Der Begriff der Sünde wird in der heutigen Gesellschaft als nicht mehr relevant angesehen, er sagt in der Alltagssprache von heute auch nichts Schwerwiegendes mehr aus. Allenfalls wird das Wort ‚Sünde‘ noch verwendet, um kleinere, ja marginale Verfehlungen zu bezeichnen, die Menschen selber wieder gutmachen können. Wo der Ausdruck ‚Sünde‘ im Allgemeinen noch einigermassen verständlich ist, dort endet das Verständnis beim Begriff der ‚Erbsünde‘. Es ist davon auszugehen, dass der Terminus ‚Erbsünde‘ und insbesondere seine Tragweite, ausserhalb des Glaubens nicht (mehr) begriffen werden kann. Mindestens aber der Glaubende soll die Erbsünde als nachvollziehbares menschliches Verhalten verstehen und ermessen können: „Nur wer von dem Ernst des Einmaligen weiss, vermag die geschichtliche Bestimmtheit und die Unentrinnbarkeit des Zustandes zu verstehen, in dem der Mensch der Gegenwart
sich vorfindet.“ Ist das Verständnis vom grundsätzlich sündhaften Wesen des Menschen, vom Leben im status corruptionis, erst einmal vorhanden, entsteht ein umso grösseres Verständnis für die Gnade
Gottes, die trotz der Sünde, oder gerade deswegen, zum Tragen kommt. Um es mit den Worten von Emil Brunner zu sagen: „Wie die Botschaft von der Erlösung Zentrum der biblischen Verkündigung ist,
so auch die in ihr als negative Voraussetzung enthaltene Erkenntnis der Sünde.“ Dazu soll die Sicht des Rezipienten von der Schöpfung des Menschen auf seinen Fall gelenkt werden, um anschliessend
abzuwägen, ob das Reden von der Erbsünde in der postmodernen Zeit noch berechtigt ist.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG UND ZIELSETZUNG
2 DIE ENTSTEHUNG DER ERBSÜNDE
2.1 ANTE LAPSUM: DIE SCHÖPFUNG DES FREIEN MENSCHEN
2.2 LAPSUS: DER FALL
2.3 POST LAPSUM: DAS GETRENNTSEIN
3 DAS PECCATUM ORIGINALE UND DESSEN BEDEUTUNG FÜR DEN HEUTIGEN MENSCHEN
3.1 ZUM BEGRIFF DER ‚ERBSÜNDE‘
3.1.1 Gedanken zur Kontextualisierung des Begriffes der ‚Erbsünde‘
4 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theologische Bedeutung des Sündenfalls und des Begriffs der Erbsünde für den modernen Menschen. Das Hauptziel besteht darin, das Verständnis vom grundsätzlich sündhaften Wesen des Menschen im status corruptionis zu schärfen und aufzuzeigen, wie diese Trennung von Gott die absolute Bedürftigkeit nach Erlösung begründet.
- Schöpfungstheologische Perspektive auf den Sündenfall
- Die Entstehung der Erbsünde und ihre Auswirkungen auf das Gottesverhältnis
- Relevanz und Begriffsverständnis der Erbsünde in der Postmoderne
- Die radikale Bedürftigkeit nach göttlicher Gnade
Auszug aus dem Buch
2.2 Lapsus: der Fall
In dieser vollkommenen Schöpfung, diesem vollkommenen Einssein Gottes mit seinem Geschöpf, welches mit Gegenliebe auf die Liebe Gottes antwortet, vollzieht sich nun der Sündenfall. Gott als Schöpfer prüft den Gehorsam des Menschen, indem er ihm eine einzige Regel gibt:
„Und Gott, der HERR, gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, musst du sterben!“ (Gen 2,16f)
Hätte der erste Mensch diese Vorgabe Gottes nicht erhalten, dann käme seine gottgegebene Freiheit auch nicht zum Tragen. Denn die Freiheit äussert sich ja gerade darin, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, für ein „frei-sein-für-Gott“ oder dagegen. Der freie Willen des Menschen äussert sich in einer Reflexionsfähigkeit, einer rationalen Verarbeitung eines Impulses, woraus eine rationale Entscheidung folgt. Gerade in dieser Fähigkeit spiegelt sich die Imago-Dei wider. Die Entscheidung der ersten Menschen ist uns wohlbekannt:
„Sondern Gott weiss, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses. Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und ass, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er ass.“ (Gen 3,6)
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG UND ZIELSETZUNG: Die Einleitung etabliert die Problematik des schwindenden Sündenbewusstseins in der modernen Gesellschaft und führt in die schöpfungstheologische Zielsetzung der Arbeit ein.
2 DIE ENTSTEHUNG DER ERBSÜNDE: Dieses Kapitel behandelt den chronologischen Ablauf vom Zustand vor dem Fall über den Ungehorsam des Menschen bis hin zur resultierenden Trennung von Gott im status corruptionis.
3 DAS PECCATUM ORIGINALE UND DESSEN BEDEUTUNG FÜR DEN HEUTIGEN MENSCHEN: Hier wird die Relevanz der Erbsündenlehre kritisch hinterfragt und diskutiert, wie der Begriff in der heutigen Zeit kontextualisiert werden kann, ohne seinen Kerngehalt zu verwässern.
4 FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass die Erkenntnis der Sündhaftigkeit die unbedingte Notwendigkeit von Gottes Gnade und Erlösungshandeln verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Erbsünde, Sündenfall, Peccatum originale, Status corruptionis, Schöpfungstheologie, Imago Dei, Sicut-Deus-Mensch, Gottesliebe, Erlösung, Gnade, Rebellion, Anthropologie, Sündhaftigkeit, Gottesverhältnis, Entfremdung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das theologische Konzept der Erbsünde und wie der Sündenfall die grundlegende Beziehung zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf nachhaltig gestört hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schöpfung des freien Menschen, dem Sündenfall als Akt des Ungehorsams, dem Zustand der Trennung von Gott und der heutigen Relevanz dieser Lehre.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein tiefes Verständnis für die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen zu schaffen, indem die Kluft zwischen dem ursprünglichen göttlichen Plan und der menschlichen Realität nach dem Fall aufgezeigt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine schöpfungstheologische Analyse, wobei er maßgebliche theologische Werke (u.a. von Emil Brunner und Dietrich Bonhoeffer) heranzieht, um das biblische Verständnis der Sünde zu explizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird der Prozess vom Zustand vor dem Fall bis zum status corruptionis detailliert analysiert und die kritische Frage erörtert, ob der Begriff Erbsünde in der Postmoderne noch zeitgemäß ist.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Peccatum originale, Imago Dei, Sicut-Deus-Mensch, die Trennung von Gott sowie die notwendige göttliche Gnade.
Was bedeutet der Begriff "Sicut-Deus-Mensch" in diesem Kontext?
Der Autor nutzt diesen Begriff, um den Zustand des gefallenen Menschen zu beschreiben, der versucht, aus sich selbst heraus zu leben und sein eigener Schöpfer zu sein, anstatt in der Ebenbildlichkeit Gottes zu verweilen.
Warum betont der Autor die "radikale" Natur der Sünde?
Um zu verdeutlichen, dass das Ausmaß der Verlorenheit des Menschen nur dann voll verstanden werden kann, wenn man auch die Gnade Gottes in ihrer radikalen, rettenden Konsequenz begreift.
- Arbeit zitieren
- David Jäggi (Autor:in), 2010, De peccato originali, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/166738