Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos. Dies ist der Titel eines Seminares, welches ich in der vergangenen Woche im Rahmen meines Studiums der katholischen Religionslehre besuchte. Einen ganzen Abend lang erläuterte Walter Langer – Referent der Stiftung Weltethos und selbst erfahrener Gesamtschullehrer – im Kreise junger angehender Religionslehrer, wie es möglich ist, das Thema der Weltreligionen im katholischen Religionsunterricht umzusetzen und dabei einen Beitrag dazu zu leisten, den oftmals religiös heterogenen Schülergruppen mit der erforderlichen Sensibilität zu begegnen.
Im Rahmen seiner Präsentation über die Wirksamkeit von Bildern als gelungener Ansatzpunkt für Diskussionen mit den SchülerInnen kam Langer dabei auch auf das Thema Islam. In diesem Kontext präsentierte er den Teilnehmern das Bild einer jungen Muslima, die – ausgepeitscht, blutend und der Rücken mit Suren des Koran beschmiert – am Boden liegt. Dieser provokante Ansatz, so Langer, mache es möglich, in eine differenzierte Diskussion über den Islam einzusteigen, bei der mit Vorurteilen aufzuräumen sei.
Zunächst schockiert über die Direktheit Langers Vorgehen, möchte ich mich im Rahmen dieser Arbeit damit beschäftigen, ob sich adäquater Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft im katholischen RU derartig gestalten kann oder ob das Vorgehen Langers hinsichtlich der besonderen Voraussetzungen einiger Modifikationen bedarf.
Dazu gilt es zunächst, grundlegende Unterschiede zwischen den SchülerInnen zu erarbeiten, die auf dem divergierenden Religionsbekenntnis basieren (II). Im Anschluss daran soll auf Grundlage von Thesen zur Interkulturalität erörtert werden, ob es im RU Möglichkeiten gibt, gerade hinsichtlich der Thematik Islam interkulturell zu lernen (III). Diese Ausführungen dienen als Grundlage für daran anschließende Konkretisierungen im Kontext der Aussage Aus Fremdheit lernen (IV). Letztlich soll – basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen – im Fazit ein Rückbezug auf die Vorgehensweise Langers erfolgen (V).
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Unterschiede im Religionsbekenntnis als Determinanten der aktuellen Situation
II.1 Religionsunterricht und Pluralität
II.2 Unterschiede im Ethos
II.3 Gegenseitige Vorurteile
III. Interkulturalität im Religionsunterricht leben. Ausführungen zum Thema Islam auf Grundlage von Thesen zur Interkulturalität.
IV. Aus Fremdheit lernen
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht, wie ein sensibler und didaktisch reflektierter Umgang mit religiöser Heterogenität im katholischen Religionsunterricht gestaltet werden kann, insbesondere im Hinblick auf das Thema Islam. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit konfrontative Unterrichtsmethoden, wie die Verwendung provozierender Bildimpulse, unter Berücksichtigung notwendiger interkultureller Kompetenz modifiziert werden müssen.
- Bedeutung von Pluralität und religiöser Heterogenität im Religionsunterricht
- Analyse von Vorurteilen und Unterschieden im Ethos zwischen christlichen und muslimischen Schülern
- Bedeutung interkultureller Kompetenz als fächerübergreifender Bildungsauftrag
- Rolle des Lehrkörpers bei der Gestaltung interreligiöser Lernprozesse
- Konkretisierung didaktischer Ansätze zur Förderung interkulturellen Lernens im Schulalltag
Auszug aus dem Buch
II.2 Unterschiede im Ethos
Auch wenn beide denselben Stammesvater haben, so haben sich Christentum und Islam im Laufe der Jahrhunderte zu zwei sehr unterschiedlichen Weltreligionen entwickelt, was sich auf praktischer, weltanschaulicher Ebene bei den Gläubigen fundamental auswirkt. In diesem Kontext soll grundlegend auf das lebensweltliche Ethos der SchülerInnen dieser Bekenntnisse eingegangen werden, als dieses – ganz abgesehen von dogmatischen Glaubensunterschieden – massive Auswirkungen auf den Alltag der SchülerInnen hat und deren Verhalten entscheidend prägt. So macht Altenberger darauf aufmerksam, dass ein „noch immer beachtlicher Anteil von muslimischen Mitschülern [ist] um einiges stärker in seinem Glauben verwurzelt“ (Altenberger 2007, S.1) ist als die SchülerInnen christlichen Bekenntnisses. Während der Glaube für letztere oftmals out sei, stelle er für die Muslime einen elementaren Bestandteil in multiplen Lebensbereichen, sei es Familie oder Erziehung, dar (vgl. Altenberger 2007, S. 1).
Das auf den verschiedenen Glaubensbekenntnissen aufbauende divergierende Ethos verdeutlicht die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit heterogenen Lerngruppen im katholischen RU. Schon an dieser Stelle wird ersichtlich, dass die Unterschiede zwischen den SchülerInnen weitreichend sind und es fatal ist, von lediglich religiöser Heterogenität zu sprechen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Motivation der Arbeit ausgehend von einer Seminarerfahrung und formuliert die Leitfragen zur Gestaltung eines sensiblen Religionsunterrichts in heterogenen Lerngruppen.
II. Unterschiede im Religionsbekenntnis als Determinanten der aktuellen Situation: Dieses Kapitel analysiert die Bedeutung von Pluralität, die ethischen Unterschiede zwischen Christentum und Islam sowie die Entstehung gegenseitiger Vorurteile im Schulkontext.
II.1 Religionsunterricht und Pluralität: Der Abschnitt verdeutlicht die Rolle des Religionsunterrichts bei der Begegnung mit pluralen religiösen Orientierungen und betont die Notwendigkeit, sich für offene Fragen von Politik und Gesellschaft zu öffnen.
II.2 Unterschiede im Ethos: Hier wird dargelegt, wie sich der Glaube als elementarer Bestandteil im Alltag muslimischer Schüler unterschiedlich zur christlichen Lebenswelt verhält, was eine spezifische pädagogische Auseinandersetzung erfordert.
II.3 Gegenseitige Vorurteile: Dieser Teil untersucht, wie gegenseitige Fremdheit und Vorurteile – begünstigt durch Alltagspraktiken und mediale Einflüsse – den Dialog im Unterricht belasten können.
III. Interkulturalität im Religionsunterricht leben. Ausführungen zum Thema Islam auf Grundlage von Thesen zur Interkulturalität.: Es wird erörtert, wie interkulturelles Lernen durch fächerübergreifende Ansätze und die aktive Einbindung der Schüler als Experten ihrer Kultur gestaltet werden kann.
IV. Aus Fremdheit lernen: Das Kapitel reflektiert kritisch über die Notwendigkeit eines Umdenkens beim Lehrkörper, um Interkulturalität nicht als leere Parole, sondern als gelebte Praxis im Unterricht zu etablieren.
V. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass interkulturelle Kompetenz eine hohe Priorität erfordert, die durch Sensibilität, Authentizität und Kooperation erreicht werden muss.
Schlüsselwörter
Religionsunterricht, Interkulturalität, Islam, Christentum, Heterogenität, Interreligiöser Dialog, Lehrerbildung, Schulpraxis, Interkulturelle Kompetenz, Vorurteile, Ethos, Fächerübergreifender Unterricht, Pluralität, Lernbereitschaft, Authentizität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Herausforderung, religiös heterogene Schülerschaften im katholischen Religionsunterricht adäquat zu unterrichten, insbesondere im Hinblick auf die Thematisierung des Islam.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind religiöse Pluralität, der Umgang mit gegenseitigen Vorurteilen, die Vermittlung interkultureller Kompetenz und die Rolle des Lehrers als Vermittler in interreligiösen Dialogprozessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu erörtern, ob und wie provokante Unterrichtsansätze modifiziert werden müssen, um einen wertschätzenden, toleranzfördernden Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt im Unterricht zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die pädagogische und interkulturelle Thesen (u.a. von Bolten und Altenberger) mit fachdidaktischen Anforderungen an den Religionsunterricht verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Unterschiede im Ethos zwischen den Religionen, die Rolle des Lehrers bei der Überwindung von Vorurteilen und die Notwendigkeit fächerübergreifender Kooperation zur Förderung interkultureller Handlungsfähigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Interkulturalität, Religionsunterricht, Heterogenität, Interkulturelle Kompetenz und Dialog der Kulturen sind die zentralen Begriffe.
Welche Rolle spielt die "Authentizität" laut dem Autor?
Authentizität ist entscheidend, da der Lehrer Interkulturalität vorleben muss, statt sie nur als theoretisches Wissen zu vermitteln; er muss zudem bereit sein, die Expertenrolle teilweise an Schüler abzugeben.
Warum ist das "fächerübergreifende Lernen" so wichtig?
Da religiöse Identität alle Lebensbereiche betrifft, kann Interkulturalität nicht allein im Religionsunterricht vermittelt werden, sondern profitiert maßgeblich von einer Zusammenarbeit verschiedener Schulfächer.
- Quote paper
- B.A. Mark Valentin (Author), 2009, Zum Umgang mit Interkulturalität im Religionsunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/167973