Der militärische Sieg des Arminius und dessen herausragenden strategischen Fähigkeiten veranlassten nicht nur den römischen Kaiser Tiberius die germanischen Feldzüge zu beenden und die Grenze des römischen Reichens entlang der Donau und des Rheins zu fixieren. Die historische Tatsache dass durch den Sieg des Arminius auch die Freiheit der germanischen Stämme gesichert wurde war auch Grundlage für einen deutschen Mythos der bis in die heutige Zeit Literatur und das Denken in Deutschland inspiriert. In der Tat wird in besondere während des 18. und 19. Jahrhunderts der Cheruskerfürst Arminius an den Anbeginn der deutschen Nation gesetzt und in ihm der „erste historisch fassbare Deutsche“ (Münkler 2009, S. 165) gefunden. Viel tiefer noch geht die Identifikation der Deutschen mit dem Arminius:
„Er war noch mehr: Wenn man an das Schicksal Galliens und Spaniens, und die durchgängige Widerstandsunfähigkeit junger Völker gegen höhere Kulturstufen denkt, so ist kein Zweifel: In dem Arminius das römische Heer vernichtete, hat er unsere Nationalität gerettet, dass wir noch Deutsche sind verdanken wir ihm“ (Egelhaaf 1909, S. 423)
Der Mythos Arminius schaffte es über einen langen Zeitraum hinweg in unterschiedlichsten politischen Konstellationen seine Anwendungen und Nischen zu finden, ein Umstand den er vor allem seiner Flexibilität zu verdanken hat. Laut Münkler verbindet er drei Elemente die je nach Notwendigkeit oder zeitgenössischer Betrachtung eine unterschiedliche Inanspruchnahme zulassen. Zum einen kann durch die Vernichtung der Legionen ein immenses nationales Selbstvertrauen formuliert werden, waren es doch die Germanen die dem römischen Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht Einhalt gebieten konnten. Zum anderen kann der Arminiusstoff zur Schaffung eines neuen nationalen Einheitsgefühls dienen, nimmt man die Einigung der germanischen Stämme unter Arminius im Vorfeld der Schlacht als Beispiel. Schließlich entfaltet der Arminiusmythos eine besonders starke Anziehungskraft im Kampf gegen fremde Aggressoren, ein Bild dass ins besondere im 19. - 2 -
Jahrhundert und im Lichte des deutschen – französischen Konflikts angewendet wurde. (vgl. (Münkler 2009, S. 166–167). Im folgenden sollen nun zwei literarische Werke aus dem 18. Jahrhundert hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Mythos Arminius untersucht werden. Zum einen wird auf Friedrich Gottlieb Klopstocks epochale Trilogie zur Hermannschlacht eingegangen. Zum anderen auf „Die Hermannsschlacht“ von Heinrich von Kleist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Friedrich Gottlieb Klopstocks Hermannstriologie
Die Bardietenform
Der gerechte Krieg
Göttlicher Wille und Vaterland
Mythos Hermann
Heinrich von Kleists Drama „Die Hermannsschlacht“
Das germanische Bild
Das Hermannsbild
Der Mythos Hermann
Nachwort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Mythenbildung rund um den Cheruskerfürsten Arminius anhand der Werke von Friedrich Gottlieb Klopstock und Heinrich von Kleist. Das primäre Ziel ist es, die unterschiedlichen Ausprägungen und Intentionen der Mythologisierung im 18. und 19. Jahrhundert herauszuarbeiten und deren zeithistorischen Kontext zu analysieren.
- Klopstocks epochale Trilogie zur Hermannschlacht und die Bedeutung der Bardietenform.
- Die Rolle von Religion, Vaterland und dem Konzept des „gerechten Krieges“.
- Heinrich von Kleists „Die Hermannsschlacht“ als Antwort auf die napoleonische Bedrohung.
- Vergleichende Analyse der Hermann-Darstellung als Identifikationsfigur.
- Untersuchung der nationalen Symbolik und des Widerstandsgedankens in beiden Werken.
Auszug aus dem Buch
Die Bardietenform
In seinen Hermannstücken greift Klopstock auch auf Elemente sogenannter Bardenlyrik auf, die sich an den Gesängen und Vorstellungswelten altgermanischer Dichter orientierte und eine an der Geschichte orientiere Poesie darstellte. Klopstock selbst beschreibt seine Bardendichtung damit dass das „Bardiet die Charaktere und die vornehmsten Theile des Plans aus der Geschichte unserer Vorfahren nimmt, dass seine seltneren Erdichtungen sich sehr genau auf die Sitten der gewählten Zeit beziehen, und dass [es] nie ohne Gesang ist“ (Klopstock, zitiert nach (von Essen 1998, S. 101).
Dementsprechend bezeichnet Klopstock seine Hermannstücke als Bardieten, „in denen nicht so sehr eine fortlaufende Handlung als viel mehr begleitende und stimmungsmäßig kommentierende Bardengesänge im Vordergrund stehen“ (Dethlefs 1999, S. 107). Von Beginn ist das Vaterland ein wichtiges Element in Klopstocks „Hermanns Schlacht“, denn er selbst schreibt im Vorwort dass es ein vaterländisches Gedicht ist, dem Kaiser gewidmet der sein Vaterland liebt, ein Gedicht dass er dem Kaiser übergibt und bei dessen Vollendung er stolzer auf sein Vaterland gewesen sei wie nie zuvor (Klopstock 1769, S. 2–4). Darüber hinaus bilden weitere zentrale Motive die Gerechtfertigkeit des germanischen Kampfes gegenüber dem ungerechtfertigten Angriff der Römer sowie die göttliche Einwilligung zum Handeln Hermanns. Besonders das letzte Element wird allein schon durch die Lokalität der Handlung betont.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die historische Varusschlacht als Ursprung eines deutschen Mythos und dessen Bedeutung für die Identitätsstiftung im 18. und 19. Jahrhundert.
Friedrich Gottlieb Klopstocks Hermannstriologie: Vorstellung von Klopstocks Werk, das durch eine religiöse Dimension und eine frühe nationalpatriotische Ausrichtung geprägt ist.
Die Bardietenform: Analyse der von Klopstock gewählten poetischen Form, die durch Bardengesänge eine quasi-religiöse Stimmung erzeugt.
Der gerechte Krieg: Erörterung des Rechtfertigungsdiskurses in Klopstocks Werk, bei dem der Kampf gegen Rom als Verteidigung gegen ungerechte Aggressoren legitimiert wird.
Göttlicher Wille und Vaterland: Betrachtung der Verknüpfung zwischen göttlicher Vorsehung, Volkstum und vaterländischer Gesinnung bei Klopstock.
Mythos Hermann: Einordnung von Klopstocks Wirken als Ausgangspunkt für spätere nationalistische Instrumentalisierungen des Arminius-Stoffes.
Heinrich von Kleists Drama „Die Hermannsschlacht“: Untersuchung von Kleists Stück unter dem Einfluss der zeitgenössischen Bedrohung durch Napoleon.
Das germanische Bild: Analyse der internen Zerrissenheit und Egoismen der germanischen Stämme in Kleists Darstellung.
Das Hermannsbild: Charakterisierung von Kleists Hermann als skrupellosen, strategisch agierenden Helden, der zur Zielerreichung alle Mittel nutzt.
Der Mythos Hermann: Zusammenfassung der Rolle von Kleists Werk bei der Mythifizierung und Heroisierung eines nationalen Widerstandsmodells.
Nachwort: Synoptische Gegenüberstellung der zwei Autoren, die trotz gleichen Grundstoffs unterschiedliche Aspekte und Intentionen in den Arminius-Mythos einfließen ließen.
Schlüsselwörter
Arminius, Hermannsschlacht, Klopstock, Heinrich von Kleist, Mythenbildung, Varusschlacht, Nationalismus, Vaterland, Bardietenform, Germanen, Römer, Widerstand, Identität, Literaturgeschichte, Patriotismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarische Konstruktion des Arminius-Mythos in den Werken von Friedrich Gottlieb Klopstock und Heinrich von Kleist im historischen Kontext des 18. und 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören nationale Identitätsstiftung, das Konzept des „gerechten Krieges“, religiöse Rechtfertigung politischer Handlungen sowie die Darstellung von Widerstand gegen äußere Aggressoren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Autoren an den Arminius-Stoff aufzuzeigen und zu erklären, wie diese den Mythos im jeweiligen zeithistorischen Kontext geformt haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten und bezieht sich auf fachwissenschaftliche Sekundärliteratur zur Mythenbildung und zum historischen Kontext der jeweiligen Epochen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Abschnitte: Klopstocks Hermann-Trilogie mit Fokus auf die Bardietenform sowie Kleists Drama „Die Hermannsschlacht“ mit Fokus auf politische Instrumentalisierung und Charakterdarstellung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Arminius, Patriotismus, Mythologisierung, Freiheitskampf, nationale Identität und deutsche Literaturgeschichte.
Inwiefern unterscheidet sich die Darstellung Hermanns bei Klopstock und Kleist?
Klopstock zeichnet Hermann primär als religiös legitimierte Führerfigur, während Kleist ihn als einen durch List und radikale Härte agierenden, berechnenden Strategen inszeniert.
Warum spielt die Bardietenform bei Klopstock eine so entscheidende Rolle?
Sie dient Klopstock dazu, das Geschehen in eine quasi-religiöse Dimension zu heben und die Emotionen des Publikums im Sinne eines nationalen Einheitsgefühls zu steuern.
Welchen zeithistorischen Anlass greift Kleist mit seinem Werk auf?
Kleist reagiert mit „Die Hermannsschlacht“ direkt auf die Expansion des französischen Reiches unter Napoleon und die damit verbundene Bedrohung für das damalige Deutschland.
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- MSc. M.A. Robert Fiedler (Author), 2009, Der Mythos Arminius bei Friedrich Gottlieb Klopstock und Heinrich von Kleist, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163700