Im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts bewirkten die Erkenntnisse der modernen Physik den Sturz des traditionellen Weltbildes. Die Einsichten der neuen Zweige der Physik übten eine starke Faszination nicht nur auf Fachleute aus, sondern sie wirkten weit über den engeren Kreis der Physiker hinaus auf andere Kultur- und Wissensbereiche der Gesellschaft. Allerdings faszinierten sie nicht nur, sondern große Teile der Bevölkerung setzten die Behauptungen und Formeln der Physiker Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Verwirrung und Beunruhigung.
Zu dieser Verunsicherung trug nicht allein die moderne Physik bei, sondern ebenso eine unübersichtlich und labyrinthartig erscheinende Großstadt, das Aufkommen der Psychoanalyse und neue und schnelle Produktionsweisen, Verkehrsmittel und Massenmedien, die den Menschen zwangen, seine Umwelt in ihrem Rhythmus wahrzunehmen.
Die Kunst reagierte auf die sich ändernde Wahrnehmung der Welt. Inhalt und Form der Werke wandelten sich unter den neuen Einflüssen. Auch die moderne Physik blieb nicht ohne Wirkung auf die Kunst, auf die Literatur. Ausmaß und Intensität ihres Einflusses auf neue Gestaltungsweisen im Roman lassen sich nicht in jedem Falle so genau bestimmen, wie dies bei dem Mathematiker Robert Musil der Fall ist. Aber Parallelen zu physikalischen Theorien sind in der formalen Gestaltung des modernen Romans unübersehbar.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. MODERNE PHYSIK
2.1 DIE RELATIVITÄTSTHEORIE
2.1.1 Zur Struktur von Raum und Zeit
2.2 DIE QUANTENTHEORIE
3. DIE REZEPTION DER MODERNEN PHYSIK IN DER GESELLSCHAFT
4. DIE WELTBILDNERISCHE FUNKTION DES ROMANS
5. RAUM UND ZEIT
6. ERZÄHLPERSPEKTIVE/-STRUKTUR
7. WIRKLICHKEIT UND MÖGLICHKEIT DES MODERNEN ROMANS
8. LITERATUR
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Einfluss der modernen physikalischen Theorien des frühen 20. Jahrhunderts (insbesondere Relativitätstheorie und Quantenphysik) auf die formale Gestaltung und das Weltbild des modernen Romans.
- Wandel des Wirklichkeitsverständnisses durch moderne Physik
- Transformation physikalischer Konzepte wie Raum und Zeit in literarische Strukturen
- Die Rolle des Romans als Seismograph gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Umbrüche
- Erzähltechnische Konsequenzen: Abkehr vom auktorialen Erzählen hin zur Polyperspektivität
- Vergleich von Experimentalroman (19. Jh.) und modernem Roman (20. Jh.)
Auszug aus dem Buch
Die weltbildnerische Funktion des Romans
Der von Friedell beschriebene „Sturz der Wirklichkeit“ (Friedell, 1976, S. 1503) löste eine tiefe Verunsicherung bei den Menschen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts aus, der unter anderem dazu führte, dass Künstler die sich wandelnde Wahrnehmung von Welt mit geänderten ästhetischen Mitteln auszudrücken suchten. Die Welt noch im Roman des 19. Jahrhunderts funktionierte – zumindest weitgehend - nach den Gesetzen der klassischen Physik und der Wahrnehmung des gesunden Menschenverstandes. Wenn sich auch bereits im 19. Jahrhundert neue Erzählperspektiven andeuteten, so setzten sie sich doch erst im 20. Jahrhundert unter dem Eindruck einer sich relativierenden Wirklichkeit gegen die überlieferten Wahrnehmungsmuster durch. Die „Relativierung aller Anhaltspunkte und Bezugssysteme“ führte zu einer „Kontingenz der Weltgestaltung“ (Bauer, 1997, S. 3), die der moderne Roman einzufangen sucht.
1958 stellt Erich Franzen in seinem Artikel Der Roman und die Wirklichkeit, (in: Bruno Hillebrand [Hrsg.], 1978, S.211 – 220) Überlegungen an, in welcher Weise der moderne Roman diese Aufgabe erfüllen kann: Geschichtsmetaphysik taugt nicht mehr als Ordnungsprinzip für den Roman, der „nur noch das ästhetische Korrelat der Wirklichkeit in besonderer Zeichensprache wieder[gibt]“. Der Autor, der die vielfältigen Möglichkeiten der Weltgestaltung nach Belieben miteinander kombiniert, wird zum Ingenieur, der so die traditionelle Erzählform auflöst; ein Verfahren, das, so Franzen, letztlich in Zeichenmagie mündet. Als einen Vertreter dieser Art zu schreiben, nennt er Samuel Beckett.
Es ist dem modernen Roman letztendlich nicht mehr möglich, glaubt Franzen, die zerfallene Totalität in künstlerisch gültiger Form auszudrücken, weil der Roman auf die Umgangssprache angewiesen ist um das Alltägliche abzubilden. Diese ist allerdings nicht in der Lage, Totalität darzustellen und das Alltägliche zu transzendieren. Um alles mit allem zu verbinden, müsste die Sprache zur mathematischen Formel gerinnen. Damit wäre der Roman allerdings keine Kunstform mehr. Dennoch bleibt aber das Problem, wie die neue Wirklichkeit im Roman mitgeteilt werden kann. Der moderne Roman, klagt Franzen, verwandelt sich von einem die Entwicklung vorantreibenden Informationsmittel zum bloßen Kommentar.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung skizziert den Zusammenbruch traditioneller Weltbilder durch die moderne Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts und stellt die Forschungsfrage nach den Auswirkungen auf die formale Gestaltung des Romans.
MODERNE PHYSIK: Dieses Kapitel gibt einen kompakten Überblick über die Grundlagen der Relativitätstheorie und der Quantentheorie sowie deren Bedeutung als Bruch mit der klassischen Physik.
DIE REZEPTION DER MODERNEN PHYSIK IN DER GESELLSCHAFT: Es wird analysiert, wie die wissenschaftlichen Umwälzungen gesellschaftliche Verunsicherung auslösten und durch Medien sowie intellektuelle Diskurse verarbeitet wurden.
DIE WELTBILDNERISCHE FUNKTION DES ROMANS: Dieses Kapitel untersucht, wie moderne Romane auf den „Sturz der Wirklichkeit“ reagieren und ihre Rolle bei der Orientierung des Lesers durch neue ästhetische Mittel definieren.
RAUM UND ZEIT: Die Analyse zeigt, wie die Relativierung von Raum und Zeit in der Physik zu einer Aufhebung linearer Erzählstrukturen und einer Neubewertung des Augenblicks in der Literatur führt.
ERZÄHLPERSPEKTIVE/-STRUKTUR: Hier wird der Wandel vom auktorialen Erzählen im 19. Jahrhundert zur polyperspektivistischen, subjektiven Erzählweise im 20. Jahrhundert im Vergleich mit naturwissenschaftlichen Methoden beschrieben.
WIRKLICHKEIT UND MÖGLICHKEIT DES MODERNEN ROMANS: Das Kapitel diskutiert anhand von Blumenbergs Wirklichkeitsbegriffen den Übergang zum modernen „Roman der Möglichkeiten“, in dem Fiktion und Realität zunehmend verschwimmen.
Schlüsselwörter
Moderne Physik, Relativitätstheorie, Quantentheorie, moderner Roman, Wirklichkeitsbegriff, Weltbild, Erzählstruktur, Polyperspektivität, Raum-Zeit-Kontinuum, James Joyce, Ulysses, Robert Musil, Literaturwissenschaft, Literaturtheorie, Epistemologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie die radikalen Erkenntnisse der modernen Physik im frühen 20. Jahrhundert die Literatur, speziell den Roman, in Form und Weltgestaltung beeinflusst haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Wandel des wissenschaftlichen Weltbildes, die ästhetische Verarbeitung physikalischer Theorien (Relativität/Quanten) und die Krise des Erzählens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass der moderne Roman nicht nur neue Themen wählt, sondern durch physikalische Denkmodelle seine formale Struktur (z.B. Perspektivwechsel) grundlegend gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die einschlägige theoretische Essays (u.a. von Broch, Franzen, Blumenberg, Eco) heranzieht, um Analogien zwischen Physik und Dichtung herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Raum-Zeit-Konzepte, den Zerfall des auktorialen Erzählens und die Entwicklung hin zum Roman der „Möglichkeiten“ anhand prominenter Beispiele wie James Joyces Ulysses.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Relativitätstheorie, Quantentheorie, Polyperspektivität, Kontingenz der Weltgestaltung und der Paradigmenwechsel vom Wirklichkeits- zum Möglichkeitsroman.
Wie reagiert der moderne Roman auf die Auflösung der klassischen Welt?
Laut der Arbeit reagiert er durch die Aufgabe einer einheitlichen, linearen Erzählweise und verwendet stattdessen Techniken wie den inneren Monolog, um die subjektive, fragmentierte Wahrnehmung abzubilden.
Warum wird James Joyces Ulysses so intensiv diskutiert?
Ulysses gilt als prototypisches Werk der Moderne, das durch seine komplexe Struktur und die „Poetik des Standpunktes“ die epistemologischen Unsicherheiten der Zeit formal perfekt in Sprache umsetzt.
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- Mechthild Speicher (Author), 2003, Der Einfluss der Physik auf den Roman des zwanzigsten Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/168968