Wie kommt es, dass wir beim gemeinsamen Abendessen nicht ganz nach Rittermanier die Reste des Hühnchens über die Schulter entsorgen, oder uns gar vom Teller des Tischnachbarn bedienen? Welche Faktoren beeinflussten uns, unser Verhalten zu ändern; von dem aus heutiger Sicht unhygienischen und “unziemlichem” Verhalten im finsteren Mittelalter bis hin zu jenen Verhaltensweisen und “Manieren”, die wir täglich anwenden?
Etwa diese Fragen beschäftigten wohl auch Norbert Elias. Der aus Breslau stammende Soziologe verfasste in den dreissiger Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts ein Werk, welches die Entwicklung der Persönlichkeitsstrukturen des Abendlandes beschreibt, wobei er sich auf den Zeitraum zwischen 800 und 1900 n. Chr. beschränkte. “Über den Prozeß der Zivilisation” ist ein Werk, welches eine bedeutende Theorie beherbergt, die nichts weniger beschreibt als langfristigen sozialen Wandel, die Herausbildung von Staaten und Persönlichkeit, empirisch untersucht anhand der Entwicklung des Abendlands.
Jedoch wurden längst nicht alle Fragen beantwortet, und Theorie sowie methodisches Vorgehen von Elias sind Ziel von Kritik, welcher in dieser Arbeit unter anderem Platz eingeräumt werden soll. Zunächst möchte ich Elias’ Niederschrift darstellen, indem die zentralen theoretischen Aspekte einzeln beleuchtet und schließlich gemeinsam betrachtet werden. Im Anschluss daran werde ich die Kritik, die an Elias’ Werk geäussert wurde, zusammenfassend ausführen und schließlich einen Bezug zur Gegenwart herstellen. Abschließend werde ich meine Ausführungen zusammenfassen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Norbert Elias’ Zivilisationstheorie
2.1 Über den Prozess der Zivilisation
2.1.1 Theoretische und methodische Grundlagen
2.1.2 Psychogenese: Die Entwicklung der Persönlichkeit
2.1.3 Soziogenese: Die Entwicklung der Herrschaftsstrukturen
2.1.4 Theorie der Entwicklung abendländischer Zivilisation
2.2 Kritikdimensionen
2.2.1 Ethnozentrismus
2.2.2 Das Bürgertum
2.2.3 Fortlaufende Zivilisierung
2.3 Norbert Elias in der Gegenwart
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, Norbert Elias’ Zivilisationstheorie – insbesondere die wechselseitigen Prozesse von Psycho- und Soziogenese – darzustellen, die daran geäußerte Kritik zu reflektieren und die Relevanz der Theorie für die heutige Gesellschaft zu prüfen.
- Theoretische Grundlagen und methodisches Vorgehen bei Elias
- Psychogenese: Transformation der Persönlichkeitsstrukturen
- Soziogenese: Wandel der Herrschaftsstrukturen und Interdependenzen
- Kritische Auseinandersetzung mit den Themen Ethnozentrismus und Bürgertum
- Anwendung der Zivilisationstheorie auf zeitgenössische Lebenswelten
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Psychogenese: Die Entwicklung der Persönlichkeit
Anhand der Analyse historischer Schriften, die gesellschaftliche Verhaltensweisen thematisierten, formulierte Norbert Elias seine Auffassung der Persönlichkeitsentwicklung: die Psychogenese. Der Begriff impliziert bereits einen prozesshaften Charakter, da auch die Ergebnisse der historischen Studien von Elias einen fortlaufenden Prozess beschreiben: Im ersten Band seines Hauptwerks führt Elias Auszüge aus “Manierenbüchern” auf, die - je nachdem wann sie verfasst wurden - große Unterschiede aufweisen im Hinblick darauf, was als angebrachtes Verhalten aufgefasst wurde. Sie zeigen Momentaufnahmen des Verständnisses von gesellschaftlicher Angepasstheit, was wiederum bedeutet, dass unsere heutige Auffassung von “Manieren” ebenfalls nur Zwischenergebnis eines fortlaufenden Prozesses bildet.
Die von Elias genutzten Quellen und die jeweilige Gesellschaft, die sie beschreiben, lassen sich zeitlich in drei Epochen kategorisieren: Das Mittelalter zeichnete sich primär durch ein affektgeleitetes und unreguliertes Verhalten aus. “Reinige dir die Zähne nicht mit dem Messer. Spucke nicht auf oder über die Tafel. (...) Mach deine Zähne nicht mit dem Tischtuch sauber. (...) Schlaf nicht bei Tisch ein.”
Im 16. Jahrhundert und somit gegen Ende des Mittelalters entwickelte die adlige Oberschicht modernere Tischsitten, die strikt einzuhalten waren. So wurde beispielsweise die Verwendung einer - nicht den Tischsitten entsprechenden - zweizackigen Gabel zum Skandal. In der Renaissance findet erstmals eine begriffliche Differenzierung zwischen “zivilisiertem” und “unzivilisiertem” Verhalten statt. Diese war jedoch immer auch verbunden mit der Unterscheidung zwischen der zivilisierten Oberschicht und der Unterschicht, wobei zu letzteren die “neuen” Verhaltensweisen nur langsam und mit zeitlicher Verzögerung durchsickerten. Doch eine bedeutendere Entwicklung ist die sich etablierende gesellschaftliche Aufforderung an jeden Einzelnen, das eigene Verhalten sowie das der anderen zu beobachten und - angepasst an die bestehenden Vorschriften - zu regulieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung nach der Entwicklung menschlicher Verhaltensweisen („Manieren“) ein und skizziert das Vorhaben, Elias’ Theorie kritisch zu würdigen.
2 Norbert Elias’ Zivilisationstheorie: Dieses Kapitel erläutert die Grundpfeiler von Elias’ Theorie, insbesondere die Konzepte der Psychogenese und Soziogenese sowie deren Interdependenz als Prozess der Zivilisation.
3 Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Ergebnisse zusammen, relativiert die geäußerte Kritik und betont die dauerhafte Bedeutung von Elias’ Werk trotz seiner methodischen Begrenzungen.
Schlüsselwörter
Norbert Elias, Zivilisationstheorie, Psychogenese, Soziogenese, Affektkontrolle, Interdependenz, Manieren, Mittelalter, Fremdzwang, Selbstzwang, Zivilisationsprozess, Herrschaftsstrukturen, Kultursoziologie, Sozialer Wandel, Abendland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der einflussreichen Zivilisationstheorie von Norbert Elias, wie er sie in seinem Werk „Über den Prozeß der Zivilisation“ formuliert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung von Persönlichkeitsstrukturen (Psychogenese), der Wandel von gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsstrukturen (Soziogenese) sowie die kritische Reflexion dieser Konzepte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Elias’ Theorie darzustellen, die methodische Basis zu beleuchten, aktuelle Kritikpunkte einzuordnen und die Anwendbarkeit der Theorie auf die moderne Gesellschaft zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse, indem sie die Aussagen von Norbert Elias mit bestehender Fachliteratur und kritischen Gegenpositionen abgleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen des Zivilisationsprozesses, die differenzierte Betrachtung von Psychogenese und Soziogenese sowie eine Diskussion verschiedener Kritikdimensionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Zivilisationsprozess, Interdependenz, Affektkontrolle, Fremd- und Selbstzwang sowie die Analyse des sozialen Wandels im Abendland.
Wie bewertet der Autor die Kritik an Norbert Elias?
Der Autor stellt fest, dass die Kritik an Elias’ Werk zwar berechtigt ist, die Theorie jedoch aufgrund ihrer hohen Erklärungskraft für die Entwicklung abendländischer Strukturen weiterhin als bedeutendes Paradigma Bestand hat.
Inwiefern ist Elias’ Theorie heute noch relevant?
Der Autor zeigt auf, dass auch in modernen Strukturen, etwa in der Gestaltung von Chefbüros, weiterhin symbolische Distanzierungen und Zeremonielle existieren, die sich mit Elias’ Beobachtungen verknüpfen lassen.
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- Andreas Weiß (Author), 2010, Die Zivilisierung des Abendlandes, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165940