Kernpunkte von Harold Garfinkels Ethnomethodologie und Querverbindungen zu Edmund Husserls Phänomenologie und dem Methodischen Konstruktivismus von Peter Janich.
Einen Zugang zur ethnomethodologischen Haltung kann man gewinnen, wenn man sich mit ihren philosophischen Wurzeln beschäftigt. Da LANGSDORF (1995, 180) annimmt, "that Garfinkels program carries out Husserls program", skizziert der Text zunächst die Phänomenologie HUSSERLs und dann SCHÜTZ´ Betrachtungen über "The Problem of Rationality in the Social World" (1943). Ethnomethodologie lässt sich als Lebensweltwissenschaft im HUSSERLschen Sinne verstehen und wird als Brücke zu JANICHs (1996) Wissenschaftstheorie des Methodischen Konstruktivismus genutzt, welche die Naturwissenschaften aus ihrer vermeintlich transzendenten Objektivität wieder an ihre Wurzeln in der Praxis rückbinden möchte.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung: Ethnomethodologie - ein Vakuum für Theoriebasteleien?
1. Husserl und Schütz - Wegbereiter der Ethnomethodologie
1.1. Husserl´s Phänomenologie
1.2. Schütz: Rationalität und Lebenswelt
2. Ethnomethodologie - eine Methode für alle Methoden?
2.1. Grundsätzliches
2.2. Spezielle Probleme
2.2.1. Das Coroner-Problem
2.2.2. Das Relativismus-Problem
2.2.3. Das Rashomon-Problem
2.3. Telefonläuten, Klatschen, ein Pulsar und GALILEIs schiefe Ebene
2.3.1. Telefonläuten, Takt und Rhythmus
2.3.2. Die Entdeckung eines Pulsars und GALILEIs schiefe Ebene
3. Methodischer Konstruktivismus - ein Anschluss
4. Schluss: Ethnomethodologie als Lebensweltwissenschaft
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis der Ethnomethodologie zu ihren philosophischen Wurzeln in der Phänomenologie von Edmund Husserl und Alfred Schütz sowie ihre methodologische Nähe zum Methodischen Konstruktivismus von Peter Janich. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Ethnomethodologie soziale Ordnung nicht als transzendente Makrostruktur, sondern als permanent fließende Leistung in der lebensweltlichen Praxis begreift und damit eine Brücke zu einer praxisorientierten Wissenschaftstheorie schlägt.
- Die phänomenologischen Grundlagen der Ethnomethodologie nach Husserl und Schütz.
- Das Verständnis sozialer Ordnung als "accountable" Produktion in konkreten Praxen.
- Die Kritik an formalanalytischen Sozialwissenschaften und deren "Verlust der Füllen".
- Das Rashomon-Problem als Herausforderung für die intersubjektive Konsensbildung.
- Die Kongruenz von Ethnomethodologie und Methodischem Konstruktivismus in der Wissenschaftstheorie.
Auszug aus dem Buch
1.1. Husserl´s Phänomenologie
HUSSERLs Absicht war es, noch einmal wie bereits KANT, die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt zu untersuchen und auf ein festes Fundament zu stellen. Sein spezifischer Ansatz, die Phänomenologie, ist die Wissenschaft vom Bewusstsein und seinen Erscheinungen (HUSSERL 1985, 200ff.).
Die bedeutendste Operation, die HUSSERL für die Erforschung des Seins im Bewusstsein vollzieht, ist die Einklammerung der sogenannten Generalthesis der "natürlichen Anschauung", nämlich die Einklammerung des Seinsglaubens der Welt - übrig bleibt die Welt als Phänomen im eigenen Bewusstseinsraum. Man tritt quasi hinter sich selbst und den eigenen Weltvollzug zurück. HUSSERL (1985, 145) nennt diesen gewichtigen Schritt "phänomenologische Epoché":
Ihr vollbewußter Vollzug wird sich als die notwendige Operation herausstellen, welche uns das 'reine' Bewußtsein und in weiterer Folge die ganze phänomenologische Region zugänglich macht. [...] . Somit bleibt es als 'phänomenologisches Residuum' zurück, als eine prinzipiell eigenartige Seinsregion, die in der Tat das Feld einer neuen Wissenschaft werden kann - der Phänomenologie.
HUSSERL stülpt also gewissermaßen den Handschuh des naiven Realitätsglaubens von außen nach innen um und zeigt, dass die ganze Welt in uns stattfindet. PLESSNER formuliert treffend:
In Wirklichkeit ist die Sache gerade umgekehrt: nicht ist das Bewusstsein in uns, sondern wir sind 'im' Bewusstsein [...] (PLESSNER 1975, 67).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Ethnomethodologie - ein Vakuum für Theoriebasteleien?: Einführung in das Projekt der Ethnomethodologie und Kritik an deren oft redundanter oder reduktionistischer Rezeption in der Sekundärliteratur.
1. Husserl und Schütz - Wegbereiter der Ethnomethodologie: Darstellung der philosophischen Fundamente durch die Phänomenologie Husserls und die Lebensweltanalyse Schütz', die für das ethnomethodologische Programm zentral sind.
2. Ethnomethodologie - eine Methode für alle Methoden?: Analyse des ethnomethodologischen Kernansatzes zur Untersuchung "radikaler Phänomene" sowie Diskussion methodischer Probleme wie Relativismus und der Konstitution gemeinsamer Welten.
3. Methodischer Konstruktivismus - ein Anschluss: Vergleich der Ethnomethodologie mit Janichs Konstruktivismus, wobei die gemeinsame Ablehnung transzendenter Beobachter und die Rückbindung an menschliches Handeln betont werden.
4. Schluss: Ethnomethodologie als Lebensweltwissenschaft: Zusammenfassung der Arbeit als Plädoyer für eine Wissenschaft, die ihre Wurzeln in der lebensweltlichen Sinnstiftung erkennt und bewahrt.
Schlüsselwörter
Ethnomethodologie, Harold Garfinkel, Phänomenologie, Edmund Husserl, Alfred Schütz, Peter Janich, Methodischer Konstruktivismus, Lebenswelt, soziale Ordnung, Accountability, Praxeologie, Indexikalität, Reflexivität, Rashomon-Problem, Wissenschaftstheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das soziologische Forschungsprogramm der Ethnomethodologie und deren philosophische Fundierung innerhalb der phänomenologischen Tradition.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konstitution sozialer Ordnung durch alltägliche Praktiken, das Verhältnis von Bewusstsein und Welt sowie die Kritik an formalanalytischen Sozialwissenschaften.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Ethnomethodologie als "Lebensweltwissenschaft" zu etablieren, die sich auf das Handeln der Mitglieder konzentriert, anstatt eine transzendente soziale Realität zu unterstellen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine theoretisch-rekonstruktive Arbeit, die auf einer tiefgehenden Analyse der Primärtexte von Garfinkel, Husserl, Schütz und Janich basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der phänomenologischen Wurzeln, die Darstellung ethnomethodologischer Kernprobleme und den Vergleich mit dem Methodischen Konstruktivismus.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Accountability, Lebenswelt, Reflexivität, Indexikalität, Praxeologie und der "Independent Galileian Object" als zu hinterfragendes Konstrukt.
Was bedeutet das "Rashomon-Problem" in diesem Kontext?
Es beschreibt das Grundproblem, wie in einer Welt subjektiver Perspektiven überhaupt eine gemeinsame soziale Ordnung entstehen kann, was die Frage nach der Bedeutung von Vertrauen aufwirft.
Welche Bedeutung hat das Beispiel der "schiefen Ebene" für die Argumentation?
Es dient dazu zu demonstrieren, wie naturwissenschaftliche Experimente in situ als soziale Praxen konstituiert werden und wie die Wissenschaft dabei ihr eigenes "Werkstattgeruch" verleugnet.
- Arbeit zitieren
- M.A. Matthias Wenke (Autor:in), 2005, Ethnomethodologie zwischen Phänomenologie und Kulturalismus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/166915