So einfach es scheint, bei der Geburt eines Kindes dessen Geschlecht zu erkennen, so beruht doch diese Erkenntnis („es ist ein Junge!“ oder „es ist ein Mädchen!“) zunächst nur auf der Sichtung körperlicher Merkmale und der Zuordnung von sozial vereinbarten biologischen Geschlechtsmerkmalen zum Geschlecht. Offene und versteckte Ausdrucksweisen für Geschlechtsidentitäten manifestieren sich auch in der weiteren Biografie eines Menschen im Rahmen sozialer Interaktionen, zum Beispiel in Kommunikationssituationen. Vor diesem Hintergrund eröffnet die Entwicklung der Kommunikationsmöglichkeiten in Neuen Medien neue Perspektiven. Abweichende Geschlechtsentwürfe lassen sich testen und das Geschlecht könnte im Cyberspace an Bedeutung gewinnen. Andererseits könnte das Geschlecht in virtuellen Räumen, weil es regelrecht „aus dem Blickfeld“ verschwindet, an Bedeutung verlieren, und der Cyberspace sich in der Folge zu einem geschlechtsneutralen Raum entwickeln. Es ist aber auch vorstellbar, dass es im Rahmen einer körperlosen Kommunikation letztlich doch immer wieder zur Herstellung von Geschlecht kommt und sich an dessen Bedeutung insofern nichts Wesentliches ändert. Diesen Fragestellungen wird mit Blick auf die Kommunikation im Cyberspace nachgegangen. Zunächst werden die grundsätzlichen Prozesse der Konstruktion von Geschlecht, die Erweiterung des soziologischen Konzepts des „doing gender“ und etwaige Ergänzungen, die mit dem Konzept des „digital doing gender“ verbunden sind, dargestellt. Danach wird geprüft, wie der Körper als Darstellungsmedium und das Geschlecht entlang der unterschiedlichen technischen Möglichkeiten in virtuellen Räumen (Internetforen, Chats, MUDs, Avatare, Online-Communities/Soziale Netzwerke, Weblogs) inszeniert werden. Wesentliche Erkenntnisse finden sich in einer tabellarischen Übersicht wieder. Auf der Basis dieser Erkenntnisse wird abschließend die Frage diskutiert, welche Bedeutung dem Geschlecht im Cyberspace zukommt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Konstruktion von Geschlecht
2.1 „Sex“, „Gender“ und „Doing Gender“
2.2 Digital Doing Gender
3 Das Geschlecht im Cyberspace
3.1 Der Cyberspace als virtueller Raum
3.2 Die Inszenierung von Geschlecht im Cyberspace
3.3 Empirische Ergebnisse der Internetforschung aus Geschlechterperspektiven
3.3.1 Internetnutzung nach Geschlecht
3.3.2 Körperliche Geschlechtsindikatoren
3.3.3 Internetforen
3.3.4 Chats
3.3.5 Adventure-Multi User Dungeons (MUDs)
3.3.6 Avatare
3.3.7 Online-Communities / Soziale Netzwerke
3.3.8 Weblogs
3.3.9 Zwischenfazit
4 Diskussion
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Geschlecht im Cyberspace und geht der Forschungsfrage nach, inwieweit digitale Umgebungen traditionelle Geschlechterrollen dekonstruieren oder bestehende Konventionen fortführen.
- Konstruktion von Geschlecht und das Konzept des "Doing Gender".
- Cyberspace als virtueller Raum und seine Auswirkungen auf die soziale Interaktion.
- Empirische Analyse geschlechtsspezifischer Verhaltensmuster in Internetforen, Chats und sozialen Netzwerken.
- Die Rolle des Körpers als Darstellungsmedium in virtuellen Welten und Online-Spielen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Cyberspace als virtueller Raum
Der Begriff „Cyberspace“ wurde in der Vergangenheit auch synonym für das Internet oder das World Wide Web (WWW) verwandt. Man könnte das Internet und das WWW auch als Infrastrukturen des Cyberspace betrachten. Solche technischen Unterscheidungsmöglichkeiten sollen hier keine Rolle spielen. Von Bedeutung ist hingegen die Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit der Cyberspace eine neue Realitätsdimension in Richtung einer „neuen Welt“ entwickelt.
Virtuelle Realitäten gibt es schon seit Menschen in der Lage sind, ihre körperliche Daseinsform in Sprache und Bilder zu übersetzen. Der Cyberspace stellt in diesem Sinne eine weitere, auf der Basis fortentwickelter Informations- und Kommunikationstechnologie geschaffene Möglichkeit dar.
Das Medium Internet wird mittlerweile stark genutzt. Der „Onliner“-Anteil an der deutschen Bevölkerung lag im Jahr 2010 bei 72% und differierte in den Bundesländern zwischen 62,7% (Mecklenburg-Vorpommern) und 80,2% (Bremen). Wie umfassend die menschlichen Konsum-, Arbeits- und Freizeitaktivitäten in dieser „virtuellen Welt“ gestaltet werden und inwiefern sich der Cyberspace über die reine Kommunikationsplattform hinaus zu einer Lebenswelt entwickelt, bleibt abzuwarten. Bislang kann jedoch nicht von einer klaren Grenzziehung zwischen realer und virtueller Welt ausgegangen werden. So ist zum Beispiel bei Arbeitsbeziehungen in virtuellen Gruppen feststellbar, dass sich Beziehungsnetze in Form von computervermittelter Kommunikation und Face-to-Face-Begegnungen meist ergänzen. Virtuelle Welten stellen eher eine Erweiterung der realen Welt („simply another place to meet“) und keine Welt an sich dar (Henke 2009: 209f.). Vor diesem Hintergrund wird dem Begriff Cyberspace in dieser Hausarbeit folgendes Verständnis zu Grunde gelegt:
Beim Cyberspace handelt sich um eine computermedial erzeugte Umgebung, in welcher die Akteure ihre räumlichen, zeitlichen und sozialen Wahrnehmungen virtualisieren. Es entsteht ein virtualisierter Raumeindruck, der keinen topografischen Raum darstellt. Es handelt sich nicht um eine gegensätzliche Welt, sondern um eine neue Erfahrungsumgebung in derselben Welt. Hierbei ist vorstellbar, dass es zu einer Übertragung kultureller Elemente, zum Beispiel der Zweigeschlechtlichkeit kommt, aber es ist auch denkbar, dass sich solche Elemente in dieser neuen Erfahrungsumgebung verändern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Geschlechtsidentität im Kontext digitaler Medien und Formulierung der leitenden Fragestellung.
2 Die Konstruktion von Geschlecht: Theoretische Herleitung der Konzepte "Sex", "Gender", "Doing Gender" sowie Einführung von "Digital Doing Gender".
3 Das Geschlecht im Cyberspace: Analyse des virtuellen Raums und Darstellung empirischer Ergebnisse in verschiedenen Internetformaten von Foren bis Avataren.
4 Diskussion: Kritische Reflexion der Ergebnisse und Diskussion darüber, ob der Cyberspace tatsächlich neue Identitätsräume jenseits klassischer Rollen bietet.
5 Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der Relevanz von Geschlecht im digitalen Raum und Ausblick auf künftigen Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Cyberspace, Geschlecht, Doing Gender, Digital Doing Gender, Internetnutzung, Geschlechtsidentität, virtuelle Kommunikation, Körperlichkeit, Online-Communities, Avatare, MUDs, Geschlechterrollen, soziale Konstruktion, Netzpraktiken, Geschlechterforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung der Kategorie "Geschlecht" im Cyberspace und untersucht, ob digitale Umgebungen eine Dekonstruktion traditioneller Geschlechterbilder ermöglichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die soziale Konstruktion von Geschlecht, die Inszenierung des Körpers im virtuellen Raum und die Untersuchung spezifischer Netzpraktiken in unterschiedlichen Online-Formaten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, ob der Cyberspace als geschlechtsneutraler Raum fungiert oder ob traditionelle Geschlechterkonventionen auch in virtuellen Interaktionen perpetuiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die Methode der Literaturauswertung, um soziologische Erkenntnisse und empirische Studien zur Internetnutzung aus Geschlechterperspektiven zusammenzuführen und zu reflektieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Geschlechterkonstruktion und eine detaillierte empirische Analyse verschiedener digitaler Räume wie Foren, Chats, Avatare und Weblogs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie "Cyberspace", "Doing Gender", "Geschlechtsidentität" und "soziale Konstruktion" charakterisieren.
Welche Rolle spielt der Körper in virtuellen Welten laut der Arbeit?
Der Körper bleibt auch im Cyberspace ein zentrales Darstellungsmedium; er wird virtuell reorganisiert und dient als Referenzpunkt für soziale Identifizierungen.
Wie bewertet die Arbeit das Potenzial des Internets zur Geschlechterdekonstruktion?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass bisher wenig "revolutionäres" Potenzial erkennbar ist, da traditionelle Konventionen und Stereotype in der digitalen Welt fortgesetzt oder sogar überspitzt werden.
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- Egon Wachter (Author), 2011, Das Geschlecht im Cyberspace, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/168598