Boy actors bilden einen charakteristischen Aspekt des Theaters der englischen Renaissance, sie übernahmen im Erwachsenentheater die weiblichen Bühnenrollen. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, warum es auf der elisabethanischen Bühne keine Schauspielerinnen gab, zumal dies im europäischen Vergleich eine Anomalie darstellt. Die Engländer kannten weibliche Darsteller nur durch Gastspiele ausländischer Truppen, doch gibt es Dokumente, die bezeugen, daß in der Zeit vor Elizabeths Regierungsantritt sehr wohl auch Frauen Theater spielten.
Dieser Sachverhalt wurde in dem ansonsten sehr umfangreichen Angebot an Literatur zum Elisabethanischen Zeitalter bisher relativ wenig erforscht; die meisten Autoren konzentrieren sich im Hinblick auf das Theater hauptsächlich auf Shakespeare. So bleibt offen, ob die Frage: „Warum Boy Actors?“ überhaupt zufriedenstellend beantwortet werden kann.
Die Untersuchung des Themas führt von kulturbezogenen Ansichten gegenüber Frauen und Sexualität im 16. Jahrhundert über die Einstellung zu Abweichungen von der "divine order" – denn als solche betrachtete man Transvestismus, Homosexualität oder Hermaphroditismus – bis hin zu cross-dressing als Gegenstand verschiedener Dramen. Darüber hinaus wird das englische Renaissancetheater oft als misogyn bezeichnet. Doch wie wirkten diese Stücke auf die weiblichen Zuschauer, welche einen nicht unwesentlichen Teil des Publikums ausmachten? Theatergegner sahen im Theater ohnehin eine Gefahr für die Ehrbarkeit der Frauen, besonders die Puritaner betrachteten diese Institution als überaus sündhaft und verwerflich. Dieselbe Besorgnis um weibliche Sittlichkeit kannten aber auch die Italiener, Franzosen und Spanier; trotzdem verbannten sie ihre Schauspielerinnen nicht von den öffentlichen Bühnen. Warum also stellt das englische Theater eine solche Ausnahme dar, und in welchem Zusammenhang steht diese Situation mit den Vorstellungen von Geschlechtlichkeit, Sexualität und der Stellung der Frau in der Gesellschaft? Dies soll im Folgenden näher untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die allgemeine Theatersituation in England im 16./17. Jahrhundert
2. Geschlechtlichkeit in der elisabethanischen Gesellschaft
2.1 Kleidung, Mode, Kostüm
2.2 Gleichheit und Verschiedenheit
2.3 Geschlechterbeziehungen
3. Abweichungen von der göttlichen Ordnung
3.1 Homosexualität
3.2 Hermaphroditismus
3.3 Eunuchen
3.4 Cross-dressing
4. Die Frau im Theater
4.1 Das weibliche Publikum
4.2 Frauen auf der englischen Bühne
5. Cross-dressing auf der elisabethanischen Bühne
5.1 Boy Actors
5.2 Dramen
Schlußwort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, warum im elisabethanischen England ausschließlich männliche Darsteller, die sogenannten "Boy Actors", die weiblichen Bühnenrollen übernahmen und in welchem Zusammenhang dies mit den zeitgenössischen Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität und der gesellschaftlichen Stellung der Frau stand.
- Die Theatersituation Englands im 16. und 17. Jahrhundert
- Geschlechterbilder und Körperkonzepte der Renaissance
- Die Wahrnehmung von Abweichungen wie Transvestismus und Homosexualität
- Die Rolle der Frau als Publikum und deren Darstellung auf der Bühne
- Cross-dressing als Praxis und dramatisches Motiv
Auszug aus dem Buch
3.3 Eunuchen
Viola. Conceal me what Iam, and be my aid For such disguise as haply shall become The form of my intent. I´ll serve this duke: Thou shall present me as an eunuch to him: It may be worth thy pains; for I can sing And speak to him in many sorts of music That will allow me very worth his service. What else may hap to time I will commit; Only shape thou silence to my wit. (I, 2)
Das Zitat stammt aus Shakespeares Drama ,Twelfth Night‘, Viola spricht zu dem Seemann, der sie vor dem Ertrinken gerettet hat. Sie verkleidet sich als Eunuch, um dem Herzog Orsino zu dienen, sie tritt also nicht nur einfach in Männerkleidung auf, sondern als Neutrum. Stephen Orgel sieht in dieser Geschlechtslosigkeit einen Aspekt ihrer Trauer um den vermeintlich verlorenen Bruder und führt diesen Gedanken weiter mit der These, ein Eunuch, das heißt, ein durch einen chirurgischen Eingriff seiner Sexualität beraubter Mann zu sein, könnte als ein Äquivalent bzw. eine Alternative zur Weiblichkeit betrachtet werden. Dies hieße weiterhin, wenn ein Eunuch eine Alternative zur Frau ist und beide jeweils das Gegenstück zum Mann darstellen, würde die Idee, die hinter Violas Verkleidung steht, Frauen ebenfalls desexualisieren.
In Shakespeares Zeit waren die Eunuchensänger die berühmtesten Chorjungen der römisch-katholischen Kirche. Sie traten erstmals im 16. Jahrhundert in Spanien auf, später im Vatikan.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung umreißt die Besonderheit der "Boy Actors" als Anomalie im europäischen Vergleich und stellt die Forschungsfrage nach den zugrunde liegenden gesellschaftlichen und geschlechtsspezifischen Bedingungen.
1. Die allgemeine Theatersituation in England im 16./17. Jahrhundert: Dieses Kapitel beschreibt die Entwicklung des Theaters von einer untergeordneten Unterhaltungsform zu einer gesellschaftlich relevanten Institution trotz des Widerstands durch Puritaner und Theatergegner.
2. Geschlechtlichkeit in der elisabethanischen Gesellschaft: Der Abschnitt erläutert die damaligen Vorstellungen von Mode, die biologische Auffassung der Geschlechterhierarchie und wie die Frau primär über ihre Beziehung zum Mann definiert wurde.
3. Abweichungen von der göttlichen Ordnung: Es wird analysiert, wie die Gesellschaft mit aus der Norm fallenden Phänomenen wie Homosexualität, Hermaphroditismus, Eunuchen und Transvestismus umging.
4. Die Frau im Theater: Dieses Kapitel thematisiert die Rolle der Frau als Zuschauerin sowie die Gründe, warum trotz kultureller Bedenken professionelle Schauspielerinnen auf öffentlichen Bühnen lange Zeit ausgeschlossen blieben.
5. Cross-dressing auf der elisabethanischen Bühne: Hier werden die Ausbildung der Boy Actors beleuchtet und die Funktion von Verkleidungsmotiven in zeitgenössischen Dramen wie "Twelfth Night" untersucht.
Schlußwort: Das Fazit fasst zusammen, dass die elisabethanische Welt durch ein instabiles Geschlechterverständnis geprägt war, das Männlichkeit stetig in Frage stellte und durch die Kostümierung auf der Bühne symbolisch verhandelte.
Schlüsselwörter
Boy Actors, elisabethanisches Theater, Geschlechtlichkeit, Renaissance, Cross-dressing, Gender, Identität, Weiblichkeit, Homosexualität, Theatrum Mundi, gesellschaftliche Ordnung, Shakespeare, Kostüm, Transvestismus, Theatergeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der sogenannten "Boy Actors" im elisabethanischen England, also männliche Jugendliche, die auf der Bühne weibliche Rollen übernahmen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Theatergeschichte mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen zu Geschlechterrollen, Sexualität, Mode und den gesellschaftlichen Hierarchien der Renaissance.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Autorin geht der Frage nach, warum das elisabethanische Theater eine solche Ausnahme im europäischen Vergleich bildete, indem es Frauen von der Bühne verbannte, und wie dies mit den damaligen Identitätskonzepten zusammenhing.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Analyse, die historische Dokumente, zeitgenössische Theatertexte sowie literatur- und kulturtheoretische Literatur kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Theatersituation, die medizinischen und sozialen Vorstellungen von Geschlecht, den Umgang mit Normabweichungen sowie die spezifische Rolle der Frau im Theaterkontext und in Dramen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Boy Actors, elisabethanisches Theater, Geschlechtlichkeit, Gender, Cross-dressing, Identität und gesellschaftliche Ordnung.
Warum galten Zwitterwesen in der Renaissance als so schwierig einzuordnen?
Sie verkörperten eine "bizarre Anomalie", die die damals grundlegendsten natürlichen Kategorien in Frage stellte und die Vorstellung einer "inneren Zwillingsnatur" aller Individuen berührte.
Inwiefern beeinflussten Kleidergesetze das Theater?
Da Kleidung den gesellschaftlichen Stand definierte, war es auf der Bühne ein "Verstoß", wenn Schauspieler in adligen Kostümen auftraten; dies wurde jedoch geduldet, da die Truppen oft unter aristokratischem Schutz standen.
- Arbeit zitieren
- Lisette Vieweger (Autor:in), 2007, Die Darstellung von Geschlechtlichkeit im elisabethanischen England, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/161756