Als im Frühling 2007 die Welt in eine globale Finanz- und in Folge Wirtschaftskrise rutschte, platzte nicht nur die amerikanische Immobilienblase als Resultat nicht gedeckter Subprime-Kredite und mit ihr scheinbar die Kreditwürdigkeit zahlreicher Finanzinstitute, sondern auch der neoliberale Mythos eines natürlichen, stetigen Wirtschaftswachstums. Die Angewiesenheit auf Wachstum, so meine Ausgangsthese, ist ein Zwang, dem das Funktionieren des neoliberalen Finanzsystems unterliegt. Dieser Zwang wälzt sich in kulturellen Determinanten auf das Handeln des Einzelnen ab, der durch gesellschaftliche Strukturen, Ethiken und Anreize dazu angehalten wird, durch Produktivität, Konsumwille und Konformität seinen Beitrag zur Wachstumsdynamik zu leisten. Im Verlaufe dieser Arbeit möchte ich den verschiedenen Facetten dieser These genauer nachgehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wirtschaftsethnologische Diskurse und Wachstumszwang
2.1 Das wirtschaftsethnologische Paradigma
2.2 Wachstumszwang aus formalistischer Perspektive
2.3 Wachstumszwang aus substantivistischer Perspektive
3 Produktivität und Konsum in der politischen Ökonomie
3.1 Das Paradigma der politischen Ökonomie
3.2 Der Zwang zur Produktivität
3.3 Die Produktion von Bedürfnissen
4 Fallbeispiel Subprime-Krise der USA
4.1 Der Zwang zur Wertschöpfung und die Wall Street
4.2 Der Glaube in Modelle
4.3 Die Produktion von Bedürfnissen und die Verteilung von Risiken
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Wachstumszwang als inhärentes Merkmal des neoliberalen Finanzsystems, der durch kulturelle Determinanten das Handeln des Einzelnen prägt und maßgeblich zur Entstehung der Subprime-Krise 2007 beigetragen hat.
- Wirtschaftsethnologische Paradigmen (Formalismus vs. Substantivismus)
- Die Rolle der Arbeitsethik und Produktivität
- Die Konstruktion von Konsumbedürfnissen
- Finanzkulturelle Mechanismen an der Wall Street
- Kritik an neoklassischen Wirtschaftsmodellen und der Effizienzmarkthypothese
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Zwang zur Wertschöpfung und die Wall Street
Ho (2009: 298) beschreibt die Subprime-Krise als Ausdruck der spezifischen Charakteristiken der Arbeitsweisen an der Wall Street. Dieser finanzielle Habitus bezeichnet in Bezug auf die Subprime Krise der Aufbau eines weltweiten Netzes von Schuldnern und Investoren, die Mittels sogenannter ‘Credit Default Swaps’ und ‘Collateralized Debt Obligations (CDOs)’ in die Risiken eingebunden wurden. Das Ziel des Aufbaus einer ‘leverage culture’ wurde durch eine geschickte Selbstvermarktung der Wall Street, eine Kultur der Kurzzeitgeschäfte und die Suche nach immer noch mehr Geschäftsmöglichkeiten erreicht: So drängten die Investment Banker die Hypothekenbanken dazu, immer noch mehr Subprime-Kredite zu kreieren, und die Auflagen für Kredite zu verringern. Dadurch bekamen Leute mit sehr geringem Einkommen Kredite, ohne dass ihre Vermögenswerte überprüft wurden (Ho 2009: 299).
Ho (2009: 297) beschreibt diese Arbeitskultur als in sich widersprüchlich, da die Investment Banker dem von ihnen selbst kreierten Hype Glauben schenkten, und dadurch massive Verluste und Risiken in Kauf nahmen. Investment Banken bezahlten die Rating Agenturen dafür, dass sie Hypotheken als sichere Anlagewerte deklarierten, um Investoren für die zwiespältigen Hypothekenpakete zu gewinnen. Die Praktiken gewisser Akteure können aus einer substantivistischen Perspektive als Pervertierung der protestantischen Ethik im Sinne Webers gesehen werden, die dem mittelalterlichen Topos des morallosen ‘Wucherers’ wieder nahe kommen (Le Goff 2008).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Fragestellung, wie der Wachstumszwang des neoliberalen Finanzsystems als kulturelle und strukturelle Kraft zur Entstehung der Subprime-Krise beigetragen hat.
2 Wirtschaftsethnologische Diskurse und Wachstumszwang: Theoretische Auseinandersetzung mit der formalistischen und substantivistischen Schule, um das Verhältnis von Mensch, Gesellschaft und wirtschaftlichem Handeln zu verstehen.
3 Produktivität und Konsum in der politischen Ökonomie: Analyse der Ursprünge des Wachstumsdenkens durch Arbeitsethik und die gesellschaftliche Produktion von Bedürfnissen als Treibstoff für Kapitalismus.
4 Fallbeispiel Subprime-Krise der USA: Konkrete Anwendung der erarbeiteten Theorien auf die Praktiken der Wall Street, den Glauben an fehlerhafte Wirtschaftsmodelle und das Konsumverhalten der Kreditnehmer.
5 Fazit: Zusammenfassende Einschätzung, dass die Subprime-Krise als Versagen des Marktes und der neoklassischen Modelle gewertet werden muss, was eine stärkere interdisziplinäre Forschung erfordert.
Schlüsselwörter
Wachstumszwang, Subprime-Krise, Wirtschaftsethnologie, Neoliberalismus, Wall Street, Produktivität, Konsumgesellschaft, homo oeconomicus, Finanzkrise, Effizienzmarkthypothese, Kapitalismus, Verbriefung, Wirtschaftsethik, Politische Ökonomie, Modellglaube.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das neoliberale Finanzsystem auf einem strukturellen Wachstumszwang basiert, der sich kulturell verankert und letztlich in der globalen Finanzkrise von 2007 mündete.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen wirtschaftsethnologische Theorien, die Rolle des Konsums für das Wirtschaftswachstum, die Arbeitskultur an der Wall Street und die Kritik an der neoklassischen Effizienzmarkthypothese.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, inwiefern der Wachstumszwang als kulturell determinierte Kraft das Handeln der Akteure steuert und wie sich dies am Beispiel der Subprime-Krise in den USA verdeutlichen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine wirtschaftsethnologische Perspektive, um ökonomische Prozesse als soziale Phänomene zu deuten, wobei sie Theorien von u.a. Max Weber, Karl Polanyi und Karen Ho in die Analyse einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Konzepte von Produktivität und Konsum und deren anschließende Anwendung auf das Fallbeispiel der Subprime-Krise, insbesondere auf die Praktiken der Investmentbanken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Wachstumszwang, Subprime-Krise, Wirtschaftsethnologie, neoliberale Strukturen und die Kritik am Modell des homo oeconomicus definieren.
Warum wird der "Geist des Kapitalismus" in Bezug auf die Wall Street erwähnt?
Der Begriff wird verwendet, um die mentalen und habituellen Voraussetzungen der Banker zu beschreiben, die auf Risikobereitschaft, Effizienzdenken und Opportunismus basieren.
Inwiefern beeinflusst das Vertrauen in mathematische Modelle das Handeln der Ökonomen?
Die Arbeit zeigt auf, dass ein zu starkes Vertrauen in die Effizienzmarkthypothese dazu führte, dass Warnsignale übersehen wurden, da die Modelle die Realität als effizient und rational voraussetzten.
- Arbeit zitieren
- Simon Meier (Autor:in), 2011, Die Subprime-Krise 2007 und der neoliberale Wachstumszwang am Beispiel der USA, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165688