„Ein gemeinsamer Ausgangspunkt menschlicher Arbeit in unterschiedlichen Zeiten, historischen Formen und Begriffsbestimmungen ist die Notwendigkeit der Existenzsicherung. Betrachtet man Arbeit aber in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung über die Jahrhunderte hinweg, zeigen sich eklatante Verschiebungen […]. In der Moderne wird die Arbeit schließlich auch zum zentralen Gestaltungsprinzip sozialer Zusammenhänge […] in das aber auch das Element der Selbstverwirklichung durch Arbeit Eingang gefunden hat.“ (Kraus 2006, S. 22-23)
Die Thematik der vorliegenden Magisterarbeit, und die damit verbundenen Forschungsfragen, basieren auf der These des Arbeitskraftunternehmers nach Pongratz und Voß. Die Ausgangsbasis dieser These bildet die Subjektivierung von Arbeit. Allein in der stetigen Weiterqualifikation, sowie der Vermarktung der eigenen Person, könne eine durchgängige Erwerbstätigkeit und auch Selbstverwirklichung erreicht werden.
Pongratz und Voß nutzen die Funktionen des wissenschaftlich-pädagogischen Wissens, um den grundlegenden Veränderungen der Verfassung von Arbeitskraft eine konkrete Form zu geben bzw. diese in ein wissenschaftliches Konstrukt zu überführen. Unter Rückgriff auf die Funktionen dieses Wissens beschreiben sie daher nicht nur die spezifischen gegenwärtigen Zusammenhänge, sondern entwerfen auch Beschreibungen von komplexen zukünftigen Veränderungen der Arbeits- und Berufswelt. Hierunter fällt auch die Auseinandersetzung mit den für die Zukunft wichtigen Handlungs- und Umsetzungsmöglichkeiten in Form eines neuen Typus von Arbeit.
Es handelt sich hierbei um eine Theoriegrundlage, die dem Fachbereich der Industrie- und Arbeitssoziologie entstammt, jedoch unter anderem auch in der Berufs- und Betriebspädagogik behandelt und weitergeführt wird. Die Relevanz dieser Thematik sollte nicht nur fachspezifisch gesehen werden, sondern auch einer interdisziplinären Nutzung zugeführt werden.
Das zentral erkenntnisleitende Ziel dieser Magisterarbeit besteht zusammenfassend darin herauszufinden, ob Merkmale, wie sie für den nach Pongratz und Voß formulierten Idealtypus des AKUs als charakteristisch gelten, bei einer spezifischen Gruppe von jungen Hochschulabsolventen, Diplom-Ingenieuren, vorliegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Thema und Problemstellung
1.2. Zielstellung der Arbeit
1.3. Methodisches Vorgehen
2. Makrogesellschaftliche Phänomene
2.1. Allgemeine und berufliche Sozialisationstheorien
2.2. Beruf und Identität
2.3. Individualisierung und Flexibilisierung
3. Entgrenzung von Arbeit und Leben
3.1. Herleitung und Eingrenzung
3.2. Die sechs Sozialdimensionen
3.2.1. Die Dimension der Zeit
3.2.2. Die Dimension des Raumes
3.2.3. Die Dimension der Arbeitsmittel / der Technik
3.2.4. Die Dimension des Arbeitsinhaltes / der Qualifikation
3.2.5. Die Dimension der Sozialorganisation
3.2.6. Die Dimension des Sinnes / der Motivation
4. Subjektivierung von Arbeit
5. Der Typus des Arbeitskraftunternehmers
5.1. These und Herleitung des Typus
5.2. Zusammenfassung des Typus des Arbeitskraftunternehmers
6. Disziplinspezifischer Zugang
6.1. Kompetenz als Erweiterung der Qualifikation?
6.2. Der Zugang über die Berufs- und Betriebspädagogik
7. Die empirische Untersuchung
7.1. Das leitfadengestützte Interview
7.2. Der Leitfadenaufbau
7.3. Die Stichprobe
7.3.1. Vorstellung der Firma
7.3.2. Zugang zum Feld
7.3.3. Die Erhebungssituation
7.3.4. Fehlerquellen
7.4. Modifikation der Ego-Netzwerkkartentechnik
8. Auswertung der Daten
8.1. Die qualitative Inhaltsanalyse
8.2. Einzelbetrachtung und Auswertung der Interviews
8.2.1. Interview 1: Frau Gärtner (P2)
8.2.2. Interview 2: Frau Jaud (P3)
8.2.3. Interview 3: Herr König (P4)
8.2.4. Interview 4: Frau Meyer (P5)
8.2.5. Interview 5: Herr Stange (P6)
8.2.6. Interview 6: Herr Bode (P7)
8.3. Ergebnisanalyse
9. Schlussbetrachtung
9.1. Zusammenfassung des Erkenntnisgewinns
9.2. Forschungsperspektiven
Zielsetzung & Themen
Das zentrale Ziel dieser Arbeit ist es, zu untersuchen, ob Merkmale des Idealtypus des „Arbeitskraftunternehmers“ (AKU) nach Pongratz und Voß bei jungen Diplom-Ingenieuren vorliegen. Die Arbeit analysiert dabei, wie Subjektivierungsprozesse und Entgrenzung von Arbeit und Leben die Berufsbiografien und das Selbstverständnis dieser spezifischen Gruppe von Hochschulabsolventen prägen.
- Subjektivierung von Arbeit und Erwerbsorientierung
- Entgrenzung von Arbeit und Leben in verschiedenen Sozialdimensionen
- Der Idealtypus des Arbeitskraftunternehmers (AKU)
- Empirische Untersuchung mittels leitfadengestützter Interviews
- Modifizierte Anwendung der Ego-Netzwerkkartentechnik
- Anforderungen an moderne Hochschulcurricula
Auszug aus dem Buch
3.2.6. Die Dimension des Sinnes / der Motivation
Die letzte von Voß beschriebene Sozialdimension beschreibt die Phänomene von Entgrenzung im Bereich der Sinnsetzung und der Motivation von Arbeit. Betriebe gehen zunehmend auf die breit gestreuten Orientierungen und Wünsche der AN ein und gestalten ihre Unternehmenskultur diesen vielfältigen Ansprüchen entsprechend.
Das Handlungsmotiv hierbei liegt in der Nutzung dieser Vielfalt. Personal- und Unternehmenspolitik, die diese Art der Nutzung anwenden, sowie kooperative Führungsstrategien, führen zu einer sinnhaften Identifikation des AN mit dem Unternehmen, an dessen Gestaltung der AN über entstandene Sozialkontakte im Kollegenbereich, seine fachliche Faszination oder seine selbstständige Sinnsetzung in seiner Arbeit, teilnehmen kann. Dies führt zu einer Durchmischung von Arbeits- und Lebensmotivation. Diese Sinnsetzung erfährt teilweise eine höhere Priorität, als das Einkommen oder die Karriere. Durch gewachsene Loyalitäten und soziale Bindungen an eine Unternehmenskultur wird eine eindeutige Zuordnung, welcher Teil hiervon konkret zum Beruf oder zum Privatleben gehört, nicht mehr ermöglicht.
Analog zu allen anderen Dimensionen verschwimmen auch hier die Grenzen. Durch explizit betriebliche Förderung dieser Motivation gelingt eine Transformation der Berufssphäre zu einer Lebenssphäre, in der der AN einen Großteil seines Lebens verbringt. Als funktionalen Hintergrund hierfür fungiert das ehemalige bzw. entgrenzte Privatleben des AN.
Zusammenfassend beinhalten die sechs von Voß beschriebenen Sozialdimensionen eine tief greifende Entgrenzung von Arbeitsverhältnissen in Wirtschafts- und Betriebsbereichen. Die genannten Beispiele stellen Anzeichen einer historischen Entwicklung von einer klaren und sich zunehmend verfestigenden Trennung von Arbeit und Leben zu einer tendenziellen Aufweichung und Neuformierung dieses gesellschaftlichen Musters dar. Zeitliche, räumliche, mediale, sachliche, soziale und sinnhafte Strukturmerkmale von Arbeits- und Sozialverhältnissen lösen sich auf. Unerwähnt bleiben sollte nicht, dass es auch zu Ausnahmen und gegenläufigen Tendenzen kommen kann. Dies kann gerade in den mittel-und kleinständischen Unternehmen zutreffend sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird das Thema des „Arbeitskraftunternehmers“ eingeführt und die Forschungsfrage sowie das methodische Vorgehen der Arbeit dargelegt.
2. Makrogesellschaftliche Phänomene: Das Kapitel behandelt theoretische Grundlagen zur Sozialisation, Identität und Individualisierung in der modernen Gesellschaft.
3. Entgrenzung von Arbeit und Leben: Diese Sektion erläutert den Strukturwandel von Arbeit anhand von sechs Sozialdimensionen und deren Auswirkungen auf das Privatleben.
4. Subjektivierung von Arbeit: Das Kapitel definiert den Sammelbegriff der Subjektivierung im Kontext des gesellschaftlichen Wandels und der Erwerbsbiografien.
5. Der Typus des Arbeitskraftunternehmers: Hier wird die These des AKU nach Pongratz und Voß detailliert hergeleitet und seine spezifischen Merkmale beschrieben.
6. Disziplinspezifischer Zugang: Es wird die Brücke zur Berufs- und Betriebspädagogik geschlagen, um die Begriffe Kompetenz und Qualifikation neu zu verorten.
7. Die empirische Untersuchung: Dieses Kapitel dokumentiert das methodische Design der Studie, einschließlich der Interviewführung und der Netzwerkkarten.
8. Auswertung der Daten: Hier werden die Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse der Interviews und die Auswertung der Ego-Netzwerkkarten präsentiert.
9. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst den Erkenntnisgewinn zusammen und gibt Ausblicke auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten im Bereich der Berufs- und Betriebspädagogik.
Schlüsselwörter
Arbeitskraftunternehmer, AKU, Subjektivierung, Entgrenzung, Erwerbsbiografie, Diplom-Ingenieure, Berufspädagogik, Identitätsbildung, qualitative Inhaltsanalyse, Netzwerkkartentechnik, Kompetenzentwicklung, Flexibilisierung, Individualisierung, Arbeitssituation, Selbstverwirklichung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel der Arbeitswelt und insbesondere die Transformation des traditionellen Arbeitnehmers hin zu einem „Arbeitskraftunternehmer“, der seine Arbeit und seine Fähigkeiten aktiv vermarkten muss.
Welche zentralen Themenfelder werden beleuchtet?
Zu den Kerngebieten zählen die soziologischen und pädagogischen Aspekte der Subjektivierung von Arbeit, die Entgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben sowie die Anforderungen an berufliche Kompetenzen und Bildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die empirische Überprüfung der These des „Arbeitskraftunternehmers“ am Beispiel junger Diplom-Ingenieure, um herauszufinden, ob und in welcher Form sich diese spezifische Gruppe in einem modernen, entgrenzten Arbeitsumfeld bereits als solche Unternehmer ihrer eigenen Arbeitskraft positioniert.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine qualitative Studie. Die Forscherin nutzt leitfadengestützte Interviews und eine modifizierte Ego-Netzwerkkartentechnik zur Visualisierung sozialer Beziehungen, ergänzt durch eine qualitative Inhaltsanalyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil, der das AKU-Konstrukt und die soziologischen Hintergründe beleuchtet, sowie einen empirischen Teil, in dem die Interviews mit Ingenieuren ausgewertet und die Ergebnisse kritisch reflektiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben „Arbeitskraftunternehmer“ auch „Entgrenzung“, „Subjektivierung“, „berufliche Sozialisation“, „Ego-Netzwerkkartentechnik“ und „Diplom-Ingenieure“.
Inwieweit spiegelt sich die berufliche Identität in der Arbeit wider?
Die Arbeit zeigt auf, dass der Beruf heute eine Identifikationsschablone bietet, die sich jedoch ständig wandelt. Die Ingenieure im Sample konstruieren ihre berufliche Identität durch eine Mischung aus fachlicher Kompetenz und ständiger Anpassung an Marktbedarfe.
Welche Rolle spielt die Ausbildung der Ingenieure für die Ergebnisse?
Ein wesentliches Ergebnis ist, dass die befragten Ingenieure ihre universitäre Ausbildung teilweise als defizitär in Bezug auf „Soft-Skills“ und wirtschaftliche Kompetenzen bewerten, was für die erfolgreiche Umsetzung des Arbeitskraftunternehmer-Modells jedoch zunehmend essenziell wäre.
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- M.A. Constanze Gruschinski (Author), 2009, Subjektivierung von Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/164889