Im Zuge dieser Arbeit werden die Handschriften des Muspilli, die Monseer Fragmente (Matthäus 24,29 - 35) und die Verse 4278-4360 des Heliand auf Kohärenzen untereinander untersucht und in einen Zusammenhang mit christlicher und heidnischer Mythologie und Geschichte gebracht. Gerade für das Muspilli galt lange Zeit in der Forschung, dass altgermanische Mythologien in der Handschrift weiterlebten, was schließlich im frühen 20. Jahrhundert gänzlich verworfen wurde. Die Ablehnung altgermanischer Verbindungen wurde später gar dadurch bekräftigt, dass die Grundsteine schriftlicher Überlieferungen der germanischen bzw. nordischen Mythologie, die eddischen Ragnarökdichtungen, ihrerseits christlich geprägt waren. Diese Arbeit soll zeigen, dass das Muspilli und die anderen Handschriften auf ihre Weise zwar keine Relikte heidnischer Sagenkultur sind, jedoch gezielt Elemente untergebracht wurden, für deren Verständnis auch erst kürzlich missionierte Christen Parallelen zu ihrem vorherigen Glauben ziehen konnten.
Beachtet werden muss die Datierung, wobei die Stabreimverse des Heliand auf eine Zeit vor 850 nach unserer Zeitrechnung datiert werden, das Muspilli zwischen Ende des 8. Jahrhunderts und Mitte des 9. Jahrhunderts und die Monseer Fragmente auf das Ende des 8. Jahrhunderts. Ebenso von zentraler Bedeutung ist, dass man „in der Sprache des Heliand den Niederschlag in der altsächsischen Oberschicht gültigen Rechts- und Verkehrssprache“ sehen kann. Ferner soll laut dem Text selbst ein Sachse mit der Abfassung betraut worden sein. Dagegen sind die Monseer Fragmente in Althochdeutsch mit bairischem Dialekt geschrieben und auch das Muspilli ist in bairischem Althochdeutsch gehalten und weist südrheinfränkische Spuren auf.
Nachdem sich der fränkische König Chlodwig I. aus der Dynastie der Merowinger zwischen 496 und 506 nach unserer Zeitrechnung in Reims zum Christentum taufen ließ, kam es während und nach der Christanisierung der Franken immer wieder zu Spannungen und Kriegen zwischen den christlichen und den heidnischen Germanen, welche unter Karl Martells Feldzügen gegen die Sachsen und schließlich den Sachsenkriegen Karls des Großen ihren Höhepunkt im 8. und 9. Jahrhundert erreichten. Das bairische Stammesherzogtum war bereits von den Merowingern unter fränkische Oberherrschaft gezwungen worden. Im Jahr 788 wurde es schließlich vom Frankenkönig Karl dem Großen gänzlich seinem Reich einverleibt, wurde jedoch nicht in kleinere Gebiete zerschlagen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vom Ende der Welt
2.1 Monseer Fragmente
2.2 Heliand
3. Das Muspilli
3.1 Seelenheil vor dem Ende der Zeiten
3.2 Die Zerstörung der Welt
3.3 Das Jüngste Gericht
3.4 Das Jenseits
4. Endbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Handschriften des Muspilli, die Monseer Fragmente sowie ausgewählte Verse des Heliand hinsichtlich ihrer Darstellung des Weltendes und deren Integration christlicher sowie heidnischer Mythologie. Ziel ist es aufzuzeigen, wie diese Texte als apokalyptische Literatur gezielt Motive nutzten, um missionierten Christen das Verständnis der christlichen Heilsgeschichte durch bekannte kulturelle Anknüpfungspunkte zu erleichtern.
- Analyse der althochdeutschen Endzeitdarstellungen in christlichen Handschriften.
- Untersuchung des synkretistischen Verhältnisses zwischen germanischer Mythologie und christlicher Eschatologie.
- Bedeutung von Rechtsmetaphorik und kriegerischen Motiven im Kontext des mittelalterlichen Adels.
- Die Rolle der Missionierung bei der literarischen Adaption biblischer Stoffe.
Auszug aus dem Buch
3.1. Seelenheil vor dem Ende der Zeiten
Bevor sich das Muspilli mit dem Jüngsten Gericht befasst, beschreibt es dem Leser den Kampf zweier Heere um jede einzelne Seele. „So quimit ein heri fona himilzungalon, / daz andar fona pehhe: dar pagant siu umpi“64, heißt es in den Versen 5 und 6. Der Kampf den das Truppenaufgebot der Hölle und das des Himmels ausfechten, gilt jedoch noch allein dem Einzug der Seele in die Nachwelt. Die Belohnungen für diejenige Seele, welche von den Engeln in den Himmel genommen wird, beschreibt das Muspilli all zu weltlich, sodass dies besonders Menschen aus dem Stand der Laien gut vorstellbar und auch anziehend gewesen sein muss.65 Dort soll die Seele ein „hus in himile“66 (Vers 17) erhalten, sowie frei von Krankheit und Tod leben können (Verse 14 und 15). In Vers 17 lässt sich die Beschreibung, dass im Jenseits im Haus des Verstorbenen „imo hilfa kinuok [quimit]“67, dahingehend deuten, dass das Muspilli hiermit gerade die Noblen ansprach, welche eine Dienerschaft gewohnt waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der untersuchten Quellen (Muspilli, Monseer Fragmente, Heliand) und Darlegung der These, dass diese Texte gezielt kulturelle Parallelen zur Missionierung nutzten.
2. Vom Ende der Welt: Historische Einordnung der Texte in die karolingische Zeit und Analyse der Rolle apokalyptischer Literatur in einer von Mündlichkeit geprägten Gesellschaft.
2.1 Monseer Fragmente: Untersuchung der Matthäus-Übersetzung im Kontext des Hofes Karls des Großen und der Vermittlung von Endzeitzeichen.
2.2 Heliand: Analyse der Stabreimdichtung als Heldendichtung, die Jesus als Heiland darstellt, um den sächsischen Adel christlich zu erreichen.
3. Das Muspilli: Untersuchung der zeitlichen Verortung und der soziokulturellen Funktion dieses Textes für fränkisch-bairische Adelskreise.
3.1 Seelenheil vor dem Ende der Zeiten: Darstellung des Kampfes um die Seele und die bildhafte Schilderung himmlischer Belohnung zur Ansprache des Adels.
3.2 Die Zerstörung der Welt: Analyse des Weltenbrandes und der Funktion des Zweikampfes zwischen Elias und dem Antichristen als Gottesurteil.
3.3 Das Jüngste Gericht: Vergleich der biblischen Gerichtsvorstellung mit weltlichen Rechtspraktiken des Mittelalters und der Rolle des Teufels als Zeuge.
3.4 Das Jenseits: Untersuchung der Belohnungs- und Bestrafungsdarstellungen unter Berücksichtigung christlicher Visionen und germanischer Nachweltvorstellungen.
4. Endbetrachtung: Fazit zur bewussten Verschmelzung von christlichen und vorchristlichen Elementen als effizientes Mittel der Missionsarbeit.
Schlüsselwörter
Althochdeutsch, Muspilli, Heliand, Monseer Fragmente, Weltuntergang, Jüngstes Gericht, Eschatologie, Missionierung, Germanische Mythologie, Christentum, Zweikampf, Elias, Antichrist, Frühmittelalter, Seelenheil
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarische Verarbeitung des Weltuntergangs in althochdeutschen Texten und hinterfragt das Verhältnis von christlicher Heilslehre und heidnisch geprägten Traditionen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Weltende, Jüngstem Gericht, Seelenheil und die Rolle des Zweikampfes in der frühmittelalterlichen Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll nachgewiesen werden, dass die Autoren der behandelten Handschriften gezielt Elemente verwendeten, die für missionierte Christen anschlussfähig an deren vorchristliche Glaubenswelt waren.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Arbeit nutzt eine philologische Analyse der althochdeutschen Handschriften im Abgleich mit historischen Kontexten der Karolingerzeit und mythologischen Quellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Textanalyse der Monseer Fragmente, des Heliand und des Muspilli sowie eine Untersuchung spezifischer Motive wie der Rolle des Propheten Elias.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Althochdeutsch, Apokalyptik, Missionsgeschichte und kultureller Synkretismus charakterisieren.
Inwiefern spielt der "Zweikampf" eine besondere Rolle im Muspilli?
Der Zweikampf zwischen Elias und dem Antichristen wird als Gottesurteil gedeutet, das für den mittelalterlichen Adel als bekannte rechtliche und soziale Praxis zur Veranschaulichung göttlicher Gerechtigkeit diente.
Warum war die "Bildlichkeit" für die Rezipienten so wichtig?
Die Autoren nutzten bekannte Strukturen der Heldendichtung und der Rechtssprechung, um das abstrakte christliche Endzeitgeschehen für eine Gesellschaft erfahrbar zu machen, deren Denken stark durch Mündlichkeit und rituelle Traditionen geprägt war.
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- Sebastian Großhans (Author), 2010, Mythologie und Geschichte in Handschriften. Literarische Verarbeitung des Weltendes in althochdeutschen Texten, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/162071