In der nachfolgenden Ausarbeitung zur Kritik (Untersuchung) der Kritik werden als Ausgangspunkt die grundlegenden Vorstellungen von Max Horkheimer, was Kritik sei und was sie bezwecke, die er in seinem Aufsatz ´Traditionelle und kritische Theorie´ 1937 veröffentlicht hat, fokussiert dargestellt. Danach wird anhand einer selektiven Auswahl, die Rahel Jaeggi und Tilo Wesche in einem Band mit der Überschrift ´Was ist Kritik´ 2009 – also mehr als 70 Jahre später - herausgegeben haben, versucht, durch deren Rekonstruktion zu bestimmen, wie es dem Projekt Kritik im Vergleich zu seinem Ursprung geht. Gilt die Horkheimer´sche Diktion noch, oder gibt es etwas neues, Anders? Oder ist es nur eine diversifizierte Fortschreibung? Und letztlich natürlich: Hat die Kritik eine Zukunft?
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3. Fazit
4. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Kritik – was ist das? Etymologisch fußt das Wort Kritik im griechischen kritike und bedeutet Beurteilungskunst. Dies erfolgt meist mit dem Ziel, Fehler aufzuzeigen – z.B. in Bezug auf die Gesellschaft, also Missstände zu analysieren.[1]
Gesellschaft besteht aus Menschen, die Akteure sind und handeln. Das menschliche Handeln impliziert automatisch die Kritik daran – sofern nicht das jeweilige Handeln alternativlos ist. „Kritik ist [also] konstitutiver Bestandteil menschlicher Praxis“[2]. Sofern sich die Kritik auf soziale Verhältnisse – also Werte, Praktiken und Institutionen - bezieht, stellt sie die Frage, ob diese Verhältnisse so sein müssen, oder ob sie auch anders sein könnten. Kritik ist ergo Methode, aber auch Inhalt.[3]
In welchen Fragestellungen kann sich Kritik potenziell entfalten? Vier Bereiche können genannt werden. Erstens steht die Frage, wie sich die Kritik des Bestehenden zur Möglichkeit eines anderen, ggf. Besseren verhält. Ist das Unterfangen der Kritik nur die Kritik am Istzustand, ergo die Negativität der Kritik? Oder wird die Kritik auch konstruktiv, indem sie eine Alternative formuliert oder zumindest skizziert? Zweitens ist nach den normativen Maßstäben der Kritik zu fragen. Gibt es externe Wertmaßstäbe z.B. eines gesellschaftlichen Ideals, die angelegt werden? Oder sind die existierenden Normen der Gesellschaft der Maßstab - mit dem Ziel, Abweichungen in der Realität zu identifizieren? Oder noch anders, geht es etwa darum, nur die bestehenden Ordnungen zu unterlaufen? Drittens spielt der Standpunkt des Kritikers eine wesentliche Rolle. Ist eine Distanz zum kritisierten Gegenstand Voraussetzung für eine Kritikmöglichkeit? Oder ist es gerade andersherum, dass nur die Nähe, d.h. selbst im Feld sein, Kritik ermöglicht? Und letztens und damit verbunden die Frage, ist das Empfinden von z.B. sozialem Leid der sozialen Akteure in der Praxis schon Kritik? Oder bedarf es dazu Kritiker, die Kritik auf Basis einer Theorie unter Betrachtung der Verhältnisse formulieren?[4]
In der nachfolgenden Ausarbeitung zur Kritik (Untersuchung) der Kritik werden als Ausgangspunkt die grundlegenden Vorstellungen von Max Horkheimer, was Kritik sei und was sie bezwecke, die er in seinem Aufsatz ´Traditionelle und kritische Theorie´ 1937 veröffentlicht hat, fokussiert dargestellt.[5] Danach wird anhand einer selektiven Auswahl[6], die Rahel Jaeggi und Tilo Wesche in einem Band mit der Überschrift ´Was ist Kritik´ 2009 – also mehr als 70 Jahre später - herausgegeben haben, versucht, durch deren Rekonstruktion zu bestimmen, wie es dem Projekt Kritik im Vergleich zu seinem Ursprung geht. Gilt die Horkheimer´sche Diktion noch, oder gibt es etwas neues, Anders? Oder ist es nur eine diversifizierte Fortschreibung? Und letztlich natürlich: Hat die Kritik eine Zukunft?
2. Hauptteil
2.1. Die kritische Theorie von Max Horkheimer als Ausgangspunkt
Max Horkheimers lebenslanges Interesse bestand im „Schicksal der Vernunft in der Moderne“[7] – und speziell, wie durch Philosophie und Sozialwissenschaften, „die Frage nach der ´vernünftigen´ Einrichtung der Gesellschaft zu beantworten sei“[8]. Obwohl dies gemäß dem deutschen Idealismus von Kant und Hegel normativ zu sein schien, zeigt die Realität aber durchaus Anderes. Diese Erkenntnis war die Basis für die kritische Theorie mit dem Ziel, „die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaftsform zu erkennen und entsprechend auf ihre Lösung hinzuarbeiten“[9], wobei Theorie und Praxis Hand in Hand gehen. D.h. die Theorie wird in das gesellschaftliche Leben rückgebunden, und die Trennung von Individuum und Gesellschaft wird aufgehoben. Die Menschheit, so könnte man es auch formulieren, soll sich zum bewussten Subjekt konstituieren.[10]
Horkheimer grenzt dazu die kritische Theorie scharf von der traditionellen ab.[11]
Die Traditionelle Theorie nimmt sich den gegenwärtigen Gesellschaftsaufbau als Basis und betrachtet Missstände, mit dem Ziel, „die Dinge besser, nützlicher, zweckmäßiger oder produktiver ein[zu]richten [. Sie] urteilt über diese oder jene Handlung, Praxis oder Institution“[12]. Die Maßstäbe sind somit intern, da sie in der vorhandenen Gesellschaft liegen. In diesem positivistischen Wissenschaftsverständnis beschreibt die Wissenschaft als neutraler Beobachter nur von außen das Objekt Gesellschaft nach dem Vorbild naturwissenschaftlicher Methoden. „Die traditionelle […] Theorie [- so Horkheimer – vollzieht] sich innerhalb der Arbeitsteilung […] ohne [den Zusammenhang zwischen den einzelnen Tätigkeiten [zu erkennen, was ein] falsche[s] Selbstbewusstsein des bürgerlichen Gelehrten unter der liberalistischen Ära“[13] zeige. Subjekt und Objekt sind streng getrennt, und die Theorie bewertet nicht, d.h. sie nimmt eine gesellschaftliche Entwicklung als Schicksal hin.
Die „Kritische Theorie [hingegen] urteilt über den gesamten Bau der Gesellschaft“[14]. Sie bewertet - unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung - zunächst den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, wobei die Missstände struktureller Natur oder verborgen sind. Dann „entwirft [sie] das Bild des vernünftigen Zustands“[15], der potenziell in der Zukunft eintreten könnte, aber dennoch abstrakt bleibt. Dies ist als emanzipatorische Veränderung zu sehen, die Machtverhältnisse zurückdrängt - mit dem impliziten, normativen Ziel einer vernünftigen gerechten Gesellschaft. Die kritische Theorie ist also transformatorisch. Wesentlich ist aber, dass der aktuelle Zustand hierzu keinen normativen Beitrag leistet.[16]
Heißt das nun, dass die kritische Theorie konstruktiv – losgelöst vom Ist - einen Sollzustand beschreibt und aufzeigt, also „das richtige Leben […] der ganzen Welt“[17]? Nein, so Bittner, der vernünftige Zustand zeigt sich „nicht anders als durch die Kritik des unvernünftigen“[18], und das heißt, dass mit „´ Kritik´ der Vorgang gemeint ist, in dem wir eine bewertende Aussage zu erreichen suchen [, und zwar] indem wir auf andere Dinge schauen, die besser oder schlechter [sind, z.B. in] Dimensionen des Angenehmen, des Nützlichen, des Ehrenvollen“[19]. Horkheimer selbst formuliert, dass „sie keine materiellen Leistungen aufzuweisen“ [hat, aber] ihr Erfolg […] doch stetig wäre [und zwar mit dem] Anschwellen der Zahl mehr oder minder klarer Anhänger, der Einfluss einzelner von ihnen auf Regierungen […] im Kampf um die höhere Stufe des menschlichen Zusammenlebens“[20].
Ist die kritische Theorie somit auch eine politische Handlungsanleitung? Nein, so Horkheimer, weil aus „kritischer Theorie Konsequenzen für politisches Handeln zu ziehen, ist die Sehnsucht derer, die es ernst meinen; jedoch besteht kein allgemeines Rezept, es sei denn die Notwendigkeit [der] eigene[n] Verantwortung“[21].
Die kritische Theorie ist allerdings doch radikal – und zwar in dem Sinn, dass sie sich gegen die bürgerliche Vernunftbestimmung mit Blicke auf die sozialen und kulturellen Tendenzen ihrer Zeit, z.B. die Barbarei der NS-Herrschaft, die negativen Folgen der menschlichen Naturbeherrschung oder der Ersatz des eigenen Denkens durch eine Kulturindustrie wendet: Das wende sich letztlich gegen die Menschen selbst. Die kritische Theorie ist eine „Kritik der Aufklärung und der Vernunft selbst […] aber auch eine der Ausweglosigkeit“[22], wie Horkheimer skeptisch mit Blick auf die Zukunft einräumt.[23]
Wie zeigt sich nun die Kritik in der Nach-Horkheimer-Ära? Ist sie noch dieselbe? Hat sie sich weiterentwickelt? Und wie werden ihre Bedingungen eingeschätzt? Nachfolgend werden einige Wege dargestellt, wie Kritik unterschiedlich ausbuchstabiert werden kann, wobei am Ende dann auch die Frage gestellt werden muss, was das Unterschiedliche und was das Gemeinsame dieser Projekte ist.
2.2. Michel Foucaults Entunterwerfung ist nach Judith Butler der Aufruf zur Selbsttransformation mit offenem Ausgang
Michel Foucault, so führt Judith Butler ihre Rezeption ein, fragt nicht nur, was Kritik sei, sondern versucht zu umreißen, welche Fragen und Tätigkeiten sie kennzeichnen. Butler attestiert Foucault einen starken normativen Ansatz, auch wenn er sich nicht in einem klassischen Sollen zeigt. Fokus ist „die Herausbildung des Selbst […] sobald eine Existenzweise gewagt wird, die nicht von der Herrschaft der Wahrheit […] gestützt wird“[24]. Kritik könne nichts Einheitliches sein, weil es von den jeweiligen Kritik-Gegenständen abhänge. Kritik ist für Foucault auch deswegen das System, wie bewertet wird, v.a. wie das Verhältnis von Wissen und Macht ist. Das impliziert „die Frage nach den Grenzen unserer sichersten Denkweisen [, wo z.B. die] Kategorien, mit denen das soziale Leben geregelt ist […] Inkohärenz[en] oder ganze Bereiche des Unaussprechlichen hervor[bringen]“[25].[26]
Die kritische – und somit moralische und politische - Haltung benennt Foucault mit der “Kunst nicht regiert zu werden bzw. [der] Kunst nicht auf diese Weise und um diesen Preis regiert zu werden“[27]. Und weiter formuliert er: „Dann […] hätte die Kritik die Funktion der Entunterwerfung“[28]. In einer anderen Definition drückt er das in Bezug auf Gesetze aus, die ungerecht seien und universalen und unverjährbaren Rechten widersprechen. Die Grenzen des Rechts sieht er darin, dass man etwas „nur annehmen [könne], wenn man die Gründe [dafür] selber für gut befindet“[29], weil man „nicht [grundsätzlich] als wahr annehmen [müsse, was] eine Autorität […] als wahr vorschreibt“[30]. Foucault ist sich des Risikos dieser Aussage bewusst und will darum so nur „nach der Ordnung […] fragen, in der eine solche Forderung lesbar und möglich wird“[31]. Es bestehe nämlich die Gefahr, dass die Regierung mit ihrem Recht das gesamte Feld moralisch und politisch ordnet und zur Gewissheit erklärt.
Und die Gefahr ist sogar noch größer durch die von Foucault so genannte Regierungsintensivierung, d.h. die Regierung okkupiert die Seinsweise der Regierten durch Berufung auf die Wahrheit. Diese „Rationalisierung [führe zu einem] Furor der Macht [, die] das Subjekt durch Zwang zu begrenzen“[32] versuche.[33]
Wenn sich „das Subjekt [dann] das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf diese Wahrheitsdiskurse hin“[34] – so Foucault – dann beginnt die Kritik. Diese muss die Nötigung von Wissen aufzeigen, die z.B. durch das System von Regeln des anerkannten wissenschaftlichen Diskurses entstünde.
Durch Kritik wird einerseits die Akzeptabilität des Systems transparent, und andererseits werden auch seine Grenzen oder Bruchstellen – z.B. hinsichtlich „seiner Willkürlichkeit (bezogen auf Erkenntnis) [oder] seiner Gewaltsamkeit (bezogen auf Macht)“[35] offengelegt. Diese Offenlegung stelle aber nur eine Beschreibung, keine Erklärung dar.
Als Kernthema bei Foucault ist „Macht […] in einer unlöslichen Beziehung zu Wissensformen zu sehen“[36], weil „Beziehungen zwischen Macht, Wahrheit und Subjekt [entstehen], die es zu analysieren gibt“[37]. In der Analyse geht es nicht um die Beschreibung von Wissen oder Macht, „sondern es geht darum, einen Nexus von Macht-Wissen zu charakterisieren, mit dem sich die Akzeptabilität eines Systems [z.B.] der Strafjustiz […] erfassen läßt“[38]. Es geht somit letztlich darum, „welche Verschränkungen zwischen Zwangsmechanismen und Erkenntniselementen aufgefunden werden können“[39].
Was ist nun der Grund für das Kritisch-Werden? Butler kann hier nur mutmaßen, es sei so etwas wie eine ursprüngliche Freiheit, der historischen Praxis der Revolte Ähnliches oder ein grundsätzlicher Zweifel. Der Kritiker gehe ein Risiko ein – was vielleicht die Praxis der Tugend sei – wenn er sich „an der Grenze des epistemologischen Feldes“[40] bewege.[41]
Und wie geht nun Kritik, wie ist der Prozess? Als erstes werden die Staatsforderungen „nach absolutem Gehorsam und […] der rationalen und reflektierenden Bewertung aller Pflichten [infrage gestellt, kombiniert mit der Frage nach] mögliche[n] Vernunftgründe[n] des Gehorsams“[42]. Speziell interessiert ihn dabei, wie das ein Subjekt formt und warum es dazu kommt, diese Formung zu akzeptieren oder verändern zu wollen, ggf. sogar gegen die Regeln der Vernunft. Beides, so Foucault, bewirkt die Herausbildung eines Verhaltenskodex, in Falle der kritischen Praxis gar eine Selbsttransformation entgegen den bisherigen Verhaltensregeln; neue moralische Regeln werden dann herausgebildet.
Der Kritiker erkenne dabei den Zwang für seine Subjektbildung, die vom etablierten Wissen ausgehe, setze aber dadurch „seine Selbstformierung als Subjekt aufs Spiel“[43], da diese nur innerhalb der gegebenen Normen möglich sei. Eine „Selbst-Bildung […] im Ungehorsam gegenüber diesen Prinzipien [führe zu einer] unsichere[n] Position […], die von neuem die Frage [nach meinem Subjektsein stellt]“[44] – in Worten von Foucault: „was bin denn nun eigentlich ich, der ich zu dieser Menschheit gehöre […] zu diesem Augenblick von Menschheit, der der Macht der Wahrheit im allgemeinen und der Wahrheit im besonderen unterworfen ist?“[45]
2.3. Rahel Jaeggi formuliert eine Ideologiekritik als immanente Kritik zur laufenden Justierung von Normen und Praxis
2.3.1. Jaeggis Form der Ideologiekritik richtet sich gegen die herrschenden Verhältnisse
Rahel Jaeggi sieht den Bedarf eines Projektes der Ideologiekritik - eine Form der Sozialkritik - als Antwort auf die immer noch vorhandenen gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse, die durch ideologische Vermittlung zur Wirkung kommen.
Ideologien definiert Jaeggi als Ideen oder Überzeugungssysteme mit Konsequenzen in der gesellschaftlichen Praxis, wobei Ideologien auch in Praktiken oder im Habitus nachweisbar sind. Ideologien „konstituieren unseren Weltbezug und damit den Deutungshorizont, in dem wir uns und die gesellschaftlichen Verhältnisse verstehen“[46]. Und somit seien die herrschenden Verhältnisse im Geist der Menschen so verankert, als wären sie naturgegeben.[47]
Ideologiekritik nun enttarnt „die Umstände, die es der Herrschaft erlauben, sich durchzusetzen“[48]. Dazu führt Jaeggi als spezifische Form die immanente Kritik ein. Jaeggi nennt sie ein transgressives Moment im Vergleich zu einer externen oder internen Kritik, die sie für unproduktiv hält, weil im ersten Fall die Maßstäbe extern als Sollen vorgegeben werden, und im zweiten Fall die Bewertungsbasis sich nur aus der bereits vorhandenen Gemeinschaft ergeben kann. Darum postuliert sie eine „eigenständige Art von Normativität [mit] einem spezifischen Zusammenhang zwischen Analyse und Kritik“[49]. Die übliche Kritik, so Jaeggi, habe nämlich ein klares Sollen, also eine Norm oder gar keine Norm, sei also normativistisch oder antinormativistisch, und außerdem trenne sie Analyse und Kritik.[50]
Ideologiekritik dagegen ist nicht normativ, da sie keine Soll-Vorschriften produziert. Aber Jaeggi nennt sie normativ bedeutsam. Wie ist das zu verstehen? Einerseits nennt sie es eine Second-Order-Normativität, da die Kritik der Ideologien auch deren Normativität angreift und dadurch zu Handlungsalternativen einlädt, also verflüssigend wirkt. Und andererseits wirkt sie stärker und zwar transformativ, indem das wechselseitige Zusammenwirken von Analyse und Kritik die eigenen Maßstäbe generiert – in Jaeggis Worten „aus den Selbstwidersprüchen der gegebenen Normen und der gegebenen Realität die Maßstäbe zu deren Überwindung“[51].
Was kennzeichnet die Ideologiekritik? Sie ist zunächst Herrschaftskritik, die Selbstverständliches, oder genauer, durch die Gesellschaft selbstverständlich Gewordenes zum Gegenstand nimmt. Sie geht zweitens den inneren Widersprüchen der vorhandenen Situationen nach – und zwar mit deren eigenen Maßstäben. Drittens agiert sich auf Basis – und hier zitiert Jaeggi Paul Ricoeur – einer Art ´Hermeneutik des Verdachts´, was bedeutet, dass sie den Selbsteinschätzungen von Menschen oder Gruppen zu den sozialen Verhältnissen mit Vorbehalt begegnet - „gegen die prima facie Interessen der Individuen“[52]. Und letztens geht es um das Ineinandergreifen von Analyse und Kritik. Die Analyse ist nicht Voraussetzung für Kritik, „sondern Bestandteil des kritischen Prozesses selbst“[53].[54]
Und was macht Ideologiekritik? Sie analysiert die Beschaffenheit der vorgefundenen gesellschaftlichen Institutionen und Praktiken. Im Einzelnen sammelt sie Indizien, schließt auf Zusammenhänge, legt interne Widersprüche sowie die Mechanismen zu deren Verschleierung offen und analysiert Funktionen und Interessen von Herrschaft. Jaeggi expliziert das am Beispiel vom Privateigentum, das inzwischen als etwas Natürliches angesehen wird, obwohl es gesellschaftlich gemacht wurde – mit der Konsequenz, dass die Interessen der besitzenden Klasse als Allgemeininteresse ausgegeben und angesehen werden.[55]
2.3.2. Ideologiekritik ist immanente Kritik
Immanente Kritik, wie geht diese nun? Zunächst grenzt Jaeggi sie von anderen Varianten ab, die auch immanente Maßstäbe verwenden. Dies ist einerseits der Fall, wenn Kritik nur die realen Abweichungen der offiziellen Normen der Gesellschaft bemisst, oder andererseits, wenn sich der Maßstab an Normen orientiert, die nicht nur faktisch da sind, sondern auch gerechtfertigt werden können. Während letztere ein Rechtssystem meinen, das moralisch gerecht sein muss, erheben erstere diesen Anspruch für ihr Normensystem nicht notwendigerweise. Immanente Kritik nach Jaeggi hat kein vorgegebenes Ideal, sondern „entwickelt dieses Ideal aus dem widersprüchlichen ´Bewegungsmuster der Wirklichkeit´ selbst“[56]. Das Ideal ist somit niemals auf alle Zeit fix, sondern ist nur zu bestimmten Zeitpunkten fest, um sich sofort wieder weiterzuentwickeln.[57]
Wie lässt sich dieser Bewegungsprozess näher beschreiben? Der Ausgangspunkt sind die Normen, „die einer bestehenden (sozialen) Situation inhärent sind [, d.h. sie sind] konstitutiv für bestimmte soziale Praktiken“[58], wobei sie begründete, nicht nur faktische Normen sein sollen. Wenn Realität und Normen eine Diskrepanz aufweisen, dann hält Jaeggi deren Verhältnis nicht für aufgelöst, sondern sie bezeichnet es als wirksam widersprüchlich. Dieser Widerspruch ist notwendig, weil es dafür Gründe „im Charakter der Normen [und den] jeweiligen Praktiken und Institutionen“[59] gibt, und eine Harmonie zwischen beiden nicht realisierbar ist. Auf diese Situation wirkt die immanente Kritik transformativ., d.h. sie will diese Widersprüchlichkeit in ein Neues überführen – und zwar, das ist entscheidend, „beides: Die defiziente Realität und die Normen selbst“[60]. Es gibt also kein Zurück in eine bestehende Welt. „Der Maßstab der Kritik [ändert sich] dann im Prozess der Kritik selbst“[61].[62]
Anders dargestellt lässt sich der Prozess so beschreiben: Aufsetzpunkt für die immanente Kritik sind die praktischen – keine logischen - Widersprüche, die im Hegelschen Sinne der bestimmten Negation konstruktiv wirken, weil das Bisherigen im Neuen aufgehoben wird und somit einen Fortschrittsprozess manifestiert. Die normative Richtigkeit entsteht während der Problemlösung als Entwicklungs- und Lernprozess. „Die angemessene Lösung einer Krise ist [somit notwendig, weil sie] in den Verhältnissen angelegt [ist, und sie ist gleichzeitig] produktiv [, weil sie] die Mittel zu ihrer Lösung bereithält“[63]. Was ist hier nun die Ideologie, auf die sich die Kritik bezieht? Sie ist „das, was der Realität ´nicht gerecht´ wird und unsere soziale Praxis behindert“[64].[65]
2.3.3. Der Prozess der immanenten Kritik liefert kein klares, fixes Ergebnis
Dennoch bleiben Fragen offen, die Jaeggi nicht beantworten kann, sondern für die sie - nach eigenem Eingeständnis - nur Stichworte zur Lösung geben kann. Zunächst ist die Frage, was eine Verbesserung sein soll, wo doch ein objektives Ziel nicht ausgezeichnet wird? Oder, was ist ein praktischer Widerspruch und eine Krise, gibt es da nicht unterschiedliche Deutungen? Ist z.B. die materielle Ungleichheit schon ein Widerspruch zur rechtlichen Gleichheit? Die immanente Kritik steht somit „zwischen Objektivismus und Subjektivismus [-] zwischen rein objektiven und bloß subjektiven Geltungsansprüchen“[66].[67]
Zur Lösungseingrenzung führt Jaeggi vier Punkte an. Zunächst versucht sie die der problematischen Praxis inhärenten Normen besser zu fassen, in dem sie einerseits eine Dysfunktionalität benennt, d.h. eine Gesellschaft kann gar nicht funktionieren, und andererseits eine normative Verbindung des moralisch Guten herstellt. Zusammengefasst kann man formulieren: „Etwas funktioniert nicht (gut), und es ist nicht gut, wie es funktioniert“[68]. Zweitens verdeutlicht sie den Problemlösungsprozess als offenen Entwicklungsprozess. Das Bessere ist mit Lösung der aktuellen Krisen erreicht, um dann aufgrund der Instabilität der Wirklichkeit bereits wieder weiterzugehen. Drittens erfordert die Dynamik der sozialen Entwicklung, die Probleme und Widersprüche vorfindet, aber auch neue generiert, „eine Art von ´Überlegungs- bzw. Interpretationsgleichgewicht´ [d.h. eine] Passung von subjektiver (=Akteurs-) und objektiver Perspektive“[69], die vereinfacht vielleicht als Flexibilität bezeichnet werden kann. Und letztens muss uns bewusst sein, dass sich Widersprüche vervielfältigen können, wodurch das Ziel nie eine finale Lösung von Konflikten sein wird. Vielmehr wird nur vorläufig gelöst, denn die nächste Krise steht schon vor der Tür.
Und es bleibt eine letzte Frage: Wie passen die Standpunkte zusammen - der des Betroffenen mit der des Kritikers, der versucht, den ersteren Standpunkt zu rekonstruieren? Gibt es dann noch eine Bewertung, oder nur noch einen fortlaufenden Prozess, in dem „der Kritiker […] vom Kritisierten […] nicht getrennt, sondern Teil der immer schon stattfindenden gesellschaftlichen Selbstverständigung“[70] ist?
Was ist nun zusammenfassend Ideologiekritik? Sie identifiziert unscheinbare und fast unsichtbare Herrschaftsverhältnisse und betrachtet ihre Phänomene aus anderen Perspektiven. Ihr Fokus sind Verhältnisse, nicht einzelne Probleme. Kurz: Sie ist „die Kritik ´struktureller Herrschaft´ und strukturelle Kritik von Herrschaft“[71].
2.4. Nach Tilo Wesche zeigt sich das Kritikpotenzial v.a. im Sinnüberschuss verschiedener Darstellungsformen
2.4.1. Kritik als Rechtfertigungspraxis zielt auf die nichteingelösten Potenziale der Moderne
Tilo Wesche beginnt mit dem mächtigen Satz, dass unser Selbstverständnis von unserem Kritik-Vermögen abhängt, was letztlich heißt, dass sie die von uns gewünschten Adressaten erreichen muss. Die „Eigenschaft der Kritik liegt [somit] in einer Rechtfertigungspraxis, die sich gegen Widerstände vollzieht [, wobei sie] versucht […] Denkgewohnheiten zu verflüssigen“[72].
Aber warum bedarf es der Kritik? Nach Wesche liegt dies im Charakteristikum der Moderne, die selbstverschuldet hinter ihren Glücks- und Freiheits-Möglichkeiten zurückbleibt, die aber vermeidbar wären. Am Anfang steht somit eine Wirklichkeit, die nicht so sein soll. Die Kritik fokussiert dann einerseits die – im Vergleich zu den emanzipatorischen Möglichkeiten - schlechte Realität als Realkritik, und als Vernunftkritik sieht sie andererseits Täuschung und Schein, die sich als Gegenpol zur rationalen Aufklärung entwickeln.
Wesche unterscheidet drei Kritikformen, die sich aus unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen ergeben und als Nährboden für Kritik dienen.
Erstens ergibt sich das Bedürfnis nach Vereinfachung aus einer wachsenden Komplexität. Man möchte die Dinge in starre Raster von Gut und Böse einordnen können. Aber dieser Wunsch nach Gewissheiten kann in Realitätsverlusten münden, wodurch man der Gefahr von Selbsttäuschungen ausgesetzt ist. Zweitens, Irrtümer erkennen nicht die Komplexität eines Sachverhalts und konterkarieren somit unbewusst unser Erkenntnisinteresse. Zwangsvorstellungen letztlich wehren alles ab, was mein inneres Selbst bedroht und führen darum zu Vorstellungen, die wir fälschlicherweise für begründet halten.
Die Kritik hat eine Innen- und eine Außenperspektive. Die erstere, die immanente Kritik muss von dem von der Kritik Betroffenen nachvollzogen und akzeptiert werden können. Sie adressiert sein Scheinwissen und fordert von ihm eine Selbstwiderlegung, d.h. er selbst muss die Kritik leisten.
Wie funktioniert nun diese Rechtfertigung? Als Ausgangspunkt wird eine Diagnose der Wirklichkeit erstellt – und zwar einer Wirklichkeit, die nicht so sein soll. Dann erfolgt die Analyse, wobei der Gegenstand nicht die schlechte Realität, sondern die Ursachen dafür sind. Die zweitere, die Außenperspektive, die Transzendenz, ist nötig, um das Falsche – in Abgrenzung vom Wahren - zu entdecken.
Zur Korrektur des Falschen, dem eigentlichen Ziel, müssen sich der immanente und transzendente Standpunkt verschränken, weil einerseits der immanente Standpunkt allein eigene Täuschungen nicht erkennen kann, und andererseits dem externen Standpunkt die normative Grundlage fehlt.
Die drei nachfolgend diskutierten Kritikformen sind „unterschiedliche […] Konstellationen von Innen und Außen [und] leiten sich aus der jeweiligen Gestalt der Täuschung her“[73]. Das Innere hat dabei immer die Rolle der Rechtfertigung für das eigene scheinbare Wissen. Das Äußere bietet im Falle des Irrtums die Reflexion als Möglichkeit, anders zu denken und im Falle der Zwangsvorstellung die therapeutische Intervention. Und wenn wir uns die Welt zu einfach machen, also bei Simplifikationen, ist die Kritikform der Darstellung die richtige Alternative – zur Nutzung des nicht gesehenen, aber vorhandenen Sinnüberschusses.
2.4.2. Kritikformen der Reflexion und Therapie bei Irrtümern bzw. Zwangsvorstellungen
Wie bereits angedeutet, resultieren Irrtümer einerseits aus unserem begrenzten Wissen und andererseits aus Fehlinterpretationen des Wissens. Letzteres begründet sich im Holismus des Wissens, das von vielen Hintergrundüberzeugungen gebildet wird, die sich aus sozialer, kultureller oder historischer Prägung ergeben. Eine Korrektur aus eigenen Mitteln ist aber unmöglich, da sie ja auf denselben Wissensschatz zurückgreifen muss. Das erfordert zusätzlich eine Außenperspektive, die in die eigene Reflexion zu integrieren ist. Das Mittel der Reflexion – als reflexive Kritik - verschränkt somit innen und außen. Die Kritik „wirkt als Sprengkraft, Überzeugungen [aus der Gesamtheit unserer Überzeugungen] von innen heraus infrage zu stellen, etwa durch Darstellungsvariationen, die Blickwinkel verschieben und neue Zugänge eröffnen“[74]. Voraussetzung ist allerdings ein gemeinsames, inhärentes Interesse der Irrtumsvermeidung.[75]
Die zweite Form der Kritik, die therapeutische Kritik ist das Mittel bei Zwangsvorstellungen. Hier „spielt der Therapeut die Rolle eines Kritikers, der normativ das Verstehen von Handlungen einfordert, deren Sinn dem Handelnden verstellt bleibt“[76]. Der Patient ist blockiert, weil sonst sein Persönlichkeitsbild für ihn in Gefahr gerät. Die externe Interaktion stößt den Prozess der Interpretation des eigenen Selbst an. Auch hier konvergieren das Innen und Außen der Kritik, wobei dazu ebenfalls die Offenheit des Betroffenen nötig ist.[77]
2.4.3. Kritikform der Darstellung in Kunst, Dialog und Theorie bei Simplifikationen
Als letzte und sicher interessanteste Form beschreibt Wesche die darstellende Kritik. Was ist damit gemeint? Ausgangspunkt ist ja die Simplifikation, d.h. die Menschen machen sich die Welt einfach, um darin eine Ordnung zum Überleben zu finden – wodurch die Welt aber verfremdet wird; oder anders formuliert: Sie besteht aus „Täuschungen, in denen eine Wahrheitsorientierung gekappt ist“[78]. Wie können wir dann Menschen zur Revision bewegen? Hier setzt die Darstellung an, indem sie „einen Sinnüberschuss frei[setzt], der das Darstellen im Dargestellten nicht aufgehen lässt. […] Der Gegenstand wird […] durch seine Darstellung hindurch kritisiert und für ein befangenes Bewusstsein zugänglich“[79]. Die Darstellung selbst verfolgt dabei keine aktive Absicht, sie ist intentionslos und in dem Sinne nicht normativ, der Selbstzeck ist nur die Darstellung. Sie kann aber Wirkung bei dem erzeugen, der sich mit dem Dargestellten konfrontiert. Insofern findet auch hier ein Zusammenwirken von Innen und Außen statt.[80]
Wesche zeichnet drei Formen der darstellenden Kritik aus.
Zunächst führt er die Kritik der ästhetischen Darstellung ein, die sich in einem Kunstwerk manifestiert. Ein Kunstwerk kann ein Roman sein, der die Wirklichkeit in Form einer Geschichte erzählt, oder z.B. auch ein Bild. „Der Betrachter [(oder Leser) wird dadurch] in ein Hinterfragen […] hineingezogen, ohne dass er es intendiert oder gesucht hätte“[81]. „Verhärtete Überzeugungen werden aus einer Betroffenenperspektive vom Betrachter selbst infrage gestellt“[82]. Der Sinnüberschuss in den Kunstwerken wird durch den Selbstbezug des Betroffenen wirksam. Die Kunstwerke stoßen beim Betrachter einen Rechtfertigungsprozess an, d.h. eine Selbstbefragung, die nach den eigenen Gründen für bisherige Überzeugungen sucht. Nach Adorno kann man von einer „Beredtheit autonomer Kunstwerke […] als eine ´intentionslose´ Sprache“[83] sprechen, da die Kunstwerke per se nicht überzeugen oder überreden wollen.[84]
Als zweites beschreibt Wesche die Kritik als dialogische Darstellung. Der Dialog ist dabei aber nicht als Wettstreit um die besten Argumente zu verstehen, sondern als Selbstzweck. Darin liegt dann ein Sinnüberschuss, der die Aufgeschlossenheit für Kritik erzeugt – und zwar, indem Argumente nur ausgesprochen werden, weil sie verdienen, ausgesprochen zu werden. Dadurch gewinnt der Dialog, so die These, eine Unbestechlichkeit, eine Unbefangenheit, mit der eigene Argumente zur Disposition gestellt werden. Das erzeugt letztlich eine öffnende Haltung, ernsthaft Einwände abzuwägen und das Verstehen gemeinsam zu wagen.[85]
Und letztens wird die Kritik als theoretische Darstellung erwähnt. Wesche sieht – in Analogie zu den bisherigen Darstellungen – die Kritik in den Begriffen innewohnend, weil „Theoretisch-begriffliche Darstellungen [eröffnen] durch den Überschuss, der in ihrem Selbstzweck steckt“[86] den Weg zur Kritik. Und weiter, weil in der „theoretische[n] Erkenntnis […] Wirklichkeit durch begriffliche Mittel ohne einen praktischen Nutzwert zur Darstellung gebracht“[87] wird. Da wirkt dann die Vernunft, deren „Erkenntnisinteresse von Natur aus gegeben ist [, und] als Spontaneität von sich aus anfängt [, weil sie] unvereinbar [ist mit] Simplifikationen“[88]. „Die Vernunft ist hier [also] identisch mit [der] darstellenden Kritik“[89].[90]
2.5. Nach Raymond Geuss wird die Kritik mit dem Bürgertum untergehen
2.5.1. Was ist bürgerliche Philosophie und welche Argumente sprechen dafür?
Und letztens sei das fast dystopische Szenario von Raymond Geuss dargestellt. Zunächst ist zu fragen, was Geuss unter ´bürgerlich´ versteht. Er erläutert dies durch Abgrenzung zu drei anderen Begriffen.[91]
Den ersten Gegensatz bildet er zu ´aristokratisch´ bzw. ´feudal´,[92] wogegen das Bürgertum im weltlichen, alltäglichen Leben verankert war, sei es Handwerk oder Handel. Der Fokus lag auf bürgerlichen Tugenden, die für die Geschäfte dieses Standes unabdingbar sind, d.h. ein ehrbarer Kaufmann zu sein, auch wegen der nötigen Kreditwürdigkeit. Ein „Stand wie das Bürgertum, der sich dem friedlichen, systematisch organisierten Handel widmet [braucht konsequenterweise] eine Welt, die stabil, ´entzaubert´, sicher, in ihrer grundlegenden Struktur beständig […] ist und über die man verlässliche Voraussagen treffen kann“[93]. Dass „Bürgertum [ist ergo] nüchtern, ordentlich, gemäßigt, berechnend, utilitaristisch“[94], d.h. es geht ihm um seinen kurz- oder mittelfristigen Vorteil.
Als zweiten Gegensatz postiert er ´Boheme´ bzw. ´künstlerisch´, was primär einen Denk- und Lebensstil bezeichnet.[95]
Und letztens besteht die dritte relevante Abgrenzung zu ´radikal´ bzw. ´revolutionär´. Radikale Vorstellungen gehen an die Wurzel (lat. radix) und zielen auf eine grundsätzliche Veränderung des Istzustands. Das Bürgertum dagegen ist höchsten reformistisch aufgestellt, d.h. es hat kleine Änderungen bestehender - oft lokaler - Strukturen im Sinn, aber nur zur Profitsteigerung „oder [wenn] sichtbare Fälle von besonders auffallender Ungerechtigkeit oder Formen fest verankerter Unsittlichkeit [als] skandalös betrachtet werden“[96].
Welche Struktur einer idealtypischen bürgerlichen Philosophie lässt sich darin erkennen? Die Welt ist grundlegend in Ordnung und jeder kann sie verstehen und in ihr einen Sinn sehen. Verstehen heißt, dass man sein Wissen um die Welt rechtfertigen, also begründen kann, und dass dieses Wissen instrumentell, d.h. als Mittel zu seinen Zwecken (und das wird als Rationalität interpretiert), dem Geschäfte machen, verwendet werden kann. Ergo „sollte [jeder] die Welt herzlich umarmen / ihr von Herzen zustimmen“[97]. Der Sinnbegriff des bürgerlichen Optimismus konstituiert sich dabei sowohl in theoretischer als auch praktischer Sicht. Theoretisch meint das eben skizzierte instrumentell nützliche Wissen, wodurch wir der Welt Sinn verleihen. Und praktisch – Geuss nennt es die Lösung des Theodizee-Problems – können auch Schlechtigkeiten in der Welt, die sich zwangsläufig aus Handlungen in einer bürgerlichen Gesellschaft auch ergeben, nicht die grundsätzliche Gutheit der Welt infrage stellen. In dieser existenziellen Form des Seins konvergieren also Theorie und Praxis.[98]
- Arbeit zitieren
- Herbert Gross (Autor:in), 2025, Kritik im Spiegel der Kritik: Hat Kritik noch eine Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1661462