Seitdem Otto Kade den Begriff der Translation einführte, wurden Übersetzen und Dolmetschen Teil einer gemeinsamen Wissenschaft, die sich aber auch damit beschäftigt, die Unterschiede zwischen den Teildisziplinen aufzuzeigen. Einer der wichtigsten davon, der sich später auf fast alle Dolmetschmodelle auswirkt, findet sich in den Entscheidungsprozessen. Während beim Übersetzen das Gesamtwerk vorliegt, gibt es beim Dolmetschen keine Gesamtheit – eine Tatsache, die ganz andere Denk- und Handelsstrategien erfordert. Oder mit anderen Worten gesagt: Die Abgeschlossenheit eines Textes spielt eine
wesentliche Rolle bei Rezeption, Verstehen und Produktion in der Zielsprache. Genau dieser fehlende Überblick über die Kohärenzen in einem Text lässt die Frage aufkommen: Ist Dolmetschen als getreue Wiedergabe eines Textes überhaupt möglich? Wenn ja, dann was für Umformulierungs- und Verstehensprozesse spielen sich im Kopf eines Dolmetschers ab? Diese und die Frage, was für eine Rolle der Dolmetscher als Mensch und Persönlichkeit in der Kommunikationskette spielen muss oder darf, sind Ausgangspunkte für kontroverse, aber auch sehr aufschlussreiche Meinungen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Kirchhoff-Modell – Elemente und Akteure
2.1 Elemente des Systems und ihre Funktion
2.2 Die Interaktionspartner
3 Rollenverteilung
3.1 Verhaltensweisen innerhalb des Systems: Sender – Dolmetscher – Empfänger
3.2 Die Doppel-Rolle des Dolmetschers
3.3 Verlaufsformen der Äußerungen und deren Verdolmetschung: konsekutiv vs. simultan
3.3.1 Konsekutivdolmetschen
3.3.2 Simultandolmetschen
3.3.3 Mögliche kommunikationsstörende Faktoren im dreigliedrigen System
3.4 Englisch als Konferenzsprache für Träger anderer Sprachen
4 Neuronale Prozesse beim Dolmetschen
4.1 Daniel Giles „effort model“
4.2 Redeflussunterbrechungen im Dolmetschprozess
5 Schlussfolgerung: Der Dolmetschberuf – ein Beruf wie jeder andere?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Dolmetschers im Dolmetschprozess unter Bezugnahme auf das 1976 von Hella Kirchhoff entwickelte Modell des „dreigliedrigen, zweisprachigen Kommunikationssystems Dolmetschen“. Dabei wird analysiert, wie sich der Dolmetscher innerhalb der Kommunikationskette positioniert, welche kognitiven Anforderungen an ihn gestellt werden und inwiefern der Dolmetschberuf durch spezifische Rollenzuweisungen und Belastungen geprägt ist.
- Analyse des Kirchhoff-Modells zur Strukturierung von Dolmetschsituationen
- Gegenüberstellung der Rollenkonzepte von Konsekutiv- und Simultandolmetschen
- Untersuchung der kognitiven Belastungen und neuronalen Prozesse beim Dolmetschen
- Erörterung von Störfaktoren und Einflussgrößen auf die Dolmetschleistung
- Reflexion über das Berufsbild und die emotionale Belastung von Dolmetschern
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Konsekutivdolmetschen
Beim Konsekutivdolmetschen entspricht die Situation einer einsprachigen Kommunikation, i.S. einer (im Idealfall) uneingeschränkten auditiven und visuellen Wahrnehmung (vgl. Kirchhoff 25). Normalerweise ist Blickkontakt in beiden Teilsystemen möglich. Kirchhoff (1976:26) beschreibt ähnlich wie Hönig (1992:146) die Phasen, durch die die konsekutive Verdolmetschung zum Zielrezipienten gelangt. Gleichzeitig mit der Verdolmetschung des laufenden Inputs verlaufen noch die Dekodierung des AS-Segments und die selektive Notierung durch Verstehensprozesse. Also notiert der Dolmetscher „das, was er sagen wird, und nicht etwa das, was er hört“ (vgl. Seleskovitch 41). Obwohl bei Kirchhoff die „Abrufung und Rekonstruktion der Nachricht und die ZS-Produktion“ als zwei separate Phasen dargestellt sind, kann man sie zu einer zusammenziehen, da die Verzögerung zwischen den beiden unmerklich klein sein sollte, wenn der Dolmetscher zu sprechen beginnt.
Als letzte Phase in ihrem Phasenmodell kommen die Outputkontrolle und die Selbstkorrektur. Als „Doppeltätigkeit“ beschreibt sie nur den Zeitpunkt, in dem der Input läuft, da der Dolmetscher keinen Einfluss auf die Rede und den Redner hat, d.h. „die Phasen der Aufnahme und Speicherung der Nachricht [...] werden in ihrem zeitlichen Ablauf vom Sender bestimmt. Beim Konsekutivdolmetschen wird die gesamte Nachricht mittelfristig im Langzeitgedächtnis gespeichert und geschlossen wiedergegeben“ (vgl. Kirchhoff 26). Was hier zunächst widersprüchlich erscheint ist die mittelfristige Speicherung im Langzeitgedächtnis (oder noch inaktiviertes Gedächtnis genannt). Gemeint sind aber nur die Assoziationen, die der Input im Kopf des Dolmetschers erweckt, dort die Informationen sozusagen nicht zu kurz (um nicht verloren zu gehen), aber auch nicht zu lang (um weitere Überlegungen mit sich zu bringen) „ablagert“, damit sie dann bei der Umkodierung und Wiedergabe vorhanden sind. Diese Mustererkennung (vgl. Kurz 81, Anderson 52-53) hilft dem Dolmetscher, sein Kurzzeitgedächtnis (aktiviertes Gedächtnis) nicht zu überfordern, das schon mit dem Informationsstrom während des Inputs „beschäftigt“ ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung zur Rolle des Dolmetschers ein und stellt das Kirchhoff-Modell sowie die biographischen Hintergründe der Autorin Hella Kirchhoff vor.
2 Das Kirchhoff-Modell – Elemente und Akteure: Dieses Kapitel erläutert die Grundstruktur des Modells, die Aufteilung in Teilsysteme sowie die Funktionen der beteiligten Akteure und Elemente wie Sender, Empfänger und Kode.
3 Rollenverteilung: Hier werden die Verhaltensweisen der Akteure sowie die spezifische Doppelrolle des Dolmetschers analysiert und die Unterschiede zwischen konsekutivem und simultanem Dolmetschen herausgearbeitet.
4 Neuronale Prozesse beim Dolmetschen: Dieses Kapitel behandelt die kognitiven Grundlagen der Verarbeitung, das Effort-Modell von Daniel Gile sowie die Bedeutung von Redeflussunterbrechungen.
5 Schlussfolgerung: Der Dolmetschberuf – ein Beruf wie jeder andere?: Das abschließende Kapitel reflektiert kritisch über das Berufsbild, die emotionale Belastung und die Einordnung der Dolmetscherrolle in der Praxis.
Schlüsselwörter
Dolmetschprozess, Hella Kirchhoff, Kirchhoff-Modell, Konsekutivdolmetschen, Simultandolmetschen, Dolmetschrolle, kognitive Prozesse, Effort-Modell, Daniel Gile, non fluencies, Kommunikationssystem, Translation, Sprachvermittlung, mentale Energie, Mustererkennung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Position des Dolmetschers in Kommunikationssituationen basierend auf dem Kirchhoff-Modell von 1976.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die systemtheoretische Einordnung des Dolmetschens, die Rollenverteilung der Akteure, die Unterschiede zwischen Dolmetschmodi sowie kognitive und neuronale Aspekte der Verdolmetschung.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, das Kirchhoff-Modell zu dekonstruieren und durch den Vergleich mit Praxiserfahrungen sowie anderen Dolmetschmodellen die reale Position und Rolle des Dolmetschers zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender Modelle und empirischer Untersuchungen zur Dolmetschforschung, um die theoretischen Konzepte mit praktischen Erkenntnissen zu verknüpfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das Kirchhoff-Modell detailliert auseinandergenommen, die Rollen von Dolmetschern in konsekutiven und simultanen Settings verglichen sowie kognitive Belastungsmodelle und Phänomene des Redeflusses diskutiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind insbesondere das Kirchhoff-Modell, Konsekutiv- und Simultandolmetschen, das Effort-Modell von Gile sowie der Begriff der "non fluencies".
Was versteht man unter der "Randfigur in der Mitte"?
Dies ist eine Bezeichnung für den Dolmetscher im Kirchhoff-Modell, der zwar in beiden Teilsystemen aktiv tätig ist, jedoch nicht direkt in die Interaktion der Primärpartner verwickelt ist.
Warum ist das "Effort-Modell" für Dolmetscher relevant?
Es erklärt die kognitive Belastung, indem es postuliert, dass bei einem Übersteigen der mentalen Kapazität durch das Zusammenwirken verschiedener Aufgaben ("Efforts") Kapazitätsdefizite und Fehler auftreten.
Welche Rolle spielen "non fluencies" im Dolmetschprozess?
Sie dienen als Indikatoren für Sprecherintentionen oder Spannungszustände und können beim Dolmetscher Zeit für Verarbeitungsprozesse schaffen, sind aber auch als potenziell kommunikationsstörend einzustufen.
Wie bewertet die Autorin die emotionale Belastung des Dolmetschers?
Sie ordnet den Dolmetscherberuf als anspruchsvolle, aber normale berufliche Tätigkeit ein und empfiehlt, eine professionelle Distanz zu wahren, da es sich um eine Rolle und nicht um das eigene Privatleben handelt.
- Quote paper
- Eliza Kalderon (Author), 2004, Die Position des Dolmetschers im Dolmetschprozess , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/166371