Diese Arbeit soll einen Überblick über die Anfangsgeschichte der „Zigeuner“ im Hinblick auf den deutschsprachigen öffentlichen Diskurs des 15. und 16. Jahrhunderts geben. Da in den Köpfen vieler Menschen noch heute das Stereotyp des räuberischen und gefährlichen „Zigeuners“ verankert ist, soll herausgearbeitet werden, wie es eigentlich zur Entstehung einer solchen Einschätzung kommen konnte, wobei das Augenmerk auf die Schreiber früher Chroniken und Abhandlungen gerichtet werden soll. Was schrieben sie über die „Zigeuner“ und wie ordneten sie die “neuen Fremden” ein? Außerdem ist die Frage zu beantworten, ob die Autoritäten bereits zu Beginn der Einwanderung gegen die „Zigeuner“ eingestellt waren oder ob sich diese Einstellung erst allmählich entwickelte. Ferner sollen die Verordnungen, die gegen die „Zigeuner“ erlassen wurden, ins Visier genommen werden, da die Geschichte dieser ethnischen Minderheit schließlich von Verfolgungen geprägt ist.
Durch die fehlende Schriftlichkeit und die Abgeschlossenheit ihrer Kultur gegenüber der meist ablehnend-feindlichen Außenwelt, stehen Binneninformationen von den „Zigeunern“ selbst praktisch nicht zur Verfügung, so dass hier lediglich mit Quellen von Nicht-„Zigeunern“, den sogenannten Gadschos gearbeitet wird. Da es in dieser Arbeit allgemein um „Zigeuner“ in Deutschland gehen soll, ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht der Fehler der Übergeneralisierung gemacht wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Quellen
2. Der Begriff “Zigeuner”
3. Die Herkunft der Zigeuner und ihr Eintreffen in Deutschland
4. Schutzbriefe
5. Zigeunerverfolgung zu Beginn der frühen Neuzeit
5.1 Das Einsetzen der öffentlichen Diskriminierung
5.2 Verordnungen gegen die Zigeuner
5.3 Gründe für die geringe Durchsetzbarkeit der Verordnungen
6. Ausblick
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Anfangsgeschichte der „Zigeuner“ im deutschsprachigen öffentlichen Diskurs des 15. und 16. Jahrhunderts, um die Entstehung von Stereotypen, die Haltung der Autoritäten sowie die Dynamik der frühen Verfolgung und Diskriminierung unter Berücksichtigung historischer Quellen aufzuarbeiten.
- Analyse der historischen Wahrnehmung und Fremdbeschreibung in Chroniken
- Untersuchung der Bedeutung und des Wandels der Schutzbriefe
- Aufarbeitung der rechtlichen Diskriminierung durch Reichsabschiede
- Diskussion der Gründe für die geringe Wirksamkeit früher Verordnungen
- Darstellung der Entwicklung bis hin zum Völkermord im Nationalsozialismus
Auszug aus dem Buch
3. Die Herkunft der Zigeuner und ihr Eintreffen in Deutschland
Im frühen 15. Jahrhundert trafen die ersten größeren Zigeunersippen in Deutschland ein. Als Gründe für die Wanderungen dieses Volkes führt Martin Ruch in seiner Dissertation zur Zigeunerforschung äußere Faktoren wie Kriege, Vertreibung, Verfolgung sowie ökonomische Zwänge an. Im Urkundenbuch der Stadt Hildesheim ist festgehalten: „1704 den Tataren auf der Schreiberei wo man ihre Briefe prüfen wollte, ein halbes Stübbchen Wein gegeben.“ In den ersten Dokumenten, die über die neuen Fremden berichten, finden sich noch viele verschiedene Bezeichnungen für sie. Sie werden in Stadtrechnungsbüchern, Chroniken und Ratsprotokollbüchern unterschiedlicher Orte Tataren, Heiden, Sarazenen oder Zigeuner genannt. Ob es sich wirklich in allen Fällen um Zigeuner gehandelt hat, ist unklar.
Über ihre Herkunft notiert der Dominikanermönch Hermann Cornerus in seiner Chronik zum Jahr 1417, dass eine Fremdenschar aus dem Osten nach Alemannien gekommen sei, die von Lüneburg nach Preußen zog und dann Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald durchstreifte. Ein weiterer zeitgenössischer Bericht ist der des Chronisten Andreas von Regensburg, der zum Jahr 1426 in seinem Diarium schreibt: „Hec gens a partibus Ungarie erat oriunda dicebatque se exulare in signum sive memoriam fuge domini in Egiptum, dum fugeret a facie Herodis, qui eum querebat ad occidendum.“ Die Abstammung der Zigeuner wird bei ihm also als aus Ungarn kommend bestimmt. Bei der hier zitierten Textstelle versteht sich die Wanderung der Zigeuner aber auch als Erinnerung, als Zeichen, das an die Flucht Jesu nach Ägypten erinnert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Zielsetzung, die Quellenlage und die methodischen Herausforderungen bei der Untersuchung der Zigeunergeschichte im 15. und 16. Jahrhundert.
2. Der Begriff “Zigeuner”: Dieses Kapitel behandelt die etymologische Herleitung und die historische Verwendung des Begriffs „Zigeuner“ als Sammelbegriff für Sinti und Roma.
3. Die Herkunft der Zigeuner und ihr Eintreffen in Deutschland: Hier werden zeitgenössische Chroniken analysiert, die das Erscheinen der Zigeuner beschreiben und verschiedene Theorien über deren Herkunft und religiöse Legitimation formulieren.
4. Schutzbriefe: Dieses Kapitel untersucht die Funktion von Schutzbriefen als Instrumente zur Duldung und Regulierung der Zigeuner im 15. Jahrhundert.
5. Zigeunerverfolgung zu Beginn der frühen Neuzeit: Das Kapitel analysiert den Übergang von einer religiös legitimierten Duldung zur systematischen staatlichen Diskriminierung und Verfolgung sowie die Gründe für die oft mangelhafte Durchsetzung dieser Erlasse.
6. Ausblick: Der Ausblick skizziert die Verschärfung der Verfolgung in der Folgezeit bis hin zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.
7. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zur Herkunftsdebatte, zur Rolle der Sündenbockfunktion und zur Entwicklung der Verfolgung zusammen.
Schlüsselwörter
Zigeuner, Sinti, Roma, frühe Neuzeit, Diskriminierung, Verfolgung, Schutzbriefe, Reichsabschiede, Fremdenbild, Chroniken, Vorurteile, Türkenkrieg, Sündenbock, Nomadentum, Antisemitismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Anfangsgeschichte und die Wahrnehmung der „Zigeuner“ im deutschsprachigen Raum während des 15. und 16. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Herkunftsdebatten der Zeitgenossen, die Rolle von Schutzbriefen, die staatliche Diskriminierung durch Reichsabschiede und die Hintergründe der Zigeunerverfolgung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Entstehung des negativen Stereotyps des „Zigeuners“ und die Entwicklung von einer anfänglichen Duldung hin zu einer systematischen Verfolgung im öffentlichen Diskurs aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellenkritischen Analyse zeitgenössischer Chroniken, juristischer Dokumente, Reichsabschiede und einer Auswertung einschlägiger Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Begriffe, die Ankunft der Zigeuner, die Funktion von Schutzbriefen sowie die Ursachen und die Praxis der Zigeunerverfolgung in der frühen Neuzeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sinti, Roma, Diskriminierung, Verfolgung, Schutzbriefe und das Sündenbock-Paradigma charakterisiert.
Welche Rolle spielten die „Türkenkriege“ bei der Verfolgung?
Die Bedrohung durch die Türken wurde von der Obrigkeit genutzt, um die Angst in der Bevölkerung zu schüren; dabei wurden Zigeuner fälschlicherweise als Türkenspione diffamiert, um sie als Sündenböcke für politische und gesellschaftliche Probleme zu instrumentalisieren.
Warum ließen sich die Verordnungen gegen Zigeuner anfangs kaum durchsetzen?
Dies lag an einem ambivalenten Verhältnis der Bevölkerung, die zum Teil an Kontakten interessiert war, sowie an einem mangelhaft ausgebauten staatlichen Apparat und der fehlenden Durchsetzungskraft der Obrigkeiten.
Wann begann die staatliche Diskriminierung offiziell?
Die offiziell-rechtliche Diskriminierung verfestigte sich maßgeblich durch die Reichsabschiede ab dem Jahr 1497.
- Arbeit zitieren
- Katrin Bänsch (Autor:in), 2008, Die Anfangsgeschichte der Zigeuner in Deutschland unter Berücksichtigung des öffentlichen Diskurses des 15. und 16. Jahrhunderts , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/162466