„Der beste Rat, die größte Weisheit und Voraussicht, die es auf Erden
gibt, ist, sich durch vollkommene Beichte und durch Verzicht auf alle
Dinge, denen du verhaftet bist, vorzubereiten und dich so zu verhalten, als ob dieses Tages [...] von hinnen scheiden solltest.“ (Heinrich Seuse)
So schreibt Heinrich Seuse, ein deutscher Mystiker und Scholastiker, in seinen mystischen Schriften. Auf den ersten Blick scheint dies ein typisches, mittelalterliches Bild von Sünde und Buße zu sein, das Seuse vermitteln will. Doch weit gefehlt; die Anhänger und geistigen Größen der Scholastik, und damit auch er, entwickelten ein neues, eigenes Verständins von Sünde und Buße sowie ihren Bedeutungen und Zusammenhängen.
Diese Hausarbeit befasst sich nun mit den Standpunkten aus der Zeit Seuses und diskutiert alle Abschnitte des Bußsakraments, beginnend bei der Sünde, bis hin zu der finalen Genugtuung.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Das Sündenverständnis in der Scholastik
2.1 Was ist Sünde?
2.1.1 Die Sichtweise des Peter Abaelards
3 Die Buße
3.1 Was bedeutet Buße überhaupt?
3.2 Bestandteile der Buße
3.2.1 Reue
3.2.1.1 Was ist Reue?
3.2.1.2 Dauer der Reue
3.2.1.3 Was kann man alles bereuen?
3.2.2 Das Bekenntnis
3.2.2.1 Macht ein Bekenntnis (und die anschließende Genugtuung) überhaupt noch Sinn?
3.2.2.2 Unterschied zwischen Sünde und Todsünde
3.2.2.3 Beichtväter
3.2.2.4 „Gefahren“ der Beichte
3.2.3 Die Genugtuung
3.2.3.1 Sinn der Genugtuung
3.2.3.2 Formen der Genugtuung
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verständnis von Sünde und Buße in der Zeit der Scholastik und analysiert kritisch die verschiedenen Abschnitte des Bußsakraments, von der Entstehung der Sünde bis zur Erlangung der Genugtuung.
- Historische Einordnung des Sündenbegriffs nach Peter Abaelard
- Die drei konstitutiven Bestandteile der Buße: Reue, Bekenntnis und Genugtuung
- Die notwendige Unterscheidung zwischen lässlichen Sünden und Todsünden
- Die Rolle der Beichte und die Bedeutung der Genugtuung als "Heilmittel"
- Die psychologische Dimension von Reue und das "rechte Maß" der Buße
Auszug aus dem Buch
3.2.1.1 Was ist Reue?
„Sünden getan haben ist nicht Sünde, wenn sie uns leid sind.“13 Diese avantgardistische Aussage Meister Eckeharts stellt das komplette Sünden- und Bußverständnis der damaligen Zeit auf den Kopf. Diese Aussage definiert schließlich, dass ein sündiger Mensch nicht mehr ausschließlich auf die Gnade und die Willkür eines Priesters angewiesen ist, sondern alleinige Reue vor Gott ausschlaggebend für den Sündennachlass ist. Dies wird klarer, wenn man Meister Eckehart weiter folgt. Denn er hebt hervor, dass Gott, je größer und schlimmer die Sünden wären, sie umso lieber vergeben würde. Einzig ausschlaggebend dafür, dass die Sünden „völlig zunichte“ würden, so „als seien sie nie geschehen“, wäre eine vollkommene Reue vor Gott;14 diese sei zudem gleichbedeutend mit der Versöhnung mit Gott.15
Doch was ist nun Reue genau? Eine Versöhnung mit Gott? Ein Mittel um seine Sünden loszuwerden? In diesem Punkt sind sich die Scholastiker nahezu vollständig einig. Abaelard zum Beispiel definiert die Reue als „aufrichtige[n] Schmerz über ein Vergehen“, quasi ein Ärgernis über sich selbst.16
Auch Thomas von Aquin spricht von Schmerz; bei ihm ist die Reue ein Schmerz, „der die Härte des Willens betrifft und diese gewissermaßen zerschlägt.“17 Daraus lässt sich ableiten, dass die Versöhnung mit Gott und der Sündennachlass nur der Effekt wahrer, ungeheuchelter Reue ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Vorwort: Der Autor führt in die Thematik der scholastischen Auffassung von Sünde und Buße ein und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
2 Das Sündenverständnis in der Scholastik: Dieses Kapitel erläutert den Wandel im Sündenbegriff, insbesondere die Theorie Peter Abaelards, wonach Sünde erst durch die bewusste Zustimmung zum Bösen konstituiert wird.
3 Die Buße: Hier wird der Bußprozess in seine zentralen Komponenten unterteilt und theologisch hergeleitet.
4 Fazit: Das Kapitel reflektiert die modernen Ansätze der scholastischen Theologen und zeigt auf, dass ihre wissenschaftliche Denkweise trotz der mittelalterlichen Zeitumstände bemerkenswert ist.
Schlüsselwörter
Scholastik, Sünde, Buße, Reue, Beichte, Genugtuung, Peter Abaelard, Thomas von Aquin, Meister Eckehart, Johannes Tauler, Sündennachlass, Todsünde, Mittelalter, Bußsakrament, Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Transformation des Sünden- und Bußverständnisses während der Ära der Scholastik im Mittelalter.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Der Fokus liegt auf der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Sünde, dem notwendigen Prozess der Reue, der Rolle des Priesterbekenntnisses und der Funktion der Genugtuung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Standpunkte scholastischer Gelehrter wie Abaelard oder Thomas von Aquin darzulegen und zu diskutieren, wie sich das Verständnis der Abschnitte des Bußsakraments entwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse zentraler Quellen der scholastischen Theologie, um die dogmatischen Positionen zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in das Sündenverständnis und die drei Säulen der Buße: Reue, Bekenntnis und Genugtuung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Scholastik, Reue, Sündenverständnis, Bußsakrament und Genugtuung.
Was unterscheidet das scholastische Verständnis von Sünde von früheren Auffassungen?
Neu ist insbesondere die Differenzierung, dass erst die bewusste Zustimmung zum Bösen, also die Tat, als Sünde zu werten ist, während bloße Gedanken oder Veranlagungen anders bewertet werden.
Warum ist laut Scholastik die Beichte trotz innerer Reue notwendig?
Obwohl Reue vor Gott sündenvergebend wirken kann, bleibt das Bekenntnis vor einem Priester für die offizielle Bußzumessung und die Entfernung von Schuldhindernissen ein heilsnotwendiger Akt.
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- Johannes Hammer (Author), 2010, Sünde und Buße zur Zeit der Scholastik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163202