Mit der Einbettung des Mythischen in seinem Roman hat sich vor allem Barbara Becker-Cantarino in ihrem Aufsatz „Die Hure Babylon – Zur Mythisierung von Gewalt in Döblins Berlin Alexanderplatz“ beschäftigt. Unter anderem widmeten sich diesem Ansatz Sang-Nam Park, Helmut Becker und Helmut Kiesel, aber mit weniger Ausführlichkeit. Aufgrund der Seltenheit, mit der dieses Thema Titel einer Arbeit wird, erkennt man, dass dieser Aspekt des Romans von den anderen Untersuchungspunkten, vor allem der Montagetechnik Döblins, in den Hintergrund gedrängt wurde. Gerade deshalb ist es interessant oder sogar verpflichtend, mehr über Döblins mythische Absicht in Erfahrung zu bringen.
In Döblins Berlin Alexanderplatz werden zum Einen die Hure Babylon und zum Anderen der Schnitter Tod zu den mythischen Akteuren gezählt. „Die große Hure Babylon und der Tod sind zwei symbolische Gestalten, die mehrmals an verschiedenen Stellen des Romans auftauchen.“3 Diese Textstellen sollen hier in dieser Arbeit als Grundstock für die nachfolgenden Interpretationsansätze dienen. Als erstes wird auf das Motiv der Hure Babylon eingegangen, da es wesentlich weitläufiger dargestellt wird, als das des Schnitter Tods. Nicht immer muss sie durch ein und dieselbe Person verkörpert werden. Die wissenschaftlichen Ansätze bieten ein breites Spektrum der Personifikation durch die Hure, über Frauen, die als Nebenfiguren eher eine nicht relevante Rolle spielen, bis hin zur Großstadt Berlin, die ihre Einwohner verführen soll. Die ansteigende Verstädterung verbindet in sich die rasante Technisierung und die immer weitere Entfernung von den eigenen Wurzeln, der Natur, zu einem gefährlichen Bollwerk.
Der Schnitter Tod kommt in der Sehweise der Hauptperson Franz Biberkopf zum Einen nur als Stimme und zum Anderen als identifizierte Person zu seinem Auftritt. Ob auch er von Döblin eine warnende Aufgabe erhalten hat, soll auf den letzten Seiten versucht werden zu klären.
Mittelpunkt dieser Ausarbeitung wird also die Frage sein, ob Alfred Döblin durch die gezielte Einsetzung dieser mythischen Figuren eine bestimmte Absicht hegte. Es soll untersucht werden, inwiefern er seine Leser oder auch die Bewohner der Großstädte mit Hilfe der beiden Gegenspieler eine, in Rätsel gefasste, Warnung aussprechen wollte.
1 STAUFFACHER, Werner (Hg.): Internationale Alfred-Döblin-Kolloquien, Münster 1989. S.235.
2 vgl. ebd. S.234.
3 BERNSHEIMER, Helmut: Lektüreschlüssel. Alfred Döblin Berlin Alexanderplatz, Stuttgart 2002.S. 24.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1) Das Motiv der Hure Babylon
1.1) Unter welchen Umständen und in welcher Form tritt das Motiv auf?
1.2) Die Beziehung zwischen Babylon und Berlin
1.3) Die Mythisierung als Antwort auf die ungebremste Technisierung in den 1920ern
2.) Der Schnitter Tod
2.1) Wann kommt die Todesgestalt zum Einsatz?
2.2) Der Tod als „Aufklärer“
3.) Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die mythologischen Komponenten in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz", wobei der Fokus auf den zwei symbolischen Gestalten der "Hure Babylon" und des "Schnitter Tod" liegt. Ziel ist es zu ergründen, ob Döblin durch diese Figuren eine gezielte Warnung an seine Leser und die Bewohner der Großstadt formulieren wollte.
- Mythologische Personifizierungen im Berlin der 1920er Jahre
- Die symbolische Funktion der Hure Babylon als Ausdruck gesellschaftlicher Dekadenz
- Die Rolle des Schnitters Tod als Gegenkraft zur moralischen und körperlichen Zerstörung
- Die Verbindung zwischen urbaner Technisierung und dem Verlust der Natur
- Die Läuterung des Protagonisten Franz Biberkopf durch Schmerz und Leid
Auszug aus dem Buch
1.1) Unter welchen Umständen und in welcher Form tritt das Motiv auf?
„Die große Hure Babylon tritt dann in den Vordergrund, wenn Franz kriminell wird[.]“ Dass dies der Fall ist, soll hier mit einigen prägnanten Textstellen belegt und dargestellt werden. Nachdem Franz Biberkopf seinen rechten Arm verloren hat, tritt die Hure Babylon zum ersten Mal in Form einer Kapitelüberschrift als Leitmotiv auf. „Erhebe dich du schwacher Geist, und stell dich auf die Beine“ In diesem Kapitel kommt es auch zum ersten großen Auftritt der Hure Babylon: „Und nun komm her, du, komm, ich will dir was zeigen. Die große Hure, die Hure Babylon, die da am Wasser sitzt. … Das Weib hat vom Blut aller Heiligen getrunken. Das Weib ist trunken vom Blut der Heiligen.“ Franz hat sich von ihr verlocken lassen und gibt sich wieder voll und ganz dem Alkohol hin. „Es ist warmes Sommerwetter, Franz zieht sich von Kneipe zu Kneipe.“ Die Hure Babylon steht in diesem Teil des Romans symbolisch für die Versuchung und den Sittenverfall, welche vordergründig die Großstadt Berlin auf ihre Einwohner ausübt.
Wenig später, aber auch im sechsten Buch, kommt es zum nächsten Auftritt der Hure Babylon: „Da sitzt am Wasser die große Babylon … Goldgelbe giftige Augen, wampiger Hals! Wie sie dich anlacht.“ Dass die Hure immer dann Gestalt annimmt, wenn Franz sich kurz vor einem moralischen und körperlichen Zusammenbruch befindet, scheint er selbst nicht zu bemerken und nimmt die indirekten Warnsignale nicht wahr. Er trinkt sich weiterhin in eine Ohnmacht hinein, die ihn sogar zu dem Gedanken, Mieze während einer Umarmung die Rippen zu brechen, verleitet. Die Symbolik der Hure Babylon hat sich in diesem Teil ein wenig verschoben. Sie spiegelt die Blindheit des Franz Biberkopfs wider, welcher sich aufgrund seines schwindenden Bezuges zur Realität der von Reinhold ausgehenden Gefahr nicht bewusst ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die mythologische Komponente des Romans "Berlin Alexanderplatz" und Erläuterung der Forschungsabsicht.
1) Das Motiv der Hure Babylon: Untersuchung der Gewalt und Macht als mythische Attribute der Hure Babylon im Kontext der Romanhandlung.
1.1) Unter welchen Umständen und in welcher Form tritt das Motiv auf?: Analyse der spezifischen Auftrittsphasen der Hure Babylon und deren symbolischer Bedeutung für den Protagonisten Franz Biberkopf.
1.2) Die Beziehung zwischen Babylon und Berlin: Erörterung der Identifikation der Großstadt Berlin mit der sündigen Stadt Babylon durch die subjektive Sichtweise des Protagonisten.
1.3) Die Mythisierung als Antwort auf die ungebremste Technisierung in den 1920ern: Untersuchung der Hure Babylon als Allegorie auf die Gefahren der entfremdeten, technisierten Großstadt.
2.) Der Schnitter Tod: Einführung des Schnitters Tod als personifizierte Gegenmacht und symbolisches Leitmotiv.
2.1) Wann kommt die Todesgestalt zum Einsatz?: Darstellung der Dialoge und Interaktionen zwischen dem Tod und dem Protagonisten, die in dessen Läuterung münden.
2.2) Der Tod als „Aufklärer“: Analyse der erzieherischen Rolle des Todes, der Biberkopf durch Leid zur Selbsterkenntnis führen soll.
3.) Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der mythischen Warnsignale Döblins und ihrer Bedeutung für die Deutung der Romanhandlung.
Schlüsselwörter
Berlin Alexanderplatz, Alfred Döblin, Hure Babylon, Schnitter Tod, Mythologie, Großstadt, Technisierung, Franz Biberkopf, Gewalt, Symbolik, Erlösung, Apokalypse, Literaturanalyse, Moral, 1920er Jahre
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die mythologischen Motive der "Hure Babylon" und des "Schnitter Tod" in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" und deren Einfluss auf die Romanhandlung.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Mythisierung von Gewalt, die Kritik an der modernen Großstadt und die psychologische sowie moralische Entwicklung des Protagonisten Franz Biberkopf.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob Alfred Döblin durch die bewusste Einbettung mythischer Figuren eine gezielte Warnung an seine zeitgenössischen Leser und die Bewohner moderner Metropolen aussprechen wollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die auf bestehenden Forschungserkenntnissen und Interpretationsansätzen zur Montagetechnik und Symbolik des Romans aufbaut.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der Hure Babylon (inklusive ihrer Verbindung zu Berlin und der Kritik an der Technisierung) sowie des Schnitters Tod als "Aufklärer" und Gegenspieler.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Mythisierung, Großstadt, Dekadenz, Erlösung, Moral und das spezifische Döblin-Werk "Berlin Alexanderplatz" definieren.
Welche Rolle spielt die "Hure Babylon" konkret für Franz Biberkopf?
Sie fungiert als Leitmotiv für Versuchung und Sittenverfall; sie erscheint in Krisenmomenten und spiegelt Biberkopfs zunehmende Blindheit gegenüber der Realität wider.
Warum wird der "Schnitter Tod" in der Arbeit als "Aufklärer" bezeichnet?
Der Tod wird nicht nur als Vernichter interpretiert, sondern als Instanz, die Biberkopf durch "härtere Mittel" und Schmerz dazu zwingt, seine Schuld zu erkennen und einen neuen, lasterfreien Lebensweg einzuschlagen.
Inwiefern ist die Darstellung der Stadt Berlin laut Autorin/Autor mythologisch aufgeladen?
Döblin nutzt die subjektive Perspektive des Protagonisten, um die Stadt mit den babylonischen Attributen der Sünde und Dekadenz zu belegen, was als Kritik an der Entfernung des Menschen von der Natur verstanden wird.
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- C. Köhne (Author), 2007, Das Motiv der Hure Babylon und des Schnitter Tods als mythische Warnsignale in Döblins Berlin Alexanderplatz, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/162002