"Das ist eine ganz neue Form des Kirche-Seins. Bei uns ist die Kirche nicht mehr nur eine mehr oder weniger anonyme Gesellschaft wie in Europa, sondern eine Gemeinschaft. Wir machen das wie zur Zeit Jesu. Da kommen die Bischöfe auf die Ebene des Volkes herab, und das Volk steigt auf die Ebene der Bischöfe hinauf." (Leonardo Boff)
Schon diese Sätze stechen schillernd hervor und charakterisieren diese ganz spezielle Form der Theologie, die im heutigen Volksmund „Theologie der Be-freiung“ oder „Befreiungstheologie“ genannt wird.
Was genau mit dieser Theologie gemeint ist, wovon sie ausgeht und was ihre Werke und Ziele sind, soll anhand dieser Hausarbeit dargestellt werden. Dabei möchte ich mich vor allem auf eine Person stützen, die ich für grundlegend halte und die den Verlauf der gesamten Befreiungstheologie mitbegründet und unterstützt hat: Leonardo Boff.
Wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass sich in Lateinamerika „Basis-gemeinden“ gegründet hatten, die letztendlich diese Theologie hervorriefen, entwickelten und unterstützen? Was veranlasste Menschen sich so bedingungs-los von ihrem Glauben an Jesus Christus und vor allem von ihrem Glauben an Gerechtigkeit leiten zu lassen, dass sie sich derart für ihre Theologie einsetzten, gegen alle Hindernisse und Schwierigkeiten und sich sogar von zahlreichen Morden nicht von ihrem Vorhaben haben abbringen lassen? Ziel meiner Hausarbeit ist es zudem, diese starke Charakteristik der Anhänger verstehen und nachvollziehen zu können, warum sie nämlich gerade so gehandelt haben und auch vor dem gegen sie gerichteten Terror nicht zurückgeschreckt sind.
Zunächst möchte ich den geschichtlichen Hintergrund näher beleuchten, da diese Theologie kontextgebunden ist und man sie so sicherlich nicht außerhalb ihrer Entstehungszusammenhänge betrachten kann. Somit ist es auch unerläss-lich den kirchlichen Kontext in den Blickwinkel zu ziehen.
Anschließend fahre ich mit meinen Ausführungen bezüglich der Person Leo-nardo Boffs und seiner Ekklesiologie fort, wobei letztere schließlich in einen offenen Konflikt mit dem Vatikan mündete, den ich skizzenhaft darstellen werde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der geschichtliche Hintergrund der Befreiungstheologie
3. Der kirchliche Kontext
4. Leonardo Boff und sein Werk „Kirche: Charisma und Macht“
4.1 Leonardo Boff
4.2 Boffs Ekklesiologisches Verständnis und die Auseinandersetzung mit Rom
4.3 Konsequenzen nach dem Erscheinen von „Kirche: Charisma und Macht“
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die ekklesiologischen Konzeptionen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie mit besonderem Fokus auf das Wirken und die Theologie von Leonardo Boff. Ziel ist es, die Entstehungszusammenhänge der Befreiungstheologie zu analysieren, Boffs kirchenkritisches Verständnis zu beleuchten und die daraus resultierenden Konflikte mit dem Vatikan nachvollziehbar zu machen.
- Historische Entstehungsbedingungen der Befreiungstheologie in Lateinamerika
- Kirchliche Rahmenbedingungen und Dokumente (II. Vatikanisches Konzil, Medellín, Puebla)
- Leonardo Boffs ekklesiologisches Verständnis der Kirche als „Sakrament der Welt“
- Konflikt zwischen institutioneller Kirche und befreiungstheologischem Anspruch
- Die Rolle von Basisgemeinden als Ausdruck einer lebendigen Kirche
Auszug aus dem Buch
4.2 Boffs Ekklesiologisches Verständnis und die Auseinandersetzung mit Rom
„Was ich in Rom fühle, ist die Kraft der Institution, nicht so sehr die Kraft der Wahrheit“
Den frühesten Entwurf einer Ekklesiologie gab Boff bereits in seiner Dissertation „Die Kirche als Sakrament im Horizont der Welterfahrung“, indem er unter anderem folgende Definition von „Kirche“ vorschlägt: „Die Kirche soll Ausdruck der Anwesenheit Gottes durch seine Gegenwart in ihr als Leib Christi und zugleich seiner Abwesenheit und Verborgenheit in ihr selbst sein, insofern sie Zeichen Gottes ist, das ihn nicht nur enthüllt, sondern auch verhüllt, das ihn nicht nur äußert, sondern auch entäußert, insofern sie sich noch auf dem Wege, fern von daheim befindet und Gott nur „in aenigmate und in speculo“ zu Gesicht bekommt.“
Boff versucht die Ambivalenz dieses Verhüllens und Enthüllens Gottes durch die Kirche dadurch zu erläutern, dass er die Kirche so zu beschreiben versucht, dass sie „in und auf die Welt hin“ sei – und so Gott der Welt vermitteln könne und auf der anderen Seite auch „von der Welt her ist – und so Gott verhüllt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der lateinamerikanischen Befreiungstheologie ein und stellt Leonardo Boff als zentrale Bezugsperson der Arbeit vor.
2. Der geschichtliche Hintergrund der Befreiungstheologie: Dieses Kapitel beleuchtet die sozioökonomischen und historischen Rahmenbedingungen in Lateinamerika, die zur Entstehung der Befreiungstheologie führten.
3. Der kirchliche Kontext: Hier wird der Einfluss des II. Vatikanischen Konzils sowie der Konferenzen von Medellín und Puebla auf die kirchliche Hinwendung zu den Armen dargestellt.
4. Leonardo Boff und sein Werk „Kirche: Charisma und Macht“: Dieses Kapitel analysiert Boffs theologischen Werdegang, sein Kirchenverständnis und den damit verbundenen Konflikt mit der Glaubenskongregation.
4.1 Leonardo Boff: Biografische Skizze von Leonardo Boff und seine akademische Prägung.
4.2 Boffs Ekklesiologisches Verständnis und die Auseinandersetzung mit Rom: Darstellung der ekklesiologischen Kernthesen Boffs und der kirchenrechtlichen Kritik an seiner Arbeit.
4.3 Konsequenzen nach dem Erscheinen von „Kirche: Charisma und Macht“: Zusammenfassung der disziplinarischen Maßnahmen des Vatikans gegen Boff und der fachlichen Auseinandersetzung mit seinem Werk.
5. Schluss: Fazit zur dualen Struktur der heutigen Kirche und zur bleibenden Relevanz der befreiungstheologischen Grundhaltung.
Schlüsselwörter
Befreiungstheologie, Leonardo Boff, Kirche, Basisgemeinden, Ekklesiologie, Lateinamerika, Macht, Charisma, Institution, Glaube, Armut, Menschenrechte, Vatikan, Reich Gottes, soziale Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit den ekklesiologischen Ansätzen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, insbesondere anhand der Schriften des Theologen Leonardo Boff.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten zählen die geschichtliche Entstehung der Bewegung, die Rolle der Basisgemeinden und das Spannungsverhältnis zwischen institutioneller Kirchenmacht und dem Dienst am Nächsten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die starke Charakteristik und das Handeln der Befreiungstheologen unter schwierigen politischen Bedingungen sowie deren ekklesiologische Grundannahmen verständlich zu machen.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Die Arbeit basiert auf einer deskriptiven und analytischen Auswertung theologischer Fachliteratur, Dokumenten von Kirchenkonferenzen und der Auseinandersetzung mit Boffs kirchenkritischen Werken.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Kontextualisierung der lateinamerikanischen Kirche sowie eine vertiefte Analyse von Leonardo Boffs Ekklesiologie und dem daraus resultierenden Konflikt mit dem Vatikan.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit zusammenfassen?
Die zentralen Begriffe umfassen Befreiungstheologie, Leonardo Boff, Basisgemeinden, Macht, Institution und soziale Gerechtigkeit.
Wie definiert Leonardo Boff die Kirche in Bezug auf die Welt?
Boff betrachtet die Kirche als ein „Sakrament der Welt“, das als Werkzeug und Zeichen für das Reich Gottes dient, ohne mit diesem identisch zu sein.
Warum kam es zum „Bußschweigen“ für Leonardo Boff?
Der Vatikan sah in Boffs Analyse der hierarchischen Strukturen der Kirche („Kirche: Charisma und Macht“) eine Gefahr für die gesunde Glaubenslehre und belegte ihn daher mit disziplinarischen Maßnahmen.
Was versteht Boff unter dem Begriff „Pathologien“ der Kirche?
Damit beschreibt er bestimmte institutionelle Verkrustungen und Machtstrukturen, die seiner Meinung nach dem ursprünglichen Dienstcharakter der Kirche entgegenstehen.
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- Anonym (Autor:in), 2010, Kirche der Armen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/167096