[...] Die Methode, um die hier gestellte mentalitätsgeschichtliche Frage zu beantworten, nämlich welche kollektiven Ähnlichkeiten und originellen Unterschiede zwischen Thukydides` Werk und dem damaligen Denken bestanden, wird eine philologisch-kritische Quelleninterpretation und der Vergleich von Thukydides` Werk und Werken/Fragmenten andere Denker der damaligen Zeit sein. Dazu wird zuerst in wesentlichen Zügen Thukydides` Leben und Werk dargestellt, daraufhin das Panorama der damals geistigen Welt skizziert, in der Thukydides lebte, um dann vor diesem Hintergrund die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Thukydides und dem damaligen Denken plausibler hervorzuheben zu können. Dazu werden drei wesentliche Bereiche beleuchtet, in denen sich Überschneidungen ergeben. Diese Aspekte lassen sich werkimmanent herleiten und abstrahierend zu den Begriffen Alethealogie (5.1), Anthropologie(5.2) und politische Paideia (5.3) zusammenfassen. Bekräftigung findet die hier verfolgte Argumentation durch ausgewählte Sekundärliteratur. Gegen Ende wird dann versucht das historisch Neue an Thukydides herauszustellen und aus der Perspektive des heutigen Wissenschaftsverständnisses zu einem angemessenen-kritischen Urteil über das thukydideischen Schaffen zu gelangen.
Gliederung
1. Von Epigonen, Mentalität und Innovationen
2. Methodische Vorgehensweise
3. Leben und Werk des Thukydides
4. Kurzer Abriss der geistigen Tendenzen im 5. Jahrhundert. v. Chr.
5. Ähnlichkeiten zwischen Thukydides` Denken und der Mentalität der Zeit
5.1 Wahrheitssuche - Von Meinungen und der Frage, wie es eigentlich ist
5.2 Der Mensch - Mittelpunkt der Welt und sein allgemeines Wesen
5.3 Erkenntniserweiterung - Belehrung ohne Moral
6. Die historische Originalität des Thukydides
7. Fazit: Rückfragen und wissenschaftliche Würdigung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die mentalitätsgeschichtlichen Voraussetzungen des griechischen Historikers Thukydides. Ziel ist es, den Einfluss der zeitgenössischen intellektuellen Strömungen des 5. Jahrhunderts v. Chr. auf sein Werk "Der Peloponnesische Krieg" aufzuzeigen, wobei sowohl Übereinstimmungen mit kollektiven Denkmustern als auch die individuelle Originalität des Historikers analysiert werden.
- Mentalitätsgeschichte des 5. Jahrhunderts v. Chr.
- Wahrheitsbegriff und historische Erkenntnismethode
- Das Menschenbild des Thukydides (Macht und Psychologie)
- Pädagogische Intention und didaktische Struktur seines Werkes
- Historische Originalität im Vergleich zur Tradition
Auszug aus dem Buch
3. Leben und Werk des Thukydides
Über Thukydides Leben und seine Person sind die Kenntnisse rar gesät. Geboren wurde er vermutlich zwischen 460 und 455 v. Chr. als Enkel des Thrakerkönigs Oloros. Zudem weist Thukydides Stammbaum Verwandtschaftsbeziehungen zu bedeutenden historischen Personen wie Miltiades und Kimon auf, die in der ersten Hälfte des 5. Jhdt. keinen geringen politischen Anteil am Aufkommen Athens zur Großmacht hatten. Thukydides stammte also aller Wahrscheinlichkeit nach aus „der ältesten und vornehmsten athenischen Aristokratie“, wo er vermutlich von Kindesbeinen an mit einer oligarchisch-konservativen Mentalität konfrontiert und in diese sozialisiert wurde.
Ferner war er in Folge seiner Abstammung und Erbschaft gut betucht. Zu seinem Besitz gehörte ein kleines Fürstentum in Skapte Hyle (Thrakien), wo er über „die Nutzungsrechte an den Goldbergwerken“ verfügte und daher „einer der mächtigsten Männer auf dem Festland“ war. Er besaß „also enormen Reichtum (…).“ Bezüglich anderer Kenntnisse ist man ebenfalls auf Thukydides` eigene Angaben angewiesen. Dieser berichtet selbst als Stratege und Flottenführer im „Peloponnesischen Krieg“ auf Seiten der Athener tätig gewesen zu sein. Er wurde aber aufgrund von mangelndem Kriegserfolg in Thrakien - er hatte die Einnahme von Amphipolis durch Brasidas nicht verhindern können - von der athenischen Volksversammlung ostrakiert und 424 v. Chr. für zwanzig Jahre aus der Stadt verbannt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Von Epigonen, Mentalität und Innovationen: Einführung in die mentalitätsgeschichtliche Fragestellung und die theoretische Fundierung der Arbeit durch den Begriff der historischen Mentalität.
2. Methodische Vorgehensweise: Erläuterung des methodischen Vorgehens mittels philologisch-kritischer Quelleninterpretation und dem Vergleich von Thukydides mit zeitgenössischen Denkern.
3. Leben und Werk des Thukydides: Darstellung der Biografie und der aristokratischen Herkunft des Historikers sowie des Anlasses zur Verfassung seines Werkes.
4. Kurzer Abriss der geistigen Tendenzen im 5. Jahrhundert. v. Chr.: Skizzierung der innovativen geistigen Strömungen wie der Naturphilosophie und der Sophistik, die das Denken des 5. Jahrhunderts prägten.
5. Ähnlichkeiten zwischen Thukydides` Denken und der Mentalität der Zeit: Kernkapitel zur Analyse des Wahrheitsbegriffs, des Menschenbildes und der pädagogischen Absichten im thukydideischen Werk.
5.1 Wahrheitssuche - Von Meinungen und der Frage, wie es eigentlich ist: Untersuchung des thukydideischen Anspruchs auf Wahrheitssuche im Kontext der zeitgenössischen Unterscheidung zwischen Meinung (Doxa) und Wissen.
5.2 Der Mensch - Mittelpunkt der Welt und sein allgemeines Wesen: Analyse der anthropozentrischen Wende und der Bedeutung der menschlichen Natur als bestimmende Kraft der Geschichte.
5.3 Erkenntniserweiterung - Belehrung ohne Moral: Diskussion der pädagogisch-didaktischen Dimension des Werkes, das durch intellektuelle Anregung zum richtigen Handeln führen soll.
6. Die historische Originalität des Thukydides: Würdigung des Historikers als Pionier der Geschichtsschreibung, der sich durch Quellenkritik und immanente Betrachtungsweise auszeichnete.
7. Fazit: Rückfragen und wissenschaftliche Würdigung: Zusammenfassende Einschätzung der thukydideischen Leistung bei gleichzeitiger kritischer Reflexion aus heutiger wissenschaftstheoretischer Perspektive.
Schlüsselwörter
Thukydides, Peloponnesischer Krieg, Mentalitätsgeschichte, Geschichtsschreibung, 5. Jahrhundert v. Chr., Wahrheitssuche, Historische Methode, Politische Philosophie, Menschliches Wesen, Sophistik, Pädagogische Didaktik, Quellenkritik, Antike, Machtpolitik, Epigonalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk des griechischen Historikers Thukydides unter mentalitätsgeschichtlichen Gesichtspunkten, um zu verstehen, wie er als Produkt seiner Zeit agierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Wahrheitssuche, die anthropologische Betrachtung des Menschen als Machtwesen und die pädagogische Absicht hinter dem historischen Werk.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Übereinstimmungen zwischen dem Denken des Thukydides und den kollektiven Denkmustern seiner Zeit aufzuzeigen sowie seine historische Originalität zu würdigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine philologisch-kritische Quelleninterpretation angewandt, ergänzt durch den Vergleich mit Fragmenten zeitgenössischer Philosophen und Sophisten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Leben des Autors, das geistige Umfeld des 5. Jahrhunderts v. Chr. und drei spezifische Bereiche: die Wahrheitssuche, das Menschenbild und die pädagogische Zielsetzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Mentalitätsgeschichte, Thukydides, Wahrheit, pädagogische Intention, Quellenkritik und menschliche Natur.
Warum ist das Menschenbild des Thukydides für die Analyse so wichtig?
Weil Thukydides das historische Geschehen als Ausdruck einer überzeitlichen menschlichen Natur deutet, was eine zentrale These für sein Verständnis von Politik und Geschichte darstellt.
Wie bewertet der Autor die wissenschaftliche Leistung des Thukydides kritisch?
Der Autor erkennt Thukydides zwar als Pionier der Quellenkritik und Sachlichkeit an, kritisiert jedoch aus heutiger Sicht die mangelnde intersubjektive Überprüfbarkeit seiner Reden und Quellen.
- Arbeit zitieren
- Dipl. - Päd. Mario Stenz (Autor:in), 2010, Thukydides' Werk im Spiegel seiner Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165652