Offensichtlich weist die Augustinische Argumentation, die als sein Cogito bekannt geworden ist, eine gewisse sprachliche und gedankliche Nähe zu jenen Gedankengängen auf, die Descartes in seinen Meditationes de prima philosophia formuliert und deren Kernelement wiederum als dessen Cogito in die Philosophiegeschichte eingegangen ist. Schon zu Lebzeiten Descartes sind einigen Zeitgenossen die Querverbindungen zwischen dessen Überlegungen und denjenigen Augustinus´ aufgefallen. Mit Blick auf die frappierende Ähnlichkeit von Argumentation und sprachlicher Ausarbeitung stellt sich zunächst die Frage, ob es sich bei Descartes´ Cogito um eine originäre Eigenleistung oder um eine Kopie der Augustinischen Überlegungen handelt. Diese Frage gewinnt eine besondere Brisanz dadurch, dass Descartes seine Meditationen als Neubeginn vorstellt, welcher die philosophische Tradition programmatisch außer Acht lassen soll. Demzufolge möchte ich in vorliegender Arbeit untersuchen, inwieweit die äußere Ähnlichkeit der Argumentationen von Augustinus und Descartes nach eingängiger Prüfung die Feststellung einer sozusagen inneren Ähnlichkeit rechtfertigt. Dies macht es zunächst erforderlich, die Argumentationslinien der beiden Autoren separat und textnah zu erarbeiten. Schwerpunkt dieser Analyse sollen in erster Linie die Fragestellung und das Erkenntnisinteresse sein, welche im Hintergrund der jeweiligen Überlegungen stehen. Hierbei möchte ich mich, um den Deutungsrahmen in einem beherrschbaren Maße zu halten, bei beiden Autoren auf jeweils eine Variante der Argumentation beschränken. Dies soll bei Descartes diejenige sein, welche sich in den Meditationes findet. Bei Augustinus möchte ich mich auf die Überlegungen aus De civitate dei beziehen. In einem weiteren Schritt gilt es, die zuvor erarbeiteten Gedankengänge gegenüberzustellen und zu vergleichen. Anhand der hierbei festgestellten Übereinstimmungen und Unterschiede soll dann im Fazit in einem letzten Schritt die Frage geklärt werden, inwieweit die Parallelisierung der Argumentationen Descartes´ und Augustinus´ gerechtfertigt ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Augustinische Cogito
3. Das Cartesische Cogito
4. Übereinstimmungen und Unterschiede
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vermeintliche Parallelität zwischen den Cogito-Argumenten von Augustinus und Descartes, um zu klären, ob die Ähnlichkeit der Formate auf eine inhaltliche Kopie hindeutet oder ob grundlegend unterschiedliche philosophische Absichten vorliegen.
- Vergleich der Cogito-Argumente bei Augustinus und Descartes
- Analyse der skeptizismuskritischen Ansätze beider Denker
- Untersuchung der Rolle des "Ich" im Kontext von Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis
- Kritische Würdigung der Originalitätsfrage des Cartesischen Cogito
Auszug aus dem Buch
3. Das Cartesische Cogito
In seiner zweiten Meditation stellt Descartes eine Argumentation vor, mit welcher er, ebenso wie Augustinus, die Unbezweifelbarkeit der eigenen Existenz nachweisen will. Zuvor hatte er auf der Suche nach gültiger Erkenntnis die Möglichkeit eingeräumt, ein genius malignus, also ein böser Dämon, könnte ihn sowohl in Hinblick auf die eigene Sinneswahrnehmung als auch in den Inhalten des eigenen Denkens täuschen. Dies führt Descartes dazu, den Zweifel als Methode einzuführen und all das aus seinem Denken auszuschließen, „was auch nur den geringsten Zweifel zulässt, genau so, als hätte ich sicher in Erfahrung gebracht, dass es durchaus falsch sei.“ Er wendet diese Methode an, um der Philosophie einen Neubeginn zu verschaffen und alle bisherigen Lehrmeinungen hinter sich zu lassen. Mit Hilfe des methodischen Zweifels, einem skeptischen Zweifel radikaler Prägung, unternimmt Descartes den Versuch, zu einer objektiven Wahrheit in Form eines unbedingt gewissen Urteils gelangen. Seiner Überzeugung nach bietet dies den einzigen Weg, auf dem etwas Gewisses und Dauerhaftes in den Wissenschaften erkannt werden kann. Ein solches notwendiges Urteil, welches Descartes als Fundament seiner philosophischen Grundlegung benötigt, kann gemäß der vorangegangenen Überlegungen in den Meditationes weder ein Urteil sein, welches aus der Wahrnehmung entspringt, noch eines über Beziehungen zwischen Ideen. Die erste Wahrheit, welche Descartes demgemäß als unbezweifelbar qualifiziert lautet: „Ich bin“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die thematische Nähe der Cogito-Argumente von Augustinus und Descartes ein und stellt die zentrale Frage nach der Originalität des Cartesischen Arguments.
2. Das Augustinische Cogito: Dieses Kapitel erläutert, wie Augustinus das Cogito als Antwort auf die akademische Skepsis nutzt, um die unmittelbare Selbstgewissheit der eigenen Existenz zu beweisen.
3. Das Cartesische Cogito: Hier wird der methodische Zweifel Descartes' analysiert und die verschiedenen Interpretationen seines "Cogito, ergo sum" diskutiert.
4. Übereinstimmungen und Unterschiede: Dieser Abschnitt vergleicht die Ansätze beider Denker und arbeitet heraus, dass sie trotz struktureller Parallelen unterschiedliche Erkenntnisinteressen verfolgen.
5. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Ähnlichkeiten zwar substanziell sind, die unterschiedlichen Zielsetzungen (Gotteserkenntnis bei Augustinus vs. Wissensneubeginn bei Descartes) jedoch eine differenzierte Einordnung erfordern.
Schlüsselwörter
Cogito, Augustinus, Descartes, Skeptizismus, Selbstgewissheit, Existenz, Erkenntnistheorie, Meditationes, De civitate dei, Subjekt, Ich, Introspektion, Gotteserkenntnis, Philosophiegeschichte, methodischer Zweifel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht das berühmte Cogito-Argument bei Augustinus und René Descartes, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Argumentationsstruktur und philosophischen Absicht herauszuarbeiten.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung adressiert?
Im Zentrum stehen die Kritik am Skeptizismus, der Begriff der Selbstgewissheit, die Bedeutung des "Ich" im philosophischen System sowie die historische Abhängigkeit oder Unabhängigkeit der beiden Denker voneinander.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es, die häufig vorgenommene Parallelisierung der Cogito-Argumente zu prüfen und zu bewerten, inwieweit diese historisch und philosophisch gerechtfertigt ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt eine textnahe, komparative Analyse, wobei er sich bei Augustinus auf "De civitate dei" und bei Descartes auf die "Meditationes de prima philosophia" beschränkt.
Was sind die wesentlichen Aspekte im Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die separate Vorstellung der beiden Argumentationslinien, die kritische Diskussion von Interpretationsmöglichkeiten (z.B. Cogito als Syllogismus vs. naive Selbsterfahrung) und den direkten Vergleich der Ergebnisse.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Die zentralen Charakteristika sind das "Cogito", "Selbstgewissheit", "Skepsis", "Epochenschwelle" und die Beziehung zwischen "Selbsterkenntnis" und "Gotteserkenntnis".
Warum spielt die Erkenntnis der eigenen Existenz bei Augustinus eine andere Rolle als bei Descartes?
Während die Existenzgewissheit bei Augustinus ein Ausgangspunkt für die Hinwendung zu Gott ist, nutzt Descartes sie als fundamentales, unbezweifelbares Axiom für den Neuaufbau des gesamten menschlichen Wissens.
Wie bewertet der Autor die Frage, ob Descartes Augustinus kopiert hat?
Der Autor hält eine Kenntnis der augustinischen Texte durch Descartes aufgrund dessen jesuitischer Ausbildung für wahrscheinlich, betont jedoch, dass die inhaltliche Auseinandersetzung mit der philosophischen Tragweite wichtiger ist als die bloße Suche nach einem historischen Plagiat.
- Arbeit zitieren
- B.A. Nicolas Lindner (Autor:in), 2010, Ein Vergleich des "Cogito" bei Augustinus und Descartes - Übereinstimmungen und Unterschiede, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165781