Das Werk von J. R. R. Tolkien erfreut sich durch die Verfilmung des Herrn der Ringe von Peter Jackson (wieder) größter Beliebtheit. Nicht zuletzt fasziniert der Herr der Ringe deshalb die Leserschaft, weil bei der Lektüre der Eindruck von Echtheit entsteht, von einer wahrhaft existierenden Welt, in der das Gute gegen das Böse kämpft und jedes Geschöpf ihren Platz in der Geschichte hat. Einen bedeutenden Anteil an diesem Effekt hat Tolkiens älteres und gleichzeitig unbekannteres Werk: das Silmarillion. Es handelt von Zeiten, auf die im Herrn der Ringe des Öfteren Bezug genommen wird.
In diesem Buch wird das Silmarillion in den Mittelpunkt der literaturwissenschaftlichen Betrachtung gestellt und gefragt: Inwieweit besitzt dieses Werk Tolkiens eine eigene Faszination, eventuell mit einer Weltdeutung, die von jener im Herrn der Ringe abweicht?
Nach einer Einführung in die Thematik widmet sich der Autor Holger Vos einer akribischen Studie des silmarillischen Text-Systems, um Beziehungen zu Bezugstexten (altnordische Mythen, Der kleine Hobbit, Der Herr der Ringe) zu ermitteln und anschließend Funktionen des Silmarillions für Tolkien selbst sowie für die Leser abzuleiten.
Eine systematische Gliederung und zahlreiche Zitate in der Originalsprache des jeweiligen Werkes ermöglichen ein gutes Nachvollziehen der Untersuchung und regen eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema an.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Darstellung des Untersuchungsvorhabens
2.1. Tolkien in der Geschichte der Literatur
2.2. Untersuchungsgegenstände und der Forschungsstand
2.2.1. Zu untersuchende Texte
2.2.1.1. Tolkien’sche Werke
2.2.1.2. Altnordische Mythen
2.2.2. Zum Forschungsstand
2.3. Mythentheorie
2.3.1. Zur Mythosforschung
2.3.2. Begriffsbestimmung
2.3.3. Funktionen und Strukturen des Mythos
2.3.4. Mythos und Literatur
2.4. ‘Werkzeuge’ der Untersuchung
2.4.1. Das systemische Lesen
2.4.1.1. Zum Rhythmus-Begriff
2.4.1.2. Das Textsystem und die Werte
2.4.1.3. Wirkungsweise oder semantische Performativität
2.4.2. Intertextuelles und applizierendes Lesen
3. Tolkiens Mythenpoetik
3.1. Zur fairy-story – mehr als ein Märchen
3.2. Die ‘Fairy-Funktionen’
3.2.1. Phantasie
3.2.2. Wiederherstellung
3.2.3. Flucht
3.2.4. Trost (Eukatastrophe)
3.3. Tolkiens Strategie: Sprache und Mythos
3.4. Zwischenfazit I
4. Die Mythenpoetik des Silmarillions
4.1. Kernthema: der Kampf des Guten gegen das Böse
4.1.1. Die Entstehung von Gut und Böse
4.1.2. Vor dem Untergang
4.1.2.1. Signifikanten von Gut und Böse
4.1.2.2. Feanors Silmaril und Mandos’ Spruch
4.1.3. Das Schicksal der Noldor
4.1.3.1. Morgoth: „Meister aller Geschicke von Arda“
4.1.3.2. Beren und der Untergang Doriaths
4.1.3.3. Túrin und das Ende Nargothronds
4.1.3.4. Tuor und die Vernichtung Gondolins
4.1.3.5. Earendil und die Rettung nach dem Fall
4.1.4. Das Zweite und das Dritte Zeitalter
4.1.4.1. Ragnarök auf Númenor?
4.1.4.2. Der Bericht über das Dritte Zeitalter
4.2. Analyse ausgewählter Erzählmotive nebst Erörterung stilistischer Aspekte
4.2.1. Drachentöter: Túrin und Sigurd
4.2.1.1. Text von Tolkien
4.2.1.2. Altnordischer Text
4.2.1.3. Vergleich der Texte
4.2.2. Sonne und Mond: Arien und Tilion – Sol und Mani
4.2.2.1. Text von Tolkien
4.2.2.2. Altnordischer Text
4.2.2.3. Vergleich der Texte
4.2.3. Schätze: Die Silmaril und der Nibelungenhort
4.2.3.1. Text von Tolkien
4.2.3.2. Mittelhochdeutscher Text
4.2.3.3. Vergleich der Texte
4.2.4. Erörterung einzelner stilistischer Aspekte
4.3. Subthemen
4.3.1. Schaffen und Macht
4.3.1.1. Das Erschaffen von Lebendigem
4.3.1.2. Das Schaffen von Dingen
4.3.2. Tod und Unsterblichkeit
4.3.3. Schicksal und freier Wille
4.3.4. Weitere Subthemen: Rache, Niedergang
4.4. Zusammenfassung: Silmarillische Performativität mit altnordisch-mythischer Dimension
4.5. Zwischenfazit II
5. Exkurs: Silmarillische Funktionsweise im Kontext der weiteren Mittelerde-Erzählungen
5.1. Interaktion der Wert-Systeme
5.1.1. Silmarillische Elemente in Der kleine Hobbit und Der Herr der Ringe
5.1.2. Homogene Wertigkeit: unterstützend, fortführend
5.1.2.1. Die Gut-Böse-Dichotomie
5.1.2.2. Umweltethik
5.1.2.3. Vergänglichkeit und Wandel
5.1.2.4. Schicksal und freier Wille
5.1.2.5. Aragorns Tod
5.1.3. Heterogene Wertigkeit: oppositionell, umwertend
5.1.3.1. Psychologisierung des Bösen
5.1.3.2. Ethik des Verzichts
5.1.3.3. Heldentum
5.1.4. Zu den paraphrasierenden Textteilen
5.1.5. Ragnarök versus Eukatastrophe
5.1.6. Überlegungen zur Rezeption der Edda, des Silmarillions und des Herrn der Ringe
5.2. Zwischenfazit III
6. Schluss
7. Statt eines Nachwortes
8. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das "Silmarillion" von J. R. R. Tolkien hinsichtlich seiner funktionalen und ethischen Dimensionen. Dabei wird analysiert, inwiefern das Werk durch altnordische Mythen beeinflusst ist und wie sich dieses im Vergleich zu Tolkiens anderen Mittelerde-Erzählungen, wie "Der kleine Hobbit" und "Der Herr der Ringe", verhält. Das Hauptziel besteht darin, die "Mythos-Funktionen" und "Fairy-Funktionen" des Textes zu bestimmen, wobei das methodische Instrumentarium des "systemischen Lesens" zur Anwendung kommt, um den Text als in sich geschlossenes Wert-System zu begreifen.
- Funktionsweise und Poetologie des "Silmarillions" als eigenständiger Text
- Analyse des Kampfes zwischen Gut und Böse im "Silmarillion" und dessen Verbindung zu altnordischen Mythen
- Untersuchung der "Fairy-Funktionen" (Phantasie, Wiederherstellung, Flucht, Trost)
- Intertextuelle Beziehungen und Wert-Systeme innerhalb des Tolkien'schen Gesamtwerks
- Vergleichende Analyse von Motiven (z.B. Drachentöter, Schicksal, Heldentum) zwischen Tolkien und nordischen Quellen
Auszug aus dem Buch
4.1. Kernthema: der Kampf des Guten gegen das Böse
Das Silmarillion entwirft einen systemischen Gegensatz von Gut und Böse, d.h. der Text verbindet bestimmte Signifikanten mit diesen beiden Polen, wodurch deren semantische Werte bestimmt werden. Dieser Gegensatz ist überall im Text vorhanden; und somit stellt der Kampf zwischen diesen beiden alles durchdringenden Kräften das zentrale Thema des Silmarillions dar.
4.1.1. Die Entstehung von Gut und Böse
Am Anfang des Seins im Kosmos des Silmarillions steht eine Wesenheit:
„Eru war da, der Eine, der in Arda Ilúvatar heißt; und er schuf erstens die Ainur, die Heiligen, Sprößlinge seiner Gedanken; und sie waren bei ihm, bevor irgend andres erschaffen war.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob das "Silmarillion" als mythischer Text verstanden werden kann und welche Funktionen er innerhalb Tolkiens Werk einnimmt.
2. Darstellung des Untersuchungsvorhabens: Dieses Kapitel definiert die grundlegenden Begriffe der Mythentheorie, erläutert die Methode des systemischen Lesens und ordnet Tolkiens Schaffen in den literaturgeschichtlichen Kontext ein.
3. Tolkiens Mythenpoetik: Hier werden die von Tolkien selbst formulierten "Fairy-Funktionen" und seine Strategien zur Verknüpfung von Sprache und Mythos analysiert.
4. Die Mythenpoetik des Silmarillions: Das Hauptkapitel untersucht das zentrale Thema des Kampfes zwischen Gut und Böse und analysiert spezifische Motive wie das Drachentöten oder den Untergang im Vergleich zu altnordischen Quellen.
5. Exkurs: Silmarillische Funktionsweise im Kontext der weiteren Mittelerde-Erzählungen: Dieser Teil betrachtet die intertextuellen Interaktionen der Wert-Systeme zwischen dem "Silmarillion", "Der kleine Hobbit" und "Der Herr der Ringe".
6. Schluss: Die Arbeit fasst die sieben identifizierten Funktionen des "Silmarillions" zusammen und diskutiert das Verhältnis zwischen der altnordischen Tragik und der christlich geprägten Eukatastrophe.
7. Statt eines Nachwortes: Ein literarischer Beitrag, der die Auseinandersetzung mit alten Stoffen anhand des "Hildebrantsliedes" reflektiert.
8. Literatur: Das Verzeichnis führt die primären Tolkien-Werke, altnordische Texte sowie die verwendete Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
J. R. R. Tolkien, Silmarillion, Mythentheorie, Altnordische Mythen, Systemisches Lesen, Gut und Böse, Weltdeutung, Eukatastrophe, Heldentum, Schicksal, Literaturgeschichte, Mittelerde, Wert-System, Stoffgeschichte, Intertextualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das "Silmarillion" von J. R. R. Tolkien als ein literarisches Werk, das mythische Strukturen nutzt, um die Welt zu deuten und ethische Prinzipien zu verhandeln, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Einfluss altnordischer Mythologie liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der Kampf zwischen Gut und Böse, das Konzept der Zweitschöpfung, der Einfluss nordischer Sagenstoffe, das Verhältnis von Schicksal und freiem Willen sowie die Rolle der Natur und Umweltethik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifischen Funktionen des "Silmarillions" als eigenständiger Text sowie im Kontext der anderen Mittelerde-Werke zu bestimmen und nachzuweisen, dass Tolkien eine mythische Weltdeutung mit christlichen Elementen entwirft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung gründet maßgeblich auf der Methode des "systemischen Lesens" nach Meschonnic, bei der Texte als in sich geschlossene Wert-Systeme betrachtet werden, deren semantische Einheiten durch ihre Interaktion innerhalb des Textes definiert sind.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mythenpoetik des "Silmarillions" durch den Vergleich mit altnordischen Texten wie der Lieder-Edda und dem Nibelungenlied, wobei Motive wie der Drachentöter-Mythos, die Rolle von Sonne und Mond und das Motiv des Schatzraubes detailliert untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind J. R. R. Tolkien, Silmarillion, Mythentheorie, Altnordische Mythen, Systemisches Lesen, Weltdeutung, Eukatastrophe und Intertextualität.
Warum zieht der Autor die Übersetzung von Margaret Carroux vor?
Der Autor argumentiert, dass Carroux’ Übersetzung sowohl stilistisch als auch inhaltlich näher am englischen Original bleibt und besser mit dem archaischen Sprachstil des "Silmarillions" harmoniert, während die Modifikationen von Krege als ästhetisch weniger gelungen und der beabsichtigten Gesamtwirkung abträglich betrachtet werden.
Wie bewertet die Arbeit die "Drachenkrankheit" im Vergleich zum Silmarillion?
Die Arbeit sieht in der "Drachenkrankheit" im "Kleinen Hobbit" ein Motiv, das durch den Verzicht überwunden wird, während im "Silmarillion" die Besitzgier bei Charakteren wie Feanor und Thingol maßgeblich zu deren Untergang beiträgt, was die Unüberwindbarkeit dieser Gier unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Holger Vos (Autor:in), 2004, Die Weltdeutung im "Silmarillion" von J. R. R. Tolkien, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/164967