).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, den Zusammenhang von Denken und sozialer Praxis im Wandel der frühen Kritischen Theorie von Horkheimer bis zur Dialektik der Aufklärung zu erforschen.
2. Kritisches Denken und kritisches Verhalten in Horkheimers frühem Institutsprogramm: Dieses Kapitel erläutert die theoretische Abgrenzung der kritischen von der traditionellen Theorie und führt die Konzepte des kritischen Denkens und Verhaltens als gesellschaftliche Praxis ein.
2.1. Traditionelle Theorie und Horkheimers Entwurf einer kritischen Theorie: Hier wird das Wissenschaftsverständnis der traditionellen Theorie als Teil des gesellschaftlichen Produktionsprozesses und der Naturbeherrschung analysiert und der Gegenentwurf der kritischen Theorie dargelegt.
2.2. Kritisches Denken und kritisches Verhalten: Der Fokus liegt auf der Verknüpfung von kritischem Denken mit einer verändernden gesellschaftlichen Aktivität, die über die bloße Naturbeherrschung hinausgeht.
2.3 Der Intellektuelle und das Proletariat: Es wird untersucht, warum Horkheimer den „oppositionellen Intellektuellen“ als Träger der kritischen Theorie favorisiert und sich dabei von orthodox-marxistischen Vorstellungen distanziert.
2.4 Das soziale Defizit des frühen Institutsprogramms: Das Kapitel reflektiert die Grenzen der frühen Theorie, insbesondere das Fehlen einer fundierten Analyse des alltäglichen sozialen Handelns.
3. Denken und Naturbeherrschung in der „Dialektik der Aufklärung“: Die Analyse des zentralen Werks von Horkheimer und Adorno beleuchtet den Paradigmenwechsel hin zur Kritik der instrumentellen Vernunft und der totalitären Aufklärung.
3.1 Mythos und Aufklärung: Dieser Teil zeigt auf, wie Aufklärung selbst zum Mythos wird und die Welt in einen Prozess der Entzauberung und Unterjochung führt.
3.2 Vernunft und Denken: Hier wird die Rolle der Vernunft als Instrument der Herrschaft und der Naturbeherrschung kritisch hinterfragt.
3.3 Die soziale Praxis in der „Dialektik der Aufklärung“: Es wird erläutert, wie sich die Sichtweise auf soziale Praxis zu einem radikalen Pessimismus gewandelt hat, der die Kulturindustrie als neues Herrschaftsfeld in den Blick nimmt.
4. Kritische Würdigung und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die Entwicklung der Kritischen Theorie zusammen und diskutiert deren Weiterführung durch Habermas sowie ihre heutige Relevanz.
Schlüsselwörter
Kritische Theorie, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Traditionelle Theorie, Dialektik der Aufklärung, Soziale Praxis, Naturbeherrschung, Instrumentelle Vernunft, Intellektuelle, Emanzipation, Herrschaft, Gesellschaftstheorie, Jürgen Habermas, Entzauberung, Kulturindustrie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Zusammenhang zwischen Denken und sozialer Praxis in den frühen Schriften der Frankfurter Schule, insbesondere im Vergleich zwischen Horkheimers Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“ und der „Dialektik der Aufklärung“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle des kritischen Denkens, die Kritik der instrumentellen Vernunft, das Verhältnis von Mensch und Natur sowie die Suche nach einem Träger gesellschaftlicher Emanzipation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Paradigmenwechsel im Verständnis der Kritischen Theorie nachzuzeichnen, der sich unter dem Eindruck der geschichtlichen Ereignisse wie Faschismus und Krieg vollzogen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine sozialphilosophische Rekonstruktion und einen vergleichenden Textvergleich, gestützt auf die Auseinandersetzung mit Primärtexten und einschlägiger Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des frühen Institutsprogramms mit seinem Fokus auf das kritische Subjekt und die anschließende kritische Analyse der Aufklärung bei Horkheimer und Adorno.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören Kritische Theorie, instrumentelle Vernunft, Naturbeherrschung, gesellschaftliche Praxis und Emanzipation.
Wie unterscheidet sich die Auffassung der sozialen Praxis in den beiden untersuchten Werken?
Während Horkheimer in seinem Aufsatz von 1937 noch ein positives Veränderungspotenzial durch das „kritische Denken“ sah, ist diese Sicht in der „Dialektik der Aufklärung“ einem tiefgreifenden Pessimismus gewichen, der Aufklärung als totalitären Prozess der Herrschaftsausübung interpretiert.
Welche Rolle spielt der Intellektuelle nach Horkheimer?
Der Intellektuelle fungiert als „oppositioneller“ Theoretiker, der außerhalb der konformistischen Tendenzen des Proletariats steht und durch seine Reflexion zur gesellschaftlichen Veränderung beitragen soll.
- Arbeit zitieren
- Silke Piwko (Autor:in), 2010, Denken und soziale Praxis – ein Vergleich der Ansätze in Horkheimers Aufsatz "Traditionelle und Kritische Theorie" sowie in Horkheimers / Adornos "Dialektik der Aufklärung" , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/169178