1. Einleitung
Seit der Gründung der Europäischen Währungsunion (EWU) 1999 fehlen den Mitgliedsstaa- ten wichtige Instrumente der nationalen Wirtschaftspolitik, da diese nun in die Europäische Zentralbank (EZB) übergegangen sind. Dadurch, dass es keine nationalen Währungen und die damit einhergehenden Wechselkurse mehr gibt, können die einzelnen Volkswirtschaften folg- lich nicht mehr auf- oder abwerten. Die EZB betreibt nämlich eine einheitliche Geldpolitik für die EWU und orientiert sich nicht an nationalen Erfordernissen.
Für viele Länder entstanden dadurch positive Effekte. Die einheitliche und stabilitätsorientier- te Geldpolitik verringerte das Potential einer erhöhten Inflation erheblich. Dies lag vor allem daran, dass die zuverlässige und wissensstarke damalige Deutsche Bundesbank als Vorbild genommen wurde. Ferner verringerte sich die Risikoprämie bei den Zinsen deutlich.1 Länder wie Spanien, Italien oder Irland konnten sich nach Einführung des Euros günstiger Geld an den Finanzmärkten beschaffen. Dies führte in der Anfangsphase der EWU zu deutlich höhe- ren Wachstumsraten in diesen Ländern, aber auch zur Unterstützung von Fehlentwicklungen wie beispielsweise der spanischen Immobilienblase.
Die EWU ist ein Staatenkonstrukt mehrerer verschiedener Staaten, welche sich strukturell unterscheiden. Aufgrund der Heterogenität stellt sich unter Ökonomen oft die Frage, ob eine makroökonomische Koordination sinnvoll ist, um beispielsweise asymmetrischen Schocks besser entgegenzuwirken oder auch um Steuersysteme etc. zu harmonisieren. Durch die Fi- nanzkrise von 2008 waren die Staaten weltweit gezwungen ihre Wirtschaft durch schuldenfi- nanzierte Konjunkturpakete zu unterstützen. Hierbei handelte die Europäische Union (EU) als Staatengemeinschaft eher unkoordiniert. Die Länder handelten sehr unterschiedlich. Deutsch- land und Spanien verabschiedeten in Relation zum BIP große Konjunkturpakete. Kleinere Länder und Italien hingegen beschlossen sehr geringe oder gar keine Maßnahmen. Aus die- sem Sachverhalt ergibt sich die Frage, ob es Länder in der EWU gibt, welche auf grenzüber- schreitende Spillover Effekte setzen und sich selbst nicht aktiv an einer Konjunkturstützung im Form von Fiskalmaßnahmen beteiligen wollen. Diese Frage werde ich in Kapitel 4 näher beleuchten.
Zuvor wird in Kapitel 2 mit der Analyse von Multiplikatoreffekten begonnen. In der Wissen- schaft wird oft der keynesianische Multiplikatoreffekt herangezogen, welcher größer eins ist. Jedoch gibt
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Multiplikatoreffekte durch Ausgabensteigerungen nationaler Regierungen
3. Kann eine koordinierte Makropolitik von Vorteil sein?
3.1. Politikbereiche einer makroökonomischen Koordination
3.2. Wünschbarkeit einer makroökonomischen Koordination
3.3. Instrumente einer makroökonomischen Koordination
3.4. Exkurs: Zentralisierung der GP in den ASEAN Staaten
4. Spillover Effekte in der EU am Beispiel der Finanzkrise
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Sinnhaftigkeit und die Herausforderungen einer koordinierten makroökonomischen Fiskalpolitik innerhalb der Europäischen Währungsunion (EWU). Dabei wird insbesondere analysiert, wie sich nationale Konjunkturmaßnahmen auswirken, ob eine stärkere Zentralisierung der Fiskalpolitik vorteilhaft wäre und inwiefern grenzübergreifende Spillover-Effekte im Kontext der Finanzkrise von 2008 zu einem "Free-Rider"-Verhalten führen können.
- Analyse keynesianischer Multiplikatoreffekte und deren Gültigkeit in modernen ökonomischen Modellen.
- Untersuchung der fiskalpolitischen Koordinierung im Kontext der Heterogenität der EWU-Mitgliedsstaaten.
- Diskussion der Spillover-Effekte nationaler Konjunkturpakete und deren Einfluss auf andere EU-Volkswirtschaften.
- Vergleich der EWU-Strukturen mit dem hypothetischen Fall einer Währungsunion in den ASEAN-Staaten.
- Bewertung des Stabilitäts- und Wachstumspakts als Instrument zur Vermeidung von Fehlentwicklungen.
Auszug aus dem Buch
3.1. Politikbereiche einer makroökonomischen Koordination
Unter einer koordinierten Makropolitik fallen in erster Linie eine verknüpfte Geld- und Fiskalpolitik. Dabei werden in der Literatur oft zwei verschiedene Modelle diskutiert. Zum einen das monetaristisch-klassische Modell. Hier gibt es keine realen Wirkungen der Geldpolitik. Die Zentralbank kann lediglich die Geldmenge beeinflussen, was sich dann auf das Preisniveau auswirkt.12
Betrachtet man zum anderen das neu-keynesianische Modell wird deutlich, dass zu einer abgestimmten Makropolitik die Koordination von Lohn,- Geld- und Fiskalpolitik erforderlich ist (siehe Grafik 2). Dieses Modell wird in der Wissenschaft als überlegen angesehen, da empirische Evidenz vorliegt, dass Preis- und Lohnrigiditäten in der Realität vorhanden sind sowie nominale Größen Auswirkungen auf reale Dimensionen haben.13
Inwieweit dieses Modell die Realität widerspiegelt, hängt allerdings auch davon ab, wie die Arbeitsmärkte auf eine expansive Geldpolitik reagieren. Zieht man den Hump-shape-Ansatz zugrunde, können dezentrale und zentrale Organisationsstrukturen positiv auf den Arbeitsmarkt wirken. Ein mittlerer Organisationsgrad kann sich negativ auf Löhne und Beschäftigung auswirken.14
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Herausforderungen der EWU seit 1999 durch den Verlust nationaler geldpolitischer Instrumente und stellt die Frage nach der Notwendigkeit einer makroökonomischen Koordination.
2. Multiplikatoreffekte durch Ausgabensteigerungen nationaler Regierungen: Dieses Kapitel analysiert die Wirksamkeit fiskalischer Maßnahmen und kritisiert den konsenslosen Stand der Wissenschaft bezüglich der Höhe des keynesianischen Multiplikators.
3. Kann eine koordinierte Makropolitik von Vorteil sein?: Das Kapitel diskutiert die theoretischen Grundlagen der Koordination, die steuerliche Harmonisierung und die Risiken einer administrativen Überlastung bei der Implementierung gemeinsamer Fiskalpolitik.
3.1. Politikbereiche einer makroökonomischen Koordination: Hier wird der Vergleich zwischen monetaristisch-klassischen und neu-keynesianischen Modellen gezogen, um die Bedeutung von Preis- und Lohnrigiditäten hervorzuheben.
3.2. Wünschbarkeit einer makroökonomischen Koordination: Dieses Kapitel erörtert die Vor- und Nachteile der fiskalischen Integration, insbesondere im Hinblick auf den Steuerwettbewerb und asymmetrische Schocks.
3.3. Instrumente einer makroökonomischen Koordination: Das Kapitel evaluiert mögliche Formen der Koordination, von freiwilligem Informationsaustausch bis hin zu harten regulatorischen Vorschriften, unter Berücksichtigung von Subsidiarität und Autonomie.
3.4. Exkurs: Zentralisierung der GP in den ASEAN Staaten: Der Exkurs vergleicht die ökonomischen Rahmenbedingungen der ASEAN-Staaten mit der EU, um Lehren für eine mögliche Währungsunion zu ziehen.
4. Spillover Effekte in der EU am Beispiel der Finanzkrise: Dieses Kapitel untersucht empirisch, wie deutsche Konjunkturmaßnahmen über Spillover-Effekte andere EU-Länder beeinflussen und welche Rolle das Taylor-Modell dabei spielt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Kontroversen zusammen und plädiert für die Entwicklung wirksamerer Instrumente gegen Staatsverschuldung anstelle einer rein koordinierten Fiskalpolitik.
Schlüsselwörter
Europäische Währungsunion, EWU, Fiskalpolitik, Makroökonomische Koordination, Multiplikatoreffekt, Finanzkrise, Spillover-Effekte, Konjunkturpaket, Geldpolitik, Arbeitsmarkt, Stabilitäts- und Wachstumspakt, ASEAN, Neu-Keynesianismus, Staatsverschuldung, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die makroökonomischen Herausforderungen innerhalb der Europäischen Währungsunion (EWU) und hinterfragt, ob eine engere Abstimmung der nationalen Fiskalpolitiken sinnvoll und umsetzbar ist.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf fiskalischen Multiplikatoreffekten, der Koordination von Geld- und Fiskalpolitik, Spillover-Effekten zwischen den EU-Mitgliedsstaaten sowie den Folgen des Verlusts nationaler geldpolitischer Souveränität.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es zu erörtern, ob eine koordinierte Makropolitik in der EWU Vorteile bietet, insbesondere um asymmetrischen Schocks zu begegnen und in Krisenzeiten eine wirksame Konjunkturstützung zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit ökonomischen Modellen, wie dem neu-keynesianischen Modell und dem Taylor-Modell, sowie auf eine Analyse empirischer Daten zur Konjunkturpolitik während der Finanzkrise.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Multiplikatoreffekten, die Analyse der Wünschbarkeit und Instrumente einer koordinierten Politik sowie eine Untersuchung von Spillover-Effekten am Beispiel Deutschlands und der Euro-Finanzkrise.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Europäische Währungsunion, Fiskalpolitik, makroökonomische Koordination, Multiplikatoreffekt und Spillover-Effekte.
Welche Rolle spielt die Heterogenität der EU-Mitgliedsstaaten?
Die Heterogenität erschwert eine einheitliche Fiskal- und Geldpolitik, da unterschiedliche ökonomische Ausgangslagen und Interessen die Implementierung gemeinsamer Regeln politisch schwer umsetzbar machen.
Wie bewertet der Autor den Stabilitäts- und Wachstumspakt?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Pakt sein Ziel weitgehend verfehlt hat, da er zu lax ausgelegt ist und Fehlentwicklungen in einzelnen Mitgliedsstaaten wie Griechenland nicht verhindern konnte.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Lukas Brinkmann (Autor:in), 2010, Europäische Finanzpolitik: Makroökonomische Koordination, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/168109