Immer mehr Eltern erleben in den ersten Lebensmonaten mit ihrem Baby eine Überforderung, die weit über das „normale“ Maß hinausgeht. Ihr Kind schreit scheinbar ohne Grund, lässt sich kaum beruhigen, schläft schlecht und braucht ununterbrochen Körperkontakt. Solche Kinder werden als High-Need-Babys bezeichnet – ein Begriff, der auf den Kinderarzt William Sears zurückgeht und durch Autorinnen wie Nora Imlau im deutschsprachigen Raum bekannt wurde.
Die vorliegende Arbeit beleuchtet das Phänomen der High-Need-Babys aus theoretischer, bindungstheoretischer und sozialarbeiterischer Perspektive. Ziel ist es, die Besonderheiten dieser Kinder zu definieren, von angrenzenden Konzepten wie Regulationsstörungen, temperamentvollen oder neurodiversen Kindern abzugrenzen und die damit verbundenen Belastungen für Eltern zu analysieren. Dabei wird deutlich, dass High-Need-Babys keine pathologische Abweichung darstellen, sondern eine besonders intensive Variante normaler Entwicklung.
Auf Grundlage der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth wird gezeigt, dass High-Need-Babys ein besonders stark aktiviertes Bindungssystem aufweisen und eine hohe elterliche Feinfühligkeit erfordern. Für Eltern bedeutet dies häufig chronische Erschöpfung, soziale Isolation und partnerschaftliche Spannungen. Der gesellschaftliche Druck, ein „pflegeleichtes“ Kind zu haben, verstärkt Scham- und Schuldgefühle.
Im praktischen Teil untersucht die Arbeit die Bedeutung für die Soziale Arbeit. Anhand eines Interviews mit einer Fachkraft der Frühen Hilfen wird sichtbar, dass Fachkräfte bisher kaum über spezifisches Wissen zu High-Need-Kindern verfügen. Daraus ergibt sich ein klarer Handlungsauftrag: Die Soziale Arbeit sollte durch Aufklärung, Sensibilisierung und niedrigschwellige Unterstützungsangebote dazu beitragen, Belastungsspiralen zu durchbrechen und elterliche Ressourcen zu stärken.
Das Fazit betont, dass High-Need-Familien Verständnis statt Bewertung benötigen. Frühzeitige, wertfreie Begleitung kann nicht nur Überforderung verhindern, sondern stabile Bindungsbeziehungen fördern. Die Arbeit plädiert für mehr öffentliche und fachliche Aufmerksamkeit für das Thema, um High-Need-Babys und ihre Familien besser zu unterstützen und die Feinfühligkeit als zentrale Kompetenz in der Sozialen Arbeit zu stärken.
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- Sandra Kiskemper (Author), 2025, High-Need-Babies. Wenn Eltern an ihre Grenzen kommen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1672970