Helmut Lethen beschreibt in seinem Werk „Verhaltenslehren der Kälte“ die kalte
Prägung der modernen Gesellschaft. Er veranschaulicht verschiedene Handlungsoptionen zur Distanzwahrung, die von der Gesellschaft vorgegeben werden. Damit erklärt er die emotionale Kälte zur Signatur der modernen Epoche. Das Verständnis von Kälte als sozial anerkannte Verhaltensweise führt Lethen auf höfisch barocke Sitten zurück. E.T.A. Hoffmann bedient sich in „Die Bergwerke von Falun“ diverser Inszenierungsformen von Kälte. Die Erzählung aus dem Sammelwerk „Die Serapionsbrüder“ stellt immer wieder der Wärme der Oberwelt die Verlockungen der kalten Bergwerkswelt entgegen.
Der Dualismus Wärme - Kälte, Liebe - Erotik, Alltag - Kunst macht diese Erzählung zu
einer „modernen“ Studie über den Menschen und seine Gelüste. Die Erkaltung bietet
dem Menschen die Möglichkeit sich von der Gesellschaft, der er sich nicht zugehörig
fühlt, abzugrenzen. Die Flucht des jungen Bergmanns Elis aus der natürlichen Oberwelt
in eine künstliche, kalte Unterwelt der Selbstbespiegelung bietet viele
Interpretationsmöglichkeiten:
Kann die Kälte der Bergwerkswelt exemplarisch gesehen werden für das Ideal des
asketischen Künstlers? Wie sind die zwei gegensätzlich dargestellten Frauentypen
konstituiert – ist die Bergkönigin der Vorläufer der modernen femme fatale? Kann nur die
„Erkaltung“ des Menschen den Zugang zu einem höheren Künstlerideal ermöglichen?
Bietet das Abkehren von der Natur und die Hinwendung zum Künstlichen
(Künstlerischen) dem Künstler Erfüllung? Ist der Rückzug des Menschen in die Einsamkeit die Konsequenz einer sich ständig verändernden unverständlicher werdenden Welt?
Die intertextuelle Betrachtung bildet die Grundlage dafür, die Hoffmann´sche Erzählung
in einen größeren Zusammenhang einzuordnen zu können. Denn Hoffmanns
erzählerisches Werk ist durchsetzt von Verweisen und Zitaten auf die Schriften anderer
Autoren. Deshalb wird untersucht, inwieweit sich die Erzählungen gegenseitig
beeinflussten. Alle drei Erzählungen werden der Epoche der Romantik zugeordnet,
jedoch weist Hoffmanns Bearbeitung des tragischen Unglücks in Falun erstmals moderne
Elemente auf.
Inhaltsverzeichnis
I.) Einleitung
II.) Historische Begebenheit
III.) Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen
IV.) Achim von Arnim: Des ersten Bergmanns ewige Jugend
V.) E.T.A. Hoffmann: Die Bergwerke zu Falun
V.1.) Zwischen Ober- und Unterwelt: Die Reise ins Selbst
V.2.) Kalte Materialien
V.2.1.) Der Fall ins Kristall
V.2.2.) Künstlichkeit und Naturbeherrschung
V.3) Die eiskalte femme fatale
V.4) Die Kälte als Künstlerideal
VI.) Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetische Inszenierung von Kälte in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Die Bergwerke zu Falun“. Dabei wird analysiert, wie Hoffmann durch den Dualismus von Wärme und Kälte sowie die Konfrontation von alltäglicher Lebenswelt und künstlicher Unterwelt die Zerrissenheit eines Künstlers darstellt, der an seiner eigenen Entfremdung und der Suche nach einem absoluten Ideal scheitert.
- Die literarische Verarbeitung der historischen Begebenheit von Falun bei Hebel, Arnim und Hoffmann.
- Die Symbolik des Kristallinen als Ausdruck von Künstlichkeit, Unvergänglichkeit und Lebensfeindlichkeit.
- Die psychologische Dimension der „Erkaltung“ als Mittel der Distanzwahrung und ästhetischer Selbstbespiegelung.
- Die Transformation des Frauenbildes von der fürsorglichen Mutterfigur hin zur destruktiven femme fatale.
- Die Rolle des Künstlers in der Romantik und das Scheitern zwischen bürgerlicher Moral und autonomem Kunstanspruch.
Auszug aus dem Buch
Die eiskalte femme fatale
Das Frauenbild bei E.T.A. Hoffmann ist durch die beiden Pole Wärme – Kälte konstituiert. Die Bergkönigin bildet das Gegenbild zu Ulla Dahlsjö. Während die Königin der Unterwelt als Sinnbild der Erotik erscheint, strahlt Ulla vor allem Wärme und Geborgenheit aus. Bei der Begegnung mit der Bergkönigin ergreift Elis deshalb keine Liebe, sondern ein starkes erotisches Verlangen.
„Ein unbeschreibliches Gefühl von Schmerz und Wollust ergriff den Jüngling, eine Welt von Liebe, Sehnsucht, brünstiges Verlangen ging auf in seinem Innern. - »Hinab - hinab zu euch«, rief er und warf sich mit ausgebreiteten Armen auf den kristallenen Boden nieder. Aber der wich unter ihm, und er schwebte wie in schimmerndem Äther. [...] Elis wollte sich entsetzen, aber in dem Augenblick leuchtete es auf aus der Tiefe wie ein jäher Blitz, und das ernste Antlitz einer mächtigen Frau wurde sichtbar. [...] Der Alte hatte ihn umfaßt und rief: »Nimm dich in acht, Elis Fröbom, das ist die Königin, noch magst du heraufschauen.«“
Zusammenfassung der Kapitel
I.) Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der „Verhaltenslehren der Kälte“ ein und skizziert die Problematik des Künstlers im Spannungsfeld zwischen natürlicher Wärme und künstlicher, lebensfeindlicher Welt.
II.) Historische Begebenheit: Hier wird der reale Fall des im Bergwerk von Falun gefundenen, konservierten Bergmanns erläutert, der als historischer Kern für die literarischen Bearbeitungen dient.
III.) Johann Peter Hebel: „Unverhofftes Wiedersehen“: Dieses Kapitel analysiert Hebels Erzählung als Transformation einer Kalendergeschichte zur bleibenden Dichtung, in der die Liebe symbolisch über den Tod triumphiert.
IV.) Achim von Arnim: „Des ersten Bergmanns ewige Jugend“: Der Fokus liegt auf der Darstellung der Zerrissenheit des Bergmanns zwischen der fürsorglichen Jungfrau der Oberwelt und der verführerischen Königin der Unterwelt.
V.) E.T.A. Hoffmann: „Die Bergwerke zu Falun“: Dieses Hauptkapitel untersucht Hoffmanns Ausarbeitung des Stoffes zu einer Novelle über das psychologische Scheitern eines Künstlers in einer phantastisch überhöhten Unterwelt.
V.1.) Zwischen Ober- und Unterwelt: Die Reise ins Selbst: Analyse der existentiellen Spaltung der Hauptfigur Elis, die weder in der bürgerlichen Welt noch unter Tage ein Zuhause findet.
V.2.) Kalte Materialien: Untersuchung der symbolischen Bedeutung von Kristallen und Gestein als Projektionsflächen für das erstarrte, nach Unendlichkeit strebende Ich.
V.2.1.) Der Fall ins Kristall: Erläuterung der Konservierung von Elis' Körper als trügerischen Sieg über den Tod, der jedoch in Wahrheit die Auslöschung des menschlichen Selbst bedeutet.
V.2.2.) Künstlichkeit und Naturbeherrschung: Analyse der ästhetisierten Natur in Elis' Visionen, in denen organisches Leben durch metallische Kunstformen ersetzt wird.
V.3) Die eiskalte femme fatale: Untersuchung der Rolle der Bergkönigin als erotische Verführerin, die den Mann entfremdet und zur Aufgabe seiner moralischen Integrität zwingt.
V.4) Die Kälte als Künstlerideal: Zusammenfassende Betrachtung der Flucht in die Einsamkeit als notwendige, aber letztlich lebensfeindliche Voraussetzung für das romantische Künstlertum.
VI.) Fazit: Abschließende Bewertung, in der Hoffmanns Erzählung als Vorwegnahme moderner Entfremdung und als radikale Kritik am isolierten Künstlerdasein gedeutet wird.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Die Bergwerke zu Falun, Romantik, Kälte, Künstlertum, Dualismus, femme fatale, Kristall, Entfremdung, Unterwelt, Ästhetik, Selbstbespiegelung, Literaturanalyse, Symbolik, Identitätsverlust
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die symbolische und ästhetische Bedeutung des Motivs der „Kälte“ in E.T.A. Hoffmanns Novelle „Die Bergwerke zu Falun“ und setzt diese in den Kontext romantischer Dichtung und gesellschaftlicher Entfremdung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Dualismus von Ober- und Unterwelt, die Rolle des Künstlers als Außenseiter, die Funktion erotischer Verführung durch die femme fatale sowie die Bedeutung von Materialien wie Kristall und Gestein für das Identitätskonzept der Hauptfigur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hoffmann die „Erkaltung“ des Menschen und das Streben nach einer absoluten, künstlichen Ästhetik als gefährliche, letztlich zum Scheitern verurteilte Flucht aus der gesellschaftlichen Realität darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine intertextuelle Analyse, bei der Hoffmanns Erzählung mit den Vorgängerversionen von Hebel und Arnim verglichen wird, ergänzt durch eine tiefgehende Interpretation der ästhetischen Motive unter Einbeziehung literaturwissenschaftlicher Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine vergleichende Einordnung der historischen Stoffgrundlage sowie eine detaillierte Novellenanalyse, die den Weg des Bergmanns Elis von der bürgerlichen Oberwelt in das unterirdische, „kalte“ Reich der Kunst nachzeichnet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind E.T.A. Hoffmann, romantische Ästhetik, Kälte, Künstlertum, Entfremdung, femme fatale, Kristall-Symbolik und der Gegensatz zwischen Natur und Künstlichkeit.
Inwiefern unterscheidet sich Hoffmanns Bearbeitung von der Hebels?
Während Hebel die historische Begebenheit als moralische Parabel über den Sieg der Liebe über den Tod gestaltet, nutzt Hoffmann den Stoff als Ausgangspunkt für eine psychologische Studie über die Zerrissenheit und das Scheitern eines Individuums auf der Suche nach einem höheren Kunstideal.
Welche Rolle spielt die „femme fatale“ im Kontext der Bergkönigin?
Die Bergkönigin fungiert bei Hoffmann als Gegenbild zur tugendhaften Ulla. Sie steht für eine exzessive, künstliche Erotik, die das männliche Begehren instrumentalisiert und den Helden schließlich dauerhaft aus der menschlichen Gemeinschaft entfremdet.
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- Helen von der Höden (Author), 2009, Die romantische Ästhetik der Kälte: E.T.A. Hoffmann: ,,Die Bergwerke zu Falun“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/166864