Anders als es die offizielle Propaganda verlautbaren ließ, genossen die Grenztruppen der DDR und deren Angehörige nicht das vollste Vertrauen der Regierenden des sogenannten Arbeiter- und Bauernstaates. Die massive geheimdienstliche Aufklärung, die hohe IM-Dichte, Die im Vorfeld des Dienstes bei den Grenztruppen stattfindende Durchleuchtung der Rekruten sowie die Organisation des Grenzdienstes selbst sind hierfür ein Hinweis.
Die Fahnenflucht in den Grenztruppen der DDR war ein von Anfang an existierendes, gravierendes Problem, welches nur durch eine massive Verschärfung des Grenzregimes bekämpft werden konnte.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Allgemeines, Auswahlkriterien für den Einsatz im Grenzdienst
Zum Umgang mit Deserteuren
Misstrauen als Arbeitsmaxime – das MfS in den Grenztruppen
Zu den Fahnenfluchten selbst
Reaktionen des Staates auf Fahnenfluchten
Zur Entwicklung der Desertionszahlen über die Jahrzehnte
Schlussbemerkungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Problematik der Fahnenflucht innerhalb der DDR-Grenztruppen, analysiert die Beweggründe der Soldaten sowie die staatlichen Gegenmaßnahmen und beleuchtet die Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit bei der Überwachung der eigenen Reihen.
- Rekrutierungs- und Auswahlkriterien für den Dienst an der Grenze
- Die Überwachungsmechanismen des MfS (IM-System) in den Grenztruppen
- Motive für Fahnenflucht und Methoden des Grenzübertritts
- Staatliche Repression und strafrechtliche Konsequenzen für Deserteure
- Statistische Entwicklung der Desertionszahlen zwischen 1962 und 1989
Auszug aus dem Buch
Misstrauen als Arbeitsmaxime – das MfS in den Grenztruppen
Jede gelungene Fahnenflucht stellte das Regime der DDR vor ein Problem. Nach außen waren die Grenztruppen ein Teil der militärischen und gesellschaftlichen Elite und genossen das uneingeschränkte Vertrauen der Partei. Der tatsächliche Dienstalltag sprach jedoch eine andere Sprache. Der Historiker Jochen Maurer formuliert dies folgendermaßen:
„Die hohe Zahl der Fahnenfluchten von Angehörigen der Grenztruppen insbesondere in den Anfangsjahren nach dem Mauerbau hatte dazu geführt, dass die Staatsführung in jedem Grenzsoldaten einen potenziellen „Grenzverletzer“ sah. Jeder geflohene Grenzsoldat zog ein unvermeidliches Presseecho in den Westmedien nach sich, das die Aussagen der SED-Führung Lügen strafte. Die Reaktion des Systems auf diesen Zustand war einmal mehr bezeichnend für das Grenzregime: lückenlose Kontrolle.“
Wie aber wurde diese lückenlose Kontrolle gewährleistet? Um zu verstehen, wie Desertionsabsichten den staatlichen Behörden bekannt gemacht werden konnten, ist es notwendig, zu verstehen, wie die Bewachung der Bewacher funktionierte. Wie in allen Bereichen des täglichen Lebens in der DDR hatte das Ministerium für Staatssicherheit auch in den Grenztruppen Informanten eingeschleust. Zuständig für die Überwachung der bewaffneten Organe, also der NVA und der Grenztruppen, war die Hauptabteilung I, im Folgenden HA I genannt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Fahnenflucht in der DDR und Darstellung des Forschungsstandes.
Allgemeines, Auswahlkriterien für den Einsatz im Grenzdienst: Analyse der Kriterien zur Auswahl von politisch zuverlässigem Personal und die Ausschlusskriterien für den Dienst.
Zum Umgang mit Deserteuren: Untersuchung der Problematik, dass Fahnenflucht als Verrat am eigenen Staat und an der „Klassenidentität“ gewertet wurde.
Misstrauen als Arbeitsmaxime – das MfS in den Grenztruppen: Detaillierte Darstellung der Überwachung durch die Hauptabteilung I des MfS und das Netz der inoffiziellen Mitarbeiter.
Zu den Fahnenfluchten selbst: Beschreibung der Fluchtwege, der Vorbereitungen und der persönlichen Motive der Soldaten.
Reaktionen des Staates auf Fahnenfluchten: Erläuterung der juristischen Verfolgung von Deserteuren und der Einführung verschärfter Strafgesetze.
Zur Entwicklung der Desertionszahlen über die Jahrzehnte: Statistische Analyse des zeitlichen Verlaufs der Desertionen unter Berücksichtigung verschiedener Zeiträume.
Schlussbemerkungen: Zusammenfassende Einschätzung, dass Fahnenflucht als systemimmanentes Problem nur durch massive Repression unterdrückt werden konnte.
Schlüsselwörter
DDR, Grenztruppen, Fahnenflucht, Desertion, Ministerium für Staatssicherheit, MfS, Hauptabteilung I, Grenzregime, Überwachung, Inoffizielle Mitarbeiter, NVA, Mauerbau, Strafrecht, Postenvorplanung, Grenzverletzer
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Fahnenflucht von Soldaten innerhalb der Grenztruppen der DDR und der Reaktion des Staates auf dieses Phänomen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rekrutierung, die geheimdienstliche Überwachung durch das MfS, die Motive für eine Flucht und die strafrechtlichen Konsequenzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der offiziellen Propaganda der DDR und der Realität des Dienstalltags sowie der daraus resultierenden Desertionen zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Quellenanalyse, insbesondere unter Heranziehung von militärgeschichtlichen Werken und Archivunterlagen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Auswahlkriterien für Grenzer, die Rolle des MfS, die statistische Entwicklung der Fluchtbewegungen und die rechtlichen Rahmenbedingungen der Verfolgung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören DDR-Grenztruppen, MfS, Desertion, Grenzregime und Überwachung.
Welche Rolle spielten inoffizielle Mitarbeiter bei der Kontrolle der Grenzer?
Sie fungierten als „Augen und Ohren“ des MfS in den Kompanien, um potenzielle Fluchtabsichten durch ein hohes Maß an Misstrauen und kontinuierlicher Beobachtung frühzeitig zu melden.
Wie veränderte sich die rechtliche Einstufung der Desertion nach 1957?
Mit dem Ersten Strafrechtsergänzungsgesetz von 1957 wurde die Fahnenflucht erstmals explizit als Straftat definiert, die mit harten Haft- oder Zuchthausstrafen geahndet werden konnte.
- Arbeit zitieren
- Michael Breska (Autor:in), 2010, Fahnenflucht von der Grenze, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165660