„Man kann sich nur wundern, wie eine Regelung, die aus steuerrechtlicher Sicht ohne Sinn ist und auf der anderen Seite die Handelsbilanz deformiert und was den Sonderposten mit Rücklageanteil anbetrifft, gemeinschaftsrechtlich nicht zulässig ist, hat Gesetz werden können; es haben wohl geheime Mächte gewirkt.“
So schrieb Brigitte Knobbe-Keuk, ihre Ausführungen zum Maßgeblichkeitsgrundsatz abschließend, über die umgekehrte Maßgeblichkeit (1991: 28). Tatsächlich war die umgekehrte Maßgeblichkeit Zeit ihrer Existenz höchst umstritten, „so gut wie einhellig“ wurde ihre Abschaffung bis zuletzt gefordert (Endriss, BBK 2010: 413). Durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) vom 25.05.2009 wurde diese Abschaffung - die Kritiker mögen sagen „endlich“ - durchgeführt.
Allerdings hat auch die Neuregelung der Inanspruchnahme von steuerlichen Wahlrechten zu großen Diskussionen in der Fachwelt geführt. Gerade durch die neuen Vorschriften werde die Knüpfung des Steuerrechts an das Handelsrecht weiter gelockert, vielfach sei eine Einheitsbilanz dadurch kaum noch möglich. Eine weitere Entwicklung in diese Richtung würde das Ende der Einheitsbilanz und eine Abkehr vom Maßgeblichkeitsprinzip bedeuten.
Zu Beginn dieser Arbeit werden die Grundlagen der steuerlichen Gewinnermittlung vor der Bilanzrechtsreform sowie die Idee der Einheitsbilanz erläutert. Danach werden die Grundideen des BilMoG beschrieben und die Änderungen für den Grundsatz der Maßgeblichkeit durch das BilMoG aufgeführt. Abschließend wird analysiert, inwieweit die Erstellung einer Einheitsbilanz nach der Reform noch möglich ist und welchen Einfluss der Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit und die Neuregelung der steuerlichen Wahlrechte auf die „neue“ Einheitsbilanz haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundlagen der einkommensteuerlichen Gewinnermittlung
3 Prinzipien der Gewinnermittlung nach § 5 EStG vor dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz
3.1 Der Maßgeblichkeitsgrundsatz
3.2 Die materielle Maßgeblichkeit
3.3 Durchbrechungen der Maßgeblichkeit
3.4 Die formelle und die umgekehrte Maßgeblichkeit
3.4.1 Begriffsdefinition
3.4.2 Entstehung und Entwicklung
3.4.3 Mit den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung konforme steuerliche Wahlrechte
3.4.4 Mit den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung nicht vereinbare steuerliche Wahlrechte
3.4.5 Kritik an der umgekehrten Maßgeblichkeit
4 Die Einheitsbilanz
4.1 Die Idee der Einheitsbilanz
4.1.1 Die totale Einheitsbilanz
4.1.2 Die partielle Einheitsbilanz
4.2 Voraussetzungen und Beurteilung der Einheitsbilanz
4.3 Praktische Bedeutung der Einheitsbilanz
5 Das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz
5.1 Ziele der Bilanzrechtsreform
5.2 Entstehung des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes
5.3 Überblick über die Neuregelungen
6 Die Änderungen in den Grundlagen der Gewinnermittlung nach § 5 EStG durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz
6.1 Der Maßgeblichkeitsgrundsatz
6.2 Der Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit und die Neuregelung der Ausübung steuerlicher Wahlrechte
6.2.1 Lediglich steuerrechtlich bestehende Wahlrechte
6.2.2 Handels- und steuerrechtliche Wahlrechte
6.2.3 Aufzeichnungspflichten
6.3 Anwendungsregelung
7 Auswirkungen der Bilanzrechtsreform auf die Einheitsbilanz
7.1 Folgen der Änderungen von wesentlichen Ansatz- und Bewertungsvorschriften
7.2 Konsequenzen aus dem Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit
7.3 Die Möglichkeit der Aufstellung einer Einheitsbilanz
7.4 Die Zukunft der Einheitsbilanz
8 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG) auf den Grundsatz der Maßgeblichkeit und insbesondere auf die Möglichkeit zur Erstellung einer Einheitsbilanz. Ziel ist es zu analysieren, inwieweit der Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit und die Neuregelung der steuerlichen Wahlrechte die traditionelle Verknüpfung von Handels- und Steuerbilanz schwächen und welche Konsequenzen sich daraus für die Unternehmenspraxis ergeben.
- Grundlagen der steuerlichen Gewinnermittlung vor der Bilanzrechtsreform
- Die historische Rolle und Kritik der umgekehrten Maßgeblichkeit
- Wesentliche Ziele und Neuregelungen des BilMoG
- Die Auswirkungen der Reform auf die Aufstellungsmöglichkeiten einer Einheitsbilanz
- Perspektiven für die künftige Entwicklung von Handels- und Steuerbilanz
Auszug aus dem Buch
3.4.1 Begriffsdefinition
Da die Begriffe „formelle Maßgeblichkeit“ und „umgekehrte Maßgeblichkeit“ in der Literatur nicht immer einheitlich verwendet werden (Knobbe-Keuk 1991: 25), sollen beide Bezeichnungen im Folgenden zur Klarstellung ihrer Verwendung in dieser Arbeit erläutert werden.
Die formelle Maßgeblichkeit der Handelsbilanz für die steuerliche Gewinnermittlung wurde bis zuletzt durch die Vorschrift des § 5 Abs. 1 Satz 2 EStG i. d. F. vor Inkrafttreten des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes gesetzlich festgeschrieben: „Steuerliche Wahlrechte bei der Gewinnermittlung sind in Übereinstimmung mit der handelsrechtlichen Jahresbilanz auszuüben.“ Der handelsbilanzielle Wertansatz ist also auch bei steuerlichen Wahlrechten maßgebend. Bei den steuerlichen Wahlrechten handelt es sich grundsätzlich um alle Ansatz- und Bewertungswahlrechte für die Aktiv- und Passivseite (Weber-Grellet 2009: § 5 EStG, Rz. 42).
Der Begriff der umgekehrten Maßgeblichkeit bezieht sich auf dieselbe Vorschrift, verdeutlicht aber die Konsequenz in der praktischen Anwendung der formellen Maßgeblichkeit: Zwar ist der Wertansatz in der Handelsbilanz rechtlich maßgeblich, der Steuerpflichtige muss jedoch, um seine steuerpolitischen Ziele (z. B. Steuerminimierung) zu erreichen, einen diesen Zielen entsprechenden handelsrechtlichen Ansatz wählen (Haeger 1989: 27). Der Handelsbilanzansatz richtet sich also faktisch nach dem steuerlich beabsichtigten Wertansatz (Krawitz / Karthaus 2009: 661), somit wird die Maßgeblichkeit hier quasi umgekehrt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Kontroverse um die umgekehrte Maßgeblichkeit, deren Abschaffung durch das BilMoG und die daraus resultierenden Debatten in der Fachwelt.
2 Grundlagen der einkommensteuerlichen Gewinnermittlung: Dieses Kapitel erläutert die verschiedenen Arten der Gewinnermittlung im deutschen Steuerrecht mit Fokus auf den Betriebsvermögensvergleich nach § 5 EStG.
3 Prinzipien der Gewinnermittlung nach § 5 EStG vor dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz: Es werden der Maßgeblichkeitsgrundsatz, dessen materielle und formelle Ausprägungen sowie die Kritik an der umgekehrten Maßgeblichkeit detailliert dargestellt.
4 Die Einheitsbilanz: Dieses Kapitel definiert die totale und partielle Einheitsbilanz und diskutiert die theoretischen sowie praktischen Voraussetzungen und die Bedeutung dieser Bilanzform.
5 Das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz: Hier werden die Ziele, der Entstehungsprozess und die wesentlichen Neuregelungen des BilMoG kompakt zusammengefasst.
6 Die Änderungen in den Grundlagen der Gewinnermittlung nach § 5 EStG durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz: Das Kapitel analysiert die Auswirkungen des BilMoG auf den Maßgeblichkeitsgrundsatz, insbesondere den Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit und neue Aufzeichnungspflichten.
7 Auswirkungen der Bilanzrechtsreform auf die Einheitsbilanz: Hier wird untersucht, wie sich die neuen Bewertungsregeln auf die Einheitsbilanz auswirken und ob deren Aufstellung nach der Reform noch praktikabel ist.
8 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und prognostiziert die künftige Abkehr von der Einheitsbilanz hin zu einer eigenständigen steuerlichen Gewinnermittlung.
Schlüsselwörter
BilMoG, Maßgeblichkeitsprinzip, Einheitsbilanz, Umgekehrte Maßgeblichkeit, Steuerbilanz, Handelsbilanz, Gewinnermittlung, EStG, HGB, Steuerliche Wahlrechte, Rechnungslegung, Unternehmenspraxis, Latente Steuern, Bewertungsrechte, Bilanzpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die steuerrechtlichen und handelsrechtlichen Folgen der Abschaffung der umgekehrten Maßgeblichkeit durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Maßgeblichkeitsgrundsatz, die historische Entwicklung der Einheitsbilanz, die Systematik der steuerlichen Gewinnermittlung sowie die Änderungen in der Ausübung steuerlicher Wahlrechte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse, ob und unter welchen Bedingungen die Erstellung einer Einheitsbilanz nach Inkrafttreten des BilMoG in der Unternehmenspraxis noch möglich und sinnvoll ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse sowie die Auswertung von Gesetzestexten, BMF-Schreiben und Fachpublikationen, um die theoretischen Prinzipien mit praktischen Fallbeispielen zu verknüpfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Rechtslage vor und nach der Reform, die Analyse der neuen Wahlrechtsausübungen und die daraus folgenden Konsequenzen für die Bilanzpolitik der Unternehmen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie BilMoG, Einheitsbilanz, Maßgeblichkeitsprinzip, Steuerbilanzpolitik und handelsrechtliche Gewinnermittlung charakterisieren.
Warum war die umgekehrte Maßgeblichkeit so stark umstritten?
Sie führte zu einer sogenannten „Deformierung“ der Handelsbilanz, da steuerlich motivierte Wertansätze erzwungen wurden, die nicht den handelsrechtlichen Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung (GoB) entsprachen und somit die Informationsfunktion der Bilanz einschränkten.
Welchen Einfluss hat das BilMoG konkret auf die Steuerbilanzpolitik?
Durch den Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit wurde ein Anreiz geschaffen, eine eigenständige Steuerbilanzpolitik zu verfolgen, da steuerliche Wahlrechte nun unabhängig von der Handelsbilanz ausgeübt werden können.
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- Karin Siewert (Author), 2010, Der Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz und seine Konsequenzen für die Einheitsbilanz, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163731