„Rebellion“ - eine kurze, prägnante Bezeichnung für ein facettenreiches Phänomen, das seit
Menschengedenken existiert und sich in unterschiedlichsten geschichtlichen Zusammenhängen,
aber ebenso in der heutigen Zeit zeigt. Sie kann zu Denkanstößen, Bewegungen, (bahnbrechenden)
Veränderungen, Fortschritt, Aufmerksamkeit, aber auch zu Belächelung und im
schlimmsten Fall zu Angst und Tod führen.
Sei es auf politischer, moralischer, sozialer, auf familiärer oder kultureller Ebene: Es gibt
immer Individuen, die sich unabhängig von einer durch pubertäre Einflüsse ausgelösten
„Sturm und Drang-Zeit“, im Erwachsenenalter „abgrenzen“. Dies kann eine Abgrenzung von
ihrer unmittelbaren Umwelt sein, wie der Familie oder dem Freundes- und Bekanntenkreis
oder das Auflehnen gegen das vorliegende Denken und Handeln des gesellschaftlichen Gros.
Es ist immer wieder zu beobachten, dass Personen im Alleingang oder zumindest in einer
Minderheit gegen eine große Mehrheit auftreten und dabei rigide ihre Ziele verfolgen. Den
Antrieb hierfür stellt ihre Überzeugung von der Richtigkeit der Sache dar.
In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie es kommt, dass
bestimmte Menschen Persönlichkeitsfacetten besitzen, die sie vehement an ihren Überzeugungen
festhalten und ihnen den Antrieb, die Stärke, Gabe oder Fähigkeit verleihen, sich von
dieser inneren Überzeugung lenken zu lassen, ganz gleich, ob es sich hierbei um anerkannte
oder zumindest geduldete Werte und Normen, ethische Fragen, Verhaltensweisen oder allgemeine
Ansichten handelt, gegen die sie rebellieren. Welche Erklärungsansätze können herangezogen
werden, um nachvollziehbar zu machen, warum diese Individuen sich für ihre
speziellen Ziele, auch unter Inkaufnahme von für sie negative Folgen, einsetzen, während die
Mehrheit im jeweiligen (gesellschaftlichen) Status quo zufrieden oder unzufrieden lebt und
in ihm verharrt bzw. sich mit ihm arrangiert?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
Teil I: Theoretischer Hintergrund
2 Das Phänomen „Rebellion“
2.1 Inhaltliche Annäherungen an den Begriff „Rebellion“
2.2 Rebellion und Aggression: Eine differenzierende Betrachtung
2.3 Einflussfaktoren auf das Rebellieren: Handlungsorientierte Instanzen
2.3.1.Selbstwert und Selbstwirksamkeit
2.3.2 Assimilation und Akkomodation
2.3.3 Externalisierendes/internalisierendes Verhalten und Geschlecht
3 Frank J. Sulloway: Die Geburtsrangtheorie
3.1 Selektive Studien und Analysen zur Geburtenfolge
3.2 Die Geburtsrangtheorie Sulloways: Evolutionstheoretischer Hintergrund
3.3 Grundzüge der Geburtsrangtheorie
3.4 Zusammenhang zwischen Geburtsrang und Rebellion
4 Aspekte der Verschiedenartigkeit von Geschwistern - Geburtsrang und Persönlichkeitsentwicklung -
4.1 Einzelkind und Erstgeborene(r)
4.2 Zweitgeborene(r) / Spätergeborene(r)
4.3 Weitere persönlichkeitsformende Prädiktoren
4.3.1 Altersabstand
4.3.2 Geschlecht
4.3.3 Geschwisteranzahl
5 Die Bindungstheorie nach John Bowlby
5.1 Theoretischer Hintergrund
5.2 Grundzüge der Theorie: Regulation des Bindungsverhaltens
5.3 Die Baltimore-Studie: Identifizierung von Bindungsmustern
5.4 Zusammenhang zwischen Bindungsqualität und Rebellion
Teil II: Empirische Analyse
6 Methode
6.1 Der Fragebogen: Aufbau und Entwicklung
6.2 Hintergrund und Zusammensetzung der Stichprobe
7 Fragestellung und Untersuchung
7.1 Geburtsrang und rebellisches Verhalten
7.1.1 Die Hypothese
7.1.2 Wichtigste Ergebnisse und Schlussfolgerung
7.2 Bindungsqualität und rebellisches Verhalten
7.2.1 Die Hypothese
7.2.2 Wichtigste Ergebnisse und Schlussfolgerung
7.3 Bindungsqualität und Geburtsrang im Zusammenhang mit Rebellion
7.4 Erklärungsmodell: Rebellisches Verhalten und Co-Variablen
7.4.1 Die Hypothesen
7.4.1.1 Co-Variablen und rebellisches Verhalten
7.4.1.2 Zusammenhang zwischen den Hauptfaktoren und den Co-Variablen
7.4.1.3 Stellung der Co-Variablen
7.4.2 Wichtigste Ergebnisse und Schlussfolgerung
8 Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen „Rebellion“ als Ausdruck antikonformen Handelns zwischen Rigidität und moralischem Anspruch. Ziel ist es, zu analysieren, ob individuelle Persönlichkeitsfacetten, beeinflusst durch die Geburtsrangtheorie nach Frank Sulloway sowie die Bindungstheorie nach John Bowlby, die Tendenz zu rebellischem Verhalten erklären können.
- Analyse des Rebellionsbegriffs und dessen Abgrenzung zu ähnlichen Phänomenen
- Untersuchung der Geburtsrangtheorie als evolutionspsychologischer Erklärungsansatz für rebellisches Verhalten
- Evaluation der Bindungstheorie als Einflussfaktor für die Entstehung antikonformer Einstellungen
- Empirische Überprüfung von Mediatoren und Moderatoren wie Selbstwert, Selbstwirksamkeit und Copingstrategien
Auszug aus dem Buch
2.2 Rebellion und Aggression: Eine differenzierende Betrachtung
Die Begriffe „Aggression“ und „Aggressivität“ werden in der Literatur oftmals synonym verwendet, so dass hieraus keine bedeutsamen Unterschiede erkennbar sind. Nach Gratzer (2004) sind die Begrifflichkeiten getrennt voneinander zu betrachten. Aggressivität geht der Aggression voraus, da sie die Einstellung und die Bereitschaft zu aggressivem Handeln darstellt. Aggression hingegen ist die Handlung selbst (vgl. Gratzer, 2004). Cierpka beschreibt den Begriff „Aggressivität“ als eine relativ stabile psychische Eigenschaft, die eine erhöhte Bereitschaft zu aggressivem Handeln aufweist (vgl. Cierpka, 2002).
Etliche Kategorisierungen für aggressive Handlungen wurden im Laufe der Auseinandersetzung mit der Thematik vorgenommen, so z.B. die der Unterscheidung „expressiver“ und „instrumenteller“ Aggression nach Michaelis. Sie stellt einen Bezug zur zugrunde liegenden Motivation bzw. Funktionalität her. Hierbei wird die expressive Aggression durch starke Emotionen oder Erregungszustände ausgelöst und wirkt kurzzeitig spannungsreduzierend, wohingegen die instrumentelle Verletzungen anderer mit der Motivation einer Zielerreichung oder Problemlösung anstrebt.
Petermann und Petermann (2000) nehmen eine Unterscheidung und Gegenüberstellung von Aggressionen vor, indem sie diese in fünf Dimensionen einteilen:
• Offen gezeigte Aggression versus verdeckte/hinterhältige Aggression
• Körperliche Aggression versus verbale Aggression
• Aktiv-ausübende versus passiv-erfahrene Aggression
• Direkte versus indirekte Aggression
• Nach außen gewandte versus nach innen gewandte Aggression (Petermann/Petermann, 2000).
Auf weitere Differenzierungen zum Aggressionsbegriff und zu Formen aggressiven Verhaltens soll an dieser Stelle verzichtet werden. Im weiteren Verlauf wird hingegen der Gewaltbegriff erwähnt, da aggressive Tendenzen oftmals zu Gewalt führen können bzw. Gewalt denken und -handeln ebenfalls, genau wie Aggressionen als hinreichende Voraussetzungen, dem Rebellen zugeordnet werden können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema Rebellion als facettenreiches Phänomen und Erläuterung der theoretischen Perspektiven sowie der Forschungsfragestellung.
2 Das Phänomen „Rebellion“: Begriffsdefinition und Abgrenzung sowie Darstellung handlungstheoretischer Grundlagen und Einflussfaktoren.
3 Frank J. Sulloway: Die Geburtsrangtheorie: Analyse des evolutionstheoretischen Hintergrunds der Geburtsrangtheorie und deren Zusammenhang mit rebellischem Verhalten.
4 Aspekte der Verschiedenartigkeit von Geschwistern - Geburtsrang und Persönlichkeitsentwicklung -: Untersuchung der Rollen von Erst-, Zweit- und Spätergeborenen sowie Einflussfaktoren wie Altersabstand und Geschwisteranzahl.
5 Die Bindungstheorie nach John Bowlby: Darstellung der Bindungstheorie, der Bindungsmuster und des Zusammenhangs zwischen Bindungsqualität und Rebellionsneigung.
6 Methode: Beschreibung des Fragebogens, der Konstruktoperationalisierung und der Charakteristika der Stichprobe.
7 Fragestellung und Untersuchung: Statistische Analyse und Prüfung der aufgestellten Hypothesen zu Geburtsrang, Bindungsqualität und moderierenden Variablen.
8 Diskussion: Zusammenfassung der Ergebnisse, kritische Reflexion des Studiendesigns und Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Rebellion, Antikonformismus, Geburtsrangtheorie, Bindungstheorie, Persönlichkeitsentwicklung, Geschwisterrivalität, Aggression, Selbstwert, Selbstwirksamkeit, Handlungstheorie, Assimilation, Akkomodation, Sozialisation, Moralische Entwicklung, Empirische Analyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht rebellisches Verhalten bei Erwachsenen. Dabei wird analysiert, warum Menschen trotz möglicher negativer persönlicher Folgen an ihren Überzeugungen festhalten und sich gegen gesellschaftliche Normen auflehnen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft die evolutionspsychologische Geburtsrangtheorie von Frank J. Sulloway und die Bindungstheorie von John Bowlby mit handlungstheoretischen Konzepten, um die Entstehung einer rebellischen Persönlichkeit zu erklären.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszufinden, ob Persönlichkeitsfacetten, die rebellisches Handeln begünstigen, durch die Geburtsreihenfolge, frühe Bindungserfahrungen und handlungssteuernde Variablen (wie Selbstwert oder Copingstrategien) vorhergesagt oder erklärt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde eine empirische Untersuchung mittels eines selbst konstruierten Fragebogens durchgeführt, der verschiedene psychologische Skalen zur Erfassung von Bindung, Rebellion, Aggression und Bewältigungsstrategien kombinierte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen umfassenden theoretischen Hintergrund über Rebellion, Geburtsrangforschung und Bindungstheorie sowie eine empirische Analyse, in der diese Theorien an einer Stichprobe von 59 Personen statistisch geprüft werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rebellion, Antikonformismus, Geburtsrangtheorie, Bindungstheorie, Persönlichkeitsentwicklung, Selbstwirksamkeit und Aggression.
Warum wurde der Zweitgeborene als potenziell „Rebell“ fokussiert?
Basierend auf der Theorie von Frank J. Sulloway besetzen Erstgeborene oft die Nische der Konformität, während Spätergeborene gezwungen sind, sich durch auffälliges, rebellisches Verhalten in der Familie neue Nischen für elterliche Aufmerksamkeit zu erarbeiten.
Welche Rolle spielt die Bindungsqualität für rebellisches Verhalten?
Die Arbeit untersucht, ob unsichere Bindungserfahrungen in der Kindheit die Basis für ein antikonformes Verhalten im Erwachsenenalter legen, da diese Menschen möglicherweise weniger auf das Wohlwollen enger Bindungspersonen angewiesen sind und sich so freier gegen Normen auflehnen können.
- Arbeit zitieren
- Undine Thiemeier (Autor:in), 2011, Das Phänomen Rebellion - Antikonformes Handeln zwisches Rigidität und moralischem Anspruch, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/164819