„Gleichheit nur für Gleiche, nicht für alle. Und so hält man auch die Ungleichheit für recht, und sie ist es ja auch, aber nicht für alle, sondern für Ungleiche.“
(Aristoteles)
Die Fürsorge für seine Bürger in Form einer Absicherung gegen die Risiken des Lebens ist der Kerngedanke, der jedem Sozialstaat innewohnt. Er soll sein Handeln an den Wertvorstellungen ausrichten, die zu einem sozial erwünschten gesellschaftlichen Ergebnis führen. Max Weber, der Vater der deutschen Soziologie, schrieb bereits 1922 in seinem Hauptwerk Wirtschaft und Gesellschaft, dass für die Besitzlosen „[…] naturgemäß Recht und Verwaltung im Dienst des Ausgleichs der ökonomischen und sozialen Lebenschancen gegenüber den Besitzenden zu stehen [haben]“ (ebd.: 565). Hier wird der Aufgabenbereich des Sozialstaates noch erweitert. Seine Aufgabe läge demnach, neben der ökonomischen Sicherung benachteiligter Gruppen, auch darin unter dem Postulat der sozialen Gerechtigkeit einen Chancenausgleich zwischen seinen Bürgern zu erwirken. In der Bundesrepublik Deutschland ist dieses Prinzip in § 1 Abs. 1 Sozialgesetzbuch verbindlich festgeschrieben.
Um die erwünschten sozialpolitischen Ziele verwirklichen zu können, stehen dem Staat verschiedene Instrumente zur Verfügung. Zu ihnen gehören unter anderem die interpersonellen Verteilungskorrekturen durch die Gewährung von Transferleistungen gegenüber Bedürftigen aber auch Nicht-Bedürftigen. Je nach Ausgestaltung des Steuer- und Transfersystems können diese Leistungen den Großteil der sozialpolitischen Maßnahmen ausmachen. Um die Dimensionen zu verdeutlichen, sei angemerkt, dass in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2007 ungefähr 42,4 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung staatliche Sozialleistungen empfangen haben (vgl. IWK, 2010: 1).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung und Problemstellung
1. Begriffsbestimmung und Abgrenzung
1.1 Sozialpolitik
1.2 Einkommenspolitik
1.3 Transferzahlungen
2. Sozialstaatsprinzip
2.1 Korrektur der Primärverteilung
2.2 Wirkungen von Transferleistungen
3. Resultate redistributiver Einkommens- und Sozialpolitik
3.1 Einkommensverteilung Deutschland
3.2 Staatliche Umverteilung
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen staatlicher Transfersysteme in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie der Staat durch sozialpolitische Instrumente korrigierend in Marktprozesse eingreifen kann, um soziale Gerechtigkeit zu fördern, ohne dabei ökonomische Leistungsanreize durch zu hohe Belastungen zu gefährden.
- Analyse von Begriffsdefinitionen im Bereich der Sozial- und Einkommenspolitik
- Untersuchung des Sozialstaatsprinzips und der Notwendigkeit der Umverteilung
- Klassifizierung und Wirkungsweise von staatlichen Transferleistungen
- Empirische Betrachtung der Einkommensverteilung und staatlichen Umverteilung in Deutschland
Auszug aus dem Buch
2.2 Wirkungen von Transferleistungen
Die durch die Transferleistungen ausgelösten Anreizwirkungen beeinflussen das Arbeitsangebot der Leistungsempfänger. Es wird angenommen, dass in einem einfachen Einkommens-Freizeit-Modell jedes Einkommen gleich Arbeitseinkommen ist und das Wirtschaftssubjekt gemäß seiner individuellen Nutzenfunktion frei zwischen Arbeit und Freizeit wählen kann. Hierbei stellen Arbeit und Freizeit vollkommene Substitute dar.
Das Wirtschaftssubjekt wählt seinen nutzenmaximierenden Punkt auf der Gerade A0B0. An diesem Punkt P0 ist bei gegebenem Lohnsatz gemäß seinen Präferenzen die Zeit in Arbeitszeit und Freizeit aufgeteilt. Die Indifferenzkurve tangiert dabei die Gerade A0B0. Wie vorhergehend bereits festgestellt, erhöht eine Transferzahlung das verfügbare Einkommen. Im Fall eines einkommensunabhängigen Transfers bedeutet dies eine Parallelverschiebung der Geraden A0B0 nach A1B1 (vgl. Abb. 2a). Dadurch wird ein höheres Nutzenniveau der Wirtschaftssubjekte erreicht, veranschaulicht durch die Indifferenzkurven I1, I2, und I3.
Der beobachtbare Effekt durch die Einkommenserhöhung sagt aber nichts über die Auswirkungen auf das Arbeitsangebot aus. Sowohl eine Ausdehnung als auch eine Verringerung des Arbeitsangebotes wären mögliche Reaktionen. Abhängig von der dominanten Verhaltensstrategie der Wirtschaftssubjekte können die Anreizwirkungen positiv, negativ oder neutral ausfallen. Im Gegensatz dazu lassen sich bei einkommensabhängigen Transfers Auswirkungen auf das Arbeitsangebot nachweisen. Dabei gelten dieselben Modellannahmen wie bei einkommensunabhängigen Transferleistungen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung und Problemstellung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Sozialstaats und die staatliche Absicherung gegen Lebensrisiken ein und stellt die Relevanz der Untersuchung von Transferinstrumenten dar.
1. Begriffsbestimmung und Abgrenzung: In diesem Kapitel werden die zentralen Begriffe Sozialpolitik, Einkommenspolitik und Transferzahlungen definiert, um eine fundierte Grundlage für die Analyse zu schaffen.
2. Sozialstaatsprinzip: Das Kapitel befasst sich mit der theoretischen Begründung staatlicher Eingriffe zur Korrektur der Primärverteilung und untersucht die ökonomischen Anreizwirkungen von Transferleistungen.
3. Resultate redistributiver Einkommens- und Sozialpolitik: Hier werden die empirischen Auswirkungen der Umverteilung in Deutschland anhand von Daten zur Einkommensverteilung und staatlichen Transferflüssen analysiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst das Dilemma des Sozialstaats zwischen notwendiger sozialer Absicherung und fiskalischen sowie ökonomischen Grenzen zusammen und gibt Ausblicke auf mögliche Reformansätze.
Schlüsselwörter
Sozialstaat, Sozialpolitik, Einkommenspolitik, Transferzahlungen, Umverteilung, Primärverteilung, Marktergebnis, Einkommensverteilung, Arbeitsangebot, soziale Gerechtigkeit, fiskalische Grenzen, Leistungsanreiz, Nettotransferempfänger, Transferzahler, Wirtschaftspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wirkungsweise staatlicher Transfersysteme innerhalb der Bundesrepublik Deutschland und deren Rolle bei der sozialen Umverteilung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Sozialstaatsprinzip, die Definition und Klassifizierung von Transfers, die Korrektur der Marktverteilung sowie die empirischen Resultate der staatlichen Umverteilung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Staat über die Sozialpolitik eingreifen kann, um soziale Ziele zu erreichen, und wo dabei die ökonomischen Grenzen und negativen Anreize für die Bürger liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoretische Analyse auf Basis ökonomischer Modelle (wie dem Einkommens-Freizeit-Modell) mit einer anschließenden empirischen Betrachtung von Daten zur Einkommensverteilung kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsbestimmung, die theoretische Analyse des Sozialstaatsprinzips und die Auswertung konkreter Daten zur Umverteilungswirkung in Deutschland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Wichtige Begriffe sind Sozialpolitik, Umverteilung, Transferzahlungen, Arbeitsanreize, Primärverteilung und soziale Gerechtigkeit.
Was besagt das Phänomen des "moral hazard" im Kontext der Transferzahlungen?
Es beschreibt das Problem, dass Leistungsanreize sinken können, wenn Empfänger ihre Situation durch staatliche Transfers so weit verbessern, dass eine eigene Anstrengung zur Einkommenssteigerung unterbleibt.
Wie wirkt sich die staatliche Umverteilung laut der Untersuchung auf die verschiedenen Einkommensdezile aus?
Die Analyse zeigt, dass eine signifikante Umverteilung von oben nach unten stattfindet, wobei ab einem gewissen Punkt eine hohe Nettogrenzbelastung die Leistungsanreize der Transferzahler beeinträchtigen kann.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Reuther (Autor:in), 2010, Möglichkeiten und Grenzen staatlicher Transfersysteme, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163328